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Künstlerische Interventionen – Sichtbarmachung des Unsichtbaren

Posted on 6. Mai 2022 by Irine Beridze
Die ukrainische Kunstszene hat sich in den ersten Tagen des russischen Angriffs rasch zusammengefunden, um neben einer individuellen auch eine gemeinsame Form und Sprache zur Darstellung des Krieges zu finden. Die ukrainischen ComicautorInnen, IllustratorInnen und KünstlerInnen haben sich mit Hilfe der 2014 gegründeten Künstlergruppe Pictoric für eine virtuelle Austellung und Spendenaktion mit Zeichnungen aus dem Krieg versammelt.

Die ukrainische Kunstszene hat sich in den ersten Tagen des russischen Angriffs rasch zusammengefunden, um neben einer individuellen auch eine gemeinsame Form und Sprache zur Darstellung des Krieges zu finden. Die ukrainischen ComicautorInnen, IllustratorInnen und KünstlerInnen haben sich mit Hilfe der 2014 gegründeten Künstlergruppe Pictoric für eine virtuelle Austellung und Spendenaktion mit Zeichnungen aus dem Krieg versammelt. Neben den Fragen der Darstellung und der unmittelbaren Zeugenschaft des Krieges, der Flucht und des Verlusts, werden in den Werken oft die Fragen der Sichtbarkeit der ukrainischen Kunst und des Verhältnisses zur dominanten russischsprachigen/russländischen Kunstwelt verhandelt. Die Asymmetrien, die den künstlerischen „Dialog“ zwischen Russland und der Ukraine stark charakterisieren, können im Kontext des imperialen/kolonialen und neoimperialen Tradition gelesen werden. Ukrainische KünstlerInnen machen ihre westlichen, aber auch russländischen KollegInnen und RezipientInnen nicht erst seit wenigen Monaten auf dieses problematische Verhältnis aufmerksam. Die Fragen nach der Emanzipation und Eigenständigkeit der ukrainischen Kunst (Film, Bildende Kunst, Literatur u.a.) gestalten seit Annexion der Krim und dem Krieg in Donbass immer dringlicher den Diskurs.

 

Die ukrainische Künstlerin mit georgischen Wurzeln Alevtina Kakhidze ist in der Region Donezk geboren und lebt und arbeitet aktuell in Muziči, in einem Dorf in der Nähe von Kyiv. Alevtina Kakhidzes Konzeptkunst hat performative, bildnerische, aber auch schriftstellerische Dimension. Seit dem Ausbruch des Krieges setzt sie sich in Miniaturen, minimalistischen Zeichnungen, Videobotschaften und comicartigen Arbeiten mit der russischen Invasion in der Ukraine auseinander. In tagebuchartigen Werken, die sie seit dem 24. Februar intensiv entwirft, hält die Künstlerin ihren Alltag in der ukrainischen Peripherie in Zeichen des Krieges fest.

Novinki veröffentlicht eine Arbeit aus dieser neuen Serie, die sich an das klassische Comicgenre anlehnt und es zugleich karikiert und dekonstruiert. Kurz nach der Veröffentlichung eines Comicstrips „Collective Shame“ der russichen Künstlerin Victoria Lomasko und ihres amerikanischen Kollegen Joe Sacco in The New Yorker, zeichnet Alevtina Kakhidze eine Karikatur, die das Original nicht nur kritisch kommentiert, sondern es durch eine ukrainische Perspektive ergänzt und buchstäblich über-schreibt und über-zeichnet. Im Original, das als eine kollaborative Arbeit gestalltet ist, übernimmt Joe Sacco, der durch seine Comic-Reportagen weltweit bekannt wurde, den Stift seiner russischen Kollegin und nimmt sich vor, in einem Landscape Panel die Geschichte von Victoria Lomaskos Auswanderung zu zeichnen. Den Text liefert dabei die Künstlerin selbst.

 

In einem eher klassischen Zeichenstil gehaltenen schwarz-weißen Comicstreifen wird in action-to-action und in scene-to-scene Übergängen autobiographisch erzählt. Hier begleiten wir die Hauptfigur während den ersten Kriegstagen durch die Moskauer Innenstadt, auf dem Flughafen und später im westeuropäischen Exil. Der Zeichenduktus gestaltet eine Atmosphäre, die durch Angst (Mimik und Gestik der Hauptfigur), zunehmende Bedrohung und Ausgrenzung gekennzeichnet ist. Die Erzählung in Sprach- und Denkblasen und die Figurenrede in Blocktexten spitzen dies noch weiter zu.

 

Alevtina Kakhidzes kritische Intervention mit dem Alternativtitel „Collective Blindness“, die durch eine radikale Montagetechnik die ursprüngliche Seitenarchitektur der Comic nicht nur aufbricht, sondern ein alternatives Narrativ in Text und Bild implementiert, funktioniert auf mehreren Ebenenen. Die Comic-Karikatur ergänzt und dezentriert zugleich die Erzählung durch eine ukrainische Perspektive, wirft Fragen nach der Rolle der Kunst und des Widerstands in Russland auf und konfrontiert die AutorInnen der Comic in einer nun dreisprachigen Fassung mit der Kriegsrealität in der Ukraine. Die schwarz-weiße Originalversion wird nun farbig mit knallrot und sattem gelb inszeniert. Die Fragen nach der Sichtbarkeit der ukrainischen Kunst, nach dem Reproduzieren von alten Asymmetrien und nach der fehlenden Empathie werden dabei zentral.

 

P.S. Neben Alevtina Kakhidze, nimmt eine weitere ukrainische Künstlerin und Illustratorin Zhenya Oliinyk Stellung zu Joe Saccos und Victoria Lomaskos Kollaboration und veröffentlicht einen ausführlichen Kommentar dazu.

 

Comic-Karikatur © Alevtina Kakhidze

Künstlerische Interventionen – Sichtbarmachung des Unsichtbaren – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Künst­le­ri­sche Inter­ven­tionen – Sicht­bar­ma­chung des Unsichtbaren

Die ukrai­ni­sche Kunst­szene hat sich in den ersten Tagen des rus­si­schen Angriffs rasch zusam­men­ge­funden, um neben einer indi­vi­du­ellen auch eine gemein­same Form und Sprache zur Dar­stel­lung des Krieges zu finden. Die ukrai­ni­schen Comi­c­au­torInnen, Illus­tra­to­rInnen und Künst­le­rInnen haben sich mit Hilfe der 2014 gegrün­deten Künst­ler­gruppe Pic­toric für eine vir­tu­elle Austel­lung und Spen­den­ak­tion mit Zeich­nungen aus dem Krieg ver­sam­melt. Neben den Fragen der Dar­stel­lung und der unmit­tel­baren Zeu­gen­schaft des Krieges, der Flucht und des Ver­lusts, werden in den Werken oft die Fragen der Sicht­bar­keit der ukrai­ni­schen Kunst und des Ver­hält­nisses zur domi­nanten russischsprachigen/russländischen Kunst­welt ver­han­delt. Die Asym­me­trien, die den künst­le­ri­schen „Dialog“ zwi­schen Russ­land und der Ukraine stark cha­rak­te­ri­sieren, können im Kon­text des imperialen/kolonialen und neo­im­pe­rialen Tra­di­tion gelesen werden. Ukrai­ni­sche Künst­le­rInnen machen ihre west­li­chen, aber auch russ­län­di­schen Kol­le­gInnen und Rezi­pi­en­tInnen nicht erst seit wenigen Monaten auf dieses pro­ble­ma­ti­sche Ver­hältnis auf­merksam. Die Fragen nach der Eman­zi­pa­tion und Eigen­stän­dig­keit der ukrai­ni­schen Kunst (Film, Bil­dende Kunst, Lite­ratur u.a.) gestalten seit Anne­xion der Krim und dem Krieg in Don­bass immer dring­li­cher den Diskurs.

 

Die ukrai­ni­sche Künst­lerin mit geor­gi­schen Wur­zeln Alev­tina Kak­hidze ist in der Region Donezk geboren und lebt und arbeitet aktuell in Muziči, in einem Dorf in der Nähe von Kyiv. Alev­tina Kak­hi­dzes Kon­zept­kunst hat per­for­ma­tive, bild­ne­ri­sche, aber auch schrift­stel­le­ri­sche Dimen­sion. Seit dem Aus­bruch des Krieges setzt sie sich in Minia­turen, mini­ma­lis­ti­schen Zeich­nungen, Video­bot­schaften und comi­c­ar­tigen Arbeiten mit der rus­si­schen Inva­sion in der Ukraine aus­ein­ander. In tage­buch­ar­tigen Werken, die sie seit dem 24. Februar intensiv ent­wirft, hält die Künst­lerin ihren Alltag in der ukrai­ni­schen Peri­pherie in Zei­chen des Krieges fest.

Novinki ver­öf­fent­licht eine Arbeit aus dieser neuen Serie, die sich an das klas­si­sche Comic­genre anlehnt und es zugleich kari­kiert und dekon­stru­iert. Kurz nach der Ver­öf­fent­li­chung eines Comic­strips „Collec­tive Shame“ der rus­si­chen Künst­lerin Vic­toria Lomasko und ihres ame­ri­ka­ni­schen Kol­legen Joe Sacco in The New Yorker, zeichnet Alev­tina Kak­hidze eine Kari­katur, die das Ori­ginal nicht nur kri­tisch kom­men­tiert, son­dern es durch eine ukrai­ni­sche Per­spek­tive ergänzt und buch­stäb­lich über-schreibt und über-zeichnet. Im Ori­ginal, das als eine kol­la­bo­ra­tive Arbeit gestalltet ist, über­nimmt Joe Sacco, der durch seine Comic-Repor­tagen welt­weit bekannt wurde, den Stift seiner rus­si­schen Kol­legin und nimmt sich vor, in einem Land­s­cape Panel die Geschichte von Vic­toria Lomaskos Aus­wan­de­rung zu zeichnen. Den Text lie­fert dabei die Künst­lerin selbst.

 

In einem eher klas­si­schen Zei­chen­stil gehal­tenen schwarz-weißen Comic­streifen wird in action-to-action und in scene-to-scene Über­gängen auto­bio­gra­phisch erzählt. Hier begleiten wir die Haupt­figur wäh­rend den ersten Kriegs­tagen durch die Mos­kauer Innen­stadt, auf dem Flug­hafen und später im west­eu­ro­päi­schen Exil. Der Zei­chen­duktus gestaltet eine Atmo­sphäre, die durch Angst (Mimik und Gestik der Haupt­figur), zuneh­mende Bedro­hung und Aus­gren­zung gekenn­zeichnet ist. Die Erzäh­lung in Sprach- und Denk­blasen und die Figu­ren­rede in Block­texten spitzen dies noch weiter zu.

 

Alev­tina Kak­hi­dzes kri­ti­sche Inter­ven­tion mit dem Alter­na­tiv­titel „Collec­tive Blind­ness“, die durch eine radi­kale Mon­ta­ge­technik die ursprüng­liche Sei­ten­ar­chi­tektur der Comic nicht nur auf­bricht, son­dern ein alter­na­tives Nar­rativ in Text und Bild imple­men­tiert, funk­tio­niert auf meh­reren Ebe­nenen. Die Comic-Kari­katur ergänzt und dezen­triert zugleich die Erzäh­lung durch eine ukrai­ni­sche Per­spek­tive, wirft Fragen nach der Rolle der Kunst und des Wider­stands in Russ­land auf und kon­fron­tiert die AutorInnen der Comic in einer nun drei­spra­chigen Fas­sung mit der Kriegs­rea­lität in der Ukraine. Die schwarz-weiße Ori­gi­nal­ver­sion wird nun farbig mit knallrot und sattem gelb insze­niert. Die Fragen nach der Sicht­bar­keit der ukrai­ni­schen Kunst, nach dem Repro­du­zieren von alten Asym­me­trien und nach der feh­lenden Empa­thie werden dabei zentral.

 

P.S. Neben Alev­tina Kak­hidze, nimmt eine wei­tere ukrai­ni­sche Künst­lerin und Illus­tra­torin Zhenya Oli­inyk Stel­lung zu Joe Saccos und Vic­toria Lomaskos Kol­la­bo­ra­tion und ver­öf­fent­licht einen aus­führ­li­chen Kom­mentar dazu.

 

Comic-Kari­katur © Alev­tina Kakhidze