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Mündliche Ausstellung: Dmitrij-Strocev-Abend

Posted on 11. Juni 2013 by Heinrich Kirschbaum & Jaraslava Ananka
Zusammen mit "novinki" organisierte Ende Oktober 2012 die philologisch-literarische Initiative „Ruthenia Poetica“ der neu besetzten Juniorprofessur für Westslawische Literaturen und Kulturen einen literarischen Abend: Der Minsker Dichter Dmitrij Strocev las aus seinem neuesten Gedichtband Gazeta vor. Yaraslava Ananka und Heinrich Kirschbaum führten für novinki ein Interview mit ihm.

Zusammen mit "novinki" organisierte Ende Oktober 2012 die philologisch-literarische Initiative „Ruthenia Poetica“ der neu besetzten Juniorprofessur für Westslawische Literaturen und Kulturen  einen literarischen Abend: Der Minsker Dichter Dmitrij Strocev las aus seinem neuesten Gedichtband "Gazeta" vor. Yaraslava Ananka und Heinrich Kirschbaum führten für "novinki" ein Interview mit ihm.

 

Dmitrij Strocev wurde 1963 in Minsk geboren. Architekt von Beruf, arbeitete er zunächst als Designer, dann war er im Verlagswesen tätig. Während der Perestrojka wirkte Strocev bei der Künstler-Gruppe „Belorusskij klimat“ (Weißrussisches Klima) mit, die im Genre des „izustnoe kino“ (mündliches Kino) und der „izustnaja vystavka“ (mündliche Ausstellung) arbeitete. In den 1990ern organisierte Strocev das Minsker Lyrikfestival „Vremja i mesto“ (Zeit und Ort). Strocev war und ist als Dichter und Literaturträger ein untrennbarer Teil des russischen poetischen Lebens der letzten 20 Jahre, er organisiert das Festival des Stimmengedichts in Moskau, gibt den Almanach und die poetische Reihe Minskaja škola (Minsker Schule) heraus. Autor von sieben Gedichtbänden, Mitglied des weißrussischen PEN, Laureat der renommierten „Russkaja Premija“, eines Preises für die besten russischsprachigen Autoren außerhalb Russlands, war er auf der Shortlist des Andrej-Belyj-Preises, eines der renommiertesten literarischen Prämien Russlands. Sein neuster Gedichtband Gazeta (Die Zeitung) erschien beim Verlagshaus „Novoe literaturnoe Obozrenie“ (Neue literarische Rundschau) und wurde intensiv von der russischen Literaturkritik rezensiert und reflektiert. Für viele Leser und Kritiker war völlig unerwartet, dass Strocev in seinen Texten die für ihn neuen, scharf sozialen und politischen, Belarus und Russland betreffenden Themen aufgriff.

 

 

 

novinki: Der Titel und die Themen deines Gedichtbandes, in dem es viel scharfe soziale Lyrik gibt, rechtfertigt unsere folgenden, ein wenig politisierten Fragen an dich, obwohl wir uns im Klaren sind, dass das Politische nur eine Komponente deiner Dichtung bildet. Beginnen wir aber mit der „reinen Poesie“. Vor Berlin warst du in Regensburg auf einer Konferenz zur Deklamation, als deren Theoretiker und Praktiker. Sag uns bitte, welche Rolle für dich das Vortragen des Gedichts spielt: Ist das Lautlich-Artikulatorische ein untrennbarer Bestandteil des Gedichts, verstehst du ein Gedicht in diesem Sinn als ein Ereignis, oder ist es mehr oder weniger Dekor, ein Performance-Verfahren, das den Text zwar anreichert, aber dennoch sekundärbleibt?

 

Dmitrij Strocev: Für mich ist das Vortragen, die Aus‑ und Aufführung des poetischen Textes äußerst wichtig. Es ist kein Zufall, dass ich das Festival der Stimmlyrik (Festival’ golosovogo sticha) in Moskau mitorganisiere. Als Deklamator des Gedichts bin ich bereits ein Interpret, d.h. ein beliebiger Leser, den das Gedicht ergreift und eine Interpretation verlangt. Als Ideologe und Kurator des Festivals der Stimmlyrik habe ich eine Konzeption dazu entwickelt: Die Dichtung ist ein Phänomen der Rede, und nicht der Schrift, deshalb liegt die Erfüllung des poetischen Ereignisses in seiner Ausführung. Der Text selbst ist nur als eine gewisse Stütze zu verstehen, ähnlich wie bei der Notenaufschreibung.

 

n.: Dima, du gibst den Almanach und die Lyrikreihe "Minsker Schule" heraus, die einige weißrussische Dichter vereint, die auf Russisch dichten. Wie fühlt sich die russischsprachige Lyrik in Weißrussland, wenn für die meisten der linguistische und ethische Code des Widerstands das Weißrussische ist? Wie kommst du als Mensch und Künstler, der alles versteht und feinfühlig spürt, was in Belarus vor sich geht, aus diesem Dilemma heraus?

 

D.S.: Als Dichter bin ich in der Minsker nonkonformistischen Umgebung aufgewachsen, die sich in den 1970-80er Jahren herausbildete. Ein paar Worte zur Herkunft dieses Milieus: Minsk war vor der Revolution eine multiethnische Stadt. Auf den Straßen hörte man Jiddisch, Polnisch, Weißrussisch, Russisch... Und sogar in der Sowjetzeit waren diese vier Sprachen anerkannte Staatssprachen der Republik. Eine Situation, die ihresgleichen sucht. Nirgendwo auf der Welt war Jiddisch eine offizielle Sprache, jedoch im Weißrussland der 1920er Jahre schon. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte die Sowjetmacht alles zu konvertieren, alles auf eine Sprache, auf das Russische zu reduzieren. Das Weißrussische wurde bloß formal unterstützt. Und die jüdischen Dichter mussten vom Jiddischen zum Russischen übergehen, da es keine jüdischen (und keine polnischen) Kultureinrichtungen und Ausbildungsstätten mehr gab. In den 1970ern wurde das einmal kleine provinzielle Minsk zu einer Millionenstadt, und die Dichter dieser Metropole schrieben in der Sprache, die sie beherrschten.

In der Zeit der Perestrojka wurde es möglich, öffentlich aufzutreten. In Minsk fanden zahlreiche „Barden“-Konzerte statt, sehr viele Menschen waren dabei und alles war auf Russisch. Auf diesen Konzerten traten auch wir auf, wir lasen Gedichte zu aktuellen Ereignissen vor, und dann ging Zenon Poznjak auf die Bühne. Er sprach demonstrativ Weißrussisch, und wenn er so über die Kuropaty, das Massengrab der Opfer des stalinistischen Terrors, erzählte, erklärte er das Weißrussische implizit zur einzig legitimen oppositionellen Sprache. Als die demokratischen Kräfte an die Macht kamen, wurde Zenon Poznjak zu ihrem Anführer und Symbol. Sogar der kanonisierte weißrussisch-sowjetische Schriftsteller Vasil’ Bykau unterlag Poznjaks Anziehungskraft und bezeichnete „alle russischsprachigen Menschen in Weißrussland“ – als – „eine Art Fünfte Kolonne“. Später distanzierte sich Bykau davon. Heute sind viele Vertreter des demokratischen Lagers überzeugt, dass diese Art Sprachpolitik der entscheidende Fehler war, der Lukašenko an die Macht verhalf. Jedenfalls gab es damals deswegen einen Riss in der demokratischen Bewegung.

 

n.: Und wie sieht die Situation heute aus?

 

D.S.: Heute gehen weißrussisch‑ und russischsprachige Schriftsteller, Dichter und andere Kulturaktivisten wieder aufeinander zu. Unsere alten Streitigkeiten und gegenseitigen Vorwürfe sind beiseite gelegt, und das ist tatsächlich eine wichtige Wende, die sich in gemeinsamen Projekten ausdrückt, in gegenseitigen Übersetzungen und im gegenseitigen Respekt. Ich hoffe, dass diese Tendenz die Oberhand gewinnen und zu guten Entwicklungen führen wird. Ich glaube, dass die Zukunft nicht der weißrussischen Sprache gehört, die das Russische verdrängt, und nicht dem Russischen, das das Weißrussische verdrängt. Die Zukunft gehört der Wiederherstellung der multilingualen Situation. Das mag utopisch klingen, aber es liegt an der historischen Besonderheit des Landes, in dem ich lebe. In Weißrussland gibt es heute das Weißrussische und das Russische, das Polnische kann zurückkehren. Ich persönlich träume davon, dass auch Jiddisch irgendwie zurückkehrt.

Wenn man den poetischen literarischen Prozess als ein Wellen-Phänomen begreift, dann sehen wir, dass die weißrussischsprachige Dichtung heute „auf der Welle“ ist, und die russischsprachige eine Krise erlebt. Die weißrussischsprachige Dichtung ist komplex und vielfältig. Ich nenne hier nur Vera Burlak oder Maryjka Martysevič: Diese jungen Dichterinnen machen letztendlich das, was auch ich auf meine Art und Weise mache. Maryjka Martysevič hat ein Gedicht „Naradzi prėzidėnta!“ („Gebäre den Präsidenten!“) geschrieben. Das ist eine Antwort auf das russischsprachige Gedicht Slavamir Adamovičs aus den 1990er Jahren „Ubej prezidenta!“ („Töte den Präsidenten!“). Ich finde, es ist eine gute Tendenz.

 

n.: In Minsk präsentiertest du deinen Gedichtband "Gazeta" (Die Zeitung) am 10. Oktober, am Tag des Kampfes gegen die Todesstrafe. Die Explosion in der Minsker U-Bahn 2011 und die Hinrichtung der Angeklagten wurden für viele zum letzten Tropfen, nach dem man nicht mehr apolitisch bleiben und mit der herrschenden Macht und Staatsgewalt friedlich ko-existieren kann. Du hast einen offenen Brief an Lukašenko geschrieben mit der Bitte, das Todesurteil aufzuheben, die Tat gründlich zu untersuchen oder dich mit den Angeklagten zu erschießen. Was geschah mit dem Land und mit dir persönlich nach dieser Hinrichtung?

 

D.S.: Es ist nicht leicht, sich zu diesem Thema lakonisch zu äußern. Ich versuche es trotzdem. Dieser Prozess und diese Hinrichtung gingen jeden Weißrussen an. Und es ist seltsam. Natürlich gab es viele außerhalb des Landes, die diesen Prozess kritisch und teilnahmevoll mitverfolgten. Aber alle Weißrussen, unabhängig von ihrer politischen Einstellung, erlebten es als ihr persönliches, familiäres Unglück, weil die Opfer keine Ausländer waren und keine Vertreter der Opposition oder der Machtstrukturen, sondern Menschen, die man aus der Menschenmenge auf der Straße herausriss. Und alle begreifen nun, das ist der Punkt, wo jeder seine Wahl treffen muss: Entweder versteht man, dass es zuhause keine Gewalt geben darf, oder man entscheidet sich dafür, dass es Ziele gibt, für die wir unsere Kinder opfern können. Natürlich kommt es im Bewusstsein der Menschen zu allerlei Verdrängungen und Substitutionen in der Art: Ja, die Hinrichtung gab es, aber vielleicht waren sie doch irgendwie schuldig etc. Das sind alles Beruhigungsmittel und Abwehrmechanismen, damit man nicht mit dem entblößten, nackten Gewissen lebt. Trotzdem kann so ein Schlag gegen das Gewissen der Menschen nicht ohne Folgen bleiben. Weißrussland ist das einzige Land in Europa, wo die Todesstrafe vollstreckt wird. Den Grad des Vertrauens gegenüber der Gewalt zu überprüfen oder die Frage nach der Todesstrafe zur Volksabstimmung zu bringen, ist aussichtslos. Die Mehrheit wird sich natürlich für die Todesstrafe aussprechen. Aber heute gibt es eine starke Minderheit, die zu einem Dialog innerhalb des Landes bereit ist, bereit zur mühsamen Arbeit in dieser Richtung.

 

n.: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führten Heinrich Kirschbaum und Yaraslava Ananka.

 

Illustration von Nastasia Louveau

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Mündliche Ausstellung: Dmitrij-Strocev-Abend – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Münd­liche Aus­stel­lung: Dmi­trij-Strocev-Abend

Zusammen mit “novinki” orga­ni­sierte Ende Oktober 2012 die phi­lo­lo­gisch-lite­ra­ri­sche Initia­tive „Ruthenia Poe­tica“ der neu besetzten Juni­or­pro­fessur für West­sla­wi­sche Lite­ra­turen und Kul­turen  einen lite­ra­ri­schen Abend: Der Minsker Dichter Dmi­trij Strocev las aus seinem neu­esten Gedicht­band “Gazeta” vor. Yaras­lava Ananka und Hein­rich Kirsch­baum führten für “novinki” ein Inter­view mit ihm.

 

Dmi­trij Strocev wurde 1963 in Minsk geboren. Archi­tekt von Beruf, arbei­tete er zunächst als Desi­gner, dann war er im Ver­lags­wesen tätig. Wäh­rend der Pere­strojka wirkte Strocev bei der Künstler-Gruppe „Belo­russkij klimat“ (Weiß­rus­si­sches Klima) mit, die im Genre des „izu­stnoe kino“ (münd­li­ches Kino) und der „izu­st­naja vys­tavka“ (münd­liche Aus­stel­lung) arbei­tete. In den 1990ern orga­ni­sierte Strocev das Minsker Lyrik­fes­tival „Vremja i mesto“ (Zeit und Ort). Strocev war und ist als Dichter und Lite­ra­tur­träger ein untrenn­barer Teil des rus­si­schen poe­ti­schen Lebens der letzten 20 Jahre, er orga­ni­siert das Fes­tival des Stim­men­ge­dichts in Moskau, gibt den Alma­nach und die poe­ti­sche Reihe Mins­kaja škola (Minsker Schule) heraus. Autor von sieben Gedicht­bänden, Mit­glied des weiß­rus­si­schen PEN, Lau­reat der renom­mierten „Russ­kaja Pre­mija“, eines Preises für die besten rus­sisch­spra­chigen Autoren außer­halb Russ­lands, war er auf der Short­list des Andrej-Belyj-Preises, eines der renom­mier­testen lite­ra­ri­schen Prä­mien Russ­lands. Sein neuster Gedicht­band Gazeta (Die Zei­tung) erschien beim Ver­lags­haus „Novoe lite­ra­turnoe Oboz­renie“ (Neue lite­ra­ri­sche Rund­schau) und wurde intensiv von der rus­si­schen Lite­ra­tur­kritik rezen­siert und reflek­tiert. Für viele Leser und Kri­tiker war völlig uner­wartet, dass Strocev in seinen Texten die für ihn neuen, scharf sozialen und poli­ti­schen, Belarus und Russ­land betref­fenden Themen auf­griff.

 

 

 

novinki: Der Titel und die Themen deines Gedicht­bandes, in dem es viel scharfe soziale Lyrik gibt, recht­fer­tigt unsere fol­genden, ein wenig poli­ti­sierten Fragen an dich, obwohl wir uns im Klaren sind, dass das Poli­ti­sche nur eine Kom­po­nente deiner Dich­tung bildet. Beginnen wir aber mit der „reinen Poesie“. Vor Berlin warst du in Regens­burg auf einer Kon­fe­renz zur Dekla­ma­tion, als deren Theo­re­tiker und Prak­tiker. Sag uns bitte, welche Rolle für dich das Vor­tragen des Gedichts spielt: Ist das Laut­lich-Arti­ku­la­to­ri­sche ein untrenn­barer Bestand­teil des Gedichts, ver­stehst du ein Gedicht in diesem Sinn als ein Ereignis, oder ist es mehr oder weniger Dekor, ein Per­for­mance-Ver­fahren, das den Text zwar anrei­chert, aber den­noch sekun­där­b­leibt?

 

Dmi­trij Strocev: Für mich ist das Vor­tragen, die Aus‑ und Auf­füh­rung des poe­ti­schen Textes äußerst wichtig. Es ist kein Zufall, dass ich das Fes­tival der Stimm­lyrik (Fes­tival’ golo­so­vogo sticha) in Moskau mit­or­ga­ni­siere. Als Dekla­mator des Gedichts bin ich bereits ein Inter­pret, d.h. ein belie­biger Leser, den das Gedicht ergreift und eine Inter­pre­ta­tion ver­langt. Als Ideo­loge und Kurator des Fes­ti­vals der Stimm­lyrik habe ich eine Kon­zep­tion dazu ent­wi­ckelt: Die Dich­tung ist ein Phä­nomen der Rede, und nicht der Schrift, des­halb liegt die Erfül­lung des poe­ti­schen Ereig­nisses in seiner Aus­füh­rung. Der Text selbst ist nur als eine gewisse Stütze zu ver­stehen, ähn­lich wie bei der Noten­auf­schrei­bung.

 

n.: Dima, du gibst den Alma­nach und die Lyrik­reihe “Minsker Schule” heraus, die einige weiß­rus­si­sche Dichter ver­eint, die auf Rus­sisch dichten. Wie fühlt sich die rus­sisch­spra­chige Lyrik in Weiß­russ­land, wenn für die meisten der lin­gu­is­ti­sche und ethi­sche Code des Wider­stands das Weiß­rus­si­sche ist? Wie kommst du als Mensch und Künstler, der alles ver­steht und fein­fühlig spürt, was in Belarus vor sich geht, aus diesem Dilemma heraus?

 

D.S.: Als Dichter bin ich in der Minsker non­kon­for­mis­ti­schen Umge­bung auf­ge­wachsen, die sich in den 1970–80er Jahren her­aus­bil­dete. Ein paar Worte zur Her­kunft dieses Milieus: Minsk war vor der Revo­lu­tion eine mul­ti­eth­ni­sche Stadt. Auf den Straßen hörte man Jid­disch, Pol­nisch, Weiß­rus­sisch, Rus­sisch… Und sogar in der Sowjet­zeit waren diese vier Spra­chen aner­kannte Staats­spra­chen der Repu­blik. Eine Situa­tion, die ihres­glei­chen sucht. Nir­gendwo auf der Welt war Jid­disch eine offi­zi­elle Sprache, jedoch im Weiß­russ­land der 1920er Jahre schon. Nach dem Zweiten Welt­krieg ver­suchte die Sowjet­macht alles zu kon­ver­tieren, alles auf eine Sprache, auf das Rus­si­sche zu redu­zieren. Das Weiß­rus­si­sche wurde bloß formal unter­stützt. Und die jüdi­schen Dichter mussten vom Jid­di­schen zum Rus­si­schen über­gehen, da es keine jüdi­schen (und keine pol­ni­schen) Kul­tur­ein­rich­tungen und Aus­bil­dungs­stätten mehr gab. In den 1970ern wurde das einmal kleine pro­vin­zi­elle Minsk zu einer Mil­lio­nen­stadt, und die Dichter dieser Metro­pole schrieben in der Sprache, die sie beherrschten.

In der Zeit der Pere­strojka wurde es mög­lich, öffent­lich auf­zu­treten. In Minsk fanden zahl­reiche „Barden“-Konzerte statt, sehr viele Men­schen waren dabei und alles war auf Rus­sisch. Auf diesen Kon­zerten traten auch wir auf, wir lasen Gedichte zu aktu­ellen Ereig­nissen vor, und dann ging Zenon Poznjak [radi­kaler weiß­rus­si­scher poli­tisch-gesell­schaft­li­cher Akti­vist und Oppo­si­tio­neller – Anm. d. Red.] auf die Bühne. Er sprach demons­trativ Weiß­rus­sisch, und wenn er so über die Kuro­paty, das Mas­sen­grab der Opfer des sta­li­nis­ti­schen Ter­rors, erzählte, erklärte er das Weiß­rus­si­sche implizit zur einzig legi­timen oppo­si­tio­nellen Sprache. Als die demo­kra­ti­schen Kräfte an die Macht kamen, wurde Zenon Poznjak zu ihrem Anführer und Symbol. Sogar der kano­ni­sierte weiß­rus­sisch-sowje­ti­sche Schrift­steller Vasil’ Bykau unterlag Poznjaks Anzie­hungs­kraft und bezeich­nete „alle rus­sisch­spra­chigen Men­schen in Weiß­russ­land“ – als – „eine Art Fünfte Kolonne“. Später distan­zierte sich Bykau davon. Heute sind viele Ver­treter des demo­kra­ti­schen Lagers über­zeugt, dass diese Art Sprach­po­litik der ent­schei­dende Fehler war, der Lukašenko an die Macht ver­half. Jeden­falls gab es damals des­wegen einen Riss in der demo­kra­ti­schen Bewe­gung.

 

n.: Und wie sieht die Situa­tion heute aus?

 

D.S.: Heute gehen weißrussisch‑ und rus­sisch­spra­chige Schrift­steller, Dichter und andere Kul­tur­ak­ti­visten wieder auf­ein­ander zu. Unsere alten Strei­tig­keiten und gegen­sei­tigen Vor­würfe sind bei­seite gelegt, und das ist tat­säch­lich eine wich­tige Wende, die sich in gemein­samen Pro­jekten aus­drückt, in gegen­sei­tigen Über­set­zungen und im gegen­sei­tigen Respekt. Ich hoffe, dass diese Ten­denz die Ober­hand gewinnen und zu guten Ent­wick­lungen führen wird. Ich glaube, dass die Zukunft nicht der weiß­rus­si­schen Sprache gehört, die das Rus­si­sche ver­drängt, und nicht dem Rus­si­schen, das das Weiß­rus­si­sche ver­drängt. Die Zukunft gehört der Wie­der­her­stel­lung der mul­ti­lin­gualen Situa­tion. Das mag uto­pisch klingen, aber es liegt an der his­to­ri­schen Beson­der­heit des Landes, in dem ich lebe. In Weiß­russ­land gibt es heute das Weiß­rus­si­sche und das Rus­si­sche, das Pol­ni­sche kann zurück­kehren. Ich per­sön­lich träume davon, dass auch Jid­disch irgendwie zurück­kehrt.

Wenn man den poe­ti­schen lite­ra­ri­schen Pro­zess als ein Wellen-Phä­nomen begreift, dann sehen wir, dass die weiß­rus­sisch­spra­chige Dich­tung heute „auf der Welle“ ist, und die rus­sisch­spra­chige eine Krise erlebt. Die weiß­rus­sisch­spra­chige Dich­tung ist kom­plex und viel­fältig. Ich nenne hier nur Vera Burlak oder Maryjka Mar­ty­sevič: Diese jungen Dich­te­rinnen machen letzt­end­lich das, was auch ich auf meine Art und Weise mache. Maryjka Mar­ty­sevič hat ein Gedicht „Naradzi prė­zi­dėnta!“ („Gebäre den Prä­si­denten!“) geschrieben. Das ist eine Ant­wort auf das rus­sisch­spra­chige Gedicht Sla­vamir Ada­mo­vičs aus den 1990er Jahren „Ubej pre­zi­denta!“ („Töte den Prä­si­denten!“). Ich finde, es ist eine gute Ten­denz.

 

n.: In Minsk prä­sen­tier­test du deinen Gedicht­band “Gazeta” (Die Zei­tung) am 10. Oktober, am Tag des Kampfes gegen die Todes­strafe. Die Explo­sion in der Minsker U‑Bahn 2011 und die Hin­rich­tung der Ange­klagten wurden für viele zum letzten Tropfen, nach dem man nicht mehr apo­li­tisch bleiben und mit der herr­schenden Macht und Staats­ge­walt fried­lich ko-exis­tieren kann. Du hast einen offenen Brief an Lukašenko geschrieben mit der Bitte, das Todes­ur­teil auf­zu­heben, die Tat gründ­lich zu unter­su­chen oder dich mit den Ange­klagten zu erschießen. Was geschah mit dem Land und mit dir per­sön­lich nach dieser Hin­rich­tung?

 

D.S.: Es ist nicht leicht, sich zu diesem Thema lako­nisch zu äußern. Ich ver­suche es trotzdem. Dieser Pro­zess und diese Hin­rich­tung gingen jeden Weiß­russen an. Und es ist seltsam. Natür­lich gab es viele außer­halb des Landes, die diesen Pro­zess kri­tisch und teil­nah­me­voll mit­ver­folgten. Aber alle Weiß­russen, unab­hängig von ihrer poli­ti­schen Ein­stel­lung, erlebten es als ihr per­sön­li­ches, fami­liäres Unglück, weil die Opfer keine Aus­länder waren und keine Ver­treter der Oppo­si­tion oder der Macht­struk­turen, son­dern Men­schen, die man aus der Men­schen­menge auf der Straße her­aus­riss. Und alle begreifen nun, das ist der Punkt, wo jeder seine Wahl treffen muss: Ent­weder ver­steht man, dass es zuhause keine Gewalt geben darf, oder man ent­scheidet sich dafür, dass es Ziele gibt, für die wir unsere Kinder opfern können. Natür­lich kommt es im Bewusst­sein der Men­schen zu allerlei Ver­drän­gungen und Sub­sti­tu­tionen in der Art: Ja, die Hin­rich­tung gab es, aber viel­leicht waren sie doch irgendwie schuldig etc. Das sind alles Beru­hi­gungs­mittel und Abwehr­me­cha­nismen, damit man nicht mit dem ent­blößten, nackten Gewissen lebt. Trotzdem kann so ein Schlag gegen das Gewissen der Men­schen nicht ohne Folgen bleiben. Weiß­russ­land ist das ein­zige Land in Europa, wo die Todes­strafe voll­streckt wird. Den Grad des Ver­trauens gegen­über der Gewalt zu über­prüfen oder die Frage nach der Todes­strafe zur Volks­ab­stim­mung zu bringen, ist aus­sichtslos. Die Mehr­heit wird sich natür­lich für die Todes­strafe aus­spre­chen. Aber heute gibt es eine starke Min­der­heit, die zu einem Dialog inner­halb des Landes bereit ist, bereit zur müh­samen Arbeit in dieser Rich­tung.

 

n.: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Inter­view führten Hein­rich Kirsch­baum und Yaras­lava Ananka.

 

Illus­tra­tion von Nastasia Lou­veau

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