Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Künst­le­ri­sche Inter­ven­tionen – Sicht­bar­ma­chung des Unsichtbaren

Die ukrai­ni­sche Kunst­szene hat sich in den ersten Tagen des rus­si­schen Angriffs rasch zusam­men­ge­funden, um neben einer indi­vi­du­ellen auch eine gemein­same Form und Sprache zur Dar­stel­lung des Krieges zu finden. Die ukrai­ni­schen Comi­c­au­torInnen, Illus­tra­to­rInnen und Künst­le­rInnen haben sich mit Hilfe der 2014 gegrün­deten Künst­ler­gruppe Pic­toric für eine vir­tu­elle Austel­lung und Spen­den­ak­tion mit Zeich­nungen aus dem Krieg ver­sam­melt. Neben den Fragen der Dar­stel­lung und der unmit­tel­baren Zeu­gen­schaft des Krieges, der Flucht und des Ver­lusts, werden in den Werken oft die Fragen der Sicht­bar­keit der ukrai­ni­schen Kunst und des Ver­hält­nisses zur domi­nanten russischsprachigen/russländischen Kunst­welt ver­han­delt. Die Asym­me­trien, die den künst­le­ri­schen „Dialog“ zwi­schen Russ­land und der Ukraine stark cha­rak­te­ri­sieren, können im Kon­text des imperialen/kolonialen und neo­im­pe­rialen Tra­di­tion gelesen werden. Ukrai­ni­sche Künst­le­rInnen machen ihre west­li­chen, aber auch russ­län­di­schen Kol­le­gInnen und Rezi­pi­en­tInnen nicht erst seit wenigen Monaten auf dieses pro­ble­ma­ti­sche Ver­hältnis auf­merksam. Die Fragen nach der Eman­zi­pa­tion und Eigen­stän­dig­keit der ukrai­ni­schen Kunst (Film, Bil­dende Kunst, Lite­ratur u.a.) gestalten seit Anne­xion der Krim und dem Krieg in Don­bass immer dring­li­cher den Diskurs.

 

Die ukrai­ni­sche Künst­lerin mit geor­gi­schen Wur­zeln Alev­tina Kak­hidze ist in der Region Donezk geboren und lebt und arbeitet aktuell in Muziči, in einem Dorf in der Nähe von Kyiv. Alev­tina Kak­hi­dzes Kon­zept­kunst hat per­for­ma­tive, bild­ne­ri­sche, aber auch schrift­stel­le­ri­sche Dimen­sion. Seit dem Aus­bruch des Krieges setzt sie sich in Minia­turen, mini­ma­lis­ti­schen Zeich­nungen, Video­bot­schaften und comi­c­ar­tigen Arbeiten mit der rus­si­schen Inva­sion in der Ukraine aus­ein­ander. In tage­buch­ar­tigen Werken, die sie seit dem 24. Februar intensiv ent­wirft, hält die Künst­lerin ihren Alltag in der ukrai­ni­schen Peri­pherie in Zei­chen des Krieges fest.

Novinki ver­öf­fent­licht eine Arbeit aus dieser neuen Serie, die sich an das klas­si­sche Comic­genre anlehnt und es zugleich kari­kiert und dekon­stru­iert. Kurz nach der Ver­öf­fent­li­chung eines Comic­strips „Collec­tive Shame“ der rus­si­chen Künst­lerin Vic­toria Lomasko und ihres ame­ri­ka­ni­schen Kol­legen Joe Sacco in The New Yorker, zeichnet Alev­tina Kak­hidze eine Kari­katur, die das Ori­ginal nicht nur kri­tisch kom­men­tiert, son­dern es durch eine ukrai­ni­sche Per­spek­tive ergänzt und buch­stäb­lich über-schreibt und über-zeichnet. Im Ori­ginal, das als eine kol­la­bo­ra­tive Arbeit gestalltet ist, über­nimmt Joe Sacco, der durch seine Comic-Repor­tagen welt­weit bekannt wurde, den Stift seiner rus­si­schen Kol­legin und nimmt sich vor, in einem Land­s­cape Panel die Geschichte von Vic­toria Lomaskos Aus­wan­de­rung zu zeichnen. Den Text lie­fert dabei die Künst­lerin selbst.

 

In einem eher klas­si­schen Zei­chen­stil gehal­tenen schwarz-weißen Comic­streifen wird in action-to-action und in scene-to-scene Über­gängen auto­bio­gra­phisch erzählt. Hier begleiten wir die Haupt­figur wäh­rend den ersten Kriegs­tagen durch die Mos­kauer Innen­stadt, auf dem Flug­hafen und später im west­eu­ro­päi­schen Exil. Der Zei­chen­duktus gestaltet eine Atmo­sphäre, die durch Angst (Mimik und Gestik der Haupt­figur), zuneh­mende Bedro­hung und Aus­gren­zung gekenn­zeichnet ist. Die Erzäh­lung in Sprach- und Denk­blasen und die Figu­ren­rede in Block­texten spitzen dies noch weiter zu.

 

Alev­tina Kak­hi­dzes kri­ti­sche Inter­ven­tion mit dem Alter­na­tiv­titel „Collec­tive Blind­ness“, die durch eine radi­kale Mon­ta­ge­technik die ursprüng­liche Sei­ten­ar­chi­tektur der Comic nicht nur auf­bricht, son­dern ein alter­na­tives Nar­rativ in Text und Bild imple­men­tiert, funk­tio­niert auf meh­reren Ebe­nenen. Die Comic-Kari­katur ergänzt und dezen­triert zugleich die Erzäh­lung durch eine ukrai­ni­sche Per­spek­tive, wirft Fragen nach der Rolle der Kunst und des Wider­stands in Russ­land auf und kon­fron­tiert die AutorInnen der Comic in einer nun drei­spra­chigen Fas­sung mit der Kriegs­rea­lität in der Ukraine. Die schwarz-weiße Ori­gi­nal­ver­sion wird nun farbig mit knallrot und sattem gelb insze­niert. Die Fragen nach der Sicht­bar­keit der ukrai­ni­schen Kunst, nach dem Repro­du­zieren von alten Asym­me­trien und nach der feh­lenden Empa­thie werden dabei zentral.

 

P.S. Neben Alev­tina Kak­hidze, nimmt eine wei­tere ukrai­ni­sche Künst­lerin und Illus­tra­torin Zhenya Oli­inyk Stel­lung zu Joe Saccos und Vic­toria Lomaskos Kol­la­bo­ra­tion und ver­öf­fent­licht einen aus­führ­li­chen Kom­mentar dazu.

 

Comic-Kari­katur © Alev­tina Kakhidze