Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Sie konnten mich nicht dazu zwingen, sie zu hassen“

‚Schuld und Sühne’ ist laut tsche­chi­scher Lite­ra­tur­kritik ein zen­trales Motiv des Romans Selský baroko (Bau­ern­ba­rock) von Jiří Hájíček, und tat­säch­lich ist das Pro­blem der Ver­ant­wor­tung für Ereig­nisse wäh­rend der sta­li­nis­ti­schen Periode eine zen­trale Frage des Textes. Dabei wird deut­lich, dass es in post­to­ta­li­tärer Zeit keine abso­lute Instanz mehr gibt, die unfehlbar über ‚Schuld und Sühne’ ent­scheiden könnte. Es geht nun eher um indi­vi­du­elle ‚Ver­bre­chen und Strafe’. Das sen­sible Thema der Auf­ar­bei­tung des tsche­cho­slo­wa­ki­schen Kom­mu­nismus, ins­be­son­dere der gewalt­tä­tigen Jahre nach der kom­mu­nis­ti­schen Macht­über­nahme im Jahre 1948, setzt die Bereit­schaft zum gesell­schaft­li­chen Dialog voraus und weist eine post­mo­derne mora­li­sche Impli­ka­tion auf.

War­tete man in den 1990er Jahren nicht nur in Tsche­chien ver­geb­lich auf den ‚großen Roman’, der die gesell­schaft­li­chen Ver­wer­fungen der kom­mu­nis­ti­schen Epoche und sein belas­tendes Erbe in den Län­dern Ost­mit­tel­eu­ropas reflek­tierte, so hat das Warten seit einigen Jahren in der tsche­chi­schen Lite­ratur ein Ende mit Romanen wie Jáchym Topols Kloktat dehet (Zir­kus­zone), Květa Lega­továs Želary (Die Leute von Želary), Radka Denemar­kovás Peníze od Hit­lera (Geld von Hitler) oder Anna Zonovás Za trest a za odměnu (Zur Strafe und zur Beloh­nung). Dabei han­delt es sich bezeich­nender Weise nicht um den ‚einen großen Roman’, der nun alles erklärt, viel­mehr zeigt sich in den Romanen der Facet­ten­reichtum kri­ti­scher Rück­schau in kleinen Geschichten, die an die Gegen­wart rück­ge­bunden sind. So auch in der Rekon­struk­tion der Ver­gan­gen­heit im Roman Bau­ern­ba­rock von Jiří Hájíček, der 2006 mit dem tsche­chi­schen Lite­ra­tur­preis Magnesia Litera als beste Prosa aus­ge­zeichnet wurde. Der Autor, geb. 1967 in České Budě­jo­vice (Bud­weis), debü­tierte 1997 mit der Erzähl­samm­lung Sní­daně na refýži (Früh­stück auf der Ver­kehrs­insel); es folgten wei­tere Pro­sa­bände. Hájíček gehört der mitt­leren Autoren­ge­nera­tion an wie Jáchym Topol, Emil Hakl, Jan Bal­abán oder Miloš Urban. Der Titel seines Romans bezieht sich einmal auf den archi­tek­to­ni­schen Stil von Bau­ern­häu­sern, die in zahl­rei­chen Dör­fern Süd­böh­mens zwi­schen  1840–1880 gebaut worden sind – am bekann­testen ist das Dorf Hol­ašo­vice, das für sein Archi­tektur-Ensemble des Bau­ern­ba­rocks 1998 in das Welt­kul­tur­er­be­ver­zeichnis der UNESCO auf­ge­nommen wurde; zum anderen ver­weist der Titel auf die Loka­lität der Hand­lung, die wäh­rend zweier unge­wöhn­lich heißer Som­mer­mo­nate in Süd­böhmen spielt.

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Der Archivar Pavel Straňanský lebt davon, genea­lo­gi­sche Nach­for­schungen in Archiven anzu­stellen. Zumeist arbeitet er im Archiv des Städt­chens Třeboň, fährt aber auch häufig ins ‚Ter­rain’, besucht süd­böh­mi­sche Dörfer, um vor Ort zu recher­chieren. Einer seiner Kli­enten beauf­tragt ihn, Ereig­nisse in der Gemeinde Tomašice in den 1950er Jahren – wäh­rend der Zeit der Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung der tsche­cho­slo­wa­ki­schen Land­wirt­schaft – zu unter­su­chen. Pavel ist sich von Beginn an dar­über im Klaren, dass die Ergeb­nisse seiner Nach­for­schungen als kom­pro­mit­tie­rendes Mate­rial im anste­henden Kom­mu­nal­wahl­kampf ver­wendet werden sollen. Gesucht wird nach einer schrift­li­chen Anzeige gegen zwei Groß­bauern und einen Säge­werks­be­sitzer vom Beginn der 1950er Jahre, die als Vor­wand für die fol­genden Repres­sionen, Gefäng­nis­strafen und Ent­eig­nungen genutzt wurde. Die Ver­fas­serin der Anzeige aus den 1950ern ist die Mutter des jet­zigen Favo­riten im Kom­mu­nal­wahl­kampf einer süd­böh­mi­schen Kreis­stadt. Man spürt als Leser, dass sich diese Kon­stel­la­tion auch auf höherer poli­ti­scher Ebene und im grö­ßeren Kon­text pro­blemlos nach­voll­ziehen ließe.

In Bau­ern­ba­rock geht es aber nicht so sehr um das Heute (und schon gar nicht um Kom­mu­nal­po­litik), son­dern darum, wie ein halbes Jahr­hun­dert zurück­lie­gende Ereig­nisse heute erin­nert werden, ob man sich über­haupt an sie erin­nern will oder ob bereits der berühmt-berüch­tigte Schluss­strich gezogen wurde. Dabei sind die Spuren des vor­so­zia­lis­ti­schen bäu­er­li­chen Süd­böh­mens noch überall anzu­treffen und spürbar. Im Laufe der Unter­su­chung des Archi­vars treten hinter den Ereig­nissen die Akteure der Kol­lek­ti­vie­rung aus den Doku­menten und Dorf­chro­niken immer deut­li­cher hervor, zum Teil han­delt es sich um noch lebende Men­schen. Die his­to­ri­sche Rekon­struk­tion beginnt Anfang der 1950er Jahre mit der Dorf­schön­heit Rozalie Zandlová, die allen Bur­schen in Tomašice, auch den Söhnen der rei­chen Bauern, die Köpfe ver­dreht. Da sie aber aus ärm­li­chen Ver­hält­nissen stammt, hei­ratet sie keiner der rei­chen Bau­ern­söhne. Sie wird schwanger, bringt einen Sohn zur Welt, bleibt allein, rächt sich durch die erwähnte schrift­liche Anzeige, die dann als Vor­wand für Repres­sionen gegen die Bauern und deren Fami­lien dient. Schließ­lich ver­lässt sie mit ihrem Sohn die Gemeinde. Die Zer­stö­rung der bäu­er­li­chen Struk­turen in den fol­genden Jahren und Jahr­zehnten deutet sich im Schicksal ein­zelner Fami­li­en­an­ge­hö­riger der Bau­ern­fa­mi­lien in Tomašice und der umlie­genden Gemeinden an.

Diese Geschichte erschließt sich ganz all­mäh­lich aus den detek­ti­vi­schen Ermitt­lungen des Archi­vars. Dabei werden die ‚Indi­zien’ sparsam und gekonnt plat­ziert, die ein­zelnen, nicht allzu umfang­rei­chen Kapitel sind chro­no­lo­gisch und wie Film­se­quenzen anein­ander gereiht. Dadurch bleibt die Hand­lung dyna­misch – bis zum über­ra­schenden Ende. Die oft­mals lyri­sche und etwas fata­lis­ti­sche Stim­mung eines heißen süd­böh­mi­schen Som­mers wird durch kon­trast­reiche Loka­li­täten erzeugt: flim­mernde Felder und scheinbar glü­hende Luft, halb­dunkle Archive mit dem leicht schimm­ligen Geruch von Staub und alten Büchern, Fried­höfe, halb­ver­fal­lene Bau­ern­häuser neben von Städ­tern (Pra­gern) auf­ge­kauften und reno­vierten Anwesen. Es sind spar­same sprach­liche Mittel, die hier eine anste­ckende atmo­sphä­ri­sche Dichte erzeugen.

Der Held, der auf die Vierzig zugeht, Pavel Straňanský, ist im gewissen Sinn ein typisch tsche­chi­scher Held, etwas kauzig und doch lie­bens­wert, er hat Liebes- und Bezie­hungs­pro­bleme, kaum Geld, fährt einen alten Škoda, trinkt manchmal zu viel Bier und ist unglaub­lich tole­rant. An dieser Tole­ranz wird auch das Pro­blem der Ver­ant­wor­tung und des natio­nales Gedächt­nisses ver­an­schau­licht. Wie tole­rant darf man, soll man gegen­über den Ver­bre­chen der eigenen Geschichte sein, wie mit Tätern und Opfern umgehen? Die Hal­tung von Pavel ver­deut­licht seine sich zweimal wie­der­ho­lende Äuße­rung: „Ich habe mich stets bemüht, allen zu ver­zeihen, aber mir wird nie etwas ver­ziehen.“ Diese Art Tole­ranz kul­mi­niert quasi in der wie­der­holt zitierten Aus­sage eines der ver­folgten und ent­eig­neten Bauern, eines ‚Kulaken’: „Sie konnten mich nicht dazu zwingen, sie zu hassen“.

Einen Kon­tra­punkt bildet die Hal­tung der Heldin Daniela, einer Pra­gerin, Anfang/Mitte dreißig, die in Süd­böhmen eben­falls ihre Fami­li­en­ge­schichte recher­chiert. Pavel und Daniela nähern sich an, ohne dass sie sich wirk­lich nahe kommen. Der Flirt und die nicht zustande kom­mende Som­mer­af­färe ist jedoch mehr als bloße roma­neske Bei­gabe. Der nicht zustande kom­mende ‚Roman‘ ist sym­pto­ma­tisch, und Danielas Hal­tung wird gegen Ende des Romans zum offenen Gegenpol zu Pavels Tole­ranz, womit der Text auch spie­le­risch die von ihm erzeugte Illu­sion von ‚schwarz-weiß’, ‚gut-böse’, ‚wahr-falsch’ offen legt: Über­ra­schend stellt sich heraus, dass sie die Enkelin eines der ver­folgten und inhaf­tierten Bauern ist. Sie ist frus­triert von der Art, wie der tsche­chi­sche Staat und Teile der Gesell­schaft in den 1990er Jahren mit dem tota­li­tären Erbe der Kol­lek­ti­vie­rung, der Zer­stö­rung der dörf­li­chen Struk­turen umgingen respek­tive noch immer umgehen. Sie ist also kei­nes­wegs zufällig in Süd­böhmen, son­dern sie rächt sich an Rozalie Zandlová – doch mehr soll hier nicht ver­raten werden…

Das Roman­thema über den Umgang mit der Ver­gan­gen­heit, über das his­to­ri­sche Gedächtnis mit seinen Impli­ka­tionen – der Ver­ant­wor­tung, dem Ver­zeihen und der Reue –, spie­gelt sich ein­drucks­voll und facet­ten­reich in den Prot­ago­nisten des Romans, in eins­tigen kleinen Geschichten, die noch immer da sind, auch wenn sie ver­drängt und ver­gessen scheinen. Die tsche­chi­sche Gesell­schaft ist krank vor ver­gan­genen Geschichten. Hájí­čeks Roman gelingt es, die ‚Krank­heit’, die Frage nach der Ver­ant­wor­tung vor und dem Umgang mit den Geschichten – gar nicht so sehr mit der großen Geschichte – spürbar zu machen. Dabei hält sich der Autor respek­tive sein fik­tiver Erzähler weise mit Wer­tung zurück.

 

Jiří Hájíček: Selský baroko (Bauernbarock).Verlag Host. Brno 2005.

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