Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Vom Mäd­chen mit der roten Kappe

Jurica Pavičić hat sich bei Charles Per­rault und den Gebrü­dern Grimm bedient und doch mehr als nur eine moderne Ver­sion eines alten Volks­mär­chens geschaffen. Sein fünfter Roman, Crven­ka­pica (Rot­käpp­chen), ent­hält alles, was ein guter Thriller braucht und über­zeugt zudem als Sozi­al­studie der kroa­ti­schen Nach­kriegs­ge­sell­schaft.

„Es war einmal in einem Dorf ein kleines Mäd­chen…“ – viel­leicht hätte Pavičić, wie Charles Per­rault 1697, sein Rot­käpp­chen auch mit diesen Worten beginnen können. Denn nach nur wenigen Seiten Lek­türe im jüngsten Roman des aus Split stam­menden Autors, spä­tes­tens aber, als das junge Mäd­chen Mare von ihrer Mutter eine rote Mütze auf­ge­schwatzt bekommt, wird deut­lich, dass nicht allein der Buch­titel an das alte Mär­chen vom Rot­käpp­chen, der Groß­mutter und dem bösen Wolf erin­nert. Bei Pavičić wird das Rot­käpp­chen nicht in den dunklen Wald zur kranken Groß­mutter geschickt, viel­mehr schickt die kranke Mutter sie zur äußerst rüs­tigen alten Tante, und zwar direkt in den Groß­stadt­dschungel – nach Zagreb.

Böse Wölfe gibt es gleich zwei in dieser Geschichte. Im Bus sitzt Mare neben einem freund­li­chen alten Herrn, der ihr erst Bilder seiner Enkelin zeigt und später das gesamte Geld stiehlt. Der andere böse Wolf ist der Taxi­fahrer Vinko. Wie schon sein Vor­gänger scheint auch er ein Opfer der gesell­schaft­li­chen Neu­ord­nungen in Kroa­tien zu sein. ‚Neben­be­ruf­lich’ sucht er die Bekannt­schaft mit wohl­ha­benden alten Damen, um sie später ihrer Kunst­ge­gen­stände zu ent­le­digen.

Und dann ist da Olga, die acht­zig­jäh­rige Tante, die im Zagreber Viertel Vrhovac allein im Haus ihrer Familie lebt und an deren Körper die kroa­ti­sche Geschichte ihre Spuren hin­ter­lassen hat. Jede ein­zelne Narbe und alle Zei­chen durch­lebter Krank­heiten, stehen nicht nur für Olgas per­sön­li­ches Leid der letzten 80 Jahre, son­dern sind vor allem Zei­chen his­to­ri­scher Ereig­nisse in Kroa­tien, auf dem Balkan und in Europa.

Ins­be­son­dere die nuan­cierte Dar­stel­lung der beiden weib­li­chen Figuren macht aus der auf den ersten Blick so ein­fach struk­tu­rierten Geschichte des Volks­mär­chens eine kom­plexe Sozi­al­studie der modernen kroa­ti­schen Gesell­schaft. Sowohl die sehr junge Mare als auch die sehr alte Olga können als ste­reo­type Ver­tre­te­rinnen von gegen­sätz­li­chen sozialen und ideo­lo­gi­schen Strö­mungen der Nach­kriegs­ge­sell­schaft Kroa­tiens gelesen werden. Wäh­rend sich Olga in 80 Jahren jugo­sla­wisch-kroa­ti­scher Geschichte nach Erfah­rungen in KZ und Gefängnis zu einer Par­tei­an­hän­gerin im Tito-Jugo­sla­wien ent­wi­ckelt hat, eine erfolg­reiche Bio­login ist, und auch im hohen Alter unab­hängig und selb­ständig, ist Mare zunächst ganz Abbild der selbst­auf­op­fernden, tief katho­li­schen und nichts in Frage stel­lenden Weib­lich­keit, wie sie sich die natio­nal­pa­trio­ti­schen Kräfte im Kroa­tien der 1990er Jahre nur wün­schen konnten. Doch Pavičić bleibt nicht bei diesem Ste­reotyp: Mare durch­läuft eine Ent­wick­lung hin zu einer selbst­be­stimmten Frau, indem sie sich zuerst gegen­über ihrer Mutter eman­zi­piert und schließ­lich in Zadar ein Stu­dium auf­nimmt. Dass sie für diese Ent­wick­lung erst einen ‚Wolf’ töten muss, mag in diesem Zusam­men­hang nicht weiter über­ra­schen: In einem Akt bra­chialer Gewalt in bester Thriller-Manie ‚ent­le­digt sich Mare jeg­li­cher kli­schee­hafter Weib­lich­keit.

Jurica Pavičić hat sich in Kroa­tien vor allem als Krimi- und Thril­ler­autor eta­bliert, aber auch in seinem 2005 erschie­nenen, melo­dra­ma­ti­schen Roman Kuća njene majke (Das Haus ihrer Mutter) hat er sich schon der Dar­stel­lung kom­plexer weib­li­cher Figuren ange­nommen, anhand derer er aktu­elle gesell­schaft­liche Struk­turen ver­an­schau­licht und kri­tisch beleuchtet. Für beson­dere Reso­nanz sorgte sein 1997 ver­öf­fent­lichter und 2001 ins Deut­sche über­setzter Krimi Ovce od gipsa (dt. Nachtbus nach Triest), dessen Film­ad­ap­tion Svje­doci (dt. Zeugen) später den Frie­dens­preis auf der Ber­li­nale bekommen hat. Der kri­ti­sche Umgang mit den Kriegs­ge­scheh­nissen und der ver­brei­teten Kor­rup­tion in den Kriegs­jahren hat dafür gesorgt, dass sich Jurica Pavičić auch im Aus­land einen Namen gemacht hat. Trotz oder gerade wegen dieses Tabu­bruchs in Ovce od gipsa wurde der Roman zum Best­seller in Kroa­tien.

Schon früh hat sich der stu­dierte Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler und eta­blierte Jour­na­list und Film­kri­tiker Pavičić somit an Themen gewagt, die dem kroa­ti­schen Eigen­bild als ent­weder Helden her­vor­brin­gendes, jahr­hun­der­te­altes Reich oder naives Opfer äußerer Umstände und Miss­ver­ständ­nisse pro­vo­kativ ent­ge­gen­stehen. Von anderen kri­ti­schen kroa­ti­schen AutorInnen unter­scheidet ihn dabei vor allem das von ihm favo­ri­sierte Genre, der Thriller.

Pavičićs Stil ist geprägt von direkter Rede und kurzen, klaren Sätzen. Der Erzähler bleibt stets nah an den Figuren, er beob­achtet mehr als dass er erklärt. Die kroa­ti­sche Kritik spricht in diesem Zusam­men­hang gerne von Pavičićs Nähe zum Film, die sich in seiner Prosa wie­der­findet. Nachdem sein letzter Roman, Kuća njene majke,wenig Anklang gefunden hat, wird sein Aus­flug in die Welt der Mär­chen, der gleich­zeitig eine Rück­kehr zum Genre des Thril­lers ist, den er nach Mei­nung der Kri­tiker am besten beherrscht, positiv auf­ge­nommen. Die Anleh­nung an das Genre Mär­chen wird im letzten der drei Teile des Romans völlig durch­bro­chen. Hier wird in fast schon zu streng befolgter und gera­dezu unmo­ti­viert wir­kender Weise ein klas­si­sches Kri­mi­nal­roman-Ende ein­ge­leitet. Die Auf­klä­rungs­ar­beit des Detek­tivs, die in der Kri­mi­nal­li­te­ratur der Wie­der­her­stel­lung der Gerech­tig­keit und Ord­nung dient, läuft ins Leere – allein der Leser weiß am Ende, wer der Mörder ist. Jedoch gelingt es Pavčić mit diesem Ende, die Schuld­frage noch einmal in den Fokus zu rücken – gerade in der Kon­fron­ta­tion  mora­li­scher Werte einer Mär­chen­welt mit der gelebten Wirk­lich­keit der Roman­helden.

Egal ob Mär­chen oder Thriller, es gelingt Pavičić in allen Teilen des Romans, ein breites Spek­trum an aktu­ellen und bri­santen Themen auf­zu­rufen. Das betrifft nicht nur die Dar­stel­lung der Rück­ent­wick­lung in der Eman­zi­pa­tion durch das nach dem Zer­fall Jugo­sla­wiens ideo­lo­gisch hoch­sti­li­sierte kroa­ti­sche Frau­en­bild im kon­ser­va­tiven und vor allem patri­ar­chal-katho­lisch geprägten Kroa­tien der 1990er Jahre. Es ist vor allem auch die kri­ti­sche The­ma­ti­sie­rung der faschis­ti­schen Ver­gan­gen­heit Kroa­tiens, die in der Dar­stel­lung der Lebens­ge­schichte Olgas  die poli­ti­sche Dimen­sion des Romans her­vor­treten lässt.

 

Pavičić, Jurica: Crven­ka­pica. Zagreb 2006.

 

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