Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Rol­len­spiele

Julia Kis­sina ver­zieht auf meine Frage nach ihrem Stu­dium an der Mos­kauer Uni­ver­sität kurz das Gesicht. Wir sitzen uns in ihrer Ber­liner Woh­nung an einem höl­zernen Küchen­tisch gegen­über, kurz herrscht Schweigen. „Jeder Mensch hat viele Leben, viele Bio­gra­fien. Wir wählen aus diesen Bio­gra­fien in dem Moment eine aus, wenn wir sie brau­chen,“ – sagt sie nach kurzer Pause, mit einem ver­schmitzten Lächeln auf den Lippen.

 

kissina1 kissina2In sämt­li­chen Kurz­bio­gra­fien im Internet, in Arti­keln oder auf den Buch­de­ckeln der bisher ein­zigen auf Deutsch erschienen lite­ra­ri­schen Werke, dem Erzähl­band Ver­giss Taran­tino (Aufbau-Verlag 2005) und dem Kin­der­buch Milin und der Zau­ber­stift (Bloo­ms­bury 2005), findet man jeweils nur den kurzen Hin­weis: 1966 in Kiev geboren, Stu­dium an der Kunst­aka­demie Mün­chen, lebte in Frank­furt am Main und dann in Berlin. Und mehr Infor­ma­tionen, zum Bei­spiel über die Stu­di­en­zeit am Mos­kauer Künst­ler­theater, bekomme ich bei meinem Gespräch auch nicht. Und dies, obwohl es mir nicht um die Eti­ket­tie­rung Julia Kis­sinas als ost­eu­ro­päi­sche Künst­lerin geht, wie sie es so oft erlebt, son­dern darum, her­aus­zu­finden, inwie­fern ihre Bio­gra­fien ihre Werke geprägt haben. Eine Ant­wort auf diese Frage kann man wohl nur in den Arbeiten von Julia Kis­sina finden, in denen sie sich immer wieder neu erfindet. Das Spiel mit Bio­gra­fien – beson­ders auch mit der eigenen – mit Iden­ti­täten, Selbst- und Fremd­wahr­neh­mung ist zen­tral für alle Werke der Künstlerin.

Der Erzähl­band Ver­giss Taran­tino, der sich beson­ders durch ein stän­diges Ver­wirr­spiel mit Bio­gra­fien und Iden­ti­täten aus­zeichnet, wurde von der Tages­presse viel­mehr für seine „Krass­heit“ und „Radi­ka­lität“ gelobt. Zu „krass“ und „radikal“ waren dem Verlag hin­gegen einige der Geschichten, die Julia Kis­sina für den Erzähl­band vor­ge­schlagen hatte. Die Aus­wahl der im Zeit­raum von 1991 bis 2004 zwi­schen Mün­chen, Frank­furt am Main und Berlin ent­stan­denen Kurz­ge­schichten,  wurden daher weniger von der Autorin, als von jenem poten­ti­ellen deut­schen Leser bestimmt, den der Verlag wohl im Auge gehabt haben mag. Ver­ständnis hat Julia Kis­sina für dieses Argu­ment des Ver­lags nicht, da, wie sie betont, Kunst per se immer schon Pro­vo­ka­tion sei und sie ein Abstufen von ver­schie­denen Graden der Krass­heit für unin­ter­es­sant halte.

In den 16 Erzäh­lungen aus Ver­giss Taran­tino taucht nun immer wieder eine lite­ra­ri­sche Figur auf, die uns als Ich-Erzäh­lerin von der sie umge­benden Welt berichtet. Diese Figur trägt den Namen Julia Kis­sina, ist Aktions- und Foto­künst­lerin, stu­diert an der Kunst­aka­demie in Mün­chen oder lebt und arbeitet in Berlin und trifft rus­si­sche Freunde. Die Autorin spielt hier nicht nur mit der eigenen Bio­grafie, sie spielt auch mit dem Leser, der sich nie ganz sicher sein kann, wie viel Julia Kis­sina in dieser Julia Kis­sina steckt. Zu offen­sicht­lich sind die gesetzten Par­al­lelen zwi­schen der Figur und der Autorin, als dass man sie als ein­fache Refle­xion über das eigene Leben ver­stehen könnte. Die Figur Julia Kis­sina ist eine künst­le­ri­sche Insze­nie­rung der Bio­grafie der Autorin Julia Kis­sina. Ein Bericht der Ich-Erzäh­lerin aus Leben im Aus­land, einer der Geschichten aus Ver­giss Taran­tino, mag dies ver­an­schau­li­chen. Inkurzem, sach­li­chem Stil – die ein­zelnen Absätze erin­nern ganz bewusst an Tage­buch­ein­tra­gungen – wird hierin die eigene Arbeit beschrieben:

„Ich mache aus Fleisch Kunst! In meiner Woh­nung liegt überall rohes Gehacktes rum. Wartet auf seine Stunde. Ein Gemisch aus Kühen und Schweinen! Mit der Bulette kann keine Genetik mit­halten. So kann man näm­lich alles mög­liche fabri­zieren. Einen Zen­taur zum Bei­spiel. Rohes Men­schen­fleisch plus Pfer­de­fleisch – schon hast du eine Salami aus der minoi­schen Ära. Ohne Fake. Kunst ist eine schöne Sache.“

Mit dem ersten Satz wird auf eine Foto­serie von Julia Kis­sina aus dem Jahr 1996 ver­wiesen. In dieser bil­deten aus Hack­fleisch geformte Tiere und Figuren vor einem far­bigen Hin­ter­grund und von Gemüse umringt ein skur­riles Foto­s­til­leben, das mit „Fein­schme­cker und Raub­tiere“ beti­telt war.

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Ver­leitet diese Par­al­lele zum Lesen der Geschichte als teil­weise auto­bio­gra­fi­schem Text, folgt kurz darauf eine Pas­sage, – voll­ge­packt mit den plat­testen Kli­schees, die über Russen ver­breitet werden können –, dass dem Leser die Mög­lich­keit des auto­bio­gra­fi­schen Ver­ständ­nisses sofort wieder ent­rissen wird.

„Ich ver­göt­tere meine Freunde und lade sie zu mir ein. Dafür plün­dern sie meinen Kühl­schrank, belei­digen meine Nach­barn, durch­wühlen nachts meine Taschen, über­gießen meine Sachen aus Ver­sehen mit Säure, werfen Ziga­ret­ten­asche in die Schreib­tisch­schub­lade, sitzen den ganzen Abend im Mantel da und hin­dern mich mit ihrem unglaub­lich intel­lek­tu­ellen Geschwätz am Schlafen, drehen früh um vier die Musik auf volle Laut­stärke, ficken meine Ver­mie­terin, eine dumme alte Kuh, ver­gessen auf der Toi­lette das Spülen, benutzen meine Zahn­bürste, lesen meine Papiere, schleppen mir ver­däch­tige Indi­vi­duen ins Haus, und dann muss ich sie alle bei der Polizei frei­kaufen und eine Rück­fahr­karte für sie buchen. Das nervt mich ein biß­chen. Aber natür­lich nicht lange.“

Viel­leicht han­delt es sich bei den Texten von Julia Kis­sina nicht im eigent­li­chen Sinne des Wortes um Lite­ratur; sie selbst nennt es nicht Lite­ratur, son­dern ein „Spiel in der Lite­ratur“ („igra v lite­ra­turu“), oder aber auch ein Spielen mit Lite­ra­ri­zität. Sie nehme „sehr ein­fache ursprüng­liche Dinge“, die erst im Akt des Lesens zu „atmen“ anfingen, ähn­lich einem Film, der auch erst auf der Lein­wand entstehe.

Der Leser erfährt, wie die Autorin ihre Haupt­figur immer wieder in neue Rollen schlüpfen lässt: in die Rolle der Künst­lerin, die Lenins Leiche im Rahmen einer Aktion in einen Ber­liner Super­markt ver­frachten lässt (Sieg der Wis­sen­schaft) oder der Kunst­stu­dentin in Mün­chen, die von der Arbeit mit Mens­trua­ti­ons­slips ihrer Kom­mi­li­tonen berichtet (Zeit ohne Liebe) oder der rus­si­schen Emi­grantin und vier­fa­chen Mutter, die mit ihrem Lieb­haber Dietz blut­rüns­tige Aktionen einer rus­si­schen Künst­lerin in Berlin bei­wohnt (Mys­ti­scher Hero­ismus). Diese ver­schie­denen Rollen sind keine aus­ge­feilten lite­ra­ri­schen Cha­rak­tere, sie sind, wie es Julia Kis­sina benennt, ein „Spiel mit Ste­reo­typen“, die durch das gehäufte Auf­treten zu Gro­tesken werden sollen.
Dabei bleibt die Sprache der Autorin oft­mals brav hinter der Krass­heit der auf­ge­ru­fenen Kli­schee-Rollen zurück, sie wird nicht zum Expe­ri­men­tier­feld der Künst­lerin. Viel­leicht hängt dies damit zusammen, dass Julia Kis­sina, ähn­lich wie sie es über die Foto­grafie in den T h e s e n  z u r  K u n s t [Thesen] sagt, am aller­we­nigsten an der Sprache selbst inter­es­siert ist.

Das Ver­fahren, mit ver­schie­densten Rollen und Kli­schees zu spielen, beschränkt sich nicht auf die Texte von Julia Kis­sina, son­dern betrifft genauso ihre Foto­gra­fien und Aktionen. Jedoch, wo die Texte mit­unter auf­hören, Spiel zu sein und zum Kli­schee erstarren, da sind die Kunst­werke oft­mals vielschichtiger.

„Meine Arbeiten sind ein Ver­such der Über­set­zung des Unbe­kannten ins Bekannte, des Unbe­wussten ins Bewusste, des Gewöhn­li­chen ins Unge­wöhn­liche, des Seriösen ins Unse­riöse – und anders­herum.“ So fasst Julia Kis­sina ihren ästhe­ti­schen Ansatz der spie­le­ri­schen Ver­wand­lungen zusammen. In der Aktion Authentic german way to living and enjoying oneself aus dem Jahr 2004 finden „Über­set­zungen“ gleich auf meh­reren Ebenen statt. Wieder setzt die Künst­lerin bei der kli­schee­haften Rol­len­ver­tei­lung an: der ste­reo­type Deut­sche an sich ist ein genuss­voller Wurs­tesser und Bier­trinker. Auch diese Aktion ist eine Insze­nie­rung von Iden­tität, der Iden­tität des Deut­schen per se. Dar­über hinaus wird der Wurst jedoch noch eine ganz andere Bedeu­tung ver­liehen, denn durch das Täto­wieren der Würst­chen werden diese zu Kunst­werken, zu Hei­lig­tü­mern: ein ein­schraf­fiertes Kreuz auf einem der Würste ver­sinn­bild­licht diese neue Bedeutsamkeit.

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Das Spiel mit Sakra­lität findet sich auch in anderen Arbeiten wieder, denn Reli­gio­sität ist der Künst­lerin als Aus­ge­burt der urmen­sch­li­chen „Emo­tion“ ein dank­bares Feld zur Refle­xion über das typisch Mensch­liche. Im Rahmen der Ver­an­stal­tung Kunst und Ver­bre­chen: Art without crime im Ber­liner Theater Hebbel am Ufer (HAU)im Jahr 2003 instal­lierte Julia Kis­sina einen „öffent­li­chen Beicht­stuhl“ vor dem Thea­ter­ge­bäude, der in Form einer Tele­fon­zelle „Abso­lu­tion aus der Kon­serve“ ver­sprach. In diesem Beicht­stuhl erlauben es die modernen Mittel der Technik dem Beich­tenden, ganz ohne eine Aus­for­mu­lie­rung der began­genen Schand­taten aus­zu­kommen, denn er bietet einen vor­for­mu­lierten Sün­den­ka­talog, auf den per Tas­ten­wahl zuge­griffen werden kann. Die Beichte fällt somit in den Bereich der Dienst­leis­tung, der Tele­fon­beicht­stuhl funk­tio­niert wie ein Foto- oder Spiel­au­tomat. In Moskau soll die Aktion des „inter­ak­tiven Beicht­stuhls“ nun wie­der­holt werden. Der Beicht­stuhl könnte dort in vie­lerlei Hin­sicht als Pro­vo­ka­tion auf­ge­fasst werden: als Export der katho­li­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ar­chi­tektur in die rus­sisch ortho­doxe und als „Über­set­zung“ eines sakralen Rituals in den Bereich der Kon­sum­ge­sell­schaft. Dies beson­ders, nachdem die Aus­stel­lung Ach­tung, Reli­gion! (Osto­rožno, reli­gija!), im Januar 2003 im Andrej Sach­arov Museum eröffnet, von ortho­doxen Fun­da­men­ta­listen zer­stört wurde und schließ­lich nicht die Zer­störer, son­dern die Künstler auf der Ankla­ge­bank saßen (Vgl. hierzu die Rezen­sion von Michail Ryklins neustem Buch Mit dem Recht des Stär­keren auf dieser Seite).

Vor ähn­li­chen Reak­tionen auf ihre Aktion hat Julia Kis­sina jedoch keine Angst und über­haupt inter­es­siert sie sich wenig für eine solche „poli­ti­sche Kom­po­nente“ der Kunst, betont sie. Dies ist auch einer der Gründe dafür, dass sie sich nicht vor­stellen kann, ver­mehrt in Russ­land zu arbeiten und viel­leicht einer der Gründe für das Schweigen über eine ost­eu­ro­päi­sche Bio­grafie. Denn dort sei jede Kunst­ak­tion primär ein poli­ti­sches State­ment und kein ästhe­ti­sches, was für sie als Künst­lerin jedoch im Vor­der­grund stehen müsse. Kunst sei natür­lich immer Über­bringer einer poli­ti­schen Bot­schaft, räumt sie dann wie­derum nach kurzer Pause ein, dies aber selbst dann, wenn ein Künstler Blumen male, sagt sie über­zeugt und ist in ihrer Rolle als Provokateurin.
Nach Julia Kis­sina ist der Künstler stets ein „Pro­vo­ka­teur“, er reizt den Zuschauer, er reizt seine Wahr­neh­mung durch das unge­wöhn­liche Zusam­men­spiel von Objekten: hei­lige Wurst, erlö­sende Telefonzelle.

Um eine andere Form des Rol­len­spiels geht es Julia Kis­sina bei einer Reihe von Aktionen, die sie im kom­menden Jahr durch­führen möchte. Unter dem Titel Ein Gespräch mit Klas­si­kern (Razgovor s klas­si­kami) sollen in öffent­li­chen Geis­ter­be­schwö­rungen berühmte ver­stor­bene Künstler ange­rufen und zum Sinn des Lebens und der Kunst befragt werden: auch hier wieder ein Spiel mit Bio­gra­fien von Per­sön­lich­keiten. Auf der Werk­leitz Bien­nale in Halle hat Julia Kis­sina bereits eine solche Aktion durch­ge­führt: Besu­cher waren ein­ge­laden, an einer Pres­se­kon­fe­renz mit Marcel Duchamp teil­zu­nehmen, die in Form einer Geis­ter­be­schwö­rung abge­halten wurde. Der Zuschauer bekam in dieser Aktion die Rolle des „Kata­ly­sa­tors“ zugewiesen:
„Publikum: Mich inter­es­siert, ob das Leben einen Sinn hat.
MD: Nein
Publikum: Gibt es Gott?
MD: Nein.
Publikum: Ist Schön­heit wichtig?
MD: Urinal.“

Um ein Wech­sel­spiel zwi­schen Künstler und Objekt geht es Julia Kis­sina auch bei ihren Foto­se­rien, die sie mit dem pro­gram­ma­ti­schen Begriff der „per­for­ma­tiven Foto­grafie“ cha­rak­te­ri­siert. Der ‚Autor’, der mit seinem „sub­jek­tiven Blick“ beob­achtet, ist auf der Foto­grafie stets anwe­send, wenn auch nicht sichtbar. Es ist dies die unsicht­bare, beob­ach­tende, lau­ernde, abwar­tende Hal­tung, die auch jener der Künst­lerin Julia Kis­sina ent­spricht. Auf Buch­le­sungen vor einem großen Publikum wirkt sie bis­weilen unsi­cher, man merkt ihr an, dass sie sich in der Rolle der­je­nigen, die prä­sen­tiert wird, nicht gefällt: „Ich bin keine Schau­spie­lerin, ich bin viel­mehr selber eine Zuschauerin, ein Kom­men­ta­torin, eine  Katalysatorin.“
Dies haben auch die Figur Julia Kis­sina aus Ver­giss Taran­tino und die Künst­lerin Julia Kis­sina gemein: beide beob­achten, was um sie herum pas­siert und über­führen das Beob­ach­tete, indem sie es sich aneignen, in etwas Neues.

In der Erzäh­lung Ein­fache Wün­sche (Prostye žela­nija, 2001) ist es wieder die Figur Julia Kis­sina, die als Foto­grafin arbeitet und den Pro­zess der Aneig­nung ihrer Opfer durch die Kamera Wirk­lich­keit werden lässt: Sie foto­gra­fiert junge schöne Frauen in fins­teren Ecken Lon­dons, beraubt sie auf diese Weise erst ihrer Schön­heit und tötet sie schließ­lich mit ihrer Kamera. „Foto­gra­fieren heißt töten. So begann meine Kar­riere als Foto­grafin,“ heißt es zu Beginn des Textes und der Topos der tötenden Kamera wird fast schon zum Kli­schee. Klas­siker von Roland Bar­thes Die helle Kammer  bis zu Michael Powells 60er Jahre Thriller Pee­ping Tom (Augen der Angst) schei­nen­kurz auf. In letz­terem spielt Carl Boehm (Karl Heinz Böhm) einen zurück­ge­zo­genen Schär­fe­zieher, dessen voy­eu­ris­ti­sche Lei­den­schaft ihn zum Mörder werden lässt, wenn er seine Kamera als Waffe auf junge Frauen richtet. Diese sterben jedoch nicht an der Klinge, die am aus­ge­zo­genen auf sie gerich­teten Sta­tiv­bein befes­tigt ist, son­dern an dem Abbild ihrer eigenen Angst, das ihnen in einem Spiegel auf­scheint. Wäh­rend jedoch Mark (Carl Boehm) am Ende die Kamera gegen sich selbst richtet und sich auf­spiest, da er seinen Voy­eu­rismus nicht anders zu stoppen weiß, eignet sich die Figur Julia Kis­sina aus Ein­fache Wün­sche genuss­voll die Schön­heit ihrer toten Opfer an:

„Ich hin­gegen konnte, als ich am Abend nach Hause kam, im Spiegel eine aparte Ver­än­de­rung an mir fest­stellen – meine dicke Stups­nase war feiner und länger geworden, die Augen­brauen waren nach oben geschwungen, und um den Mund lag ein unge­wöhn­lich emp­find­samer Zug; trotzdem war ich das, das konnte ich nicht leugnen.“

Im Grunde spie­gelt diese Geschichte den Aus­gangs­punkt von Julia Kis­sinas Kunst. Denn der „Pro­vo­ka­teur“ oder „Kata­ly­sator“ schlüpft in ver­schie­dene Rollen, um sich von seinen Objekten nehmen zu können was er will – wenn er sie auch nicht tötet – er beob­achtet, beschreibt, insze­niert und mas­kiert seine Objekte und lässt sie zu Kunst­werken werden.

Feen (1997–98), die wohl bekann­teste Foto­serie von Julia Kis­sina, ver­äu­ßer­licht diesen Aneig­nungs- und Mas­kie­rungs­pro­zess auf radi­kale Weise. Der Zyklus zeigt junge, auf­fal­lend attrak­tive Frauen und Kinder mit glatter Haut und wohl­ge­formten Gesich­tern, die starr vor sich hin bli­cken oder char­mant lächeln. Auf ihren Köpfen türmen sich Fleisch­massen, Fri­suren aus Fleisch.

 

 

Was bewirkt diese Mas­kie­rung und Insze­nie­rung beim Betrachter? Die Anzie­hungs­kraft dieser Madonnen – in Russ­land werden sie auch „Fleisch­götter“ („mjasnye bogi“) genannt – besteht in der Kon­fron­ta­tion von totem Fleisch mit lebender Schön­heit. Ange­zogen wird der Betrachter von seinem eigenen Ekel­ge­fühl vor den Steak­türmen, die er am Abend im Restau­rant mit Appetit ver­zehren würde.

Die Viel­sei­tig­keit zeichnet die Künst­lerin Julia Kis­sina aus: mal ist sie Autorin eines Kin­der­bu­ches, weil es ihr Spaß macht in eine kind­liche Welt ein­zu­tau­chen, dann wieder schreibt sie „krasse“ Erzäh­lungen, die in manchmal fast naiv wir­kender Manier mit Kli­schees und Ste­reo­typen umgehen, dann ist sie eine pro­vo­zie­rende Akti­ons­künst­lerin und Foto­grafin. Auch in Zukunft will sie alles zusammen sein und bedauert, dass ein Mensch nicht gleich­zeitig viele „ver­schie­dene Rollen leben“ könne, wie es ihr eigent­lich entspräche.

Als ich vorbei an zwei Feen mit Fleisch­fri­suren – dies sind die ein­zigen zwei Kunst­werke, die Julia Kis­sina in ihrer Woh­nung auf­ge­hängt hat, der Rest ist gut ver­packt und ver­staut – durch den Flur in Rich­tung Aus­gang gehe, bin ich einigen Rollen von Julia Kis­sina begegnet, mög­li­cher­weise sind alle die Insze­nie­rungen einer Künst­lerin, die sich nicht fest­legen lassen will, schon gar nicht ihre ost­eu­ro­päi­sche Geschichte.

 

Julia Kis­sina: Ver­giss Taran­tino. Aus dem Rus­si­schen von Ganna-Maria Braun­gardt. Aufbau Verlag. Berlin 2005.

Julia Kis­sina: Milin und der Zau­ber­stift. Aus dem Rus­si­schen von Ganna-Maria Braun­gardt. Bloo­ms­bury. Berlin 2005.

Julia Kis­sina: Ein­fache Wün­sche. In: Schreib­heft. Zeit­schrift für Lite­ratur 59. Berlin Oktober 2002.

www.kunsthalle-zoo.de

 

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