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Vom Mädchen mit der roten Kappe

Posted on 16. Juni 2008 by Roswitha Kersten-Pejanić
Jurica Pavičić hat sich bei Charles Perrault und den Gebrüdern Grimm bedient und doch mehr als nur eine moderne Version eines alten Volksmärchens geschaffen. Sein fünfter Roman, "Crvenkapica" (Rotkäppchen), enthält alles, was ein guter Thriller braucht und überzeugt zudem als Sozialstudie der kroatischen Nachkriegsgesellschaft.

Jurica Pavičić hat sich bei Charles Perrault und den Gebrüdern Grimm bedient und doch mehr als nur eine moderne Version eines alten Volksmärchens geschaffen. Sein fünfter Roman, Crvenkapica (Rotkäppchen), enthält alles, was ein guter Thriller braucht und überzeugt zudem als Sozialstudie der kroatischen Nachkriegsgesellschaft.

„Es war einmal in einem Dorf ein kleines Mädchen…“ – vielleicht hätte Pavičić, wie Charles Perrault 1697, sein Rotkäppchen auch mit diesen Worten beginnen können. Denn nach nur wenigen Seiten Lektüre im jüngsten Roman des aus Split stammenden Autors, spätestens aber, als das junge Mädchen Mare von ihrer Mutter eine rote Mütze aufgeschwatzt bekommt, wird deutlich, dass nicht allein der Buchtitel an das alte Märchen vom Rotkäppchen, der Großmutter und dem bösen Wolf erinnert. Bei Pavičić wird das Rotkäppchen nicht in den dunklen Wald zur kranken Großmutter geschickt, vielmehr schickt die kranke Mutter sie zur äußerst rüstigen alten Tante, und zwar direkt in den Großstadtdschungel – nach Zagreb.

Böse Wölfe gibt es gleich zwei in dieser Geschichte. Im Bus sitzt Mare neben einem freundlichen alten Herrn, der ihr erst Bilder seiner Enkelin zeigt und später das gesamte Geld stiehlt. Der andere böse Wolf ist der Taxifahrer Vinko. Wie schon sein Vorgänger scheint auch er ein Opfer der gesellschaftlichen Neuordnungen in Kroatien zu sein. ‚Nebenberuflich’ sucht er die Bekanntschaft mit wohlhabenden alten Damen, um sie später ihrer Kunstgegenstände zu entledigen.

Und dann ist da Olga, die achtzigjährige Tante, die im Zagreber Viertel Vrhovac allein im Haus ihrer Familie lebt und an deren Körper die kroatische Geschichte ihre Spuren hinterlassen hat. Jede einzelne Narbe und alle Zeichen durchlebter Krankheiten, stehen nicht nur für Olgas persönliches Leid der letzten 80 Jahre, sondern sind vor allem Zeichen historischer Ereignisse in Kroatien, auf dem Balkan und in Europa.

Insbesondere die nuancierte Darstellung der beiden weiblichen Figuren macht aus der auf den ersten Blick so einfach strukturierten Geschichte des Volksmärchens eine komplexe Sozialstudie der modernen kroatischen Gesellschaft. Sowohl die sehr junge Mare als auch die sehr alte Olga können als stereotype Vertreterinnen von gegensätzlichen sozialen und ideologischen Strömungen der Nachkriegsgesellschaft Kroatiens gelesen werden. Während sich Olga in 80 Jahren jugoslawisch-kroatischer Geschichte nach Erfahrungen in KZ und Gefängnis zu einer Parteianhängerin im Tito-Jugoslawien entwickelt hat, eine erfolgreiche Biologin ist, und auch im hohen Alter unabhängig und selbständig, ist Mare zunächst ganz Abbild der selbstaufopfernden, tief katholischen und nichts in Frage stellenden Weiblichkeit, wie sie sich die nationalpatriotischen Kräfte im Kroatien der 1990er Jahre nur wünschen konnten. Doch Pavičić bleibt nicht bei diesem Stereotyp: Mare durchläuft eine Entwicklung hin zu einer selbstbestimmten Frau, indem sie sich zuerst gegenüber ihrer Mutter emanzipiert und schließlich in Zadar ein Studium aufnimmt. Dass sie für diese Entwicklung erst einen ‚Wolf’ töten muss, mag in diesem Zusammenhang nicht weiter überraschen: In einem Akt brachialer Gewalt in bester Thriller-Manie ‚entledigt sich Mare jeglicher klischeehafter Weiblichkeit.

Jurica Pavičić hat sich in Kroatien vor allem als Krimi- und Thrillerautor etabliert, aber auch in seinem 2005 erschienenen, melodramatischen Roman Kuća njene majke (Das Haus ihrer Mutter) hat er sich schon der Darstellung komplexer weiblicher Figuren angenommen, anhand derer er aktuelle gesellschaftliche Strukturen veranschaulicht und kritisch beleuchtet. Für besondere Resonanz sorgte sein 1997 veröffentlichter und 2001 ins Deutsche übersetzter Krimi Ovce od gipsa (dt. Nachtbus nach Triest), dessen Filmadaption Svjedoci (dt. Zeugen) später den Friedenspreis auf der Berlinale bekommen hat. Der kritische Umgang mit den Kriegsgeschehnissen und der verbreiteten Korruption in den Kriegsjahren hat dafür gesorgt, dass sich Jurica Pavičić auch im Ausland einen Namen gemacht hat. Trotz oder gerade wegen dieses Tabubruchs in Ovce od gipsa wurde der Roman zum Bestseller in Kroatien.

Schon früh hat sich der studierte Literaturwissenschaftler und etablierte Journalist und Filmkritiker Pavičić somit an Themen gewagt, die dem kroatischen Eigenbild als entweder Helden hervorbringendes, jahrhundertealtes Reich oder naives Opfer äußerer Umstände und Missverständnisse provokativ entgegenstehen. Von anderen kritischen kroatischen AutorInnen unterscheidet ihn dabei vor allem das von ihm favorisierte Genre, der Thriller.

Pavičićs Stil ist geprägt von direkter Rede und kurzen, klaren Sätzen. Der Erzähler bleibt stets nah an den Figuren, er beobachtet mehr als dass er erklärt. Die kroatische Kritik spricht in diesem Zusammenhang gerne von Pavičićs Nähe zum Film, die sich in seiner Prosa wiederfindet. Nachdem sein letzter Roman, Kuća njene majke,wenig Anklang gefunden hat, wird sein Ausflug in die Welt der Märchen, der gleichzeitig eine Rückkehr zum Genre des Thrillers ist, den er nach Meinung der Kritiker am besten beherrscht, positiv aufgenommen. Die Anlehnung an das Genre Märchen wird im letzten der drei Teile des Romans völlig durchbrochen. Hier wird in fast schon zu streng befolgter und geradezu unmotiviert wirkender Weise ein klassisches Kriminalroman-Ende eingeleitet. Die Aufklärungsarbeit des Detektivs, die in der Kriminalliteratur der Wiederherstellung der Gerechtigkeit und Ordnung dient, läuft ins Leere – allein der Leser weiß am Ende, wer der Mörder ist. Jedoch gelingt es Pavčić mit diesem Ende, die Schuldfrage noch einmal in den Fokus zu rücken – gerade in der Konfrontation  moralischer Werte einer Märchenwelt mit der gelebten Wirklichkeit der Romanhelden.

Egal ob Märchen oder Thriller, es gelingt Pavičić in allen Teilen des Romans, ein breites Spektrum an aktuellen und brisanten Themen aufzurufen. Das betrifft nicht nur die Darstellung der Rückentwicklung in der Emanzipation durch das nach dem Zerfall Jugoslawiens ideologisch hochstilisierte kroatische Frauenbild im konservativen und vor allem patriarchal-katholisch geprägten Kroatien der 1990er Jahre. Es ist vor allem auch die kritische Thematisierung der faschistischen Vergangenheit Kroatiens, die in der Darstellung der Lebensgeschichte Olgas  die politische Dimension des Romans hervortreten lässt.

 

Pavičić, Jurica: Crvenkapica. Zagreb 2006.

 

Vom Mädchen mit der roten Kappe – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Vom Mäd­chen mit der roten Kappe

Jurica Pavičić hat sich bei Charles Per­rault und den Gebrü­dern Grimm bedient und doch mehr als nur eine moderne Ver­sion eines alten Volks­mär­chens geschaffen. Sein fünfter Roman, Crven­ka­pica (Rot­käpp­chen), ent­hält alles, was ein guter Thriller braucht und über­zeugt zudem als Sozi­al­studie der kroa­ti­schen Nachkriegsgesellschaft.

„Es war einmal in einem Dorf ein kleines Mäd­chen…“ – viel­leicht hätte Pavičić, wie Charles Per­rault 1697, sein Rot­käpp­chen auch mit diesen Worten beginnen können. Denn nach nur wenigen Seiten Lek­türe im jüngsten Roman des aus Split stam­menden Autors, spä­tes­tens aber, als das junge Mäd­chen Mare von ihrer Mutter eine rote Mütze auf­ge­schwatzt bekommt, wird deut­lich, dass nicht allein der Buch­titel an das alte Mär­chen vom Rot­käpp­chen, der Groß­mutter und dem bösen Wolf erin­nert. Bei Pavičić wird das Rot­käpp­chen nicht in den dunklen Wald zur kranken Groß­mutter geschickt, viel­mehr schickt die kranke Mutter sie zur äußerst rüs­tigen alten Tante, und zwar direkt in den Groß­stadt­dschungel – nach Zagreb.

Böse Wölfe gibt es gleich zwei in dieser Geschichte. Im Bus sitzt Mare neben einem freund­li­chen alten Herrn, der ihr erst Bilder seiner Enkelin zeigt und später das gesamte Geld stiehlt. Der andere böse Wolf ist der Taxi­fahrer Vinko. Wie schon sein Vor­gänger scheint auch er ein Opfer der gesell­schaft­li­chen Neu­ord­nungen in Kroa­tien zu sein. ‚Neben­be­ruf­lich’ sucht er die Bekannt­schaft mit wohl­ha­benden alten Damen, um sie später ihrer Kunst­ge­gen­stände zu entledigen.

Und dann ist da Olga, die acht­zig­jäh­rige Tante, die im Zagreber Viertel Vrhovac allein im Haus ihrer Familie lebt und an deren Körper die kroa­ti­sche Geschichte ihre Spuren hin­ter­lassen hat. Jede ein­zelne Narbe und alle Zei­chen durch­lebter Krank­heiten, stehen nicht nur für Olgas per­sön­li­ches Leid der letzten 80 Jahre, son­dern sind vor allem Zei­chen his­to­ri­scher Ereig­nisse in Kroa­tien, auf dem Balkan und in Europa.

Ins­be­son­dere die nuan­cierte Dar­stel­lung der beiden weib­li­chen Figuren macht aus der auf den ersten Blick so ein­fach struk­tu­rierten Geschichte des Volks­mär­chens eine kom­plexe Sozi­al­studie der modernen kroa­ti­schen Gesell­schaft. Sowohl die sehr junge Mare als auch die sehr alte Olga können als ste­reo­type Ver­tre­te­rinnen von gegen­sätz­li­chen sozialen und ideo­lo­gi­schen Strö­mungen der Nach­kriegs­ge­sell­schaft Kroa­tiens gelesen werden. Wäh­rend sich Olga in 80 Jahren jugo­sla­wisch-kroa­ti­scher Geschichte nach Erfah­rungen in KZ und Gefängnis zu einer Par­tei­an­hän­gerin im Tito-Jugo­sla­wien ent­wi­ckelt hat, eine erfolg­reiche Bio­login ist, und auch im hohen Alter unab­hängig und selb­ständig, ist Mare zunächst ganz Abbild der selbst­auf­op­fernden, tief katho­li­schen und nichts in Frage stel­lenden Weib­lich­keit, wie sie sich die natio­nal­pa­trio­ti­schen Kräfte im Kroa­tien der 1990er Jahre nur wün­schen konnten. Doch Pavičić bleibt nicht bei diesem Ste­reotyp: Mare durch­läuft eine Ent­wick­lung hin zu einer selbst­be­stimmten Frau, indem sie sich zuerst gegen­über ihrer Mutter eman­zi­piert und schließ­lich in Zadar ein Stu­dium auf­nimmt. Dass sie für diese Ent­wick­lung erst einen ‚Wolf’ töten muss, mag in diesem Zusam­men­hang nicht weiter über­ra­schen: In einem Akt bra­chialer Gewalt in bester Thriller-Manie ‚ent­le­digt sich Mare jeg­li­cher kli­schee­hafter Weiblichkeit.

Jurica Pavičić hat sich in Kroa­tien vor allem als Krimi- und Thril­ler­autor eta­bliert, aber auch in seinem 2005 erschie­nenen, melo­dra­ma­ti­schen Roman Kuća njene majke (Das Haus ihrer Mutter) hat er sich schon der Dar­stel­lung kom­plexer weib­li­cher Figuren ange­nommen, anhand derer er aktu­elle gesell­schaft­liche Struk­turen ver­an­schau­licht und kri­tisch beleuchtet. Für beson­dere Reso­nanz sorgte sein 1997 ver­öf­fent­lichter und 2001 ins Deut­sche über­setzter Krimi Ovce od gipsa (dt. Nachtbus nach Triest), dessen Film­ad­ap­tion Svje­doci (dt. Zeugen) später den Frie­dens­preis auf der Ber­li­nale bekommen hat. Der kri­ti­sche Umgang mit den Kriegs­ge­scheh­nissen und der ver­brei­teten Kor­rup­tion in den Kriegs­jahren hat dafür gesorgt, dass sich Jurica Pavičić auch im Aus­land einen Namen gemacht hat. Trotz oder gerade wegen dieses Tabu­bruchs in Ovce od gipsa wurde der Roman zum Best­seller in Kroatien.

Schon früh hat sich der stu­dierte Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler und eta­blierte Jour­na­list und Film­kri­tiker Pavičić somit an Themen gewagt, die dem kroa­ti­schen Eigen­bild als ent­weder Helden her­vor­brin­gendes, jahr­hun­der­te­altes Reich oder naives Opfer äußerer Umstände und Miss­ver­ständ­nisse pro­vo­kativ ent­ge­gen­stehen. Von anderen kri­ti­schen kroa­ti­schen AutorInnen unter­scheidet ihn dabei vor allem das von ihm favo­ri­sierte Genre, der Thriller.

Pavičićs Stil ist geprägt von direkter Rede und kurzen, klaren Sätzen. Der Erzähler bleibt stets nah an den Figuren, er beob­achtet mehr als dass er erklärt. Die kroa­ti­sche Kritik spricht in diesem Zusam­men­hang gerne von Pavičićs Nähe zum Film, die sich in seiner Prosa wie­der­findet. Nachdem sein letzter Roman, Kuća njene majke,wenig Anklang gefunden hat, wird sein Aus­flug in die Welt der Mär­chen, der gleich­zeitig eine Rück­kehr zum Genre des Thril­lers ist, den er nach Mei­nung der Kri­tiker am besten beherrscht, positiv auf­ge­nommen. Die Anleh­nung an das Genre Mär­chen wird im letzten der drei Teile des Romans völlig durch­bro­chen. Hier wird in fast schon zu streng befolgter und gera­dezu unmo­ti­viert wir­kender Weise ein klas­si­sches Kri­mi­nal­roman-Ende ein­ge­leitet. Die Auf­klä­rungs­ar­beit des Detek­tivs, die in der Kri­mi­nal­li­te­ratur der Wie­der­her­stel­lung der Gerech­tig­keit und Ord­nung dient, läuft ins Leere – allein der Leser weiß am Ende, wer der Mörder ist. Jedoch gelingt es Pavčić mit diesem Ende, die Schuld­frage noch einmal in den Fokus zu rücken – gerade in der Kon­fron­ta­tion  mora­li­scher Werte einer Mär­chen­welt mit der gelebten Wirk­lich­keit der Romanhelden.

Egal ob Mär­chen oder Thriller, es gelingt Pavičić in allen Teilen des Romans, ein breites Spek­trum an aktu­ellen und bri­santen Themen auf­zu­rufen. Das betrifft nicht nur die Dar­stel­lung der Rück­ent­wick­lung in der Eman­zi­pa­tion durch das nach dem Zer­fall Jugo­sla­wiens ideo­lo­gisch hoch­sti­li­sierte kroa­ti­sche Frau­en­bild im kon­ser­va­tiven und vor allem patri­ar­chal-katho­lisch geprägten Kroa­tien der 1990er Jahre. Es ist vor allem auch die kri­ti­sche The­ma­ti­sie­rung der faschis­ti­schen Ver­gan­gen­heit Kroa­tiens, die in der Dar­stel­lung der Lebens­ge­schichte Olgas  die poli­ti­sche Dimen­sion des Romans her­vor­treten lässt.

 

Pavičić, Jurica: Crven­ka­pica. Zagreb 2006.