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Dichter und Verleger: Ivan Malkovyč hat gleich zwei Berufungen

Posted on 10. Mai 2011 by Jutta Lindekugel
1992, ein Jahr nachdem die Ukraine von der Sowjetunion unabhängig wurde, gründete Ivan Malkovyč den ersten Verlag, der auf Kinderbücher in ukrainischer Sprache setzte, den ersten, der nicht staatlich war. A-BA-BA-HA-LA-MA-HA ist bekannt dafür, die teuersten, aber auch die besten Bücher der Ukraine herzustellen.

Ein Interview mit Ivan Malkovyč

 

1992, ein Jahr nachdem die Ukraine von der Sowjetunion unabhängig wurde, gründete Ivan Malkovyč  den ersten Verlag, der auf Kinderbücher in ukrainischer Sprache setzte, den ersten, der nicht staatlich war.  A-BA-BA-HA-LA-MA-HA ist bekannt dafür, die teuersten, aber auch die besten Bücher der Ukraine herzustellen. Verantwortlich für den Erfolg seines Verlags ist die landesweit einmalige Qualität von  Papier, Druck, Illustrationen und Übersetzungen, der Mut zu ungewöhnlichen Materialien und innovativen Ideen, wie z.B. Medienereignisse zum Erscheinen von Büchern oder aktuell ein Malwettbewerb für Kinder zur EM 2012, die in der Ukraine und Polen stattfinden wird.  2004, 2008 und 2009 wurde Ivan Malkovyč in der jährlichen Umfrage der Zeitschrift „Korespondent“ zu einem der hundert einflussreichsten Ukrainer gewählt. Perfektionistisch ist auch der Dichter Ivan Malkovyč. Zwischen 1984 und 2010 erschienen sechs Gedichtbände. Etwa alle vier Jahre einer. Er gibt selbst zu, dass er für die detaillierte Ausarbeitung manchmal Jahre braucht. Am 10. Mai wird Malkovyč 50 Jahre alt.

 

IvanMalkovychnovinki: Sie sind Autor und Verleger. Wollten Sie immer diese Berufe ergreifen oder hatten Sie früher andere berufliche Pläne?

 

Ivan Malkovyč: Vor kurzem fand Mama ein von mir gebasteltes Büchlein aus dem Jahr 1971. Das heißt, ich habe es geschrieben, als ich zehn Jahre alt war. Das Büchlein beginnt mit einigen Versen, geht weiter mit einem Prosamärchen über zwei Brüder, dann folgen fünf Lieder mit Noten und schließlich wieder Verse... Wie Sie sehen, hatte ich schon damals keine anderen Pläne. Obwohl, das ist nicht die ganze Wahrheit, denn ich habe auch davon geträumt, Geigenspieler zu werden und ... Fahrer. Und ist es nicht sonderbar: Das ist alles in Erfüllung gegangen.

 

n.: Schreiben Sie noch eigene Lyrik?

 

I.M.: Ich schreibe, wenn auch selten. Im vergangenen Jahr kam ein Buch meiner gesammelten Gedichte heraus unter dem Titel „Alles Nebensächliche“, darin sind auch neue Gedichte enthalten. Der Band erhielt einen Preis und zwei Nominierungen bei ukrainischen Bücherwettbewerben. Doch was mich noch mehr freut ist, dass ich in diesem Jahr als Dichter wieder zur Besinnung gekommen bin und stetig etwas schreibe. Ich habe Angst, das laut auszusprechen, doch ich hoffe, dass diese Offenbarung meiner poetischen Konsistenz nicht verschwindet.

 

n.: Ihr Gedicht „Dorflehrer“ aus dem Jahr 1985 ist ein Plädoyer für die ukrainische Sprache. Was bedeutet die ukrainische Sprache für Sie?

 

I.M.: Die ukrainische Sprache ist mein Ozean. Gott hat gegeben, dass ich in diesem Ozean am freisten und ruhigsten schwimme. Ohne ihn riskiere ich zu ersticken.

 

n.: Wie sehen Sie die aktuelle Diskussion um die Einführung des Russischen als zweite Amtssprache?

 

I.M.: Was würde ein Deutscher in Deutschland denken, wenn man ihm Französisch oder ein Franzose in Frankreich, wenn man ihm Deutsch als zweite Amtssprache aufhalste? Das ist etwa das Gleiche.

 

n.: Sie wurden zur Zeit der Bu-Ba-Bisten (Bu-Ba-Bu: bekannte Lyrik- und Performance-Gruppe der 1980er Jahre, zu der unter anderem Jurij Andruchowyč gehörte, Anm. d. Red.) literarisch aktiv. Was halten Sie von der neusten ukrainischen Autorengeneration?

 

I.M.: Obwohl ich etwas jünger bin als alle drei Bu-Ba-Bisten, habe ich früher angefangen, Gedichte zu schreiben und zu veröffentlichen. Zu meiner Zeit haben mich die Kritiker zusammen mit Herasymjuk und Rymaruk zum „Metaphoriker“ erklärt. Ich liebe das Werk der Bu-Ba-Bisten, war sogar der erste Preisträger ihrer Ausschreibung für das beste Gedicht des Jahres. Einige ihrer ersten „Auswärts“-Treffen fanden in meinem heimatlichen Bereziv in den Karpaten statt, wo wir im duftenden Heu übernachteten. Was ich über die heutige Dichtergeneration denke? Inmitten der verbreiteten Verbannung dichterischer Polyphonie in der Ukraine, vernimmt man zum Glück manchmal auch wahrhaftige Stimmen, z. B. von Ostap Slyvyns’kyj, Bohdana Matijaš und natürlich Serhij Žadan.

ABETKA-Malkovyc-Charcenko 

n.: Wie und warum kamen Sie auf die Idee, Ihren Verlag zu gründen? Hing diese Entscheidung mit dem Systemwechsel zusammen? Wie hat sich der Verlag seither entwickelt?

 

I.M.: Im Herbst 1991 dachte ich auf der Zugfahrt zu meinen Eltern darüber nach, wie mir für meinen dreijährigen Sohn ein grundlegend neues Kinder-Alphabet gelingen könnte. Im Unterschied zu allen sowjetisch-ukrainischen Alphabet-Büchern, sollte es nicht mit Hai (ukr. Akula, Anm. d. Red.) oder Aquarium beginnen, sondern mit Engel (ukr. Angel, Anm. d. Red.), ein Begriff, der in der UdSSR verboten war. Es ist nicht auszuschließen, dass genau in jenem Augenblick mein künftiger Verlag seinen hoffnungsfrohen Beschützer fand. Stellen Sie sich vor, die erste Seite meines ersten Buchs begann mit einem Engel!

Ich wollte, dass das Buch aus dickem Karton war, doch keine Fabrik machte Anstalten, die passende Bindung für 34 Seiten - unser Alphabet hat 33 Buchstaben - herzustellen. Also habe ich beschlossen, meinen eigenen Verlag aufzubauen, denn ich war überzeugt davon, dass eine solche Bindung möglich sei. In der Ukraine gab es damals keine entsprechenden Maschinen und Technologien.

Vom geschäftlichen Standpunkt aus war meine Handlungsweise milde gesagt riskant. Dennoch beschloss ich, das Alphabet in einer Auflage von fünfzigtausend Exemplaren herauszubringen. Sogar nach heutigen Maßstäben ist das viel. Die durchschnittliche Auflage ukrainischer Bücher beträgt drei bis siebentausend Exemplare. Irgendwo musste ich 25 Tonnen Karton herbekommen. Und genau zu dieser Zeit traf meine Frau zufällig in Kiew meinen Landsmann aus den Karpaten, der Makulatur an eine Fabrik weiterleitete, die Karton herstellte. Und da damals keiner Geld hatte, „bezahlte“ man ihn mit Karton, den er nirgends loswurde, während für mich dieser Karton lebenswichtig war. Auf Kredit übernahm ich einige Ladungen, führte meinen halsbrecherischen Plan aus, versprach, den Kredit innerhalb von fünf Monaten zurückzuzahlen. Es gelang, die schwierige Aufgabe weiter zu meistern. Wie konnte ich so viele Ladungen „ukrainisches Alphabet“ verkaufen? Hier arbeitete das althergebrachte ukrainische Prinzip „Freunde helfen Freunden“ für mich. Die Menschen empfingen mein Werk mit Begeisterung und kauften bald die gesamte Auflage auf. Außerdem spielte meine Bekanntheit in kulturellen Kreisen, in denen ich zu jener Zeit schon als „reifer“ Dichter Autorität genoss, eine bedeutende Rolle.

Dies war der erste kommerzielle Erfolg von A-BA-BA-HA-LA-MA-HA: den Kredit bei meinem Landsmann zahlte ich zwei Wochen vor Frist zurück. Heute ist A-BA-BA-HA-LA-MA-HA der populärste und qualitativ höchststehende ukrainische Kinderbuchverlag, der - unabhängig vom kommerziellen Erfolg - in der Ukraine nur ukrainische Bücher herausgibt. Dabei überwiegt auf dem ukrainischen Buchmarkt noch immer die russische Sprache, doch 95% der Ukrainer verstehen Ukrainisch. Umso überraschender war der Erfolg unseres ukrainischen Harry Potter. Das hätte in der Ukraine niemand gedacht, dass die Leute für ein ukrainischsprachiges Buch vor den Buchläden der wichtigsten ukrainischen Städte Schlange stehen. Je schneller wir ein Buch herausgeben, desto größer die Chance, dass die Leser es zuerst auf ukrainisch lesen. Meine Landsmänner sind in der Seele Patrioten, aber wollen doch billig einkaufen.

 

Garri_Potter_and_the_Chamber_of_Secretsn.: Wie viele Mitarbeiter beschäftigen Sie?

 

I.M.: Wir setzen nicht auf Umfang oder auf neue Moden, wir setzen auf Qualität und das gefällt den Leuten. Wir haben nicht viele Mitarbeiter und auch nicht viele Buchtitel, denn jedes Buch möchte ich persönlich betreuen: Ich redigiere, entwickle, arbeite mit den Künstlern, Lektoren und Fabriken daran. Ich bemühe mich, Longseller herauszugeben. Beinahe 60% der Bücher drucken wir jedes Jahr nach. Manche sogar mehrmals im Jahr. Denn glücklicherweise werden trotz aller Probleme in der Ukraine viele Kinder geboren. Die Ukraine hat eine Bevölkerung von fast 50 Mio. Einwohnern.

 

n.: Welches Buch haben Sie zuletzt herausgegeben?

 

I.M.: Vor zwei Jahren habe ich mich mit der Herausgabe einer „Serie für Erwachsene“ beschäftigt, in der ich Werke meiner liebsten ausländischen und ukrainischen Autoren veröffentliche. Die Redaktionsarbeit nahm einen katastrophalen Umfang an. Vor kurzem kamen zwei Bücher dieser Serie heraus. In diesem Jahr erwarten wir das Erscheinen einiger wichtiger Bilderbücher für Zwei- bis Dreijährige. Außerdem kommt ein neues Buch unseres bekannten Illustrators Vladislav Erko heraus, nämlich das klassische Andersen-Märchen Das Feuerzeug.

 

n.: Welche Bücher nehmen Sie ins Programm? Schicken Ihnen die Autoren Manuskripte zu oder suchen Sie aktiv nach Autoren?

 

I.M.: Oh, sehr viele! Und alle wollen, dass ich persönlich ihre Manuskripte lese und das sofort. Doch wenn ich das alles lesen sollte, bräuchte ich mindestens viereinhalb Leben... Das Programm gestalte ich nach meiner Intuition als Dichter.

 

n.: Wie macht man einen Bestseller?

 

I.M.: Ich jage nicht nach Bestsellern. Doch kommt es vor, dass ich einen produziere. Von den ukrainischen Autoren verkaufen wir jedes Jahr nicht weniger als dreißigtausend Exemplare vom Toreadoriv z Vasjukivky (Die Stierkämpfer von Vasjukivka), einem komischen Kultroman des berühmten zeitgenössischen Kinderautors Vsevolod Nestajko. Zum Bestseller wurde auch der erste Roman von Lina Kostenko, der verdienten Dichterin und „lebenden zeitgenössischen Klassikerin“: In drei Monaten verkauften wir fast neunzigtausend Exemplare. Und wir haben den weltweiten Bestseller Harry Potter herausgegeben. Unsere Übersetzung wird zu den gelungensten der Welt gezählt – auch gegenüber der deutschen. Joanne Rowling hat den Einband unseres „Potter“ ausgezeichnet. Er wurde sogar in einem Film über sie gezeigt.

 

n.: Organisieren Sie spezielle Aktionen wie Lesungen, Festivals, Wettbewerbe?

 

I.M.: Ja, wir lieben Präsentationen. Dann spiele ich häufig Geige. Meine Erstausbildung war die zum Musiklehrer und Geiger im Symphonie-Orchester. Und ich singe mit den Musikanten und dem Übersetzer Viktor Morozov fröhliche Lieder, die wir speziell für den Anlass schreiben. Zum Glück gefallen unsere Darbietungen den Kindern und den Journalisten.

 

n.: Haben Sie viel Konkurrenz?

 

I.M.: Ich nehme die Verleger nicht als Konkurrenten wahr, denn meine Bücher sind sowieso einzigartig.

 

n.: In Deutschland wird viel über das E-book diskutiert. Sind die elektronischen Medien eine harte Konkurrenz? Welche Möglichkeiten bietet das Internet dem Verlag?

 

I.M.: Wir haben schon einige elektronische Bücher mit kinetischen Momenten, mit interaktiven Spielen gemacht, doch in allen postsowjetischen Ländern verkaufen sich die elektronischen Bücher schlecht. Bei uns werden solche Bücher einfach aus dem Internet geklaut. So eine Kultur haben wir. Und das kann für die Verleger tragisch werden. Die Kommunisten haben unsere Leute eines gelehrt: zu stehlen und zu lügen.

 

NoveVbrannia_4-5n.: Welche Unterschiede gibt es zwischen ukrainischen und westeuropäischen Kinderbüchern? Unterscheiden sie sich beispielsweise durch ihre Ästhetik? Ist es schwer, Übersetzer zu finden, wenn ja aus welchen Sprachen, und Lizenzen zu kaufen und zu verkaufen?

 

I.M.: Wissen Sie, die Herzen aller Menschen sind ähnlich gelagert, in gleichem Abstand zum Himmel, und daher gefallen die Bücher, die den Herzen unserer Kinder nahe gehen, in der Regel auch den Kindern in anderen Ländern. In der Ukraine werden polygraphische und buchbinderische Arbeiten noch auf niedrigem Niveau ausgeführt, daher drucken wir unsere Bilderbücher meist im Ausland. Rechte an unseren Büchern haben wir schon in 19 Länder verkauft, von Großbritannien bis Südkorea. Leider sind wir in Deutschland noch nicht präsent.

 

n.: Welche Einsichten haben Sie zu Ihrem 50. Geburtstag zu verkünden?

 

I.M.: Ich weiß nicht warum, doch meinen Fünfzigsten begehe ich mit einer gewissen Angst. Das ist als würde ich in einen anderen Ozean hinüber schwimmen, dessen Strömungen ich absolut nicht kenne.

 

n.: Haben Sie Hobbys?

 

I.M.: In meiner Freizeit... editiere ich, schreibe... Ich spiele auch Tennis. Meine Liebste und ich haben sogar ein eigenes Turnier, die „Villa Jaryna Open“ - Jaryna ist meine Frau. Das Turnier findet auf unserem eigenen Court statt, denn ich bleibe gern zuhause.

 

n.: Reisen Sie gerne? Wie finden Sie Deutschland?

 

I.M.: Ich war als Verleger in Deutschland und als Dichter. Mein Eindruck ist... ungewöhnlich. Es ist das Land Bachs und Kants. Ich liebe Ihre Kultur, Musik, Philosophie, Literatur... die Autos...

 

n.: Wovon träumen Sie? Welche Projekte verfolgen Sie in den nächsten Jahren? Wie sehen Sie Ihre Zukunft und die Zukunft der Ukraine?

 

I.M.: Gott, wovon träume ich? ... Davon, dass die Welt von der Ukraine endlich jene mystische Tarnkappe abnähme und alle dieses ziemlich große europäische Land - faktisch das größte Territorium und die fünftgrößte Einwohnerzahl - mit Bergen, Meer, Schwarzerde und den bei weitem nicht übelsten Menschen sähen, die zum großen Teil ziemlich gebildet und friedlich sind…

 

n.: Danke für das Gespräch!

 

 

Link zur Homepage des Verlags: http://ababahalamaha.com.ua

 

Dichter und Verleger: Ivan Malkovyč hat gleich zwei Berufungen – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Dichter und Ver­leger: Ivan Mal­kovyč hat gleich zwei Berufungen

Ein Inter­view mit Ivan Mal­kovyč

 

1992, ein Jahr nachdem die Ukraine von der Sowjet­union unab­hängig wurde, grün­dete Ivan Mal­kovyč  den ersten Verlag, der auf Kin­der­bü­cher in ukrai­ni­scher Sprache setzte, den ersten, der nicht staat­lich war.  A‑BA-BA-HA-LA-MA-HA ist bekannt dafür, die teu­ersten, aber auch die besten Bücher der Ukraine her­zu­stellen. Ver­ant­wort­lich für den Erfolg seines Ver­lags ist die lan­des­weit ein­ma­lige Qua­lität von  Papier, Druck, Illus­tra­tionen und Über­set­zungen, der Mut zu unge­wöhn­li­chen Mate­ria­lien und inno­va­tiven Ideen, wie z.B. Medi­en­er­eig­nisse zum Erscheinen von Büchern oder aktuell ein Mal­wett­be­werb für Kinder zur EM 2012, die in der Ukraine und Polen statt­finden wird.  2004, 2008 und 2009 wurde Ivan Mal­kovyč in der jähr­li­chen Umfrage der Zeit­schrift „Kore­spon­dent“ zu einem der hun­dert ein­fluss­reichsten Ukrainer gewählt. Per­fek­tio­nis­tisch ist auch der Dichter Ivan Mal­kovyč. Zwi­schen 1984 und 2010 erschienen sechs Gedicht­bände. Etwa alle vier Jahre einer. Er gibt selbst zu, dass er für die detail­lierte Aus­ar­bei­tung manchmal Jahre braucht. Am 10. Mai wird Mal­kovyč 50 Jahre alt.

 

IvanMalkovych

novinki: Sie sind Autor und Ver­leger. Wollten Sie immer diese Berufe ergreifen oder hatten Sie früher andere beruf­liche Pläne?

 

Ivan Mal­kovyč: Vor kurzem fand Mama ein von mir gebas­teltes Büch­lein aus dem Jahr 1971. Das heißt, ich habe es geschrieben, als ich zehn Jahre alt war. Das Büch­lein beginnt mit einigen Versen, geht weiter mit einem Pro­sa­mär­chen über zwei Brüder, dann folgen fünf Lieder mit Noten und schließ­lich wieder Verse… Wie Sie sehen, hatte ich schon damals keine anderen Pläne. Obwohl, das ist nicht die ganze Wahr­heit, denn ich habe auch davon geträumt, Gei­gen­spieler zu werden und … Fahrer. Und ist es nicht son­derbar: Das ist alles in Erfül­lung gegangen.

 

n.: Schreiben Sie noch eigene Lyrik?

 

I.M.: Ich schreibe, wenn auch selten. Im ver­gan­genen Jahr kam ein Buch meiner gesam­melten Gedichte heraus unter dem Titel „Alles Neben­säch­liche“, darin sind auch neue Gedichte ent­halten. Der Band erhielt einen Preis und zwei Nomi­nie­rungen bei ukrai­ni­schen Bücher­wett­be­werben. Doch was mich noch mehr freut ist, dass ich in diesem Jahr als Dichter wieder zur Besin­nung gekommen bin und stetig etwas schreibe. Ich habe Angst, das laut aus­zu­spre­chen, doch ich hoffe, dass diese Offen­ba­rung meiner poe­ti­schen Kon­sis­tenz nicht verschwindet.

 

n.: Ihr Gedicht „Dorf­lehrer“ aus dem Jahr 1985 ist ein Plä­doyer für die ukrai­ni­sche Sprache. Was bedeutet die ukrai­ni­sche Sprache für Sie?

 

I.M.: Die ukrai­ni­sche Sprache ist mein Ozean. Gott hat gegeben, dass ich in diesem Ozean am freisten und ruhigsten schwimme. Ohne ihn ris­kiere ich zu ersticken.

 

n.: Wie sehen Sie die aktu­elle Dis­kus­sion um die Ein­füh­rung des Rus­si­schen als zweite Amtssprache?

 

I.M.: Was würde ein Deut­scher in Deutsch­land denken, wenn man ihm Fran­zö­sisch oder ein Fran­zose in Frank­reich, wenn man ihm Deutsch als zweite Amts­sprache auf­halste? Das ist etwa das Gleiche.

 

n.: Sie wurden zur Zeit der Bu-Ba-Bisten (Bu-Ba-Bu: bekannte Lyrik- und Per­for­mance-Gruppe der 1980er Jahre, zu der unter anderem Jurij Andruchowyč gehörte, Anm. d. Red.) lite­ra­risch aktiv. Was halten Sie von der neusten ukrai­ni­schen Autorengeneration?

 

I.M.: Obwohl ich etwas jünger bin als alle drei Bu-Ba-Bisten, habe ich früher ange­fangen, Gedichte zu schreiben und zu ver­öf­fent­li­chen. Zu meiner Zeit haben mich die Kri­tiker zusammen mit Her­a­symjuk und Rymaruk zum „Meta­pho­riker“ erklärt. Ich liebe das Werk der Bu-Ba-Bisten, war sogar der erste Preis­träger ihrer Aus­schrei­bung für das beste Gedicht des Jahres. Einige ihrer ersten „Auswärts“-Treffen fanden in meinem hei­mat­li­chen Bereziv in den Kar­paten statt, wo wir im duf­tenden Heu über­nach­teten. Was ich über die heu­tige Dich­ter­ge­nera­tion denke? Inmitten der ver­brei­teten Ver­ban­nung dich­te­ri­scher Poly­phonie in der Ukraine, ver­nimmt man zum Glück manchmal auch wahr­haf­tige Stimmen, z. B. von Ostap Slyvyns’kyj, Boh­dana Matijaš und natür­lich Serhij Žadan.

ABETKA-Malkovyc-Charcenko

 

n.: Wie und warum kamen Sie auf die Idee, Ihren Verlag zu gründen? Hing diese Ent­schei­dung mit dem Sys­tem­wechsel zusammen? Wie hat sich der Verlag seither entwickelt?

 

I.M.: Im Herbst 1991 dachte ich auf der Zug­fahrt zu meinen Eltern dar­über nach, wie mir für meinen drei­jäh­rigen Sohn ein grund­le­gend neues Kinder-Alphabet gelingen könnte. Im Unter­schied zu allen sowje­tisch-ukrai­ni­schen Alphabet-Büchern, sollte es nicht mit Hai (ukr. Akula, Anm. d. Red.) oder Aqua­rium beginnen, son­dern mit Engel (ukr. Angel, Anm. d. Red.), ein Begriff, der in der UdSSR ver­boten war. Es ist nicht aus­zu­schließen, dass genau in jenem Augen­blick mein künf­tiger Verlag seinen hoff­nungs­frohen Beschützer fand. Stellen Sie sich vor, die erste Seite meines ersten Buchs begann mit einem Engel!

Ich wollte, dass das Buch aus dickem Karton war, doch keine Fabrik machte Anstalten, die pas­sende Bin­dung für 34 Seiten – unser Alphabet hat 33 Buch­staben – her­zu­stellen. Also habe ich beschlossen, meinen eigenen Verlag auf­zu­bauen, denn ich war über­zeugt davon, dass eine solche Bin­dung mög­lich sei. In der Ukraine gab es damals keine ent­spre­chenden Maschinen und Technologien.

Vom geschäft­li­chen Stand­punkt aus war meine Hand­lungs­weise milde gesagt ris­kant. Den­noch beschloss ich, das Alphabet in einer Auf­lage von fünf­zig­tau­send Exem­plaren her­aus­zu­bringen. Sogar nach heu­tigen Maß­stäben ist das viel. Die durch­schnitt­liche Auf­lage ukrai­ni­scher Bücher beträgt drei bis sie­ben­tau­send Exem­plare. Irgendwo musste ich 25 Tonnen Karton her­be­kommen. Und genau zu dieser Zeit traf meine Frau zufällig in Kiew meinen Lands­mann aus den Kar­paten, der Maku­latur an eine Fabrik wei­ter­lei­tete, die Karton her­stellte. Und da damals keiner Geld hatte, „bezahlte“ man ihn mit Karton, den er nir­gends los­wurde, wäh­rend für mich dieser Karton lebens­wichtig war. Auf Kredit über­nahm ich einige Ladungen, führte meinen hals­bre­che­ri­schen Plan aus, ver­sprach, den Kredit inner­halb von fünf Monaten zurück­zu­zahlen. Es gelang, die schwie­rige Auf­gabe weiter zu meis­tern. Wie konnte ich so viele Ladungen „ukrai­ni­sches Alphabet“ ver­kaufen? Hier arbei­tete das alt­her­ge­brachte ukrai­ni­sche Prinzip „Freunde helfen Freunden“ für mich. Die Men­schen emp­fingen mein Werk mit Begeis­te­rung und kauften bald die gesamte Auf­lage auf. Außerdem spielte meine Bekannt­heit in kul­tu­rellen Kreisen, in denen ich zu jener Zeit schon als „reifer“ Dichter Auto­rität genoss, eine bedeu­tende Rolle.

Dies war der erste kom­mer­zi­elle Erfolg von A‑BA-BA-HA-LA-MA-HA: den Kredit bei meinem Lands­mann zahlte ich zwei Wochen vor Frist zurück. Heute ist A‑BA-BA-HA-LA-MA-HA der popu­lärste und qua­li­tativ höchst­ste­hende ukrai­ni­sche Kin­der­buch­verlag, der – unab­hängig vom kom­mer­zi­ellen Erfolg – in der Ukraine nur ukrai­ni­sche Bücher her­aus­gibt. Dabei über­wiegt auf dem ukrai­ni­schen Buch­markt noch immer die rus­si­sche Sprache, doch 95% der Ukrainer ver­stehen Ukrai­nisch. Umso über­ra­schender war der Erfolg unseres ukrai­ni­schen Harry Potter. Das hätte in der Ukraine nie­mand gedacht, dass die Leute für ein ukrai­nisch­spra­chiges Buch vor den Buch­läden der wich­tigsten ukrai­ni­schen Städte Schlange stehen. Je schneller wir ein Buch her­aus­geben, desto größer die Chance, dass die Leser es zuerst auf ukrai­nisch lesen. Meine Lands­männer sind in der Seele Patrioten, aber wollen doch billig einkaufen.

 

Garri_Potter_and_the_Chamber_of_Secrets

n.: Wie viele Mit­ar­beiter beschäf­tigen Sie?

 

I.M.: Wir setzen nicht auf Umfang oder auf neue Moden, wir setzen auf Qua­lität und das gefällt den Leuten. Wir haben nicht viele Mit­ar­beiter und auch nicht viele Buch­titel, denn jedes Buch möchte ich per­sön­lich betreuen: Ich redi­giere, ent­wickle, arbeite mit den Künst­lern, Lek­toren und Fabriken daran. Ich bemühe mich, Long­seller her­aus­zu­geben. Bei­nahe 60% der Bücher dru­cken wir jedes Jahr nach. Manche sogar mehr­mals im Jahr. Denn glück­li­cher­weise werden trotz aller Pro­bleme in der Ukraine viele Kinder geboren. Die Ukraine hat eine Bevöl­ke­rung von fast 50 Mio. Einwohnern.

 

n.: Wel­ches Buch haben Sie zuletzt herausgegeben?

 

I.M.: Vor zwei Jahren habe ich mich mit der Her­aus­gabe einer „Serie für Erwach­sene“ beschäf­tigt, in der ich Werke meiner liebsten aus­län­di­schen und ukrai­ni­schen Autoren ver­öf­fent­liche. Die Redak­ti­ons­ar­beit nahm einen kata­stro­phalen Umfang an. Vor kurzem kamen zwei Bücher dieser Serie heraus. In diesem Jahr erwarten wir das Erscheinen einiger wich­tiger Bil­der­bü­cher für Zwei- bis Drei­jäh­rige. Außerdem kommt ein neues Buch unseres bekannten Illus­tra­tors Vla­dislav Erko heraus, näm­lich das klas­si­sche Andersen-Mär­chen Das Feu­er­zeug.

 

n.: Welche Bücher nehmen Sie ins Pro­gramm? Schi­cken Ihnen die Autoren Manu­skripte zu oder suchen Sie aktiv nach Autoren?

 

I.M.: Oh, sehr viele! Und alle wollen, dass ich per­sön­lich ihre Manu­skripte lese und das sofort. Doch wenn ich das alles lesen sollte, bräuchte ich min­des­tens vier­ein­halb Leben… Das Pro­gramm gestalte ich nach meiner Intui­tion als Dichter.

 

n.: Wie macht man einen Bestseller?

 

I.M.: Ich jage nicht nach Best­sel­lern. Doch kommt es vor, dass ich einen pro­du­ziere. Von den ukrai­ni­schen Autoren ver­kaufen wir jedes Jahr nicht weniger als drei­ßig­tau­send Exem­plare vom Tore­a­doriv z Vas­jukivky (Die Stier­kämpfer von Vas­jukivka), einem komi­schen Kult­roman des berühmten zeit­ge­nös­si­schen Kin­der­au­tors Vse­volod Nestajko. Zum Best­seller wurde auch der erste Roman von Lina Kos­tenko, der ver­dienten Dich­terin und „lebenden zeit­ge­nös­si­schen Klas­si­kerin“: In drei Monaten ver­kauften wir fast neun­zig­tau­send Exem­plare. Und wir haben den welt­weiten Best­seller Harry Potter her­aus­ge­geben. Unsere Über­set­zung wird zu den gelun­gensten der Welt gezählt – auch gegen­über der deut­schen. Joanne Row­ling hat den Ein­band unseres „Potter“ aus­ge­zeichnet. Er wurde sogar in einem Film über sie gezeigt.

 

n.: Orga­ni­sieren Sie spe­zi­elle Aktionen wie Lesungen, Fes­ti­vals, Wettbewerbe?

 

I.M.: Ja, wir lieben Prä­sen­ta­tionen. Dann spiele ich häufig Geige. Meine Erst­aus­bil­dung war die zum Musik­lehrer und Geiger im Sym­phonie-Orchester. Und ich singe mit den Musi­kanten und dem Über­setzer Viktor Morozov fröh­liche Lieder, die wir spe­ziell für den Anlass schreiben. Zum Glück gefallen unsere Dar­bie­tungen den Kin­dern und den Journalisten.

 

n.: Haben Sie viel Konkurrenz?

 

I.M.: Ich nehme die Ver­leger nicht als Kon­kur­renten wahr, denn meine Bücher sind sowieso einzigartig.

 

n.: In Deutsch­land wird viel über das E‑book dis­ku­tiert. Sind die elek­tro­ni­schen Medien eine harte Kon­kur­renz? Welche Mög­lich­keiten bietet das Internet dem Verlag?

 

I.M.: Wir haben schon einige elek­tro­ni­sche Bücher mit kine­ti­schen Momenten, mit inter­ak­tiven Spielen gemacht, doch in allen post­so­wje­ti­schen Län­dern ver­kaufen sich die elek­tro­ni­schen Bücher schlecht. Bei uns werden solche Bücher ein­fach aus dem Internet geklaut. So eine Kultur haben wir. Und das kann für die Ver­leger tra­gisch werden. Die Kom­mu­nisten haben unsere Leute eines gelehrt: zu stehlen und zu lügen.

 

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n.: Welche Unter­schiede gibt es zwi­schen ukrai­ni­schen und west­eu­ro­päi­schen Kin­der­bü­chern? Unter­scheiden sie sich bei­spiels­weise durch ihre Ästhetik? Ist es schwer, Über­setzer zu finden, wenn ja aus wel­chen Spra­chen, und Lizenzen zu kaufen und zu verkaufen?

 

I.M.: Wissen Sie, die Herzen aller Men­schen sind ähn­lich gela­gert, in glei­chem Abstand zum Himmel, und daher gefallen die Bücher, die den Herzen unserer Kinder nahe gehen, in der Regel auch den Kin­dern in anderen Län­dern. In der Ukraine werden poly­gra­phi­sche und buch­bin­de­ri­sche Arbeiten noch auf nied­rigem Niveau aus­ge­führt, daher dru­cken wir unsere Bil­der­bü­cher meist im Aus­land. Rechte an unseren Büchern haben wir schon in 19 Länder ver­kauft, von Groß­bri­tan­nien bis Süd­korea. Leider sind wir in Deutsch­land noch nicht präsent.

 

n.: Welche Ein­sichten haben Sie zu Ihrem 50. Geburtstag zu verkünden?

 

I.M.: Ich weiß nicht warum, doch meinen Fünf­zigsten begehe ich mit einer gewissen Angst. Das ist als würde ich in einen anderen Ozean hin­über schwimmen, dessen Strö­mungen ich absolut nicht kenne.

 

n.: Haben Sie Hobbys?

 

I.M.: In meiner Frei­zeit… edi­tiere ich, schreibe… Ich spiele auch Tennis. Meine Liebste und ich haben sogar ein eigenes Tur­nier, die „Villa Jaryna Open“ – Jaryna ist meine Frau. Das Tur­nier findet auf unserem eigenen Court statt, denn ich bleibe gern zuhause.

 

n.: Reisen Sie gerne? Wie finden Sie Deutschland?

 

I.M.: Ich war als Ver­leger in Deutsch­land und als Dichter. Mein Ein­druck ist… unge­wöhn­lich. Es ist das Land Bachs und Kants. Ich liebe Ihre Kultur, Musik, Phi­lo­so­phie, Lite­ratur… die Autos…

 

n.: Wovon träumen Sie? Welche Pro­jekte ver­folgen Sie in den nächsten Jahren? Wie sehen Sie Ihre Zukunft und die Zukunft der Ukraine?

 

I.M.: Gott, wovon träume ich? … Davon, dass die Welt von der Ukraine end­lich jene mys­ti­sche Tarn­kappe abnähme und alle dieses ziem­lich große euro­päi­sche Land – fak­tisch das größte Ter­ri­to­rium und die fünft­größte Ein­woh­ner­zahl – mit Bergen, Meer, Schwarz­erde und den bei weitem nicht übelsten Men­schen sähen, die zum großen Teil ziem­lich gebildet und fried­lich sind…

 

n.: Danke für das Gespräch!

 

 

Link zur Home­page des Ver­lags: http://ababahalamaha.com.ua