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Lies dir diesen Striptease durch oder wie Mariusz Szczygieł den Alltag pikant würzt

Posted on 13. Februar 2013 by Zuzanna Krzysztofik
Das ist eine Beziehung, kein Verhältnis wie zwischen einer Prostituierten und ihrem Kunden. Ein Liebesverhältnis ist das oder sogar die Liebe. Im Idealfall dauert sie drei Monate: nach der ersten Faszination gibt es einen Monat für gründliches Kennenlernen, der zweite ist zum Erwägen, dann bleibt noch die Zeit für attraktives Kleiden. Manchmal muss Mariusz Szczygieł sich jedoch nur mit zwei Wochen zufrieden geben, um seine Reportage fertigzustellen.

Das ist eine Beziehung, kein Verhältnis wie zwischen einer Prostituierten und ihrem Kunden. Ein Liebesverhältnis ist das oder sogar die Liebe. Im Idealfall dauert sie drei Monate: nach der ersten Faszination gibt es einen Monat für gründliches Kennenlernen, der zweite ist zum Erwägen, dann bleibt noch die Zeit für attraktives Kleiden. Manchmal muss Mariusz Szczygieł sich jedoch nur mit zwei Wochen zufrieden geben, um die Beziehung zum ausgewählten Thema aufzubauen. Es kommt darauf an, wie viel Zeit er von der Redaktion bekommt, um seine Reportage fertigzustellen.

Sein Name erscheint in der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza fast seit ihrer Gründung. In den 1990ern war er für sieben Jahre mit dem Fernsehen liiert. „Szczygieł, wróć!!!“ (Szczygieł‚ komm zurück!!!), appellierten die Zeitungskollegen auf der Titelseite der Gazeta Wyborcza, er moderierte aber die damals populärste polnische Talkshow Na każdy temat (Zu jedem Thema). Jeder Zuschauer des ersten privaten Senders in Polen kannte den blonden Dreißigjährigen mit Brille, der eine in Leder gekleidete Frau mit der Peitsche einfühlsam fragte: „Dominieren Sie gerne?“ Zu seiner Sendung lud er die Unsichtbaren der kommunistischen Zeit ein: einen Mann nach der Geschlechtsverwandlung, eine Frau nach der Brustamputation, Menschen, die an UFOs glauben… Im Jahre 1996 brachte er seine erste Reportagensammlung Niedziela, która zdarzyła się w środę (Der Sonntag, der am Mittwoch geschah) heraus, die von den Literaturkritikern als eine wichtige Quelle für die Erforschung der Transformationszeit in Polen bezeichnet wurde. Sein treuherziges Fernsehimage trug ebenfalls Früchte: Er gewann den Internet-Wettbewerb für den dümmsten Polen.

Vom Minderwertigkeitskomplex befreite er sich acht Jahre später. Vor einer Buchhandlung in Arles spürte er, dass sein Körper sich plötzlich anspannte und sofort wieder auflockerte, als ob ihn die Spannung seines ganzen Lebens verlassen hätte. Im Schaufenster lag sein Buch Gottland über Tschechien beziehungsweise Tschechen in französischer Übersetzung. Es ist mittlerweile in dreizehn Sprachen übertragen worden, hat ausschließlich gute bis enthusiastische Rezensionen bekommen und wurde – als erstes journalistisches Buch – für den bekanntesten polnischen Literaturpreis Nike nominiert.

 

Mach den Mantel auf
Über die Stadt erhebt sich ein Hügel. Im Inneren verbirgt er dunkle Kammern, deren Wände in vergangenen Zeiten dem Stöhnen der Verbannten lauschten. Hoch oben tickt eine Gigantenuhr, die das Leben der lachenden Bestien misst. Die alten Einwohner der Stadt erinnern sich noch an einen Steinriesen, der vom Hügel aus über das Volk herrschte und der nach Lust und Laune das Leben in den Tod verwandelte. Er ertrug keine Fröhlichkeit und keine Kunst: Als seine Untertanen sich hinter seinem Rücken vergnügten, musste ein Künstler dafür sterben. Das Völkchen zitterte vor dem Riesen, bis er in einer Nacht in tausend Stücke zersprang und verschwand.

Die Stadt heißt Praha, der Hügel – Letná. Auf Letná wippt gleichmäßig ein über zwanzig Meter langes Metronompendel, das sich an Stelle des weltgrößten Stalin-Denkmals befindet. Das Monument stellte Stalin an der Spitze einer Menschenreihe dar und wurde 1962 – sieben Jahre nach seiner Einweihung und sechs Jahre nach Chruschtschows offizieller Verurteilung des Stalinismus – gesprengt. Die tief unter die Erde hineingebauten Betonfundamente bildeten Säle, genutzt unter anderem von Prostituierten. Den Gerüchten nach beging der Autor des Denkmals Selbstmord, nachdem ein Taxifahrer ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, dass die Hand der steinernen Partisanin in Stalins Gefolge auf dem Hosenschlitz ihres Waffenbruders läge.

Szczygieł nennt seine Reportage über das Stalin-Denkmal eine „Mantelgeschichte”. Als er das Material dafür gesammelt hatte, zeigten sich da zwei rote Fäden und parallel ließ er auch im Text zwei Handlungen laufen. Die Oberseite des Mantels ist aus Gerüchten und Legenden um das Denkmal gewoben; das Futter sind die Fakten, die darunter stecken, und die Wege, auf denen der Autor an sie gelangt ist. Szczygieł schreibt nie lineare Geschichten, in denen Ereignisse ordentlich aufeinander folgen. Er will den Leser vom ersten Satz an in Beschlag nehmen und macht sich dabei seine stärkste Seite zunutze: die fesselnde Form.

 

Zieh die Blicke an
„Diese ständige Suche nach einer attraktiven Form ergibt sich aus meinen Komplexen eines unattraktiven Jungen”, erklärt Szczygieł den Studenten des 2009 gegründeten Instituts für Reportage in Warschau, wo er und seine Kollegen Schreibkurse anbieten. „Die Form ist wie ein Federbusch, der von Mängeln ablenkt und den Leser verführt. Erst wenn ich eine konkrete Idee zur Form, einen frappanten Anfang und eine überraschende Pointe habe, fange ich an zu schreiben.” Im Ausland wird Gottland als schöngeistige Literatur klassifiziert – als eine Sammlung von Erzählungen (in Deutschland), von Essays (in Frankreich) oder von historischen Skizzen (in Russland). In Polen gilt es als Reporterarbeit pur. Bloß tragen die dargestellten Fakten nicht ihr nacktes Fleisch herum.

Schreibt ein Reporter das ganze gesammelte Material nieder, ohne der Form eine besondere Sorgfalt zu schenken, bereitet er eine fade Frikadelle zu. Man nehme eine Aussage der Hauptfigur, gebe eine weitere in eigenen Worten wieder und tue sie hinzu. Man wiederhole diesen Vorgang in gleicher Reihenfolge. Zur Abwechslung ersetze man die Aussagen der Hauptfigur durch die Aussagen der Frau/des Sohnes/der Nachbarin der Hauptfigur und das Wort ‚Kind‘ durch das Wort ‚Spross‘. Die Frikadelle wird hastig verschluckt; Szczygiełs Ziel ist es dagegen, Genuss und Erregung mit jedem konsumierten Absatz zu steigern. Und über den Hauptgang hinaus auch Antipasti, Suppe, Wein und Dessert zu bieten.

Gerne vergleicht er seine Reportagen mit Bauwerken voller Balkons, Kreuzgänge und Außentreppen. Sie sind mal kubistisch, wie das Porträt des Schriftstellers Eduard Kirchberger alias Karel Fabian, der in der kommunistischen Tschechoslowakei nicht nur seinen Namen und Schreibstil, sondern auch seine Persönlichkeit und Handschrift geändert hat. Sie können aus kleinen Ziegelsteinen gebaut werden, wie Poczet pokrzywdzonych w III RP (Die Sammlung der Geschädigten in der Dritten Polnischen Republik) mit den merkwürdigsten Beschwerden, die beim polnischen Beauftragten für Bürgerrechte im Jahr 1993 eingegangen sind. Ein anderes Mal erinnern seine Texte – wie Onanizm polski (Die polnische Onanie) – an Brücken, deren Pfeiler und Joche unterschiedliche Stile repräsentieren und trotzdem zusammen funktionieren.

 

Lass die Hüllen langsam fallen
Die Reportage über die Selbstbefriedigung in Polen publizierte Gazeta Wyborcza Mitte der Neunzigerjahre zwischen einem Essay von Czesław Miłosz und einem Interview mit Václav Havel. Viele Leser gaben diese Ausgabe an die Redaktion zurück; die nationale Empörung fiel dabei auf die Zeit, als Szczygieł sich schon längst gegen sensationelle Storys entschieden hatte. „Ich habe das als junger Reporter durchgemacht. Ausnüchterungszellen, Obdachlose, das Mädchen ohne Finger vom Różycki-Markt in Warschau – das waren keine Aufträge, ich wollte das selber, das hat mich als einen achtzehnjährigen, einundzwanzigjährigen Reporter fasziniert. Als ich angefangen hatte, mit Hanna Krall zu arbeiten, verstand ich aber, dass das Schreiben über den Alltag eine große Kunst ist. Nicht über den Penner-Alltag, sondern einfach über den Alltag, man muss nur die ganze Poesie aus dem Alltag herausholen können. Ich habe diese Fähigkeit. Die gewöhnlichen Geschichten verkaufe ich als Krimis – ich spinne sie allmählich, langsam und spiele mit dem Leser.“

 

Ein Rezensent in der Ukraine nannte das einen Striptease.

 

Mit der gleicher Langsamkeit enthüllte Szczygieł in seinem zweiten Tschechien-Buch Zrób sobie raj (Mach dir dein Paradies) das Geheimnis eines Polizisten, der beim Militärdienst dank einem Kameraden sein neues Ich entdeckt hatte. Die gesellschaftliche Intoleranz ließ ihn schweigen, irgendwann wurde der innerliche Druck jedoch unerträglich und er wollte endlich aus dem Schrank kommen. Aus Angst vor der Reaktion verriet er seinen Kollegen nichts, obwohl die Kolleginnen ihn akzeptierten und sogar zu ihrem Vertrauten machten. Als er seiner Freundin die Wahrheit beichtete, war sie erleichtert: „Ich dachte schon, du hast eine andere Frau“. Was hält man als heterosexueller Polizist in Tschechien nun so streng geheim? Diesen und andere Unterschiede zu Polen versucht Szczygieł zu verstehen und seinen Lesern zu erklären. Das ist das erste Gebot der ‚polnischen Schule der Reportage‘, bereits von Kapuściński und Krall befolgt: Du sollst verstehen. Nicht beurteilen, nicht verurteilen, nicht rechtfertigen. Für deinen Leser verstehen.

 

Bring sie alle zum Brodeln
Er fragt sich, ob er noch ein Tschechophiler oder schon ein Kryptotscheche ist. Seine Traumheimat entdeckte er vor zwölf Jahren, als er zum Interview mit Helena Vondráčková gefahren war und Prag samt der tschechischen Sprache ihm einen metaphysischen Orgasmus bereitete. Die Sängerin erzählte ihm über ihre alte Kollegin Marta Kubišová, die 1970 auf dem Gipfel der Karriere für zwanzig Jahre aus dem öffentlichen Leben ausradiert worden war. Um mit Kubišová direkt sprechen zu können, lernte er Tschechisch – so gut, dass die Muttersprachler ihn für einen Slowaken halten und vor ihm über Polen lästern. Weitere Fremdsprachen kann er nicht; fünfzehn Lehrer haben versucht, ihm Englisch beizubringen und sie haben alle nach der fünfzehnten Unterrichtsstunde aufgegeben. Für die Autorentreffen im Ausland hat er die Formel „I don’t speak English, but I understand“ parat.

Szczygieł sagt offen, dass Warschau ihm die Kehle zuschnürt. Frei atmet er in Prag. Dass die tschechischen Schwächen (zu viel Gelächter und Selbstironie, kein Pathos und Tabu, keine Gottesfurcht) ihm eher liegen als die polnischen (zu viel Seriosität, keine Selbstironie, zu viel Pathos und Tabu und eine große Gottesfurcht). „Das Gefühl, kein hundertprozentiger Pole zu sein, gilt für einen Polen als Sakrileg. Todsünde. Beschämende Krankheit. Kein normaler Mensch würde das bei uns in aller Öffentlichkeit zugeben.“ Sein Patriotismus (obwohl er sowieso der Meinung ist, dass die Patriotismen zum Verschwinden verurteilt sind) ist tschechischer Art: gemütlich. Für seine Heimat will er nicht sterben. Er steht auf samtene Umwälzungen – wie der Buchladen mit Kulturcafé Wrzenie Świata (Brodeln der Welt),der von Szczygieł und seinen Reporterkollegen Wojciech Tochman und Paweł Goźliński vor zwei Jahren gegründet wurde, damit die Polen die Non-fiction lieben lernen.

Die Angestellten der Stadtverwaltung waren schockiert, als die meist älteren Nachbarn von Wrzenie Świata dessen Antrag auf die Konzession für Alkoholausschank unterstützten. Üblicherweise sind die Wohnungseigentümer ja knallhart dagegen. Die Vorsitzende der Eigentümergemeinschaft hat erklärt, dass der erbauende Blick auf die Besucher durch Buchladenfenster hier entschieden hat. Die jungen Menschen, die stundenlang über Büchern und bei Autorenlesungen hocken, haben sich ein Gläschen Wein verdient.

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Lies dir diesen Striptease durch oder wie Mariusz Szczygieł den Alltag pikant würzt – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Lies dir diesen Strip­tease durch oder wie Mariusz Szc­zy­gieł den Alltag pikant würzt

Das ist eine Bezie­hung, kein Ver­hältnis wie zwi­schen einer Pro­sti­tu­ierten und ihrem Kunden. Ein Lie­bes­ver­hältnis ist das oder sogar die Liebe. Im Ide­al­fall dauert sie drei Monate: nach der ersten Fas­zi­na­tion gibt es einen Monat für gründ­li­ches Ken­nen­lernen, der zweite ist zum Erwägen, dann bleibt noch die Zeit für attrak­tives Kleiden. Manchmal muss Mariusz Szc­zy­gieł sich jedoch nur mit zwei Wochen zufrieden geben, um die Bezie­hung zum aus­ge­wählten Thema auf­zu­bauen. Es kommt darauf an, wie viel Zeit er von der Redak­tion bekommt, um seine Repor­tage fertigzustellen.

Sein Name erscheint in der pol­ni­schen Tages­zei­tung Gazeta Wyborcza fast seit ihrer Grün­dung. In den 1990ern war er für sieben Jahre mit dem Fern­sehen liiert. „Szc­zy­gieł, wróć!!!“ (Szc­zy­gieł‚ komm zurück!!!), appel­lierten die Zei­tungs­kol­legen auf der Titel­seite der Gazeta Wyborcza, er mode­rierte aber die damals popu­lärste pol­ni­sche Talk­show Na każdy temat (Zu jedem Thema). Jeder Zuschauer des ersten pri­vaten Sen­ders in Polen kannte den blonden Drei­ßig­jäh­rigen mit Brille, der eine in Leder geklei­dete Frau mit der Peit­sche ein­fühlsam fragte: „Domi­nieren Sie gerne?“ Zu seiner Sen­dung lud er die Unsicht­baren der kom­mu­nis­ti­schen Zeit ein: einen Mann nach der Geschlechts­ver­wand­lung, eine Frau nach der Brust­am­pu­ta­tion, Men­schen, die an UFOs glauben… Im Jahre 1996 brachte er seine erste Repor­ta­gensamm­lung Nied­ziela, która zdar­zyła się w środę (Der Sonntag, der am Mitt­woch geschah) heraus, die von den Lite­ra­tur­kri­ti­kern als eine wich­tige Quelle für die Erfor­schung der Trans­for­ma­ti­ons­zeit in Polen bezeichnet wurde. Sein treu­her­ziges Fern­seh­i­mage trug eben­falls Früchte: Er gewann den Internet-Wett­be­werb für den dümmsten Polen.

Vom Min­der­wer­tig­keits­kom­plex befreite er sich acht Jahre später. Vor einer Buch­hand­lung in Arles spürte er, dass sein Körper sich plötz­lich anspannte und sofort wieder auf­lo­ckerte, als ob ihn die Span­nung seines ganzen Lebens ver­lassen hätte. Im Schau­fenster lag sein Buch Gott­land über Tsche­chien bezie­hungs­weise Tsche­chen in fran­zö­si­scher Über­set­zung. Es ist mitt­ler­weile in drei­zehn Spra­chen über­tragen worden, hat aus­schließ­lich gute bis enthu­si­as­ti­sche Rezen­sionen bekommen und wurde – als erstes jour­na­lis­ti­sches Buch – für den bekann­testen pol­ni­schen Lite­ra­tur­preis Nike nominiert.

 

Mach den Mantel auf
Über die Stadt erhebt sich ein Hügel. Im Inneren ver­birgt er dunkle Kam­mern, deren Wände in ver­gan­genen Zeiten dem Stöhnen der Ver­bannten lauschten. Hoch oben tickt eine Gigan­tenuhr, die das Leben der lachenden Bes­tien misst. Die alten Ein­wohner der Stadt erin­nern sich noch an einen Stein­riesen, der vom Hügel aus über das Volk herrschte und der nach Lust und Laune das Leben in den Tod ver­wan­delte. Er ertrug keine Fröh­lich­keit und keine Kunst: Als seine Unter­tanen sich hinter seinem Rücken ver­gnügten, musste ein Künstler dafür sterben. Das Völk­chen zit­terte vor dem Riesen, bis er in einer Nacht in tau­send Stücke zer­sprang und verschwand.

Die Stadt heißt Praha, der Hügel – Letná. Auf Letná wippt gleich­mäßig ein über zwanzig Meter langes Metro­nom­pendel, das sich an Stelle des welt­größten Stalin-Denk­mals befindet. Das Monu­ment stellte Stalin an der Spitze einer Men­schen­reihe dar und wurde 1962 – sieben Jahre nach seiner Ein­wei­hung und sechs Jahre nach Chruscht­schows offi­zi­eller Ver­ur­tei­lung des Sta­li­nismus – gesprengt. Die tief unter die Erde hin­ein­ge­bauten Beton­fun­da­mente bil­deten Säle, genutzt unter anderem von Pro­sti­tu­ierten. Den Gerüchten nach beging der Autor des Denk­mals Selbst­mord, nachdem ein Taxi­fahrer ihn darauf auf­merksam gemacht hatte, dass die Hand der stei­nernen Par­ti­sanin in Sta­lins Gefolge auf dem Hosen­schlitz ihres Waf­fen­bru­ders läge.

Szc­zy­gieł nennt seine Repor­tage über das Stalin-Denkmal eine „Man­tel­ge­schichte”. Als er das Mate­rial dafür gesam­melt hatte, zeigten sich da zwei rote Fäden und par­allel ließ er auch im Text zwei Hand­lungen laufen. Die Ober­seite des Man­tels ist aus Gerüchten und Legenden um das Denkmal gewoben; das Futter sind die Fakten, die dar­unter ste­cken, und die Wege, auf denen der Autor an sie gelangt ist. Szc­zy­gieł schreibt nie lineare Geschichten, in denen Ereig­nisse ordent­lich auf­ein­ander folgen. Er will den Leser vom ersten Satz an in Beschlag nehmen und macht sich dabei seine stärkste Seite zunutze: die fes­selnde Form.

 

Zieh die Blicke an
„Diese stän­dige Suche nach einer attrak­tiven Form ergibt sich aus meinen Kom­plexen eines unat­trak­tiven Jungen”, erklärt Szc­zy­gieł den Stu­denten des 2009 gegrün­deten Insti­tuts für Repor­tage in War­schau, wo er und seine Kol­legen Schreib­kurse anbieten. „Die Form ist wie ein Feder­busch, der von Män­geln ablenkt und den Leser ver­führt. Erst wenn ich eine kon­krete Idee zur Form, einen frap­panten Anfang und eine über­ra­schende Pointe habe, fange ich an zu schreiben.” Im Aus­land wird Gott­land als schön­geis­tige Lite­ratur klas­si­fi­ziert – als eine Samm­lung von Erzäh­lungen (in Deutsch­land), von Essays (in Frank­reich) oder von his­to­ri­schen Skizzen (in Russ­land). In Polen gilt es als Repor­ter­ar­beit pur. Bloß tragen die dar­ge­stellten Fakten nicht ihr nacktes Fleisch herum.

Schreibt ein Reporter das ganze gesam­melte Mate­rial nieder, ohne der Form eine beson­dere Sorg­falt zu schenken, bereitet er eine fade Fri­ka­delle zu. Man nehme eine Aus­sage der Haupt­figur, gebe eine wei­tere in eigenen Worten wieder und tue sie hinzu. Man wie­der­hole diesen Vor­gang in glei­cher Rei­hen­folge. Zur Abwechs­lung ersetze man die Aus­sagen der Haupt­figur durch die Aus­sagen der Frau/des Sohnes/der Nach­barin der Haupt­figur und das Wort ‚Kind‘ durch das Wort ‚Spross‘. Die Fri­ka­delle wird hastig ver­schluckt; Szc­zy­giełs Ziel ist es dagegen, Genuss und Erre­gung mit jedem kon­su­mierten Absatz zu stei­gern. Und über den Haupt­gang hinaus auch Anti­pasti, Suppe, Wein und Des­sert zu bieten.

Gerne ver­gleicht er seine Repor­tagen mit Bau­werken voller Bal­kons, Kreuz­gänge und Außen­treppen. Sie sind mal kubis­tisch, wie das Por­trät des Schrift­stel­lers Eduard Kirch­berger alias Karel Fabian, der in der kom­mu­nis­ti­schen Tsche­cho­slo­wakei nicht nur seinen Namen und Schreib­stil, son­dern auch seine Per­sön­lich­keit und Hand­schrift geän­dert hat. Sie können aus kleinen Zie­gel­steinen gebaut werden, wie Poczet pokrzywd­zonych w III RP (Die Samm­lung der Geschä­digten in der Dritten Pol­ni­schen Repu­blik) mit den merk­wür­digsten Beschwerden, die beim pol­ni­schen Beauf­tragten für Bür­ger­rechte im Jahr 1993 ein­ge­gangen sind. Ein anderes Mal erin­nern seine Texte – wie Ona­nizm polski (Die pol­ni­sche Onanie) – an Brü­cken, deren Pfeiler und Joche unter­schied­liche Stile reprä­sen­tieren und trotzdem zusammen funktionieren.

 

Lass die Hüllen langsam fallen
Die Repor­tage über die Selbst­be­frie­di­gung in Polen publi­zierte Gazeta Wyborcza Mitte der Neun­zi­ger­jahre zwi­schen einem Essay von Czesław Miłosz und einem Inter­view mit Václav Havel. Viele Leser gaben diese Aus­gabe an die Redak­tion zurück; die natio­nale Empö­rung fiel dabei auf die Zeit, als Szc­zy­gieł sich schon längst gegen sen­sa­tio­nelle Storys ent­schieden hatte. „Ich habe das als junger Reporter durch­ge­macht. Aus­nüch­te­rungs­zellen, Obdach­lose, das Mäd­chen ohne Finger vom Różycki-Markt in War­schau – das waren keine Auf­träge, ich wollte das selber, das hat mich als einen acht­zehn­jäh­rigen, ein­und­zwan­zig­jäh­rigen Reporter fas­zi­niert. Als ich ange­fangen hatte, mit Hanna Krall zu arbeiten, ver­stand ich aber, dass das Schreiben über den Alltag eine große Kunst ist. Nicht über den Penner-Alltag, son­dern ein­fach über den Alltag, man muss nur die ganze Poesie aus dem Alltag her­aus­holen können. Ich habe diese Fähig­keit. Die gewöhn­li­chen Geschichten ver­kaufe ich als Krimis – ich spinne sie all­mäh­lich, langsam und spiele mit dem Leser.“

 

Ein Rezen­sent in der Ukraine nannte das einen Striptease.

 

Mit der glei­cher Lang­sam­keit ent­hüllte Szc­zy­gieł in seinem zweiten Tsche­chien-Buch Zrób sobie raj (Mach dir dein Para­dies) das Geheimnis eines Poli­zisten, der beim Mili­tär­dienst dank einem Kame­raden sein neues Ich ent­deckt hatte. Die gesell­schaft­liche Into­le­ranz ließ ihn schweigen, irgend­wann wurde der inner­liche Druck jedoch uner­träg­lich und er wollte end­lich aus dem Schrank kommen. Aus Angst vor der Reak­tion ver­riet er seinen Kol­legen nichts, obwohl die Kol­le­ginnen ihn akzep­tierten und sogar zu ihrem Ver­trauten machten. Als er seiner Freundin die Wahr­heit beich­tete, war sie erleich­tert: „Ich dachte schon, du hast eine andere Frau“. Was hält man als hete­ro­se­xu­eller Poli­zist in Tsche­chien nun so streng geheim? Diesen und andere Unter­schiede zu Polen ver­sucht Szc­zy­gieł zu ver­stehen und seinen Lesern zu erklären. Das ist das erste Gebot der ‚pol­ni­schen Schule der Repor­tage‘, bereits von Kapuściński und Krall befolgt: Du sollst ver­stehen. Nicht beur­teilen, nicht ver­ur­teilen, nicht recht­fer­tigen. Für deinen Leser verstehen.

 

Bring sie alle zum Brodeln
Er fragt sich, ob er noch ein Tsche­cho­philer oder schon ein Kryp­totscheche ist. Seine Traum­heimat ent­deckte er vor zwölf Jahren, als er zum Inter­view mit Helena Von­drá­č­ková gefahren war und Prag samt der tsche­chi­schen Sprache ihm einen meta­phy­si­schen Orgasmus berei­tete. Die Sän­gerin erzählte ihm über ihre alte Kol­legin Marta Kubišová, die 1970 auf dem Gipfel der Kar­riere für zwanzig Jahre aus dem öffent­li­chen Leben aus­ra­diert worden war. Um mit Kubišová direkt spre­chen zu können, lernte er Tsche­chisch – so gut, dass die Mut­ter­sprachler ihn für einen Slo­waken halten und vor ihm über Polen läs­tern. Wei­tere Fremd­spra­chen kann er nicht; fünf­zehn Lehrer haben ver­sucht, ihm Eng­lisch bei­zu­bringen und sie haben alle nach der fünf­zehnten Unter­richts­stunde auf­ge­geben. Für die Autoren­treffen im Aus­land hat er die Formel „I don’t speak Eng­lish, but I under­stand“ parat.

Szc­zy­gieł sagt offen, dass War­schau ihm die Kehle zuschnürt. Frei atmet er in Prag. Dass die tsche­chi­schen Schwä­chen (zu viel Gelächter und Selbst­ironie, kein Pathos und Tabu, keine Got­tes­furcht) ihm eher liegen als die pol­ni­schen (zu viel Serio­sität, keine Selbst­ironie, zu viel Pathos und Tabu und eine große Got­tes­furcht). „Das Gefühl, kein hun­dert­pro­zen­tiger Pole zu sein, gilt für einen Polen als Sakrileg. Tod­sünde. Beschä­mende Krank­heit. Kein nor­maler Mensch würde das bei uns in aller Öffent­lich­keit zugeben.“ Sein Patrio­tismus (obwohl er sowieso der Mei­nung ist, dass die Patrio­tismen zum Ver­schwinden ver­ur­teilt sind) ist tsche­chi­scher Art: gemüt­lich. Für seine Heimat will er nicht sterben. Er steht auf sam­tene Umwäl­zungen – wie der Buch­laden mit Kul­tur­café Wrzenie Świata (Bro­deln der Welt),der von Szc­zy­gieł und seinen Repor­ter­kol­legen Wojciech Tochman und Paweł Goź­liński vor zwei Jahren gegründet wurde, damit die Polen die Non-fic­tion lieben lernen.

Die Ange­stellten der Stadt­ver­wal­tung waren scho­ckiert, als die meist älteren Nach­barn von Wrzenie Świata dessen Antrag auf die Kon­zes­sion für Alko­hol­aus­schank unter­stützten. Übli­cher­weise sind die Woh­nungs­ei­gen­tümer ja knall­hart dagegen. Die Vor­sit­zende der Eigen­tü­mer­ge­mein­schaft hat erklärt, dass der erbau­ende Blick auf die Besu­cher durch Buch­la­den­fenster hier ent­schieden hat. Die jungen Men­schen, die stun­den­lang über Büchern und bei Autoren­le­sungen hocken, haben sich ein Gläs­chen Wein verdient.

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