Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Hiob ohne Happy End

Zvi Kolitz‘ Erzäh­lung Jossel Rako­vers Wen­dung zu Gott wird in einer Neu­aus­gabe von Paul Badde ent­stellt.

Es ist ein Schreiben in einer Situa­tion, wie sie extremer nicht sein könnte: In einer Stunde wird Jossel Rakover tot sein. Umgeben von seinen bereits ermor­deten oder ver­hun­gerten Freunden, hoff­nungslos ein­ge­sperrt in einem der letzten Häuser der War­schauer Ghetto-Wider­stands­kämpfer, schreibt Jossel Rakover in dieser letzten Stunde seines Lebens eine Nach­richt an die Nach­welt. Zeit nicht nur dafür, das eigene uner­mess­liche Leid in Worte zu fassen; Zeit auch für eine Abrech­nung mit Gott. Die bren­nendste aller Fragen – was muss noch geschehen, damit Gott sein Gesicht der Erde wieder ent­hüllen wird? – steht neben der bedin­gungs­losen Fügung ins Schicksal: „Ich glob as sein a Jid is an ein­ge­bo­j­rener Tugend. Man wert gebo­jren a Jid punkt wie men wert gebo­jren a Kin­stler.“ – in Paul Baddes Über­tra­gung: „Jude­sein ist ange­boren ein­ge­fleischt, glaube ich. Zum Juden wird man wie zum Künstler geboren.“

Zu Recht wurde dieser Text, in seinem Gemisch aus Ver­zweif­lung über die Welt, Wut auf und Liebe zu Gott und stolzem Kamp­fes­geist, von Anna Maria Jokl als die For­mu­lie­rung der „Essenz aus dem Schmelz­ofen eines sechs­mil­lio­nen­fa­chen Todes“ beschrieben (Über den Jossel Rac­k­ower des Zvi Kolitz). Nach der Schil­de­rung, wie seine Frau und alle seine Kinder umge­kommen sind, wendet sich Jossel Rakover dem einzig ver­blie­benen und zugleich höchsten Gesprächs­partner zu: seinem Gott, den er noch immer liebt, dem er jedoch nun, kurz vor seinem Tod, auch for­dernd gegen­über­steht. Die Ver­bin­dung zu Hiob, dem grossen Lei­denden der Bibel, zieht er selbst, grenzt sich jedoch auch von ihm ab: „Ich sog ober nit wie Ijew [Hiob] as Gott soll onzeigen mit’n Finger ojf mein Sind […]“ – auch wenn Gott auf die kleinen Ver­gehen eines frommen Mannes zeigen würde, wäre damit sein Leiden erklärt? Jossel Rakover ist ein Hiob des 20. Jahr­hun­derts, dessen Fragen drän­gender geworden sind, nicht zuletzt weil er nur ein Ver­treter eines ganzen Volkes ist. Ein Hiob, den am Ende nicht das Happy End, son­dern der Tod erwartet.

Paul Baddes Neu­aus­gabe der am 25. Sep­tember 1946 erst­mals publi­zierten Erzäh­lung von Zvi Kolitz (1912–2002) ist viel­schichtig: Hinten das jid­di­sche Ori­ginal (in hebräi­scher Schrift), vorne die Tran­skrip­tion ins latei­ni­sche Alphabet und daneben Baddes Über­tra­gung ins Deut­sche. Alle paar Seiten ist eine von Tomi Unge­rers Zeich­nungen ein­ge­fügt. In der Mitte des Buches schliess­lich folgt ein umfang­rei­cher Kom­mentar Paul Baddes, der ein Zeugnis für Freund­schaft zwi­schen dem Autor und dem Jour­na­listen ist, jedoch auch die ver­wirrte Rezep­tions- und Publi­ka­ti­ons­ge­schichte auf­klä­rend kom­men­tieren möchte: Nach der Erst­pu­bli­ka­tion wurde das Stück Lite­ratur immer wieder als authen­ti­sches Doku­ment eines realen Ghet­to­kämp­fers gelesen, wäh­rend die Rich­tig­stel­lungen des Autors als Skandal emp­funden und immer wieder igno­riert wurden. Mit diesem Mythos der Authen­ti­zität räumt Baddes Neu­aus­gabe defi­nitiv auf. Doch was leistet seine Neu­aus­gabe wirk­lich?
Der Text war schon einmal wie­der­ent­deckt worden – von der bereits erwähnten Schrift­stel­lerin und Psy­cho­the­ra­peutin Anna Maria Jokl (1911 – 2001), die ihn in deut­scher Über­set­zung zuerst als authen­ti­sches Doku­ment ver­öf­fent­licht hatte, den Autor aber, nachdem sie von ihm erfahren hatte, gegen die Angriffe in Schutz nahm. In Baddes Kom­mentar wird Jokl nur am Rande erwähnt: Es wird ledig­lich ein „Zer­würfnis“ zwi­schen ihr und Kolitz ange­deutet.

Ein Blick in die Publi­ka­tion „Anna Maria Jokl und der ‚Jossel Rac­k­ower‘ von Zvi Kolitz“ des Theo­logen Rudolf Pesch (Trier 2005) bestä­tigt: Die Fronten sind ver­härtet. Badde habe die Arbeit Jokls mar­gi­na­li­siert, nicht mit ihr koope­riert, Kolitz‘ Bio­gra­phie ver­fälscht und – das ist der gewich­tigste Vor­wurf – für seine Über­set­zung zu 80% die­je­nige von Jokl ver­wendet, wäh­rend seine eigenen Teile unge­nü­gend oder zu christ­lich geprägt seien, so die Argu­mente von Pesch. Wie weit jeder dieser Vor­würfe zutref­fend ist, müsste von einem Stand­punkt aus unter­sucht werden, der sich (end­lich!) allein in den Dienst des Textes stellt. Dies zu leisten, hat Badde ver­passt. Abge­sehen davon, dass die Über­set­zung – siehe im oben zitierten Bei­spiel das christ­lich kon­no­tierte „ein­ge­fleischt“, das im Ori­ginal „gebo­jren“ lautet – näher am Text sein müsste, fallen dem auf­merk­samen Leser von Baddes Neu­aus­gabe noch weitaus stö­ren­dere Unge­reimt­heiten auf: Das Titel­blatt des jid­di­schen Textes, den Badde als „Ori­ginal“ bezeichnet, ent­hält Schreib­fehler, die den Titel zu einem „Jossel Rako­vers Wen­dunn zu Nott“ ent­stellt. Über­dies ist es an drei, vier Stellen von Hand – von wel­cher wird nicht klar – kor­ri­giert, jedoch werden diese Kor­rek­turen nur teil­weise in die Tran­skrip­tion über­nommen. Der Grund für die Ver­stüm­me­lung liegt laut Badde darin, dass er nur eine Foto­kopie des ein­zigen von ihm auf­ge­trie­benen und sich in Argen­ti­nien befin­denden Exem­plars der Zeit­schrift, in wel­cher der Text ursprüng­lich erschienen war, zur Ver­fü­gung hatte. Dieses Exem­plar wurde in einem Bom­ben­at­tentat zer­stört und konnte von Badde nicht ein­ge­sehen werden. Dass in Jeru­salem bei Jokl eine unbe­schä­digte Aus­gabe vorlag, die er – auch wel­chen Gründen auch immer – nicht berück­sich­tigt hatte, lässt er uner­wähnt. Eine unge­naue Arbeits­weise, die miss­trau­isch macht, und die sicher­lich kein Dienst am Text ist.

Ver­passt hat Badde eine Wen­dung – in eben dem Sinne wie Jossel sich zu Gott wendet und mit ihm in einen kri­ti­schen Dialog tritt – zum Text, und zwar nicht nur in phi­lo­lo­gi­scher Hin­sicht. Dass die von ihm genannten bio­gra­phi­schen Sta­tionen in Kolitz‘ Leben kei­nes­wegs gesi­chert sind, darauf weist nicht er selbst hin, son­dern wie­derum Rudolf Pesch. Ob Kolitz nun 1937 Litauen ver­liess und nach einem Umweg über Ita­lien 1940 in Israel ankam,  wo er in der zio­nis­ti­schen Unter­grund­or­ga­ni­sa­tion Irgun aktiv war, oder, wie Pesch meint, schon früher nach Paläs­tina gelangt war, bleibt vor­der­hand unge­klärt und hat viel­leicht nur sekun­däre Bedeu­tung. Wenn Badde jedoch vor diesem bio­gra­phi­schen Hin­ter­grund den Text als die „ersten Wehen einer ein­ma­ligen, unglaub­li­chen Geburt“, also des Staates Israel liest, so führt das zur Frage: Ist der ver­zwei­felte Kämpfer im Ghetto tat­säch­lich als eine Prä­fi­g­u­ra­tion des zio­nis­ti­schen Frei­heits­kämp­fers des neu­ge­grün­deten Staates Israels zu lesen? Baddes Kom­mentar legt dies min­des­tens teil­weise nahe und so geht seine Wie­der­ent­de­ckung des Autors Kolitz zum Schaden des lite­ra­ri­schen Werkes: Ein neues Kapitel der Rezep­ti­ons­ge­schichte situ­iert den Text in einem his­to­ri­schen Kon­text, der den Blick auf dessen spe­zi­fisch lite­ra­ri­sche Wahr­heit und Qua­lität durch eine neue Poli­ti­sie­rung wie­derum ver­stellt.

 

Kolitz, Zvi: Jossel Rako­vers Wen­dung zu Gott. Jid­disch-Deutsch. Aus dem Jid­di­schen über­tragen, her­aus­ge­geben und kom­men­tiert von Paul Badde. Mit Zeich­nungen von Tomi Ungerer. Zürich 2004 (2008 als Taschen­buch erschienen).

 

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