Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Miss­lun­gene Ver­söh­nung

Dass ein lite­ra­ri­sches Werk Hass, Ver­ach­tung und Gewalt­an­dro­hung her­vor­rufen und einen aner­kannten Autor zum ‚Volks­ver­räter’ stem­peln kann, hat der aser­bai­dscha­ni­sche Schrift­steller, Dichter und Über­setzer, Akram Ajl­isli, nach der Ver­öf­fent­li­chung seines Romans Kamennye sny (dt: Stei­nerne Träume) am eigenen Leib erlebt. Wel­ches Tabu­thema ver­birgt sich hinter diesem unschein­baren Titel, dass Akram Ajl­isli zum Salman Rushdie Aser­bai­dschans werden und für sein abge­schnit­tenes Ohr eine Beloh­nung von einem Par­tei­chef der Regie­rung aus­ge­setzt werden kann?

 

Seit Ende des Jahres 2012 ist der aser­bai­dscha­ni­sche Schrift­steller Akram Ajl­isli zutiefst besorgt um seine Sicher­heit und bittet die aus­län­di­schen diplo­ma­ti­schen Ver­tre­tungen in Aser­bai­dschan um Unter­stüt­zung. „Vor meinem Haus werden unbe­fugte Demons­tra­tionen durch­ge­führt, man ver­brennt meine Bücher, man übt unge­rechte Unter­drü­ckungen auf die Mit­glieder meiner Familie aus“, – heißt es in der Erklä­rung von Ajl­isli, die von Public Radio of Armenia im Februar 2013 ver­öf­fent­licht wurde. Der Grund für das her­vor­ge­ru­fene Durch­ein­ander im Land ist n u r sein Roman Stei­nerne Träume.

 

Der 75-jäh­rige Autor, dem sein Titel des aser­bai­dscha­ni­schen Volks­schrift­stel­lers aberkannt wurde, greift in seinem Roman, den er seinen Lands­leuten widmet, eine The­matik auf, über die viele lieber schweigen und die sie lieber ver­gessen würden. Es han­delt sich um die in Europa fast ver­ges­senen Kon­flikte zwi­schen Arme­niern und Aser­bai­dscha­nern. Zwei Nach­bar­völker, die auf­grund der umstrit­tenen Gebiete, beson­ders um Berg­ka­ra­bach, in anhal­tend ange­spanntem Ver­hältnis stehen. Ihr Kon­flikt, der tief im Natio­nal­be­wusst­sein beider Völker ver­an­kert ist, wird auf eth­ni­scher und reli­giöser Ebene aus­ge­tragen. Im Vor­wort bezeichnet Akram Ajl­isli sein Werk als ein Roman-Requiem und deutet bereits hier an, dass die Opfer dieses Kon­fliktes nie öffent­lich betrauert worden sind. Dass der Autor damit nur eines der Völker im Auge hat, erfährt der Leser aller­dings erst später.
Ajl­isli hatte empört, dass die aser­bai­dscha­ni­sche Justiz einen Offi­zier, der der Ermor­dung eines arme­ni­schen Offi­ziers beschul­digt wurde, ein­fach frei­ge­spro­chen hatte. Dies war für Ajl­isli der Aus­löser seinen bereits 2006 ver­fassten Roman doch noch zu ver­öf­fent­li­chen. Vom ihm selbst ins Rus­si­sche über­setzt, erschien der Roman im Dezember 2012 in der rus­si­schen Lite­ra­tur­zeit­schrift Družba nar­odov  (Freund­schaft der Völker) und schon Ende Januar 2013 fanden vor seinem Haus erste bös­wil­lige Demons­tra­tionen statt, die sich weiter ver­schärften.

 

Der Grund für diese Demons­tra­tionen ist in der Art und Weise zu finden, in der Ajl­isli das arme­ni­sche und aser­bai­dscha­ni­sche Volk beschreibt. Anhand von zahl­rei­chen Figuren ver­deut­licht der Autor ziem­lich schwarz-weiß-male­risch, wie barm­herzig Arme­nier sind und wie bös­artig sich Aser­bai­dschaner ver­halten. Seine schwer nach­voll­zieh­baren Ver­all­ge­mei­ne­rungen werden wei­terhin durch die unge­bremste Kritik am mus­li­mi­schen Glauben, beson­ders an der Tra­di­tion der Beschnei­dung, ver­stärkt. „Glaubt ihr wirk­lich, sagt er, dass euer Pro­phet klüger ist als Gott? Hätte es der all­se­hende Gott nicht bemerkt, wenn am Körper eines Men­schen etwas über­flüssig wäre?“ Und natür­lich kann man von den Mus­limen – so gewalt­tätig, wie sie der Autor dar­stellt – nichts anderes erwarten, als dass der Prot­ago­nist von ihnen für seine kri­ti­schen Aus­sagen auf einem Beschnei­dungs­fest Beschimp­fungen und Schläge erhält.

 

Zum zen­tralen Schau­platz seines Romans wird das, in der Berg­re­gion Aser­bai­dschans gele­gene, Dorf Ajlis, aus dem der Autor selbst stammt. Ajlis ist auch gleich­zeitig das Hei­mat­dorf des aser­bai­dscha­ni­schen Thea­ter­schau­spie­lers und Prot­ago­nisten Sadaj Sadygly, der in Baku sehr bekannt und beliebt ist. Die Hand­lung spielt im Jahre 1989 und die Haupt­stadt ist von einer Viel­zahl von Über­fällen auf arme­ni­sche Bürger von Seiten der Aser­bai­dschaner betroffen. Der Held kann nicht mit­an­sehen, wie ein alter Arme­nier in einer Men­schen­menge zusam­men­ge­schlagen und zuletzt ermordet wird. Sadaj eilt ihm zur Hilfe und wird selbst zum Opfer. Der bewusst­lose Körper des Schau­spie­lers wird von seinem Freund ins nahe­ge­le­gene Kran­ken­haus gebracht.

 

Und so beginnt auf einer Länge von vier Kapi­teln des Romans die Traum­reise des Kom­a­pa­ti­enten. Seine Reise führt ihn nach Ajlis, in sein Hei­mat­dorf. Das beson­ders im zweiten Kapitel häufig gebrauchte Wort kamennyj (stei­nerne) eröffnet dem Leser das Geheimnis des Titels. Der stei­nerne Weg über stei­nerne Treppen und stei­nerne Schluchten, durch seine Träume, führt den Prot­ago­nisten nach Ajlis zu stei­nernen Kir­chen. Der Komat­raum ist bestimmt vom Schicksal dieser Gegend. Aus den Erzäh­lungen seines Schwie­ger­va­ters erfährt Sadaj über das tra­gi­sche Schicksal der Arme­nier nach dem Ersten Welt­krieg. Im Jahre 1919 wurde das Dorf von osma­ni­schen Truppen ein­ge­nommen. Und mit der Unter­stüt­zung der aser­bai­dscha­ni­schen Bevöl­ke­rung haben die Besatzer die arme­ni­sche Bevöl­ke­rung ermordet und ver­trieben.

 

Das Para­dies, wie es der Autor beschreibt, wurde durch die Besatzer zer­stört, Bewohner hin­ge­richtet und die Über­le­benden mussten die Flucht ergreifen. Die leer­ste­henden Häuser wurden von den Türken und Aser­bai­dscha­nern bezogen. Und seit dieser Zeit leben dort neben den Ruinen der Kir­chen in den besetzten Häu­sern „psy­chisch kranke“ Men­schen, deren „Vor­fahren für die Gräu­el­taten ver­ant­wort­lich sind“. „Ich [der Schwie­ger­vater] glaube sogar, dass es keine Krank­heit ist, son­dern eine Ver­gel­tung. Die Ver­gel­tung Gottes für die unver­zeih­li­chen Taten der Men­schen.“ Akram Ajl­isli ver­an­schau­licht an dieser Stelle zwei voll­kommen ver­schie­dene Per­spek­tiven auf die alten und neuen Bewohner von Ajlis. Der Autor beschreibt die neuen Siedler, die Aser­bai­dschaner, als von Gott ver­dammte Men­schen, die keine Ruhe finden werden. Sie sind für viele schlimme Taten ver­ant­wort­lich und auch ihre Kinder werden oder sind bereits vom Leid betroffen. Sogar ihre Namen oder Tätig­keiten erhalten eine nega­tive Kon­no­ta­tion. Sie sind Metzger, die mit einem langen Messer durch das Dorf spa­zieren oder tragen solche Namen wie Kaban (das Wild­schwein) oder Sjumjuk (der Kno­chige). Und auf der anderen Seite werden mit großem Respekt und Zunei­gung die noch ver­blie­benen Arme­nier beschrieben. Im Gegen­satz zu den aser­bai­dscha­ni­schen Frauen, die sich um ihre eigenen Kinder wenig küm­mern, nimmt die Arme­nierin Ajkanuš die Sorge um ein mus­li­mi­sches Wai­sen­kind in ihre Hände und wäscht seinen mit Läusen befal­lenen Kopf.

 

Dem Leser ver­geht sehr bald die Lust am Wei­ter­lesen. Die Hand­lung des Romans beruht nur auf der Viel­zahl von Bei­spiel­fi­guren, die jeweils Nega­tives an den Aser­bai­dscha­nern zum Vor­schein bringen. Alleine die Tren­nung der Figuren nach ihrer natio­nalen Zuge­hö­rig­keit reicht dem Autor aus, um seine schwer nach­voll­zieh­baren Gedanken zu äußern. Wenn es sich um mus­li­mi­sche, tür­ki­sche oder aser­bai­dscha­ni­sche Per­sonen han­delt, dann werden ihnen nega­tive Cha­rak­ter­züge zuge­schrieben. „Und gleich danach sang die dumme Čimnaz [Aser­bai­dscha­nerin] mit ihrer abscheu­li­chen, lauten Stimme diese wider­li­chen Reime:“ Doch wenn es um christ­liche, arme­ni­sche Helden geht, dann werden diese respek­tiert, bewun­dert und mit ihnen wird sym­pa­thi­siert:  „Wenn man für jeden grausam ermor­deten Arme­nier nur eine ein­zige Kerze anzünden würde, dann wäre der Schein dieser Kerzen heller als der des Mondes.“ Sogar der träu­mende Schau­spieler spielte vor dem Koma schon seit einiger Zeit mit dem Gedanken, sich zum Chris­tentum zu bekehren, „um als Mönch um Ver­ge­bung für die Taten der Mus­lime zu beten“. Dieser Mann, in dessen Adern kein ein­ziger Tropfen arme­ni­schen Blutes fließt, wie es der Autor beschreibt, iden­ti­fi­ziert sich ins­ge­heim mit einem Arme­nier und ver­spürt damit das gesamte Leid, das diesem Volk angetan wurde. Die ein­zige, die in diesem Roman einen schwa­chen Gegenpol bildet, ist die aser­bai­dscha­ni­sche Frau von Sadaj Sadygly. Sie bemüht sich ihren Mann zur Ver­nunft zu bringen. Weist ihn darauf hin, dass nicht nur das arme­ni­sche, son­dern auch das aser­bai­dscha­ni­sche Volk viel Leid erfahren musste. Doch Sadaj bildet sich in diesem Moment nur ein, dass auch seine Frau sich von ihm distan­ziert. Der kurze Dialog ist der erste und gleich­zeitig der letzte Ver­such auch auf die Schmerzen des aser­bai­dscha­ni­schen Volkes auf­merksam zu machen.

 

 

Es ist der fal­sche Weg mit dem Akram Ajl­isli zur Ver­söh­nung der beiden Völker bei­tragen wollte. Diese von ihm per­sön­lich im Inter­view geäu­ßerte Ziel­set­zung miss­lingt. In einer ästhe­ti­schen, poe­ti­schen Sprache umschreibt der Autor die stei­nerne Land­schaft seiner Heimat. Und in der glei­chen Sprache ver­deut­licht Akram Ajl­isli dem Leser, ganz ohne Skrupel, wie gewalt­tätig, unkul­ti­viert und unge­bildet das aser­bai­dscha­ni­sche Volk sei. Ihnen gegen­über gestellt ist die gebil­dete, christ­lich erzo­gene und fried­liche arme­ni­sche Nation. Seine Vor­ur­teile und ste­reo­typen Beschrei­bungen und seine Gegen­über­stel­lung von Gut und Böse können die brenz­lige Situa­tion nur noch weiter ver­schärfen. In Aser­bai­dschan werden jetzt schon die ver­hassten Publi­ka­tionen von Akram Ajl­isli öffent­lich ver­brannt. Dagegen wird er in Arme­nien als Held gefeiert und Kamennye sny ist ein Best­seller.

 

Ein Hoff­nungs­schimmer bleibt, dass Ajl­isli selbst in kom­mender Zeit dazu bei­trägt, einen Aus­gleich zu finden. Er hat ange­kün­digt, einen wei­teren Roman in Arbeit zu haben, der sich diesmal dem 1992 statt­ge­fun­denen Mas­saker von Chods­hali widmen soll, bei dem eine bis heute unge­klärte, aber zwei­fels­ohne große Anzahl Aser­bai­dschaner zu Schaden gekommen ist. Ob es diesmal Ajl­isli gelingt sein Ziel zu erfüllen und zur Ver­söh­nung bei­zu­tragen, wird sich zeigen.

 

Ajl­isli, Akram (2012): Kamennye sny. In: Družba nar­odov (Moskau), Nr. 12, 2012. Web. 30.06.2013. URL = http://magazines.russ.ru/druzhba/2012/12/aa5.html

 

Wei­ter­füh­rende Links:

Eine kurze Repor­tage über die Ereig­nisse: Hetz­jagd auf Akram Ayl­isli

„Der Hass zwi­schen Aser­bai­dschan und Arme­nien sitzt tief. Wie tief, zeigt der Fall von Akram Ayl­isli. In seiner Novelle “Stein­träume” hat er an die Ver­trei­bung der Arme­nier aus Baku erin­nert. Seither muss er um sein Leben fürchten.“

http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/wdr/akram-aylisli-100.html

„Der inter­na­tio­nale PEN ist zutiefst besorgt um Akram Ayl­islis Sicher­heit. Der PEN for­dert die Behörden Aser­bai­dschans dazu auf, die Sicher­heit Ayl­islis und seiner Familie zu garan­tieren und gegen die Per­sonen, die ihn bedroht haben, Ermitt­lungen ein­zu­leiten und sie ent­spre­chend zu bestrafen.“

http://www.pen-deutschland.de/de/2013/02/12/aserbaidschan-schriftsteller-akram-aylisli-bedroht/

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