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Realität und Erlösung

Posted on 3. November 2006 by Florian Kemmelmeier
Zwischen einer Warschauer Unterführung und dem Mars, zwischen Sozialkritik und Sinnsuche bewegt sich Jan Klata, der mit Sicherheit als auffälligster Vertreter des neuen polnischen Theaters gelten kann. Uniform, Irokesenschnitt und Rosenkranz sind die Markenzeichen des jungen Regisseurs und überzeugten Katholiken, der 2006 mit Trzy stygmaty Palmera Eldritcha in Krakau und Weź, przestań! ín Warschau einen Kontrast zu inszenieren scheint.

Zwei Inszenierungen von Jan Klata

 

Titelbild_Klata2„Nie biorę – jestem wolny od narkotyków“ („Nein danke! – Ich bin frei von Drogen“) war das Motto der abendlichen Jugendbegegnung mit Benedykt XVI. auf den Błonia, der größten Wiese in Krakau. Kein Wunder also, dass angesichts dieser Konkurrenzveranstaltung mit mehreren hunderttausend Teilnehmenden am Samstag, den 27. Mai die Ränge des Krakauer Stary Teatr deutliche Lücken aufwiesen. Trzy stygmaty Palmera Eldritcha  (Die Drei Stigmata des Palmer Eldritch) wurde gegeben, und es mag wohl keinen passenderen Kontrapunkt zum traditionsreichen, alkoholfreien und, bis auf Kirchenlieder und rhythmische „Be – ne – detto“-Gesänge fast stillen, kurzum: von einer eigenartigen, besonderen Stimmung erfüllten Krakau des Papstwochenendes geben als die von Jan Klata inszenierte Science-Fiction-Welt Philip K. Dicks. Eine Welt, in der Drogen allgegenwärtig sind, in der Freiheit zur Illusion und Wirklichkeit und Wahn ununterscheidbar werden. Eine theatralische Gegenwelt, deren Szenerie sich erst nach und nach abzeichnet. Wir befinden uns im bedrohten Reich des Miniaturwaren vertreibenden Universalkonzerns Perky Pat und seiner Droge Can-D, die den zwangsverpflichteten Siedlern der Außenkolonien auf dem Mars eine Erinnerung an alte Erden-Zeiten zu verschaffen pflegt. Auf der Erde ist die schützende Ozonschicht schon lange Vergangenheit, die interstellare Kommunikation erfolgt über Videoschirme und in der terrestrischen Zentrale von Perky Pat spüren Hellseher den Verkaufserfolgen der Zukunft nach. Unter ihnen Barney Mayerson – wenn man so will, der Held einer Geschichte, die alles andere als eine Heldengeschichte ist – und Roni Fugate, seine aufstrebende Kollegin und Bettgefährtin. Nacktes Profitstreben und kapitalistische Kälte herrschen vor. Von Liebe, Gefühlen, menschlicher Wärme, Hunger oder Schönheit keine Spur. Es ist eine Welt, in der die Menschen letztlich Gefangene sind, wie selbst Perky Pat-Chef Leo Bulero noch erfahren wird, gefangen in den klimatisierten Räumen, die vor der unerträglichen Hitze draußen schützen, gefangen aber auch in der eigenen, kalten Angst. Und so fernab vom leicht feuchten polnischen Maienabend diese Welt mit ihren zweidimensionalen, gefühllos agierenden Automaten-Menschen auch liegen mag, so erscheint doch irgendwo in einem entfernten Gedanken-Winkel die Frage: Sollte dies unsere Zukunft sein?

Szenenwechsel: Angekaute Zwiebelringe und fettige Fleischstückchen fliegen ins Publikum, als Sylwek, seines Zeichens ‚Mexiko-Macho’ und erfolgreicher krimineller Kleinunternehmer sich einen Döner in den Mund stopft und mit vollem Mund seinem weniger erfolgreichen Invaliden-Schulfreund, dem Wachmann Agent 0,0000007, jovial erklärt, wie man es im Leben richtig macht. Der sich im angesagten Warschauer Teatr Rozmaitości anbahnende Ekel ist angebracht: Weź, przestań! (Nimm und hör auf!) ist der Titel des neuen Stücks von Jan Klata. Es ist die alltägliche, allzu bekannte Welt des przejście podziemne (Unterführung), in der wir uns befinden. Warschau, Warszawa Centralna, Centrum, irgendwo im Untergrund. Täglich durchquert, nie angehalten an der nach Urin stinkenden Ecke gleich hinter den Kiosks, wo die Trinker lagern und die Frauen Schnürsenkel verkaufen, wo Agent 0,0000007 sich die Beine in den Bauch steht und eine graue Gedenktafel an vergossenes Blut polnischer Helden erinnert. Es ist ein przejście: ein Durch-/ Unter-/ Übergang; eine Passage. Auf jeden Fall aber kein Ort zum Bleiben. Für die meisten jedenfalls. Immer wieder neu flutet im Rhythmus der Vorortzüge und im Takt der Metro lawinenartig der Strom der Pendler und Tagesmigranten über die Bühne. Wer sich hier aufhält, ist gestrandet. Wie Bonus, der Sektglas-Yuppie im blasstürkisen Anzug, ein notorisches Großmaul – „Jestem Bonus. Za wszystko inne trzeba płacić!“ („Ich bin Bonus, alles andere kostet extra!“) – der anfangs noch mit seinen Kumpels aus der Welt der Sportwagen und heißen Frauen so tut, als sei er im przejście podziemne nur auf Armuts-Safari. Bonus, der doch eigentlich auf der Flucht vor seinem leeren Leben ist. In Klatas radikal gegenwärtiger Szenerie gibt es keine Helden. Nur Menschen, die in keinem Telefonbuch erscheinen. Menschen, die scheinbar am Rande stehen und doch vor aller Augen mitten unter uns sind. Menschen, die erfolglos nach Sinn suchen. Menschen, die leiden, streiten, hoffen und verzweifeln. Klata legt mit seiner Darstellung des przejście podziemne als einem sozialen Knoten- und Brennpunkt den Finger in die Wunde der Gesellschaft. Ob die leicht humoreske Inszenierung im Teatr Rozmaitości ein erfolgreicher Beitrag zur Behandlung ist? „Dowcip leczy“ – „Humor heilt“, heißt es an einer Stelle.

 

Titelbild_Klata3Zwei völlig unterschiedliche Theater-Welten scheinen sich hier gegenüber zu stehen. Die kalte, sich über mehrere Planeten erstreckende futuristische Welt der „Trzy stygmaty…“ scheint mit der auf den immer gleichen Warschauer przejście podziemne beschränkten schlichten und doch lebhaften Szenerie von Weź, przestań! auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam zu haben. Was im einen Fall Teil einer fernen, fremden Welt der Zukunft voller Spezialeffekte ist, ist im anderen Fall nur eine Ellenbogenweite abseits des ganz alltäglichen Wegs durch die polnische Hauptstadt, fremd, aber auch allzu vertraut. Und doch: Es ist zweimal Theater à la Jan Klata. Zweimal Theater, in dem Menschen nicht Herr ihres eigenen Schicksals sind. Zweimal Theater ohne wirkliche Helden. Beim erneuten Blick wird deutlich, dass sich beide Szenarien keineswegs so diametral gegenüber stehen, wie es zunächst scheint. Viel eher wirken sie zeitlich verbunden, bilden e i n e Welt, bilden Gegenwart und Zukunft: Es ist die zukünftige Welt der „Trzy stygmaty…“, auf die die gesichts- und namenlose Masse der rastlos Vorbeieilenden im Warschauer Untergrund der Gegenwart zusteuert, eine kalte Welt des Kapitalismus, in der nur Erfolg und Weiterkommen zählen und das Gesetz des Stärkeren gilt: „gruba ryba łyka małą rybę” (Großer Fisch frisst kleinen Fisch). Diejenigen, die am Rande des Menschenstroms stehen, bekommen den Verlust des sozialen Zusammenhalts, den Verlust von Sinn und Religion zu spüren. Unter ihnen herrscht die Sprache der Verachtung vor. Rassismus sowie frauen- und schwulenfeindliche Sprüche sind allgegenwärtig. „Der Mensch ist ein Bazillus des Planeten Erde“, meint der Mann vom Bücherstand. Und doch zeigt das Schlaglicht, das auf die Menschen des przejście podziemne geworfen wird, dass zwar die Umstände alles andere als gut sind, dass es sich aber dennoch leben lässt, irgendwie. Leben! Da steht die Schnorrerin immer wieder aufs Neue im Strom der Vorübereilenden und sagt ihren Spruch auf, erfolglos meist und dennoch, als Bindeglied zwischen dem Strom und den Menschen am Rand, nicht völlig vergebens. Da ist der wundersame Hund Gryźli, der einem für 5 Złoty jede Krebsvorsorgeuntersuchung ersetzt, und durch instinktives Beschnuppern anzeigt, wer krank und wer gesund ist. Und da ist der erwähnte Wachmann Agent 0,0000007, der in all seiner Naivität und Harmlosigkeit wohl der einzige ist, der im przejście podziemne mit seiner Schnürsenkel verkaufenden Mutter noch eine Art interessenlose Solidarität verkörpert. Was alle verbindet, ist manches Mal die Klage – „W tym kraju się nie da!“ („In diesem Land kommt man nicht weit!“) – doch weit häufiger jene kleine Hoffnung, die im przejście podziemne alle teilen: den bescheidenen Traum von einem anderen Leben. Als der Hund stirbt, bekanntlich der ‚beste Freund des Menschen’, tritt die Fragilität des ‚Lebens an der Schwelle’, wie es der italienische Philosoph Giorgio Agamben wohl nennen würde, deutlich zu Tage. Mit seinem Tod stürzt auch die mühsam durch Hoffnung, Illusion und Glauben zusammengehaltene Lebenswelt am Rande der Unterführung in sich zusammen. Es ist der joviale Ganove Sylwek, der den Hund mit einem Schuß in den Kopf zu Boden streckt, nachdem dieser bei ihm Krebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert hat. Sylwek, der einzige, der sich im przejście podziemne vorbehaltlos wohl fühlt, der einzige, der hier Erfolg hat, der einzige, der keine Hoffnung braucht. Sylwek, der Pragmatiker, der sich wie ein Fisch im Wasser der Wirklichkeit bewegt, der sich auch durch den natürlichen Instinkt eines Hundes beim Erkennen von Zivilisationskrankheiten nicht beirren lässt, für den jede enge Moral nur hinderlich wäre. Was folgt? Die Schnorrerin verliert ihre bisher unerschütterliche Contenance und kann angesichts der taub vorbeihastenden Menschen nur noch fluchend eine „Pierrrdolona znieczulica!“ („Verfickte Gefühlslosigkeit!“) konstatieren. Przyruch, einer der Penner, schlägt die Schnürsenkelverkäuferin tot, weil sie sich über seine dreckigen Witze beklagt. Ihr Sohn, Wachmann Agent 0,0000007 stürzt herbei, bekommt einen Herzanfall und begibt sich ebenfalls auf die Reise ins Jenseits. Für sein übliches „ej, ej, przestańcie” („Ey, ey, hört auf!“) ist es schon lange zu spät. Die Zeit der Haie hat begonnen.

Doch zurück in die Zukunft: In der Welt der „Trzy stygmaty…“ leben die Gestrandeten auf dem Mars von derartigen Turbulenzen völlig unberührt. Eine Veränderung der Lage in den Außenkolonien ist auch völlig ausgeschlossen, Hoffnung ist nicht nötig. Und schließlich gibt es ja immer noch Can-D, das die temporäre Flucht in die nostalgische Kunstwelt der Erden-Vergangenheit ermöglicht… Aber gerade im Bereich der die dröge Realität erträglich machenden Drogen bahnt sich eine Revolution an. Ein neuartiges Produkt namens Chew-Z erscheint und verspricht den Marsbewohnern kein begrenztes Eintauchen in eine Welt der Nostalgie mehr, sondern nicht weniger als das ewige Leben. Kein Wunder, dass sich Perky Pat-Chef Leo Bulero angesichts dieser Konkurrenz Sorgen um seinen Absatz macht. Hinter dem neuen, angeblich aus Flechten gewonnenen Narkotikum steckt ein großer Unbekannter: Palmer Eldritch, der einst in den Weltraum aufbrach, um Gott zu finden. Nun ist er wieder da. Ohne Gott, dafür mit dem Erlösungsmittel Chew-Z. „Gott verspricht das ewige Leben. Wir liefern es frei Haus“, verkündet er werbewirksam. Während Can-D noch den Zugang zu einer Spielzeugwelt vermittelte, in der es das höchste der Gefühle bedeutete, als Barbie oder Ken ein Wunschbild der eigenen Vergangenheit nachzuspielen – und genau das wollen alle, die sich in der vorgefertigten Perky Pat-Welt wieder treffen – ist mit Chew-Z jegliche Gemeinschaft am Ende, gibt es nicht einmal mehr eine Gemeinschaft des Begehrens. Mit Chew-Z schafft sich jeder seine eigene Welt. Individuell, schrankenlos, grenzenlos! Freiheit pur.
Alle Versuche Leo Buleros, Palmer Eldritch zu stellen, sind kläglich zum Scheitern verurteilt. Stattdessen muss Bulero, als er in Eldritchs Gewalt gerät, selbst die Erfahrung der Ununterscheidbarkeit von eigener Vorstellung und Wirklichkeit machen, die mit der neuen Super-Droge Chew-Z Einzug hält. In Philip K. Dicks Roman aus dem Jahr 1964 findet sich in Palmer Eldritch am Ende eine letztlich unergründliche Lebensform verkörpert, die sämtliche Vorstellungs-Welten kolonisiert, um ihr Überleben zu sichern. Es sind die drei Stigmata des Palmer Eldritch: die pupillenlosen High-Tech-Weitwinkelaugen, der künstliche rechte Arm sowie die stählernen Zähne, die sich schließlich verbreitet durchsetzen. Es sind Zeichen einer Welt nach dem Sündenfall der Entmenschlichung. Palmer Eldritch ist überall. In der Krakauer Inszenierung Jan Klatas ist es die Evolutionstherapie des unheimlichen Dr. Denkmal, die die übersteigerte Welt der Entmenschlichung aufzeigen soll.

Doch kehren wir noch einmal zurück in den przejście podziemne, wo der Tod des Hundes die positive Kraft des Lebens im Keim versiegen lässt und die Realität schließlich durch keine Hoffnung mehr gehemmt wird.
Es ist Bonus, der am Ende den Schlussstrich zieht. Es ist Bonus, der nicht mit seinen Yuppie-Kollegen schon bald wieder das Weite sucht, sondern strandet. Es ist Bonus, der sein Geld nicht halten kann. Es ist Bonus, der an der Zivilisationskrankheit Krebs leidet. Es ist schließlich Bonus, der seine kindliche Angst eingesteht, die Erlösung durch Christus zu verpassen. In Klatas Warschauer Inszenierung sucht Bonus im kleinen Häuschen des Wachmannes Schutz, bevor er schließlich entflieht. Niemand bückt sich, um die umher fliegenden Banknoten aufzusammeln. Ob er sich in die Luft sprengt, wie es der Dramentext vorsieht? Seine letzten Worte stehen für das Bedürfnis nach einem direkten Draht ins Jenseits, für das Bedürfnis nach Erlösung: „I wanna taxi!“. Wo es keinen Bonus gibt, der mehr wäre als eine kostenlose Dreingabe, der die Frage aufwirft, was wohl wichtig und was gut (=bonus) ist im Leben.

Und doch wird Bonus vielleicht weiterleben, so wie die Übriggebliebenen aus dem przejście podziemne eben irgendwie weiter leben werden. Das Leben im przejście kennt keinen Anfang und kein Ende. Die Sympathie Klatas für die einfachen und häufig doch tragischen Gestalten, die Sympathie für das Leben, schimmert immer wieder durch, und so mag es nicht verwundern, dass Klata seinen eigenen Dramatext „Weź, przestań!“ nicht allzu ernst genommen hat: „Humor heilt“, heißt es schließlich darin. Doch vielleicht sind es ja auch gar nicht so sehr die im Übergang Gestrandeten, die uns zu denken geben sollten, sondern vielmehr die vielen Vorübergehenden, jene, die keine Zeit, keine Kraft oder keinen Mut haben, um im przejście inne zu halten. All jene, die sich unaufhörlich auf die Perky Pat-, auf die Can-D-, auf die Chew-Z-Welt zu bewegen. Dorthin, wo es am Ende nur noch eine scheinbare Wahl zwischen ununterscheidbaren Welten und Wirklichkeiten gibt.

Es mag kaum verwundern, dass nach Ende der Vorstellung am 27.Mai 2006 unter den Besucherinnen und Besuchern im Stary Teatr zunächst ein etwas ratloses Schweigen herrschte und sich dann alle doch recht schnell verliefen. Mich eingeschlossen. Zurück in der Gegenwart des päpstlichen Krakau, verkündeten nach wenigen Metern die Türme der Marienkirche: „Trwajcie mocni w wierze!“ (Bleibt fest im Glauben!) Ja doch! Nur welcher Glaube nochmal? Der an Can-D oder Chew-Z? Oder vielleicht doch jener an christliche Erlösung? An Liebe? Wirklichkeit? Auf den Krakauer Błonia dauerte die Jugendbegegnung mit Papst Benedikt und dem friedvollen Wachen und Singen im Anschluß noch die ganze Nacht. Es gab wohl nur wenige, die sich nach dem Theater noch den singenden Christen-Menschen anschlossen, um am nächsten Morgen  bei der sonntäglichen großen Papstmesse dabei zu sein. Eine Million und der Papst. „Bóg obiecuje życie wieczne!“ – „Gott verspricht das ewige Leben.“ Alles ohne Drogen. Ob Jan Klata auch dabei war?

 

 

Trzy stygmaty Palmera Eldritcha. Nach einem Roman von Philip K. Dick. Text und Regie: Jan Klata. Bühne: Justyna Łagowska. Stary Teatr. Krakau. Premiere: 14. Januar 2006.
Rezensionen unter: www.teatry.art.pl/!recenzje/trzyspe_kla/index.htm

Weź, przestań! Text und Regie: Jan Klata. Bühne: Justyna Łagowska. Choreografie: Maćko Prusak. Teatr Rozmaitości. Warschau. Premiere: 21. April 2006.
Rezensionen unter: www.teatry.art.pl/!recenzje/wezp_kla/index.htm

Agamben, Giorgio: Homo Sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben. Frankfurt/ M. 2002.

Dick, Philip K.: The Three Stigmata of Palmer Eldritch. London 2003 (zuerst 1964), dt. Ausgabe Die drei Stigmata des Palmer Eldritch. München 2002.

Klata, Jan: Weź, przestań!. In: Echa, repliki, fantazmaty. Antologia nowego dramatu polskiego. Kraków 2005. S. 67-97.

Realität und Erlösung – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Rea­lität und Erlösung

Zwei Insze­nie­rungen von Jan Klata

 

Titelbild_Klata2„Nie biorę – jestem wolny od nar­ko­tyków“ („Nein danke! – Ich bin frei von Drogen“) war das Motto der abend­li­chen Jugend­be­geg­nung mit Bene­dykt XVI. auf den Błonia, der größten Wiese in Krakau. Kein Wunder also, dass ange­sichts dieser Kon­kur­renz­ver­an­stal­tung mit meh­reren hun­dert­tau­send Teil­neh­menden am Samstag, den 27. Mai die Ränge des Kra­kauer Stary Teatr deut­liche Lücken auf­wiesen. Trzy styg­maty Pal­mera Eld­ritcha  (Die Drei Stig­mata des Palmer Eld­ritch) wurde gegeben, und es mag wohl keinen pas­sen­deren Kon­tra­punkt zum tra­di­ti­ons­rei­chen, alko­hol­freien und, bis auf Kir­chen­lieder und rhyth­mi­sche „Be – ne – detto“-Gesänge fast stillen, kurzum: von einer eigen­ar­tigen, beson­deren Stim­mung erfüllten Krakau des Papst­wo­chen­endes geben als die von Jan Klata insze­nierte Sci­ence-Fic­tion-Welt Philip K. Dicks. Eine Welt, in der Drogen all­ge­gen­wärtig sind, in der Frei­heit zur Illu­sion und Wirk­lich­keit und Wahn unun­ter­scheidbar werden. Eine thea­tra­li­sche Gegen­welt, deren Sze­nerie sich erst nach und nach abzeichnet. Wir befinden uns im bedrohten Reich des Minia­tur­waren ver­trei­benden Uni­ver­sal­kon­zerns Perky Pat und seiner Droge Can‑D, die den zwangs­ver­pflich­teten Sied­lern der Außen­ko­lo­nien auf dem Mars eine Erin­ne­rung an alte Erden-Zeiten zu ver­schaffen pflegt. Auf der Erde ist die schüt­zende Ozon­schicht schon lange Ver­gan­gen­heit, die inter­stel­lare Kom­mu­ni­ka­tion erfolgt über Video­schirme und in der ter­res­tri­schen Zen­trale von Perky Pat spüren Hell­seher den Ver­kaufs­er­folgen der Zukunft nach. Unter ihnen Barney May­erson – wenn man so will, der Held einer Geschichte, die alles andere als eine Hel­den­ge­schichte ist – und Roni Fugate, seine auf­stre­bende Kol­legin und Bett­ge­fährtin. Nacktes Pro­fit­streben und kapi­ta­lis­ti­sche Kälte herr­schen vor. Von Liebe, Gefühlen, mensch­li­cher Wärme, Hunger oder Schön­heit keine Spur. Es ist eine Welt, in der die Men­schen letzt­lich Gefan­gene sind, wie selbst Perky Pat-Chef Leo Bulero noch erfahren wird, gefangen in den kli­ma­ti­sierten Räumen, die vor der uner­träg­li­chen Hitze draußen schützen, gefangen aber auch in der eigenen, kalten Angst. Und so fernab vom leicht feuchten pol­ni­schen Mai­en­abend diese Welt mit ihren zwei­di­men­sio­nalen, gefühllos agie­renden Auto­maten-Men­schen auch liegen mag, so erscheint doch irgendwo in einem ent­fernten Gedanken-Winkel die Frage: Sollte dies unsere Zukunft sein?

Sze­nen­wechsel: Ange­kaute Zwie­bel­ringe und fet­tige Fleisch­stück­chen fliegen ins Publikum, als Sylwek, seines Zei­chens ‚Mexiko-Macho’ und erfolg­rei­cher kri­mi­neller Klein­un­ter­nehmer sich einen Döner in den Mund stopft und mit vollem Mund seinem weniger erfolg­rei­chen Inva­liden-Schul­freund, dem Wach­mann Agent 0,0000007, jovial erklärt, wie man es im Leben richtig macht. Der sich im ange­sagten War­schauer Teatr Roz­mai­tości anbah­nende Ekel ist ange­bracht: Weź, prze­stań! (Nimm und hör auf!) ist der Titel des neuen Stücks von Jan Klata. Es ist die all­täg­liche, allzu bekannte Welt des prze­jście pod­ziemne (Unter­füh­rung), in der wir uns befinden. War­schau, Wars­zawa Cen­tralna, Cen­trum, irgendwo im Unter­grund. Täg­lich durch­quert, nie ange­halten an der nach Urin stin­kenden Ecke gleich hinter den Kiosks, wo die Trinker lagern und die Frauen Schnür­senkel ver­kaufen, wo Agent 0,0000007 sich die Beine in den Bauch steht und eine graue Gedenk­tafel an ver­gos­senes Blut pol­ni­scher Helden erin­nert. Es ist ein prze­jście: ein Durch-/ Unter-/ Über­gang; eine Pas­sage. Auf jeden Fall aber kein Ort zum Bleiben. Für die meisten jeden­falls. Immer wieder neu flutet im Rhythmus der Vor­ort­züge und im Takt der Metro lawi­nen­artig der Strom der Pendler und Tages­mi­granten über die Bühne. Wer sich hier auf­hält, ist gestrandet. Wie Bonus, der Sekt­glas-Yuppie im blas­stür­kisen Anzug, ein noto­ri­sches Groß­maul – „Jestem Bonus. Za wszystko inne trzeba płacić!“ („Ich bin Bonus, alles andere kostet extra!“) – der anfangs noch mit seinen Kum­pels aus der Welt der Sport­wagen und heißen Frauen so tut, als sei er im prze­jście pod­ziemne nur auf Armuts-Safari. Bonus, der doch eigent­lich auf der Flucht vor seinem leeren Leben ist. In Klatas radikal gegen­wär­tiger Sze­nerie gibt es keine Helden. Nur Men­schen, die in keinem Tele­fon­buch erscheinen. Men­schen, die scheinbar am Rande stehen und doch vor aller Augen mitten unter uns sind. Men­schen, die erfolglos nach Sinn suchen. Men­schen, die leiden, streiten, hoffen und ver­zwei­feln. Klata legt mit seiner Dar­stel­lung des prze­jście pod­ziemne als einem sozialen Knoten- und Brenn­punkt den Finger in die Wunde der Gesell­schaft. Ob die leicht humo­reske Insze­nie­rung im Teatr Roz­mai­tości ein erfolg­rei­cher Bei­trag zur Behand­lung ist? „Dowcip leczy“ – „Humor heilt“, heißt es an einer Stelle.

 

Titelbild_Klata3

Zwei völlig unter­schied­liche Theater-Welten scheinen sich hier gegen­über zu stehen. Die kalte, sich über meh­rere Pla­neten erstre­ckende futu­ris­ti­sche Welt der „Trzy styg­maty…“ scheint mit der auf den immer glei­chen War­schauer prze­jście pod­ziemne beschränkten schlichten und doch leb­haften Sze­nerie von Weź, prze­stań! auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam zu haben. Was im einen Fall Teil einer fernen, fremden Welt der Zukunft voller Spe­zi­al­ef­fekte ist, ist im anderen Fall nur eine Ellen­bo­gen­weite abseits des ganz all­täg­li­chen Wegs durch die pol­ni­sche Haupt­stadt, fremd, aber auch allzu ver­traut. Und doch: Es ist zweimal Theater à la Jan Klata. Zweimal Theater, in dem Men­schen nicht Herr ihres eigenen Schick­sals sind. Zweimal Theater ohne wirk­liche Helden. Beim erneuten Blick wird deut­lich, dass sich beide Sze­na­rien kei­nes­wegs so dia­me­tral gegen­über stehen, wie es zunächst scheint. Viel eher wirken sie zeit­lich ver­bunden, bilden e i n e Welt, bilden Gegen­wart und Zukunft: Es ist die zukünf­tige Welt der „Trzy styg­maty…“, auf die die gesichts- und namen­lose Masse der rastlos Vor­bei­ei­lenden im War­schauer Unter­grund der Gegen­wart zusteuert, eine kalte Welt des Kapi­ta­lismus, in der nur Erfolg und Wei­ter­kommen zählen und das Gesetz des Stär­keren gilt: „gruba ryba łyka małą rybę” (Großer Fisch frisst kleinen Fisch). Die­je­nigen, die am Rande des Men­schen­stroms stehen, bekommen den Ver­lust des sozialen Zusam­men­halts, den Ver­lust von Sinn und Reli­gion zu spüren. Unter ihnen herrscht die Sprache der Ver­ach­tung vor. Ras­sismus sowie frauen- und schwu­len­feind­liche Sprüche sind all­ge­gen­wärtig. „Der Mensch ist ein Bazillus des Pla­neten Erde“, meint der Mann vom Bücher­stand. Und doch zeigt das Schlag­licht, das auf die Men­schen des prze­jście pod­ziemne geworfen wird, dass zwar die Umstände alles andere als gut sind, dass es sich aber den­noch leben lässt, irgendwie. Leben! Da steht die Schnor­rerin immer wieder aufs Neue im Strom der Vor­über­ei­lenden und sagt ihren Spruch auf, erfolglos meist und den­noch, als Bin­de­glied zwi­schen dem Strom und den Men­schen am Rand, nicht völlig ver­ge­bens. Da ist der wun­der­same Hund Gryźli, der einem für 5 Złoty jede Krebs­vor­sor­ge­un­ter­su­chung ersetzt, und durch instink­tives Beschnup­pern anzeigt, wer krank und wer gesund ist. Und da ist der erwähnte Wach­mann Agent 0,0000007, der in all seiner Nai­vität und Harm­lo­sig­keit wohl der ein­zige ist, der im prze­jście pod­ziemne mit seiner Schnür­senkel ver­kau­fenden Mutter noch eine Art inter­es­sen­lose Soli­da­rität ver­kör­pert. Was alle ver­bindet, ist man­ches Mal die Klage – „W tym kraju się nie da!“ („In diesem Land kommt man nicht weit!“) – doch weit häu­figer jene kleine Hoff­nung, die im prze­jście pod­ziemne alle teilen: den beschei­denen Traum von einem anderen Leben. Als der Hund stirbt, bekannt­lich der ‚beste Freund des Men­schen’, tritt die Fra­gi­lität des ‚Lebens an der Schwelle’, wie es der ita­lie­ni­sche Phi­lo­soph Giorgio Agamben wohl nennen würde, deut­lich zu Tage. Mit seinem Tod stürzt auch die mühsam durch Hoff­nung, Illu­sion und Glauben zusam­men­ge­hal­tene Lebens­welt am Rande der Unter­füh­rung in sich zusammen. Es ist der joviale Ganove Sylwek, der den Hund mit einem Schuß in den Kopf zu Boden streckt, nachdem dieser bei ihm Krebs im fort­ge­schrit­tenen Sta­dium dia­gnos­ti­ziert hat. Sylwek, der ein­zige, der sich im prze­jście pod­ziemne vor­be­haltlos wohl fühlt, der ein­zige, der hier Erfolg hat, der ein­zige, der keine Hoff­nung braucht. Sylwek, der Prag­ma­tiker, der sich wie ein Fisch im Wasser der Wirk­lich­keit bewegt, der sich auch durch den natür­li­chen Instinkt eines Hundes beim Erkennen von Zivi­li­sa­ti­ons­krank­heiten nicht beirren lässt, für den jede enge Moral nur hin­der­lich wäre. Was folgt? Die Schnor­rerin ver­liert ihre bisher uner­schüt­ter­liche Con­ten­ance und kann ange­sichts der taub vor­bei­has­tenden Men­schen nur noch flu­chend eine „Pierrrdo­lona znie­c­zu­lica!“ („Ver­fickte Gefühl­s­lo­sig­keit!“) kon­sta­tieren. Przy­ruch, einer der Penner, schlägt die Schnür­sen­kel­ver­käu­ferin tot, weil sie sich über seine dre­ckigen Witze beklagt. Ihr Sohn, Wach­mann Agent 0,0000007 stürzt herbei, bekommt einen Herz­an­fall und begibt sich eben­falls auf die Reise ins Jen­seits. Für sein übli­ches „ej, ej, prze­stańcie” („Ey, ey, hört auf!“) ist es schon lange zu spät. Die Zeit der Haie hat begonnen.

Doch zurück in die Zukunft: In der Welt der „Trzy styg­maty…“ leben die Gestran­deten auf dem Mars von der­ar­tigen Tur­bu­lenzen völlig unbe­rührt. Eine Ver­än­de­rung der Lage in den Außen­ko­lo­nien ist auch völlig aus­ge­schlossen, Hoff­nung ist nicht nötig. Und schließ­lich gibt es ja immer noch Can‑D, das die tem­po­räre Flucht in die nost­al­gi­sche Kunst­welt der Erden-Ver­gan­gen­heit ermög­licht… Aber gerade im Bereich der die dröge Rea­lität erträg­lich machenden Drogen bahnt sich eine Revo­lu­tion an. Ein neu­ar­tiges Pro­dukt namens Chew‑Z erscheint und ver­spricht den Mars­be­woh­nern kein begrenztes Ein­tau­chen in eine Welt der Nost­algie mehr, son­dern nicht weniger als das ewige Leben. Kein Wunder, dass sich Perky Pat-Chef Leo Bulero ange­sichts dieser Kon­kur­renz Sorgen um seinen Absatz macht. Hinter dem neuen, angeb­lich aus Flechten gewon­nenen Nar­ko­tikum steckt ein großer Unbe­kannter: Palmer Eld­ritch, der einst in den Welt­raum auf­brach, um Gott zu finden. Nun ist er wieder da. Ohne Gott, dafür mit dem Erlö­sungs­mittel Chew‑Z. „Gott ver­spricht das ewige Leben. Wir lie­fern es frei Haus“, ver­kündet er wer­be­wirksam. Wäh­rend Can‑D noch den Zugang zu einer Spiel­zeug­welt ver­mit­telte, in der es das höchste der Gefühle bedeu­tete, als Barbie oder Ken ein Wunsch­bild der eigenen Ver­gan­gen­heit nach­zu­spielen – und genau das wollen alle, die sich in der vor­ge­fer­tigten Perky Pat-Welt wieder treffen – ist mit Chew‑Z jeg­liche Gemein­schaft am Ende, gibt es nicht einmal mehr eine Gemein­schaft des Begeh­rens. Mit Chew‑Z schafft sich jeder seine eigene Welt. Indi­vi­duell, schran­kenlos, gren­zenlos! Frei­heit pur.
Alle Ver­suche Leo Buleros, Palmer Eld­ritch zu stellen, sind kläg­lich zum Schei­tern ver­ur­teilt. Statt­dessen muss Bulero, als er in Eld­ritchs Gewalt gerät, selbst die Erfah­rung der Unun­ter­scheid­bar­keit von eigener Vor­stel­lung und Wirk­lich­keit machen, die mit der neuen Super-Droge Chew‑Z Einzug hält. In Philip K. Dicks Roman aus dem Jahr 1964 findet sich in Palmer Eld­ritch am Ende eine letzt­lich uner­gründ­liche Lebens­form ver­kör­pert, die sämt­liche Vor­stel­lungs-Welten kolo­ni­siert, um ihr Über­leben zu sichern. Es sind die drei Stig­mata des Palmer Eld­ritch: die pupil­len­losen High-Tech-Weit­win­kelaugen, der künst­liche rechte Arm sowie die stäh­lernen Zähne, die sich schließ­lich ver­breitet durch­setzen. Es sind Zei­chen einer Welt nach dem Sün­den­fall der Ent­mensch­li­chung. Palmer Eld­ritch ist überall. In der Kra­kauer Insze­nie­rung Jan Klatas ist es die Evo­lu­ti­ons­the­rapie des unheim­li­chen Dr. Denkmal, die die über­stei­gerte Welt der Ent­mensch­li­chung auf­zeigen soll.

Doch kehren wir noch einmal zurück in den prze­jście pod­ziemne, wo der Tod des Hundes die posi­tive Kraft des Lebens im Keim ver­siegen lässt und die Rea­lität schließ­lich durch keine Hoff­nung mehr gehemmt wird.
Es ist Bonus, der am Ende den Schluss­strich zieht. Es ist Bonus, der nicht mit seinen Yuppie-Kol­legen schon bald wieder das Weite sucht, son­dern strandet. Es ist Bonus, der sein Geld nicht halten kann. Es ist Bonus, der an der Zivi­li­sa­ti­ons­krank­heit Krebs leidet. Es ist schließ­lich Bonus, der seine kind­liche Angst ein­ge­steht, die Erlö­sung durch Christus zu ver­passen. In Klatas War­schauer Insze­nie­rung sucht Bonus im kleinen Häus­chen des Wach­mannes Schutz, bevor er schließ­lich ent­flieht. Nie­mand bückt sich, um die umher flie­genden Bank­noten auf­zu­sam­meln. Ob er sich in die Luft sprengt, wie es der Dra­men­text vor­sieht? Seine letzten Worte stehen für das Bedürfnis nach einem direkten Draht ins Jen­seits, für das Bedürfnis nach Erlö­sung: „I wanna taxi!“. Wo es keinen Bonus gibt, der mehr wäre als eine kos­ten­lose Drein­gabe, der die Frage auf­wirft, was wohl wichtig und was gut (=bonus) ist im Leben.

Und doch wird Bonus viel­leicht wei­ter­leben, so wie die Übrig­ge­blie­benen aus dem prze­jście pod­ziemne eben irgendwie weiter leben werden. Das Leben im prze­jście kennt keinen Anfang und kein Ende. Die Sym­pa­thie Klatas für die ein­fa­chen und häufig doch tra­gi­schen Gestalten, die Sym­pa­thie für das Leben, schim­mert immer wieder durch, und so mag es nicht ver­wun­dern, dass Klata seinen eigenen Dra­ma­text „Weź, prze­stań!“ nicht allzu ernst genommen hat: „Humor heilt“, heißt es schließ­lich darin. Doch viel­leicht sind es ja auch gar nicht so sehr die im Über­gang Gestran­deten, die uns zu denken geben sollten, son­dern viel­mehr die vielen Vor­über­ge­henden, jene, die keine Zeit, keine Kraft oder keinen Mut haben, um im prze­jście inne zu halten. All jene, die sich unauf­hör­lich auf die Perky Pat‑, auf die Can-D‑, auf die Chew-Z-Welt zu bewegen. Dorthin, wo es am Ende nur noch eine schein­bare Wahl zwi­schen unun­ter­scheid­baren Welten und Wirk­lich­keiten gibt.

Es mag kaum ver­wun­dern, dass nach Ende der Vor­stel­lung am 27.Mai 2006 unter den Besu­che­rinnen und Besu­chern im Stary Teatr zunächst ein etwas rat­loses Schweigen herrschte und sich dann alle doch recht schnell ver­liefen. Mich ein­ge­schlossen. Zurück in der Gegen­wart des päpst­li­chen Krakau, ver­kün­deten nach wenigen Metern die Türme der Mari­en­kirche: „Trwa­jcie mocni w wierze!“ (Bleibt fest im Glauben!) Ja doch! Nur wel­cher Glaube nochmal? Der an Can‑D oder Chew‑Z? Oder viel­leicht doch jener an christ­liche Erlö­sung? An Liebe? Wirk­lich­keit? Auf den Kra­kauer Błonia dau­erte die Jugend­be­geg­nung mit Papst Bene­dikt und dem fried­vollen Wachen und Singen im Anschluß noch die ganze Nacht. Es gab wohl nur wenige, die sich nach dem Theater noch den sin­genden Christen-Men­schen anschlossen, um am nächsten Morgen  bei der sonn­täg­li­chen großen Papst­messe dabei zu sein. Eine Mil­lion und der Papst. „Bóg obie­cuje życie wie­czne!“ – „Gott ver­spricht das ewige Leben.“ Alles ohne Drogen. Ob Jan Klata auch dabei war?

 

 

Trzy styg­maty Pal­mera Eld­ritcha. Nach einem Roman von Philip K. Dick. Text und Regie: Jan Klata. Bühne: Jus­tyna Łagowska. Stary Teatr. Krakau. Pre­miere: 14. Januar 2006.
Rezen­sionen unter: www.teatry.art.pl/!recenzje/trzyspe_kla/index.htm

Weź, prze­stań! Text und Regie: Jan Klata. Bühne: Jus­tyna Łagowska. Cho­reo­grafie: Maćko Prusak. Teatr Roz­mai­tości. War­schau. Pre­miere: 21. April 2006.
Rezen­sionen unter: www.teatry.art.pl/!recenzje/wezp_kla/index.htm

Agamben, Giorgio: Homo Sacer. Die sou­ve­räne Macht und das nackte Leben. Frankfurt/ M. 2002.

Dick, Philip K.: The Three Stig­mata of Palmer Eld­ritch. London 2003 (zuerst 1964), dt. Aus­gabe Die drei Stig­mata des Palmer Eld­ritch. Mün­chen 2002.

Klata, Jan: Weź, prze­stań!. In: Echa, repliki, fan­taz­maty. Anto­logia nowego dra­matu pol­skiego. Kraków 2005. S. 67–97.