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Letzte Nachricht aus dem Lager

Posted on 4. November 2019 by Jonas Stoll
Irina Ščerbakova [Irina Scherbakowa] rekonstruiert die Geschichten von 14 Vätern, die in der Sowjetunion in den 1930er und 1940er Jahren zu Lagerhaft und Tod verurteilt wurden. Damit setzt sie den Opfern des stalinistischen Terrors in "Ich glaube an unsere Kinder" ein Denkmal. Jetzt ist die deutsche Übersetzung erschienen.

Irina Ščerbakova rekonstruiert die Geschichten von 14 Vätern, die in der Sowjetunion in den 1930er und 1940er Jahren zu Lagerhaft und Tod verurteilt wurden. Damit setzt sie den Opfern des stalinistischen Terrors in Ich glaube an unsere Kinder ein Denkmal. Jetzt ist die deutsche Übersetzung erschienen.

 

Was schreibt ein Vater seinen Kindern, wenn er nicht sicher ist, ob es die letzte Nachricht an sie ist? Die Moskauer Menschenrechtlerin Irina Ščerbakova hat Briefe von 14 Vätern veröffentlicht, die aus dem sowjetischen Gulag an ihre Familien geschrieben haben. Die Texte entstanden in den 1930er und 1940er Jahren – zu einer Zeit, in der Stalin hunderttausende unschuldige Menschen als vermeintliche Staatsfeinde inhaftieren und erschießen ließ. Vier Jahre nach dem russischen Original ist nun die deutsche Übersetzung von Christina Links unter dem Titel Ich glaube an unsere Kinder (russ. Papiny pis’ma. Pis’ma otcov iz Gulaga detjam) erschienen. Ščerbakova rekonstruiert die Schicksale der Männer und lässt auch ihre Kinder zu Wort kommen. Die Lagerinsassen sind allesamt Intellektuelle, die meisten überzeugte Anhänger des Sozialismus, aber vor allem liebende Väter und Ehemänner. Ihre Briefe zeigen eindrucksvoll: Das bleiben sie auch unter den unmenschlichen Bedingungen der Lagerhaft.

 

 

Exekution eines Kriegshelden

Ein Stück Stoff, mit einer Fischgräte bestickt. Die Zeilen sind kurz, der Verfasser hatte Angst, die Nachricht nicht vollenden zu können. Ščerbakova erzählt die Geschichte von Anatolij Kozlovskij, der seiner Frau und seinen Kindern diese Nachricht aus dem Minsker Gefängnis schickte. Den bestickten Fetzen hat er einem Mitgefangenen vor dessen Entlassung mitgegeben. In der kurzen Nachricht aus dem Jahr 1939 bittet der zum Tode Verurteilte seine Familie, nicht schlecht von ihm zu denken. Kozlovskij meint dies vor allem im politischen Sinne. Er möchte seiner Familie als guter Sozialist in Erinnerung bleiben, der (zweimal) für die Heimat sein Blut vergossen hat. Er bleibt ein überzeugter Anhänger des Staates, der ihn zum Tode verurteilt hat. In den wenigen Zeilen, die er seinen Angehörigen heimlich übermitteln lässt, appelliert er sogar an seine Familie, sich in der Partei und für die Sowjetmacht zu engagieren. Sein eigenes Engagement wurde ihm nicht gedankt. Nach der Oktoberrevolution kämpfte er für die Rote Armee. Anfang der 1920er Jahre befehligte Kozlovskij im Bürgerkrieg eine Einheit der Geheimpolizei OGPU, ein Vorläufer des NKWD. Später wurde er beim Geheimdienst Leiter der Abteilung „Aufklärung in Minsk“. 1937 wurde Kozlovskij verhaftet, den Grund erfahren wir nicht. Zwei Jahre später wird das Urteil verkündet: Tod durch Erschießen. Das Urteil wurde umgewandelt in eine fünfzehnjährige Haftstrafe. Allerdings war sein Glück im Unglück nicht von Dauer: Kozlovskijs Name landete auf einer der berüchtigten Listen des sowjetischen Geheimdienstchefs Lavrentij Berija. Am 11. September 1941 wurde er in einem Waldstück erschossen.

 

Lehrbuch aus dem Lager

Anders als Anatolij Kozlovskij durfte Aleksej Vangengejm, dessen Lebensweg der französische Autor Olivier Rolin für den Roman Der Meteorologe recherchierte, seiner Familie regelmäßig schreiben. Ščerbakova wählt zahlreiche Briefausschnitte für ihr Sammelwerk aus. Vangengejm, Sohn eines Adeligen, war Meteorologe, Sozialist und begeisterter Wissenschaftler. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er für den Wetterdienst arbeitete und mit seinen Prognosen an Gasangriffen auf österreichische Soldaten beteiligt war, hielt er einige Jahre lang in russischen Dörfern vor Bauern Vorträge über die Vorzüge des Sozialismus. Später verfolgte der studierte Physiker und Mathematiker eine wissenschaftliche Karriere: Er wurde Professor an der Moskauer Universität und brachte es bis zum Präsidiumsmitglied des staatlichen Wissenschaftsrates, mit Passierschein für den Kreml. Auf seinem Feld – der Meteorologie – war er ein führender Kopf des Landes: Seit 1929 leitete er den landesweiten Wetterdienst. 1934 wurde Vangengejm verhaftet und zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Der genaue Grund für seine Verhaftung bleibt unklar – möglicherweise hängt sie mit einer Rede auf einem wissenschaftlichen Kongress zusammen. Trotz des ausdrücklichen Wunsches aus Stalins Büro hielt Vangengejm eine Rede vor internationalem Publikum nicht auf Russisch, sondern auf Französisch. Seine Strafe verbüßte Vangengejm im nordrussischen Lager Solovki, dem ersten großen sowjetischen Straf- bzw. Arbeitslager, dem Prototyp des Gulag. Seiner Frau und seiner Tochter schreibt er regelmäßig. In Vangengejms Briefen sind seine Fortschrittsbegeisterung und sein ungebrochener Glaube an den Sozialismus zu spüren: So schreibt er etwa über die großen Chancen, welche die Windkraft für die Sowjetunion biete. Seiner zum Zeitpunkt seiner Verhaftung dreijährigen Tochter möchte er mit seinen liebevoll geschriebenen Briefen auch Wissen vermitteln: Er schreibt über Pflanzen, Tiere und Pilze, gibt ihr spielerische Aufgaben auf. Im Oktober 1937 wurde Vangengejm angeklagt, Mitglied einer ukrainischen bürgerlich-nationalistischen Organisation gewesen zu sein, und zum Tode verurteilt. Am 3. November 1937, dem 20. Jahrestag der Oktoberrevolution, wurde er im Wald von Sandarmoch erschossen.

 

Erinnerung und Todesquoten

Irina Ščerbakova arbeitet als Journalistin, Historikerin und Übersetzerin – außerdem ist sie Mitarbeiterin der Menschenrechtsorganisation MEMORIAL in Moskau. MEMORIAL wurde Ende der 1980er Jahre in der ehemaligen Sowjetunion gegründet und hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Opfern des Stalinismus ein Denkmal zu setzen und für die Öffentlichkeit zu bewahren, was ihnen widerfahren ist. Die Nichtregierungsorganisation sammelt in eigenen Bibliotheken und Archiven Akten, Prozessunterlagen, Häftlingserinnerungen und Bilder aus den Lagern der Sowjetunion. Außerdem errichtet MEMORIAL Gedenkstätten an den Orten, an denen sich sowjetische Arbeitslager oder Massengräber befanden. So konnten die ehrenamtlichen Mitarbeiter von MEMORIAL nach dem Fall des Sozialismus in Russland eine Erinnerungspolitik ‚von unten‘ etablieren. Es war der MEMORIAL-Historiker Jurij Dmitriev, der das Massengrab von Sandarmoch fand und zum Gedenkort machte. In dem karelischen Waldstück wurden in den 1930er Jahren viele tausend Menschen hingerichtet, unter ihnen auch Aleksej Vangengejm. Dmitriev fand heraus, aus welchem Grund Aleksej Vangengejm erschossen wurde: Er war ein Opfer des Ausführungsbefehls Nr. 00447, unterschrieben von NKWD-Chef Nikolaj Ežov (1940 hingerichtet und Vorgänger Lavrentij Berijas, auf dessen Liste Anatolij Kozlovskijs Name stand). Der Befehl sah Verurteilungsquoten für jede Region der UdSSR vor. Insgesamt 750.000 Hinrichtungen. Tatsächlich kamen jedoch viel mehr Menschen ums Leben. Für das Lager Solovki betrug die Quote 1.200 Todesurteile, Vangengejm war einer der Namen auf der Liste.

 

Dimitriev wurde 2016 wegen des Besitzes kinderpornographischen Materials verhaftet. Es handelt sich dabei um Fotos seiner Pflegetochter. Nach eigener Aussage dokumentierte er damit den Gesundheitszustand des Kindes für das Jugendamt, nachdem er das unterernährte Mädchen aus einem Heim geholt hatte. 2018 wurde er aus der Untersuchungshaft entlassen. Auch wenn im Fall Dimitriev viele Fragen ungeklärt sind, halten viele Beobachter das Verfahren für politisch motiviert. Denn die differenzierte Betrachtung und Fokussierung auf die Opfer durch MEMORIAL passt immer weniger ins staatliche Geschichtsbild. Die Arbeit der Menschenrechtsorganisation wird durch die russische Regierung massiv eingeschränkt und kann aktuell nur sehr schwer aufrechterhalten werden.

 

Dem Buch ist Ščerbakovas wissenschaftlicher Hintergrund anzumerken: Die Autorin lässt die Quellen – die Briefe und Stimmen der Angehörigen – für sich sprechen und ergänzt diese mit kurzen Erklärungen sowie räumlichen und zeitlichen Einordnungen. Auch wenn es wünschenswert wäre, dass einige Hintergründe des stalinistischen Terrors noch ein wenig ausführlicher und grundlegender erklärt werden würden: Ščerbakova gelingt es, die Fragmente – also die Briefe, Erinnerungen und historischen Kontextualisierungen – zu einem Mosaik zusammenzusetzen, und so die Geschichten vom Leben und Sterben der Väter wieder lebendig werden zu lassen.

 

 

Literatur

Ščerbakova, Irina: Papiny pis’ma. Pis’ma otcov iz Gulaga detjam. Moskau 2014.

Scherbakowa, Irina: Ich glaube an unsere Kinder. Übersetzt aus dem Russischen von Christina Links. Berlin 2019.

Rolin, Olivier: Le météorologue. Paris 2014.

Rolin, Olivier: Der Meteorologe. Übersetzt aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. München 2015.

Letzte Nachricht aus dem Lager – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Letzte Nach­richt aus dem Lager

Irina Ščer­ba­kova [Irina Scher­ba­kowa] rekon­stru­iert die Geschichten von 14 Vätern, die in der Sowjet­union in den 1930er und 1940er Jahren zu Lager­haft und Tod ver­ur­teilt wurden. Damit setzt sie den Opfern des sta­li­nis­ti­schen Ter­rors in Ich glaube an unsere Kinder ein Denkmal. Jetzt ist die deut­sche Über­set­zung erschienen.

 

Was schreibt ein Vater seinen Kin­dern, wenn er nicht sicher ist, ob es die letzte Nach­richt an sie ist? Die Mos­kauer Men­schen­recht­lerin Irina Ščer­ba­kova hat Briefe von 14 Vätern ver­öf­fent­licht, die aus dem sowje­ti­schen Gulag an ihre Fami­lien geschrieben haben. Die Texte ent­standen in den 1930er und 1940er Jahren – zu einer Zeit, in der Stalin hun­dert­tau­sende unschul­dige Men­schen als ver­meint­liche Staats­feinde inhaf­tieren und erschießen ließ. Vier Jahre nach dem rus­si­schen Ori­ginal ist nun die deut­sche Über­set­zung von Chris­tina Links unter dem Titel Ich glaube an unsere Kinder (russ. Papiny pis’ma. Pis’ma otcov iz Gulaga detjam) erschienen. Ščer­ba­kova rekon­stru­iert die Schick­sale der Männer und lässt auch ihre Kinder zu Wort kommen. Die Lager­in­sassen sind alle­samt Intel­lek­tu­elle, die meisten über­zeugte Anhänger des Sozia­lismus, aber vor allem lie­bende Väter und Ehe­männer. Ihre Briefe zeigen ein­drucks­voll: Das bleiben sie auch unter den unmensch­li­chen Bedin­gungen der Lagerhaft.

 

 

Exe­ku­tion eines Kriegshelden

Ein Stück Stoff, mit einer Fisch­gräte bestickt. Die Zeilen sind kurz, der Ver­fasser hatte Angst, die Nach­richt nicht voll­enden zu können. Ščer­ba­kova erzählt die Geschichte von Ana­tolij Kozlovskij, der seiner Frau und seinen Kin­dern diese Nach­richt aus dem Minsker Gefängnis schickte. Den bestickten Fetzen hat er einem Mit­ge­fan­genen vor dessen Ent­las­sung mit­ge­geben. In der kurzen Nach­richt aus dem Jahr 1939 bittet der zum Tode Ver­ur­teilte seine Familie, nicht schlecht von ihm zu denken. Kozlovskij meint dies vor allem im poli­ti­schen Sinne. Er möchte seiner Familie als guter Sozia­list in Erin­ne­rung bleiben, der (zweimal) für die Heimat sein Blut ver­gossen hat. Er bleibt ein über­zeugter Anhänger des Staates, der ihn zum Tode ver­ur­teilt hat. In den wenigen Zeilen, die er seinen Ange­hö­rigen heim­lich über­mit­teln lässt, appel­liert er sogar an seine Familie, sich in der Partei und für die Sowjet­macht zu enga­gieren. Sein eigenes Enga­ge­ment wurde ihm nicht gedankt. Nach der Okto­ber­re­vo­lu­tion kämpfte er für die Rote Armee. Anfang der 1920er Jahre befeh­ligte Kozlovskij im Bür­ger­krieg eine Ein­heit der Geheim­po­lizei OGPU, ein Vor­läufer des NKWD. Später wurde er beim Geheim­dienst Leiter der Abtei­lung „Auf­klä­rung in Minsk“. 1937 wurde Kozlovskij ver­haftet, den Grund erfahren wir nicht. Zwei Jahre später wird das Urteil ver­kündet: Tod durch Erschießen. Das Urteil wurde umge­wan­delt in eine fünf­zehn­jäh­rige Haft­strafe. Aller­dings war sein Glück im Unglück nicht von Dauer: Kozlovs­kijs Name lan­dete auf einer der berüch­tigten Listen des sowje­ti­schen Geheim­dienst­chefs Lav­rentij Berija. Am 11. Sep­tember 1941 wurde er in einem Wald­stück erschossen.

 

Lehr­buch aus dem Lager

Anders als Ana­tolij Kozlovskij durfte Aleksej Van­gen­gejm, dessen Lebensweg der fran­zö­si­sche Autor Oli­vier Rolin für den Roman Der Meteo­ro­loge recher­chierte, seiner Familie regel­mäßig schreiben. Ščer­ba­kova wählt zahl­reiche Brief­aus­schnitte für ihr Sam­mel­werk aus. Van­gen­gejm, Sohn eines Ade­ligen, war Meteo­ro­loge, Sozia­list und begeis­terter Wis­sen­schaftler. Nach dem Ersten Welt­krieg, in dem er für den Wet­ter­dienst arbei­tete und mit seinen Pro­gnosen an Gas­an­griffen auf öster­rei­chi­sche Sol­daten betei­ligt war, hielt er einige Jahre lang in rus­si­schen Dör­fern vor Bauern Vor­träge über die Vor­züge des Sozia­lismus. Später ver­folgte der stu­dierte Phy­siker und Mathe­ma­tiker eine wis­sen­schaft­liche Kar­riere: Er wurde Pro­fessor an der Mos­kauer Uni­ver­sität und brachte es bis zum Prä­si­di­ums­mit­glied des staat­li­chen Wis­sen­schafts­rates, mit Pas­sier­schein für den Kreml. Auf seinem Feld – der Meteo­ro­logie – war er ein füh­render Kopf des Landes: Seit 1929 lei­tete er den lan­des­weiten Wet­ter­dienst. 1934 wurde Van­gen­gejm ver­haftet und zu zehn Jahren Lager­haft ver­ur­teilt. Der genaue Grund für seine Ver­haf­tung bleibt unklar – mög­li­cher­weise hängt sie mit einer Rede auf einem wis­sen­schaft­li­chen Kon­gress zusammen. Trotz des aus­drück­li­chen Wun­sches aus Sta­lins Büro hielt Van­gen­gejm eine Rede vor inter­na­tio­nalem Publikum nicht auf Rus­sisch, son­dern auf Fran­zö­sisch. Seine Strafe ver­büßte Van­gen­gejm im nord­rus­si­schen Lager Solovki, dem ersten großen sowje­ti­schen Straf- bzw. Arbeits­lager, dem Pro­totyp des Gulag. Seiner Frau und seiner Tochter schreibt er regel­mäßig. In Van­gen­gejms Briefen sind seine Fort­schritts­be­geis­te­rung und sein unge­bro­chener Glaube an den Sozia­lismus zu spüren: So schreibt er etwa über die großen Chancen, welche die Wind­kraft für die Sowjet­union biete. Seiner zum Zeit­punkt seiner Ver­haf­tung drei­jäh­rigen Tochter möchte er mit seinen lie­be­voll geschrie­benen Briefen auch Wissen ver­mit­teln: Er schreibt über Pflanzen, Tiere und Pilze, gibt ihr spie­le­ri­sche Auf­gaben auf. Im Oktober 1937 wurde Van­gen­gejm ange­klagt, Mit­glied einer ukrai­ni­schen bür­ger­lich-natio­na­lis­ti­schen Orga­ni­sa­tion gewesen zu sein, und zum Tode ver­ur­teilt. Am 3. November 1937, dem 20. Jah­restag der Okto­ber­re­vo­lu­tion, wurde er im Wald von San­dar­moch erschossen.

 

Erin­ne­rung und Todesquoten

Irina Ščer­ba­kova arbeitet als Jour­na­listin, His­to­ri­kerin und Über­set­zerin – außerdem ist sie Mit­ar­bei­terin der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tion MEMORIAL in Moskau. MEMORIAL wurde Ende der 1980er Jahre in der ehe­ma­ligen Sowjet­union gegründet und hat es sich zur Auf­gabe gemacht, den Opfern des Sta­li­nismus ein Denkmal zu setzen und für die Öffent­lich­keit zu bewahren, was ihnen wider­fahren ist. Die Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tion sam­melt in eigenen Biblio­theken und Archiven Akten, Pro­zess­un­ter­lagen, Häft­lings­er­in­ne­rungen und Bilder aus den Lagern der Sowjet­union. Außerdem errichtet MEMORIAL Gedenk­stätten an den Orten, an denen sich sowje­ti­sche Arbeits­lager oder Mas­sen­gräber befanden. So konnten die ehren­amt­li­chen Mit­ar­beiter von MEMORIAL nach dem Fall des Sozia­lismus in Russ­land eine Erin­ne­rungs­po­litik ‚von unten‘ eta­blieren. Es war der MEMO­RIAL-His­to­riker Jurij Dmi­triev, der das Mas­sen­grab von San­dar­moch fand und zum Gedenkort machte. In dem kare­li­schen Wald­stück wurden in den 1930er Jahren viele tau­send Men­schen hin­ge­richtet, unter ihnen auch Aleksej Van­gen­gejm. Dmi­triev fand heraus, aus wel­chem Grund Aleksej Van­gen­gejm erschossen wurde: Er war ein Opfer des Aus­füh­rungs­be­fehls Nr. 00447, unter­schrieben von NKWD-Chef Nikolaj Ežov (1940 hin­ge­richtet und Vor­gänger Lav­rentij Berijas, auf dessen Liste Ana­tolij Kozlovs­kijs Name stand). Der Befehl sah Ver­ur­tei­lungs­quoten für jede Region der UdSSR vor. Ins­ge­samt 750.000 Hin­rich­tungen. Tat­säch­lich kamen jedoch viel mehr Men­schen ums Leben. Für das Lager Solovki betrug die Quote 1.200 Todes­ur­teile, Van­gen­gejm war einer der Namen auf der Liste.

 

Dimi­triev wurde 2016 wegen des Besitzes kin­der­por­no­gra­phi­schen Mate­rials ver­haftet. Es han­delt sich dabei um Fotos seiner Pfle­ge­tochter. Nach eigener Aus­sage doku­men­tierte er damit den Gesund­heits­zu­stand des Kindes für das Jugendamt, nachdem er das unter­ernährte Mäd­chen aus einem Heim geholt hatte. 2018 wurde er aus der Unter­su­chungs­haft ent­lassen. Auch wenn im Fall Dimi­triev viele Fragen unge­klärt sind, halten viele Beob­achter das Ver­fahren für poli­tisch moti­viert. Denn die dif­fe­ren­zierte Betrach­tung und Fokus­sie­rung auf die Opfer durch MEMORIAL passt immer weniger ins staat­liche Geschichts­bild. Die Arbeit der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tion wird durch die rus­si­sche Regie­rung massiv ein­ge­schränkt und kann aktuell nur sehr schwer auf­recht­erhalten werden.

 

Dem Buch ist Ščer­ba­kovas wis­sen­schaft­li­cher Hin­ter­grund anzu­merken: Die Autorin lässt die Quellen – die Briefe und Stimmen der Ange­hö­rigen – für sich spre­chen und ergänzt diese mit kurzen Erklä­rungen sowie räum­li­chen und zeit­li­chen Ein­ord­nungen. Auch wenn es wün­schens­wert wäre, dass einige Hin­ter­gründe des sta­li­nis­ti­schen Ter­rors noch ein wenig aus­führ­li­cher und grund­le­gender erklärt werden würden: Ščer­ba­kova gelingt es, die Frag­mente – also die Briefe, Erin­ne­rungen und his­to­ri­schen Kon­tex­tua­li­sie­rungen – zu einem Mosaik zusam­men­zu­setzen, und so die Geschichten vom Leben und Sterben der Väter wieder lebendig werden zu lassen.

 

 

Lite­ratur

Ščer­ba­kova, Irina: Papiny pis’ma. Pis’ma otcov iz Gulaga detjam. Moskau 2014.

Scher­ba­kowa, Irina: Ich glaube an unsere Kinder. Über­setzt aus dem Rus­si­schen von Chris­tina Links. Berlin 2019.

Rolin, Oli­vier: Le météo­ro­logue. Paris 2014.

Rolin, Oli­vier: Der Meteo­ro­loge. Über­setzt aus dem Fran­zö­si­schen von Holger Fock und Sabine Müller. Mün­chen 2015.