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„Sie konnten mich nicht dazu zwingen, sie zu hassen“

Posted on 9. Februar 2009 by Alexander Kratochvil
‚Schuld und Sühne’ ist laut tschechischer Literaturkritik ein zentrales Motiv des Romans "Selský baroko" (Bauernbarock) von Jiří Hájíček, und tatsächlich ist das Problem der Verantwortung für Ereignisse während der stalinistischen Periode eine zentrale Frage des Textes.

‚Schuld und Sühne’ ist laut tschechischer Literaturkritik ein zentrales Motiv des Romans Selský baroko (Bauernbarock) von Jiří Hájíček, und tatsächlich ist das Problem der Verantwortung für Ereignisse während der stalinistischen Periode eine zentrale Frage des Textes. Dabei wird deutlich, dass es in posttotalitärer Zeit keine absolute Instanz mehr gibt, die unfehlbar über ‚Schuld und Sühne’ entscheiden könnte. Es geht nun eher um individuelle ‚Verbrechen und Strafe’. Das sensible Thema der Aufarbeitung des tschechoslowakischen Kommunismus, insbesondere der gewalttätigen Jahre nach der kommunistischen Machtübernahme im Jahre 1948, setzt die Bereitschaft zum gesellschaftlichen Dialog voraus und weist eine postmoderne moralische Implikation auf.

Wartete man in den 1990er Jahren nicht nur in Tschechien vergeblich auf den ‚großen Roman’, der die gesellschaftlichen Verwerfungen der kommunistischen Epoche und sein belastendes Erbe in den Ländern Ostmitteleuropas reflektierte, so hat das Warten seit einigen Jahren in der tschechischen Literatur ein Ende mit Romanen wie Jáchym Topols Kloktat dehet (Zirkuszone), Květa Legatovás Želary (Die Leute von Želary), Radka Denemarkovás Peníze od Hitlera (Geld von Hitler) oder Anna Zonovás Za trest a za odměnu (Zur Strafe und zur Belohnung). Dabei handelt es sich bezeichnender Weise nicht um den ‚einen großen Roman’, der nun alles erklärt, vielmehr zeigt sich in den Romanen der Facettenreichtum kritischer Rückschau in kleinen Geschichten, die an die Gegenwart rückgebunden sind. So auch in der Rekonstruktion der Vergangenheit im Roman Bauernbarock von Jiří Hájíček, der 2006 mit dem tschechischen Literaturpreis Magnesia Litera als beste Prosa ausgezeichnet wurde. Der Autor, geb. 1967 in České Budějovice (Budweis), debütierte 1997 mit der Erzählsammlung Snídaně na refýži (Frühstück auf der Verkehrsinsel); es folgten weitere Prosabände. Hájíček gehört der mittleren Autorengeneration an wie Jáchym Topol, Emil Hakl, Jan Balabán oder Miloš Urban. Der Titel seines Romans bezieht sich einmal auf den architektonischen Stil von Bauernhäusern, die in zahlreichen Dörfern Südböhmens zwischen  1840-1880 gebaut worden sind – am bekanntesten ist das Dorf Holašovice, das für sein Architektur-Ensemble des Bauernbarocks 1998 in das Weltkulturerbeverzeichnis der UNESCO aufgenommen wurde; zum anderen verweist der Titel auf die Lokalität der Handlung, die während zweier ungewöhnlich heißer Sommermonate in Südböhmen spielt.

hajicek1Der Archivar Pavel Straňanský lebt davon, genealogische Nachforschungen in Archiven anzustellen. Zumeist arbeitet er im Archiv des Städtchens Třeboň, fährt aber auch häufig ins ‚Terrain’, besucht südböhmische Dörfer, um vor Ort zu recherchieren. Einer seiner Klienten beauftragt ihn, Ereignisse in der Gemeinde Tomašice in den 1950er Jahren – während der Zeit der Zwangskollektivierung der tschechoslowakischen Landwirtschaft – zu untersuchen. Pavel ist sich von Beginn an darüber im Klaren, dass die Ergebnisse seiner Nachforschungen als kompromittierendes Material im anstehenden Kommunalwahlkampf verwendet werden sollen. Gesucht wird nach einer schriftlichen Anzeige gegen zwei Großbauern und einen Sägewerksbesitzer vom Beginn der 1950er Jahre, die als Vorwand für die folgenden Repressionen, Gefängnisstrafen und Enteignungen genutzt wurde. Die Verfasserin der Anzeige aus den 1950ern ist die Mutter des jetzigen Favoriten im Kommunalwahlkampf einer südböhmischen Kreisstadt. Man spürt als Leser, dass sich diese Konstellation auch auf höherer politischer Ebene und im größeren Kontext problemlos nachvollziehen ließe.

In Bauernbarock geht es aber nicht so sehr um das Heute (und schon gar nicht um Kommunalpolitik), sondern darum, wie ein halbes Jahrhundert zurückliegende Ereignisse heute erinnert werden, ob man sich überhaupt an sie erinnern will oder ob bereits der berühmt-berüchtigte Schlussstrich gezogen wurde. Dabei sind die Spuren des vorsozialistischen bäuerlichen Südböhmens noch überall anzutreffen und spürbar. Im Laufe der Untersuchung des Archivars treten hinter den Ereignissen die Akteure der Kollektivierung aus den Dokumenten und Dorfchroniken immer deutlicher hervor, zum Teil handelt es sich um noch lebende Menschen. Die historische Rekonstruktion beginnt Anfang der 1950er Jahre mit der Dorfschönheit Rozalie Zandlová, die allen Burschen in Tomašice, auch den Söhnen der reichen Bauern, die Köpfe verdreht. Da sie aber aus ärmlichen Verhältnissen stammt, heiratet sie keiner der reichen Bauernsöhne. Sie wird schwanger, bringt einen Sohn zur Welt, bleibt allein, rächt sich durch die erwähnte schriftliche Anzeige, die dann als Vorwand für Repressionen gegen die Bauern und deren Familien dient. Schließlich verlässt sie mit ihrem Sohn die Gemeinde. Die Zerstörung der bäuerlichen Strukturen in den folgenden Jahren und Jahrzehnten deutet sich im Schicksal einzelner Familienangehöriger der Bauernfamilien in Tomašice und der umliegenden Gemeinden an.

Diese Geschichte erschließt sich ganz allmählich aus den detektivischen Ermittlungen des Archivars. Dabei werden die ‚Indizien’ sparsam und gekonnt platziert, die einzelnen, nicht allzu umfangreichen Kapitel sind chronologisch und wie Filmsequenzen aneinander gereiht. Dadurch bleibt die Handlung dynamisch – bis zum überraschenden Ende. Die oftmals lyrische und etwas fatalistische Stimmung eines heißen südböhmischen Sommers wird durch kontrastreiche Lokalitäten erzeugt: flimmernde Felder und scheinbar glühende Luft, halbdunkle Archive mit dem leicht schimmligen Geruch von Staub und alten Büchern, Friedhöfe, halbverfallene Bauernhäuser neben von Städtern (Pragern) aufgekauften und renovierten Anwesen. Es sind sparsame sprachliche Mittel, die hier eine ansteckende atmosphärische Dichte erzeugen.

Der Held, der auf die Vierzig zugeht, Pavel Straňanský, ist im gewissen Sinn ein typisch tschechischer Held, etwas kauzig und doch liebenswert, er hat Liebes- und Beziehungsprobleme, kaum Geld, fährt einen alten Škoda, trinkt manchmal zu viel Bier und ist unglaublich tolerant. An dieser Toleranz wird auch das Problem der Verantwortung und des nationales Gedächtnisses veranschaulicht. Wie tolerant darf man, soll man gegenüber den Verbrechen der eigenen Geschichte sein, wie mit Tätern und Opfern umgehen? Die Haltung von Pavel verdeutlicht seine sich zweimal wiederholende Äußerung: „Ich habe mich stets bemüht, allen zu verzeihen, aber mir wird nie etwas verziehen.“ Diese Art Toleranz kulminiert quasi in der wiederholt zitierten Aussage eines der verfolgten und enteigneten Bauern, eines ‚Kulaken’: „Sie konnten mich nicht dazu zwingen, sie zu hassen“.

Einen Kontrapunkt bildet die Haltung der Heldin Daniela, einer Pragerin, Anfang/Mitte dreißig, die in Südböhmen ebenfalls ihre Familiengeschichte recherchiert. Pavel und Daniela nähern sich an, ohne dass sie sich wirklich nahe kommen. Der Flirt und die nicht zustande kommende Sommeraffäre ist jedoch mehr als bloße romaneske Beigabe. Der nicht zustande kommende ‚Roman‘ ist symptomatisch, und Danielas Haltung wird gegen Ende des Romans zum offenen Gegenpol zu Pavels Toleranz, womit der Text auch spielerisch die von ihm erzeugte Illusion von ‚schwarz-weiß’, ‚gut-böse’, ‚wahr-falsch’ offen legt: Überraschend stellt sich heraus, dass sie die Enkelin eines der verfolgten und inhaftierten Bauern ist. Sie ist frustriert von der Art, wie der tschechische Staat und Teile der Gesellschaft in den 1990er Jahren mit dem totalitären Erbe der Kollektivierung, der Zerstörung der dörflichen Strukturen umgingen respektive noch immer umgehen. Sie ist also keineswegs zufällig in Südböhmen, sondern sie rächt sich an Rozalie Zandlová – doch mehr soll hier nicht verraten werden…

Das Romanthema über den Umgang mit der Vergangenheit, über das historische Gedächtnis mit seinen Implikationen – der Verantwortung, dem Verzeihen und der Reue –, spiegelt sich eindrucksvoll und facettenreich in den Protagonisten des Romans, in einstigen kleinen Geschichten, die noch immer da sind, auch wenn sie verdrängt und vergessen scheinen. Die tschechische Gesellschaft ist krank vor vergangenen Geschichten. Hájíčeks Roman gelingt es, die ‚Krankheit’, die Frage nach der Verantwortung vor und dem Umgang mit den Geschichten – gar nicht so sehr mit der großen Geschichte – spürbar zu machen. Dabei hält sich der Autor respektive sein fiktiver Erzähler weise mit Wertung zurück.

 

Jiří Hájíček: Selský baroko (Bauernbarock).Verlag Host. Brno 2005.

„Sie konnten mich nicht dazu zwingen, sie zu hassen“ – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Sie konnten mich nicht dazu zwingen, sie zu hassen“

‚Schuld und Sühne’ ist laut tsche­chi­scher Lite­ra­tur­kritik ein zen­trales Motiv des Romans Selský baroko (Bau­ern­ba­rock) von Jiří Hájíček, und tat­säch­lich ist das Pro­blem der Ver­ant­wor­tung für Ereig­nisse wäh­rend der sta­li­nis­ti­schen Periode eine zen­trale Frage des Textes. Dabei wird deut­lich, dass es in post­to­ta­li­tärer Zeit keine abso­lute Instanz mehr gibt, die unfehlbar über ‚Schuld und Sühne’ ent­scheiden könnte. Es geht nun eher um indi­vi­du­elle ‚Ver­bre­chen und Strafe’. Das sen­sible Thema der Auf­ar­bei­tung des tsche­cho­slo­wa­ki­schen Kom­mu­nismus, ins­be­son­dere der gewalt­tä­tigen Jahre nach der kom­mu­nis­ti­schen Macht­über­nahme im Jahre 1948, setzt die Bereit­schaft zum gesell­schaft­li­chen Dialog voraus und weist eine post­mo­derne mora­li­sche Impli­ka­tion auf.

War­tete man in den 1990er Jahren nicht nur in Tsche­chien ver­geb­lich auf den ‚großen Roman’, der die gesell­schaft­li­chen Ver­wer­fungen der kom­mu­nis­ti­schen Epoche und sein belas­tendes Erbe in den Län­dern Ost­mit­tel­eu­ropas reflek­tierte, so hat das Warten seit einigen Jahren in der tsche­chi­schen Lite­ratur ein Ende mit Romanen wie Jáchym Topols Kloktat dehet (Zir­kus­zone), Květa Lega­továs Želary (Die Leute von Želary), Radka Denemar­kovás Peníze od Hit­lera (Geld von Hitler) oder Anna Zonovás Za trest a za odměnu (Zur Strafe und zur Beloh­nung). Dabei han­delt es sich bezeich­nender Weise nicht um den ‚einen großen Roman’, der nun alles erklärt, viel­mehr zeigt sich in den Romanen der Facet­ten­reichtum kri­ti­scher Rück­schau in kleinen Geschichten, die an die Gegen­wart rück­ge­bunden sind. So auch in der Rekon­struk­tion der Ver­gan­gen­heit im Roman Bau­ern­ba­rock von Jiří Hájíček, der 2006 mit dem tsche­chi­schen Lite­ra­tur­preis Magnesia Litera als beste Prosa aus­ge­zeichnet wurde. Der Autor, geb. 1967 in České Budě­jo­vice (Bud­weis), debü­tierte 1997 mit der Erzähl­samm­lung Sní­daně na refýži (Früh­stück auf der Ver­kehrs­insel); es folgten wei­tere Pro­sa­bände. Hájíček gehört der mitt­leren Autoren­ge­nera­tion an wie Jáchym Topol, Emil Hakl, Jan Bal­abán oder Miloš Urban. Der Titel seines Romans bezieht sich einmal auf den archi­tek­to­ni­schen Stil von Bau­ern­häu­sern, die in zahl­rei­chen Dör­fern Süd­böh­mens zwi­schen  1840–1880 gebaut worden sind – am bekann­testen ist das Dorf Hol­ašo­vice, das für sein Archi­tektur-Ensemble des Bau­ern­ba­rocks 1998 in das Welt­kul­tur­er­be­ver­zeichnis der UNESCO auf­ge­nommen wurde; zum anderen ver­weist der Titel auf die Loka­lität der Hand­lung, die wäh­rend zweier unge­wöhn­lich heißer Som­mer­mo­nate in Süd­böhmen spielt.

hajicek1

Der Archivar Pavel Straňanský lebt davon, genea­lo­gi­sche Nach­for­schungen in Archiven anzu­stellen. Zumeist arbeitet er im Archiv des Städt­chens Třeboň, fährt aber auch häufig ins ‚Ter­rain’, besucht süd­böh­mi­sche Dörfer, um vor Ort zu recher­chieren. Einer seiner Kli­enten beauf­tragt ihn, Ereig­nisse in der Gemeinde Tomašice in den 1950er Jahren – wäh­rend der Zeit der Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung der tsche­cho­slo­wa­ki­schen Land­wirt­schaft – zu unter­su­chen. Pavel ist sich von Beginn an dar­über im Klaren, dass die Ergeb­nisse seiner Nach­for­schungen als kom­pro­mit­tie­rendes Mate­rial im anste­henden Kom­mu­nal­wahl­kampf ver­wendet werden sollen. Gesucht wird nach einer schrift­li­chen Anzeige gegen zwei Groß­bauern und einen Säge­werks­be­sitzer vom Beginn der 1950er Jahre, die als Vor­wand für die fol­genden Repres­sionen, Gefäng­nis­strafen und Ent­eig­nungen genutzt wurde. Die Ver­fas­serin der Anzeige aus den 1950ern ist die Mutter des jet­zigen Favo­riten im Kom­mu­nal­wahl­kampf einer süd­böh­mi­schen Kreis­stadt. Man spürt als Leser, dass sich diese Kon­stel­la­tion auch auf höherer poli­ti­scher Ebene und im grö­ßeren Kon­text pro­blemlos nach­voll­ziehen ließe.

In Bau­ern­ba­rock geht es aber nicht so sehr um das Heute (und schon gar nicht um Kom­mu­nal­po­litik), son­dern darum, wie ein halbes Jahr­hun­dert zurück­lie­gende Ereig­nisse heute erin­nert werden, ob man sich über­haupt an sie erin­nern will oder ob bereits der berühmt-berüch­tigte Schluss­strich gezogen wurde. Dabei sind die Spuren des vor­so­zia­lis­ti­schen bäu­er­li­chen Süd­böh­mens noch überall anzu­treffen und spürbar. Im Laufe der Unter­su­chung des Archi­vars treten hinter den Ereig­nissen die Akteure der Kol­lek­ti­vie­rung aus den Doku­menten und Dorf­chro­niken immer deut­li­cher hervor, zum Teil han­delt es sich um noch lebende Men­schen. Die his­to­ri­sche Rekon­struk­tion beginnt Anfang der 1950er Jahre mit der Dorf­schön­heit Rozalie Zandlová, die allen Bur­schen in Tomašice, auch den Söhnen der rei­chen Bauern, die Köpfe ver­dreht. Da sie aber aus ärm­li­chen Ver­hält­nissen stammt, hei­ratet sie keiner der rei­chen Bau­ern­söhne. Sie wird schwanger, bringt einen Sohn zur Welt, bleibt allein, rächt sich durch die erwähnte schrift­liche Anzeige, die dann als Vor­wand für Repres­sionen gegen die Bauern und deren Fami­lien dient. Schließ­lich ver­lässt sie mit ihrem Sohn die Gemeinde. Die Zer­stö­rung der bäu­er­li­chen Struk­turen in den fol­genden Jahren und Jahr­zehnten deutet sich im Schicksal ein­zelner Fami­li­en­an­ge­hö­riger der Bau­ern­fa­mi­lien in Tomašice und der umlie­genden Gemeinden an.

Diese Geschichte erschließt sich ganz all­mäh­lich aus den detek­ti­vi­schen Ermitt­lungen des Archi­vars. Dabei werden die ‚Indi­zien’ sparsam und gekonnt plat­ziert, die ein­zelnen, nicht allzu umfang­rei­chen Kapitel sind chro­no­lo­gisch und wie Film­se­quenzen anein­ander gereiht. Dadurch bleibt die Hand­lung dyna­misch – bis zum über­ra­schenden Ende. Die oft­mals lyri­sche und etwas fata­lis­ti­sche Stim­mung eines heißen süd­böh­mi­schen Som­mers wird durch kon­trast­reiche Loka­li­täten erzeugt: flim­mernde Felder und scheinbar glü­hende Luft, halb­dunkle Archive mit dem leicht schimm­ligen Geruch von Staub und alten Büchern, Fried­höfe, halb­ver­fal­lene Bau­ern­häuser neben von Städ­tern (Pra­gern) auf­ge­kauften und reno­vierten Anwesen. Es sind spar­same sprach­liche Mittel, die hier eine anste­ckende atmo­sphä­ri­sche Dichte erzeugen.

Der Held, der auf die Vierzig zugeht, Pavel Straňanský, ist im gewissen Sinn ein typisch tsche­chi­scher Held, etwas kauzig und doch lie­bens­wert, er hat Liebes- und Bezie­hungs­pro­bleme, kaum Geld, fährt einen alten Škoda, trinkt manchmal zu viel Bier und ist unglaub­lich tole­rant. An dieser Tole­ranz wird auch das Pro­blem der Ver­ant­wor­tung und des natio­nales Gedächt­nisses ver­an­schau­licht. Wie tole­rant darf man, soll man gegen­über den Ver­bre­chen der eigenen Geschichte sein, wie mit Tätern und Opfern umgehen? Die Hal­tung von Pavel ver­deut­licht seine sich zweimal wie­der­ho­lende Äuße­rung: „Ich habe mich stets bemüht, allen zu ver­zeihen, aber mir wird nie etwas ver­ziehen.“ Diese Art Tole­ranz kul­mi­niert quasi in der wie­der­holt zitierten Aus­sage eines der ver­folgten und ent­eig­neten Bauern, eines ‚Kulaken’: „Sie konnten mich nicht dazu zwingen, sie zu hassen“.

Einen Kon­tra­punkt bildet die Hal­tung der Heldin Daniela, einer Pra­gerin, Anfang/Mitte dreißig, die in Süd­böhmen eben­falls ihre Fami­li­en­ge­schichte recher­chiert. Pavel und Daniela nähern sich an, ohne dass sie sich wirk­lich nahe kommen. Der Flirt und die nicht zustande kom­mende Som­mer­af­färe ist jedoch mehr als bloße roma­neske Bei­gabe. Der nicht zustande kom­mende ‚Roman‘ ist sym­pto­ma­tisch, und Danielas Hal­tung wird gegen Ende des Romans zum offenen Gegenpol zu Pavels Tole­ranz, womit der Text auch spie­le­risch die von ihm erzeugte Illu­sion von ‚schwarz-weiß’, ‚gut-böse’, ‚wahr-falsch’ offen legt: Über­ra­schend stellt sich heraus, dass sie die Enkelin eines der ver­folgten und inhaf­tierten Bauern ist. Sie ist frus­triert von der Art, wie der tsche­chi­sche Staat und Teile der Gesell­schaft in den 1990er Jahren mit dem tota­li­tären Erbe der Kol­lek­ti­vie­rung, der Zer­stö­rung der dörf­li­chen Struk­turen umgingen respek­tive noch immer umgehen. Sie ist also kei­nes­wegs zufällig in Süd­böhmen, son­dern sie rächt sich an Rozalie Zandlová – doch mehr soll hier nicht ver­raten werden…

Das Roman­thema über den Umgang mit der Ver­gan­gen­heit, über das his­to­ri­sche Gedächtnis mit seinen Impli­ka­tionen – der Ver­ant­wor­tung, dem Ver­zeihen und der Reue –, spie­gelt sich ein­drucks­voll und facet­ten­reich in den Prot­ago­nisten des Romans, in eins­tigen kleinen Geschichten, die noch immer da sind, auch wenn sie ver­drängt und ver­gessen scheinen. Die tsche­chi­sche Gesell­schaft ist krank vor ver­gan­genen Geschichten. Hájí­čeks Roman gelingt es, die ‚Krank­heit’, die Frage nach der Ver­ant­wor­tung vor und dem Umgang mit den Geschichten – gar nicht so sehr mit der großen Geschichte – spürbar zu machen. Dabei hält sich der Autor respek­tive sein fik­tiver Erzähler weise mit Wer­tung zurück.

 

Jiří Hájíček: Selský baroko (Bauernbarock).Verlag Host. Brno 2005.