Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Auf der Wort­suche

Deutsch-pol­ni­sche Über­set­zer­szene schafft Lite­ratur

 

„Haben Sie das Buch Eben­holz”? Der Mit­ar­beiter der Buch­hand­lung Hugen­dubel in Char­lot­ten­burg sucht nach dem Titel in der Daten­bank und schüt­telt den Kopf: „Haben wir nicht. Meinen Sie viel­leicht den Autor Sheldon Eben­holtz?” „Nein”, ant­wortet die junge Frau ent­schlossen, „der Autor heißt Kapuściński und das Buch eben Eben­holz, wie dieses schwarze Holz. Zumin­dest im pol­ni­schen Ori­ginal heißt es so. Das ist eine Repor­ta­gensamm­lung über Afrika. Ich buch­sta­biere den Namen: K wie Kauf­mann, A wie Anton, P wie Paula, …” Beide schauen auf den Bild­schirm, wo meh­rere Werke von Kapuściński auf­ge­listet sind und dann unsi­cher auf sich. „Das wird wohl Afri­ka­ni­sches Fieber sein, oder? …”

 

wortsuche

Podi­ums­dis­kus­sion mit Eliza Borg, Sven Sellmer und Dorota Stroińska (in der Mitte) auf der Leip­ziger Buch­messe

Flüche in der Biblio­thek
„Mit dem Titel ist es am schwersten”, sagt Eliza Borg, die gerade am neu­esten Roman von Jenny Erpen­beck Heim­su­chung arbeitet. Die Über­set­zerin treffe ich auf der Leip­ziger Buch­messe, wo sie an der Podi­ums­dis­kus­sion zum deutsch-pol­ni­schen Lite­ra­tur­transfer teil­nimmt. „Heim­su­chung hat ja im Deut­schen meh­rere Bedeu­tungen; einmal ist das diese reli­giöse Kom­po­nente, die Heim­su­chung Mariä, die jedoch bei
Erpen­becks Buch am wenigsten eine Rolle spielt; dann gibt es diese Heim­su­chung, wo viel­leicht das Verb häu­figer benutzt wird – wenn die Men­schen von einer Kata­strophe, einer Plage wie Heu­schre­cken, Pest, Seuche heim­ge­sucht werden; die letzte Vari­ante ist dagegen ganz positiv und beglü­ckend – man sucht und findet auch viel­leicht ein Haus, eine Heimat, ein Heim. Bei meiner Über­set­zung ist der Titel wei­terhin offen. Man wird sich wahr­schein­lich sowieso einen ganz anderen Titel ein­fallen müssen, über­haupt weg von ‘Heim’ und ‘suchen’ …”

Drei­zehn kluge Köpfe aus aller Welt rauchten vor­ges­tern auf der Suche nach einem pas­senden Aus­druck. Sie kamen nur zu dem Schluss, dass es wahr­schein­lich in keiner Sprache außer Deutsch ein Wort gibt, das den ganzen Sinn des Begriffs „Heim” mit all seinen Hin­ter­gründen und Nuancen wie­der­gibt. Erpen­becks Roman ist der Schwer­punkt der ein­wö­chigen Inter­na­tio­nalen Über­set­z­er­werk­statt in Berlin, auf deren Pro­gramm auch ein Abste­cher nach Leipzig steht. Die Teil­nehmer sitzen schicht­weise auf dem Dis­kus­si­ons­po­dium abseits des Mes­se­ge­tüm­mels und schätzen den aktu­ellen Stand der Lite­ra­tur­über­set­zung ein, aller­dings nur flüchtig, weil nur eine knappe Stunde jeder Gruppe zur Ver­fü­gung steht und daran streng gehalten wird. Das Gespräch von Eliza Borg und Sven Sellmer (Indo­loge, der Marian Pan­kowski ins Deut­sche über­setzt) mode­riert Dorota Stroińska, deren vor­nehme Art und Weise kaum glauben lässt, dass sie eine der Autorinnen der deut­schen Ver­sion von Wojciech Kuc­zoks Dreckskerl ist.

Wie schwer es ihr fällt, sich der Vul­ga­rismen zu bedienen, erzählt sie eine Woche später auf dem Pol­nisch-Stamm­tisch in Berlin. Seit drei Jahren treffen sich einmal im Monat pol­ni­sche Ger­ma­nisten, deut­sche Sla­wisten, Polen­deut­sche und deut­sche Polen – alles Lite­ra­tur­über­setzer – um die Arbeits­er­geb­nisse ihrer Kol­legen Schritt für Schritt durch­zu­gehen und zu kom­men­tieren. Und die Letz­teren even­tuell zu inspi­rieren.

Frei­tag­abends in einer Kreuz­berger Kneipe – Treppe hoch, Schie­betür zu und man sitzt schon in der lau­schigen Biblio­thek; die Kell­nerin bringt Bier und nimmt wei­tere Bestel­lungen ent­gegen. Heute steht die Über­set­zung des Thea­ter­stücks Trash Story der pol­ni­schen Dra­ma­ti­kerin Mag­da­lena Fertacz auf dem Prüf­stand. Das ist der ein­fache „Arsch”, der eine Dis­kus­sion über Schimpf­wörter aus­löst: „Um ihnen aus­zu­wei­chen, habe ich sie mal im Gespräch ‘K‑Wörter’ genannt. Die Deut­schen hatten jedoch keine Ahnung, welche Wörter ich meinte – Kirche? Küche? Kita?”, lacht Stroińska. Andreas Volk, der extra aus War­schau nach Berlin gekommen ist, um sein Über­set­zungs­werk aus der Nähe zu betrachten (am nächsten Abend wird Trash Story im Maxim Gorki Theater erst­mals auf Deutsch auf­ge­führt), wurde seine Hem­mungen vor der Bier­kut­scher­sprache schon lange her los – beim Über­setzen von Paweł Sala und Krzy­sztof Varga.

 

Star kontra Star
„Doro …”, rutscht es dem Über­setzer Olaf Kühl heraus und die Lawine geht nieder. Im Pots­damer Lite­ra­tur­laden Wist sitzt neben ihm diesmal näm­lich nicht seine Lieb­lings­au­torin Dorota Masłowska, mit der er sich glän­zend ver­steht. Diesmal mode­riert er das Treffen mit Olga Tokar­czuk, einer anderen pro­mi­nenten Per­sön­lich­keit der pol­ni­schen Lite­ratur. Und Tokar­czuk kennt keine Gnade. Nach einer noch harm­losen Lesung aus ihrem am Vortag in Deutsch­land erschie­nenen Buch Unrast (ins Deut­sche über­tragen von Esther Kinsky) fängt ein Gespräch an, das alles andere als fried­lich ist: „Wo siehst du deinen Platz in der Frau­en­li­te­ratur?” – „Ich schaffe keine Frau­en­li­te­ratur, ich schaffe all­ge­mein­mensch­liche Lite­ratur! Ich gehe jede Wette ein, dass du Andrzej Sta­siuk nicht fragst, ob er Män­ner­li­te­ratur betreibt.” Der Mode­rator lässt sich nicht ent­mu­tigen: „Suchen die Figuren aus Unrast nach einer imma­te­ri­ellen Heimat?” – „Ich
habe nicht drei Jahre an diesem Buch geschrieben, um es jetzt in einem Satz zu erklären!” Die Atmo­sphäre ist ange­spannt, das Publikum – ver­blüfft, die Autorin ant­wortet auf Kühls Fragen ärger­lich, wort­karg oder gar nicht. Da Letz­terer ständig von der Mode­ra­tion zur Über­set­zung der Dis­kus­sion springt, ent­steht ein schi­zo­phrener Ein­druck, als ob er mit sich selbst einen Streit führen und dabei zwei unter­schied­liche Streit­kul­turen ver­treten würde. Dorota Masłowska und Andrzej Sta­siuk schauen mit­füh­lend aus den Fotos an der Wand der Buch­hand­lung: Das Duo Tokar­czuk-Kühl
tritt in knapp einer Woche auf dem Lite­ra­tur­fest lit.COLOGNE wieder auf (was sich übri­gens gegen alle Befürch­tungen rei­bungslos abspielte).

„Am Anfang habe ich nur die Autoren mode­riert, die ich selbst über­setzt habe. Inzwi­schen fragen mich immer mehr Ver­an­stalter, ob ich auch die Publi­kums­ge­spräche anderer ost­eu­ro­päi­scher Schrift­steller leiten würde, ich weiß nicht, warum” – Dr. Olaf Kühl Trans­la­tion Super­sys­tems, wie die Sen­sa­tion der pol­ni­schen Gegen­warts­li­te­ratur Dorota Masłowska ihren Stamm­über­setzer genannt hat, scheint effek­tives Zeit­ma­nage­ment im kleinen Finger zu haben. Außer lite­ra­ri­schen Über­set­zungen aus vier Spra­chen und Mode­ra­tionen stehen Ver­lags­gut­achten, Work­shops für ange­hende Lite­ra­tur­über­setzer, Mit­ar­beit am Magazin polen­plus, Bei­träge zur Lite­ra­tur­ge­schichte und zu aktu­ellen poli­ti­schen Themen, Lesungen und Recher­che­reisen auf seinem Pro­gramm. Als ange­se­hener Spe­zia­list für schmut­zige Sprache macht er sogar von diesen zwei Stunden Gebrauch, die er täg­lich in der S- und U‑Bahn ver­bringen muss (auf dem Weg zum Roten Rat­haus, wo er als Refe­rent für Russ­land, Belarus, Ukraine und Trans­kau­kasus arbeitet). Die Ber­liner plau­dern gemüt­lich und ahnen gar nicht, dass sprach­hung­rige Über­setzer im Gedrängel lauern …

 

Getriebe in der Lite­ra­tur­ma­schi­nerie
Kennen Sie Martin Pollack, Kapuścińskis Über­setzer? Den schätze ich beson­ders als Lite­ra­tur­ver­mittler und Autor.” Olaf Kühl ist der Mei­nung, dass jeder Lite­ra­tur­über­setzer auch selbst schreiben sollte – sei es sein Tage­buch oder seine gol­denen Lehren. Auch wenn er nicht ver­öf­fent­licht, sollte er ständig an seinem eigenen Aus­druck feilen. „So wie Jenny Erpen­beck für ihr Buch sehr viel recher­chiert hat, so muss natür­lich auch ihr Über­setzer ihr nach­ma­chen, auch sehr viel Wissen ergat­tern, in ver­schie­denen Berei­chen”, sagt Eliza Borg, die die Autorin auf ihrer Recher­che­reise in War­schau begleitet hat. Der Rat von Dorota Stroińska ist wie­derum, auch Bücher zu über­setzen, die man nicht beson­ders mag, weil sie das Reser­voir an eigenen sti­lis­ti­schen Mit­teln erwei­tern.

Neben der Qual des Schaf­fens teilen Über­setzer und Schrift­steller auch andere Leiden. Der Weg zu wohl­wol­lenden Ver­le­gern ist meist steinig – er fängt mit der Begeis­te­rung für einen Autor (oder für sich selbst als Autor) an, danach werden diverse Ver­lage abge­klap­pert und Über­zeu­gungs­ver­suche unter­nommen. „Das ist eine sehr müh­se­lige Arbeit”, erzählt Stroińska. „Die pol­ni­schen Ver­lage sind sehr zurück­hal­tend der deutsch­spra­chigen Lite­ratur gegen­über. Polen ist zwar das Land, in dem die meisten deut­schen Titel erscheinen, das sind aber eher die Sach­bü­cher, die sich sehr gut ver­kaufen und sehr viel ver­legt werden. Und die deutsch­spra­chige Kinder- und Jugend­li­te­ratur.” Die Pol­nisch-Über­set­zerin von Jutta Richter und Paul Maar zuckt die Ach­seln: „Die Auf­träge bekomme ich schon. Es ist nur schade, dass ich mein Honorar seit Monaten nicht mehr gesehen habe.” Viel­leicht lohnt es sich dann, zu Sach­bü­chern zu wech­seln? „Das werde ich nicht mehr tun”, schüt­telt sich Eliza Borg vor Ekel. „Das habe ich zuletzt vor zwei Jahren gemacht; etwas his­to­riogra-fisches zur pol­ni­schen Geschichte habe ich über­setzt – es war schwer, es war undankbar, schlecht geschrieben, irgendwie schlampig … Nie mehr.”

Olaf Kühl wird die Wan­de­rung durch die Ver­lage gespart; die rufen ihn selber an. Trotzdem sieht er in der pol­ni­schen Lite­ratur kein Geschäft. Wenn das Buch nicht zum Best­seller wird, wie Masłowskas Schnee­weiß und Rus­senrot, krebst der Ver­kauf bei drei Tau­send Exem­plaren herum. Wenn sich diese drei Tau­send ver­kaufen, ist das schon gut. Das berührt Kühl jedoch nicht. „Ich lebe nicht von meinen Über­set­zungen. Über­setzen ist meine Lei­den­schaft.”

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