Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Kau­ka­si­sche Dys­topie als War­nung

„Mein Buch ist gar nicht so fan­tas­tisch, wie es zuerst vor­kommen mag: Das alles kann eigent­lich jeden Tag wahr werden“, kom­men­tiert die rus­si­sche Schrift­stel­lerin Alissa Gani­jewa ihren ersten Roman, der Anfang dieses Jahres auch auf Deutsch erschienen ist. Die bisher vor allem als Lite­ra­tur­kri­ti­kerin bekannte junge Autorin beschreibt den Alltag im umstrit­tensten Teil Russ­lands – Dage­stan – und prä­sen­tiert ein Sze­nario mög­li­cher Kon­se­quenzen des Extre­mismus und der Zer­spal­tung.

 

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Seit der ersten Ver­öf­fent­li­chung im Jahr 2012 sorgt Alissa Gani­jewas Roman­debüt Die rus­si­sche Mauer (Orig.: Prazd­nič­naja gora) in Russ­land für Debatten und Kritik unter­schied­li­cher Art: Einige reden von einem Durch­bruch in Gani­jewas Kar­riere, die anderen betrachten das Buch der in Dage­stan auf­ge­wach­senen und heute in Moskau lebenden Autorin als Verrat und Ver­spot­tung ihrer Heimat. Der Grund dafür ist vor allem die kon­tro­verse und, einigen Mei­nungen nach, gera­dezu abfäl­lige Dar­stel­lung des heu­tigen Dage­stan und seiner Bevöl­ke­rung.

 

Gani­jewa ist weder die erste noch die ein­zige rus­sisch­spra­chige Autorin, die sich mit dem Kau­ka­sus­thema beschäf­tigt. Viel Auf­merk­sam­keit bekamen im letzten Jahr­zehnt­ent­weder kriegs­be­zo­gene, oft auto­bio­gra­phi­sche Erfah­rungs­be­richte (z.B. von Zakhar Pril­epin, Arkadi Babt­schenko, Polina Scher­ebt­sowa) oder Ver­suche, den Kriegs­terror und seine Gründe von innen heraus zu begreifen (German Sadu­lajew, Marina Ach­me­dowa). Ein per­sön­li­ches Ver­hältnis zum Thema bzw. eine Ich-Erzähler-Per­spek­tive ver­bindet die Texte dieser Autoren.

 

Gani­jewa dagegen ver­zichtet auf einen (auto-)biographischen Bezug und den Kriegs­aspekt. Statt­dessen erschafft sie eine objektiv wir­kende, detail­lierte fik­tio­nale Schil­de­rung der aktu­ellen dage­sta­ni­schen Rea­lität, die sich zu einer dys­to­pi­schen und düs­teren Fan­tasie über den Unter­gang des von innen zer­ris­senen Landes ent­faltet. Trotzdem wirkt das Buch nicht weniger per­sön­lich und aktuell. Immerhin scheint es der Autorin bei dieser „Was-wäre-wenn“-Geschichte vor allem darum zu gehen, die dunklen Seiten und die sozialen Span­nungen in ihrer Heimat ans Licht zu bringen und auf die poten­zi­elle Gefahr auf­merksam zu machen. Und wenn man offen und mutig genug ist, kann man einiges aus der Geschichte auch in anderen Län­dern und Kul­turen wie­der­erkennen.

 

Die fik­tive Hand­lungs­linie des Romans stützt sich auf das Gerücht über eine Mauer, die von den Russen gebaut wird, um sich vom Kau­kasus abzu­trennen. Das Gerücht erweist sich jedoch als scho­ckie­rende Wahr­heit, die einige tra­gi­sche Ereig­nisse zur Folge hat. Aber bevor es dazu kommt, lernt man eine ganze Reihe an Prot­ago­nisten und Neben­fi­guren kennen, die kurze Zeit vor der plötz­li­chen Kata­strophe ihren gewohnten Alltag durch­leben. Zahl­reiche Frag­mente dieses All­tags erweisen sich als (eher will­kür­lich) mit der Geschichte von Schamil, einem jungen Reporter, ver­bunden.

 

Schon auf der ersten Seite beginnt eine Tourganijewa_russische_mauer_cover_russ durch dage­sta­ni­sche Haus­halte, Straßen, Büros und Klubs. Man ent­deckt das Land mit ver­schie­denen Spra­chen, mit­ein­ander kon­kur­rie­renden eth­ni­schen Iden­ti­täten und poli­ti­schen Ein­stel­lungen. Auf­rufe zur Auto­nomie und Unab­hän­gig­keit stehen den pro­rus­si­schen Gegen­ar­gu­menten gegen­über, Kon­fes­sionen und isla­mi­sche Grup­pie­rungen streiten um Glauben und Brauchtum. Rigo­rose isla­mi­sche Beschrän­kungen und jahr­hun­der­te­alte Tra­di­tionen befinden sich in einer bizarren Koexis­tenz mit modernen west­li­chen Sitten, Kor­rup­tion und Pop­kultur. Die plötz­liche Erlö­sung von der rus­si­schen Kon­trolle durch die Mauer ver­schärft die Aus­ein­an­der­set­zungen und das Chaos.

 

Die Mosa­ik­struktur des Romans erin­nert eher an eth­no­gra­fi­sche Fern­seh­do­ku­men­ta­tionen: Dia­loge und Szenen wech­seln sich ab mit his­to­ri­schen und lan­des­kund­li­chen Aus­künften, eine dif­fe­ren­zierte Cha­rak­ter­studie ist hier nicht zu finden, dafür eher eine Galerie von anschau­li­chen Por­traits, die für ver­schie­dene Klassen und Schichten der dage­sta­ni­schen Gesell­schaft stehen.

 

Dabei legt Gani­jewa viel Wert darauf, die Sprache und die Dia­loge der Prot­ago­nisten mög­lichst authen­tisch wie­der­zu­geben: häu­fige Kol­lo­quia­lismen, isla­mi­sche Begriffe und dage­sta­ni­sche Wörter tragen zum Kolorit und zur Begeg­nung mit der fremden Kultur bei. Das Expe­ri­men­tieren der Autorin mit ver­schie­denen lite­ra­ri­schen Stilen und Formen (von Folk­lore über Puš­kins Bal­laden bis hin zum Soz­rea­lismus) dagegen ist zwar beein­dru­ckend und gekonnt, wirkt aber stel­len­weise auch über­stra­pa­ziert und gewollt.

 

Nach und nach ent­steht aus diesem bunten und viel­stim­migen Puzzle das Bild einer kleinen Welt, die der­maßen gespalten und wider­sprüch­lich ist, dass sie sich nicht mehr wehren kann, wenn es nötig wird. In der zweiten Hälfte des Romans, in der diese Welt gera­dezu apo­ka­lyp­ti­sche Züge erhält, wird Dage­stan von den Radi­kal­is­la­misten erobert und zer­stört. Das wohl Beein­dru­ckendste am Roman ist – abge­sehen von seinem eth­no­gra­phi­schen Wert –die beängs­ti­gende Beschrei­bung des Zer­falls eines Landes unter einem fana­ti­schen Regime: Ent­setzen, Angst und Wut macht Freunde, Nach­barn und fried­liche Bürger zu Feinden und Mör­dern in der eigenen Heimat. Und gerade wenn man sich vor­ma­chen möchte, dies alles sei bloß eine sur­reale Fik­tion über eine ferne exo­ti­sche Region, hört man Berichte über Flücht­linge aus Syrien, über natio­na­lis­ti­sche Stim­mungen in Russ­land und anderen Län­dern oder dar­über, dass immer mehr aus­län­di­sche Rekruten ISIS im Irak bei­treten. Spä­tes­tens hier werden die dys­to­pi­schen Bilder aus dem Roman in den aktu­ellen Nach­richten und Repor­tagen erkennbar. Gani­jewa warnt: Eine Gesell­schaft, die mit ihrer Ver­schie­den­ar­tig­keit und Kom­ple­xität nicht tole­rant umgehen kann bzw. will, kann nicht gut enden. Die fik­tive Mauer zeigt, was pas­sieren könnte, wenn so eine Gesell­schaft plötz­lich auf sich allein gestellt wird.

 

Im End­ef­fekt dient die Mauer im Roman als Prüf­stein sowohl für die ver­al­teten sozialen Normen und strengen reli­giösen Vor­schriften als auch für die Ver­kom­men­heit und Lie­der­lich­keit der Gesell­schaft. In diesem Sinne scheint die deut­sche Über­set­zung des Titels gut zu passen, gibt aber nicht die bit­tere Ironie der Ori­gi­nal­ver­sion wieder. Prazd­nič­naja gora heißt wört­lich „Berg der Feste“ und bezieht sich auf die ver­loren gehende Vor­stel­lung von einem stolzen, schönen und starken Land.

 

Gani­jewa, Alissa: Die rus­si­sche Mauer. Aus dem Rus­si­schen von Chris­tiane Körner. Berlin: Suhr­kamp, 2014.
Gani­jewa, Alissa: Prazd­nič­naja gora. Moskau: Astrel, 2012.

 

Wei­ter­füh­rende Links:
Über Alissa Gani­jewa beim Ö1-Mor­gen­journal (ORF)
Inter­view mit Alissa Gani­jewa (auf Rus­sisch)
Alissa Gani­jewas Blog (auf Rus­sisch)

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