Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Geschichten aus dem Bauch des Ungeheuers

Ein Por­trait der Schrift­stel­lerin Ljud­mila Petruševskaja

 

„Ich halte mich nicht für eine Frau­en­schrift­stel­lerin“, sagt sie, und “Ich habe mich nie mit Politik beschäf­tigt – das inter­es­siert mich nicht im Geringsten“. Und den­noch wird sie, Ljud­mila Petruševs­kaja (Ljud­mila Petru­schew­skaja), als eine der füh­renden Figuren  der zeit­ge­nös­si­schen Frau­en­li­te­ratur aus Russ­land gefeiert und als eine der letzten lebenden Schrift­stel­le­rinnen der Dis­si­den­ten­be­we­gung im Gefolge von Solže­nicyn (Sol­sche­nizyn) bezeichnet.

 

Zwei­fellos sind derlei Selbst­aus­sagen von Dich­tern mit Vor­sicht zu genießen. Man sollte sie nicht als reine Tat­sa­chen­aus­sagen betrachten, denn sie sind nicht ohne Kalkül und Absicht. Hinter jeder Kate­go­ri­sie­rung als „Frau­en­li­te­ratur“ oder als „poli­ti­scher Dichter“ steckt ein weites Feld an Kon­text und Kon­no­ta­tion, dem man zugetan oder abge­neigt sein kann. Gerade darum lohnt es, solche begriff­li­chen Zuord­nungen kri­tisch zu hinterfragen.

Dass Petruševs­kaja in einem Atemzug mit Solže­nicyn genannt wird, mag ebenso über­ra­schen, wie die Frage nach dem Poli­ti­schen in ihren Werken, han­deln sie doch zunächst und in der über­wie­genden Mehr­heit von häus­li­chen und pri­vaten Ange­le­gen­heiten. Ihre Inter­view­aus­sage „unser Zuhause war wie ein Mini-Gulag“  zeigt jedoch, wie stark auch die zwanzig Jahre jün­gere Petruševs­kaja von den sta­li­nis­ti­schen Ver­fol­gungen geprägt wurde und wie die Politik in die pri­vate Sphäre eindrang.
Geboren 1938, erlebt Petruševs­kaja den Zweiten Welt­krieg in einem Kin­der­heim in Ufa, fernab der Kriegs­schau­plätze. Sie kehrt zurück nach Moskau, wo sie mit ihrer Mutter und ihrem Groß­vater in einem 12 qm großen Raum einer Kom­mu­nal­woh­nung lebt, wäh­rend sie an der Lomo­nosov-Uni­ver­sität Jour­na­lismus stu­diert. Sie beginnt zu schreiben, ver­öf­fent­licht Anfang der 70er Jahre erste Kurz­ge­schichten in Lite­ra­tur­ma­ga­zinen. Doch es wird zuneh­mend schwierig ihre Texte zu ver­öf­fent­li­chen. Auf ihre Ein­sen­dungen ant­wortet ihr ein langes, eisiges Schweigen. Es gibt kein offi­zi­elles, aus­ge­spro­chenes Verbot – die Ver­leger und Chef­re­dak­teure wissen, was mög­lich ist und was nicht. Petruševs­kajas Texte sind unmög­lich. Erst 1987, unter der mit Gor­bačev ein­set­zenden Politik von Glas­nost’, wird ihr erster Erzähl­band ver­öf­fent­licht. In den langen Jahren dazwi­schen hält sie sich anders über Wasser. Auch mit Schreiben – natür­lich. Sie wendet sich dem Theater zu, schreibt Stücke und Dreh­bü­cher für Filme; sehr erfolg­reich sind ihre Zei­chen­trick­filme. Sie ist fle­xibel, was die Kunst angeht, und prag­ma­tisch, denn sie hat eine Familie zu ernähren. Ihre Thea­ter­stücke wurden schon vor den Erzäh­lungen ins Deut­sche über­setzt und auf­ge­führt, wie zum Bei­spiel Cin­zano oder Drei Mäd­chen in Blau. In Russ­land dagegen wurden die Stücke zunächst nur in kleinen halb pri­vaten Auf­füh­rungen gezeigt und fanden ihren Weg an die pro­fes­sio­nellen Theater auch erst in den 80er Jahren.

Inso­fern ist ihr Werk in der Tat Teil einer Dis­si­den­ten­li­te­ratur, für welche die Nicht-Publi­ka­tion den Rit­ter­schlag bedeutet. Was Petruševs­kaja in ihrer Bio­grafie unter­scheidet, ist, dass sie nicht offen poli­tisch Stel­lung bezog, nicht inhaf­tiert und ver­folgt wurde, nicht vom Zen­trum Moskau an die Peri­pherie oder ins aus­län­di­sche Exil ver­bannt und damit aus der sowje­ti­schen Welt und aus dem Bewusst­sein getilgt wurde. Inhaf­tiert und gefangen war sie in ihrem Land, der Sowjet­union, die sie als den Bauch des Unge­heuers bezeichnet und von Kind­heit an ablehnte, gefangen war sie auch zu Hause in der Kom­mu­nal­woh­nung, ihrem Mini-Gulag.
Doch was hat es mit diesen Erzäh­lungen auf sich? Was machte ihre Ver­öf­fent­li­chung unmög­lich? Was ist poli­tisch bri­sant an diesen Fällen pri­vaten und häus­li­chen Lebens? Und kann man ihr ver­trauen, wenn sie sagt, sie sei keine poli­ti­sche Autorin und inter­es­siere sich auch nicht für Politik? Zugleich gibt sie zu, von ihrer Zeit und ihrem Raum, der Sowjet­union, – wenn auch negativ – geprägt zu sein. So sind die Geschichten nicht im gemeinen Sinne poli­tisch oder poli­tisch inten­diert, son­dern in erha­benem Sinne. Gerade das so harmlos daher­kom­mende Privat- und All­tags­leben des Sowjet­bür­gers birgt eine hohe Spreng­kraft inner­halb eines Sys­tems, wel­ches sich die Schaf­fung eines ‚neuen Men­schen’ zum Ziel gesetzt hat. Mit diesem ‚neuen Men­schen’ sind die Por­traits, die Petruševs­kaja ent­wirft, nicht in Über­ein­stim­mung zu bringen. Allzu oft befinden sich die Prot­ago­nisten in einer gesell­schaft­li­chen Rand­si­tua­tion oder han­deln wider die sozialen Normen. Scho­nungslos offen erzählt die Autorin Geschichten von Armut, Tod, Alko­ho­lismus, zer­bre­chenden Ehen und unge­wollter Schwan­ger­schaft – kurz, von einem tristen, per­spek­tiv­losen sozia­lis­ti­schen Alltag. Und trotzdem ist den Prot­ago­nisten in den meisten Fällen ein unge­bro­chener Lebens­wille inne. Petruševs­kaja ist keine Pes­si­mistin. Sie ist rea­lis­ti­sche Beob­ach­terin ihrer Welt.
Diese Hal­tung zeigt sich in vielen ihrer Erzäh­lungen, so auch in dem zuletzt auf Deutsch erschie­nenen Sam­mel­band von Kurz­ge­schichten Es war einmal eine Frau, die ihren Mann nicht son­der­lich liebte. Er ent­hält viele Texte, die schon früher und in anderen Zusam­men­set­zungen erschienen sind. Ihre Publi­ka­tions- und Ent­ste­hungs­ge­schichte zurück­zu­ver­folgen ist schwierig und mühsam; einer­seits, weil oft eine lange Zeit zwi­schen der Ent­ste­hung und der Erst­ver­öf­fent­li­chung liegt und ande­rer­seits, weil Petruševs­kaja selbst ihre Texte immer wieder neu arran­giert und in neue Kon­texte und unter neue Titel stellt.

Es sind kleine Aus­schnitte, ‚Fälle’ (slučaj), die Ein­zel­schick­sale von – zumeist weib­li­chen – Protagonist_innen beleuchten und die  zusammen das Bild einer Gesell­schaft in Auf­lö­sung ergeben. So stehen die ein­zelnen Figuren sym­pto­ma­tisch für die Patho­lo­gien der gesamten Gesell­schaft, denn alle pri­vaten Pro­bleme und Zer­falls­pro­zesse, dar­ge­stellt am Ein­zel­bei­spiel, betreffen nicht nur den Ein­zelnen son­dern stehen bei­spiel­haft für gesamt­ge­sell­schaft­liche Pro­bleme. So ist es doch poli­tisch, näm­lich sozi­al­po­li­tisch, wenn die junge Frau aus der Erzäh­lung Der schwarze Mantel, die unge­wollt schwanger wird und dabei keine Unter­stüt­zung vom Vater des Kindes erhält, keinen anderen Ausweg als den Suizid sieht. Glei­ches gilt für die Frau in Wir kommen schon über den Winter, die mit ihrem Gehalt kaum über den Winter kommt und den Leser am Ende mit ihrem Plan, einen ame­ri­ka­ni­schen Geschäfts­partner zu hei­raten, überrascht.
Einmal sagte ein Ver­leger zu Petruševs­kaja, sie solle die Enden ihrer Erzäh­lungen ändern, damit sie posi­tiver aus­gehen, dann könne er sie dru­cken. Dabei gehen viele ihrer Geschichten nicht explizit negativ aus, erstaun­lich ist viel­mehr aus wel­chen Aus­gangs­si­tua­tionen ein für die Figuren akzep­ta­bles Ende resul­tiert. Das schwan­gere Mäd­chen aus dem Schwarzen Mantel zieht den Kopf aus der Schlinge und ent­schließt sich für das Leben, wenn es auch schwierig und ent­beh­rungs­reich wird. Die Prot­ago­nistin aus der Geschichte Das Wunder, deren Sohn sich zu erhängen ver­sucht, nachdem er ihr Erspartes für Par­ties und Alkohol aus­ge­geben hat, fühlt sich am Ende erleich­tert und „[a]ls ob das Schreck­lichste im Leben hinter ihr lag“. Auch die Frau in der Geschichte Da ist jemand in der Woh­nung, die in dem Wahn, jemand ver­stecke sich in ihrer Woh­nung und ver­suche sie umzu­bringen, ihre Möbel und Kleider weg­wirft, erlebt eine Art Katharsis: So ist sie end­lich all den alten Krempel los­ge­worden, von dem sie sich nur schwer trennen konnte. Es sind keine klas­si­schen Happy Ends: Das Erschre­ckende ist gerade, dass die Figuren auch den exis­tenz­be­dro­hendsten Situa­tionen noch etwas Gutes abge­winnen können.
Bei Ljud­mila Petruševs­kaja han­delt es sich somit kei­nes­falls um eine typi­sche Ver­tre­terin der Frau­en­li­te­ratur, deren Texte auf spe­zi­fisch weib­liche Themen wie Heim und Familie zu redu­zieren sind. Im Gegen­teil ist das, was als Einzel-‚Fall’ her­aus­ge­stellt wird, tat­säch­lich von gesamt­ge­sell­schaft­li­cher Rele­vanz. Petruševs­kajas Themen sind die exis­ten­ti­ellen Fragen nach dem Sinn des Lebens, die in Grenz­si­tua­tionen ange­sichts von Erfah­rungen wie Tod und Krank­heit, aber auch Schwan­ger­schaft und Geburt in den Vor­der­grund rücken.
Was sich dagegen nicht leugnen lässt, ist aller­dings die Tat­sache, dass die Haupt­fi­guren zumeist weib­lich sind. Das mag zum einen ganz tri­vial tat­säch­lich im Geschlecht der Autorin begründet sein, zum anderen aber auch bewusst als ein Spiegel der Gesell­schaft dienen, in der die Aus­ein­an­der­set­zung mit diesen Themen stärker den Frauen zuge­mutet wird als den Män­nern. Sie sind es mehr­heit­lich, in Deutsch­land wie in Russ­land, heute wie damals, die die Alten und Kranken pflegen, die die Kinder erziehen und in deren Hände die Bemü­hungen um den Zusam­men­halt der Familie gelegt werden. An sich betreffen sie jedoch jeden Men­schen unab­hängig vom Geschlecht und in diesem Sinne sind sie auch Teil unserer all­täg­li­chen Rea­lität. Die Ver­wand­lung dieses All­tags zeigt sich dras­tisch durch die erzäh­le­ri­schen Mittel, die Petruševs­kaja ver­wendet. Vor allem durch den Ein­satz phan­tas­ti­scher Erzäh­lele­mente wird eine Ver­frem­dung des All­täg­li­chen und seiner Pro­bleme erreicht. So bevöl­kern unge­wöhn­lich viele Geister die Texte von Petruševs­kaja, ohne dass dem Leser oder den Figuren zunächst klar wäre, mit wem sie es zu tun haben. Die meiste Zeit wähnen sie sich in einer ganz ‚nor­malen’ Bezie­hungs­ge­schichte, bis am Ende das Über­na­tür­liche ent­tarnt wird. Das Mäd­chen aus dem Schwarzen Mantel wird, als es schon fest ent­schlossen ist, sich zu erhängen, durch eine geis­ter­hafte Begeg­nung an einem ‚anderen Ort’ vom Wert des Lebens über­zeugt und zieht den Kopf aus der Schlinge. In der Geschichte von Sokol­niki kommt der Ehe­mann, den man im Krieg gefallen wähnte, zu seiner Frau zurück, nur um sich am Ende als sein eigener Geist zu ent­puppen, der zu einem letzten Abschied zurück­kehrte und sich von seiner Frau sym­bol­haft ‚beer­digen’ lässt. Hin­weise auf geis­ter­hafte Erschei­nungen finden sich wie Mosa­ik­steine überall in den Erzäh­lungen, sind aller­dings nur für den ein­ge­weihten Leser sichtbar. Alle anderen werden genauso unver­hofft wie die Figuren in den Geschichten mit der ‚Rea­lität’ konfrontiert.

Dazu tragen auch Sprache und Sti­listik bei. Ljud­mila Petruševs­kajas Stil ist klar, prä­zise und schnör­kellos. Die Sätze sind kurz, aber von hoher erzäh­le­ri­scher Dichte. So gelingt es ihr auf wenigen Seiten – ihre Kurz­ge­schichten sind oft tat­säch­lich Kür­zest-Geschichten – eine kom­plexe Hand­lung zu erzählen. Dabei bedient sie sich einer Sprache, die oft stark an die münd­liche Rede ange­nä­hert ist. Diese Anknüp­fung an münd­li­ches Erzählen und Wei­ter­erzählen werden ihr, ähn­lich der The­men­wahl, oft als spe­zi­fisch weib­lich aus­ge­legt. Es wird dabei ver­wiesen auf münd­liche Tra­di­tionen und auf das Geschich­ten­er­zählen, welche bei ihr im Wei­ter­erzählen von Gerüchten und Klatsch ihren modernen Wider­hall finden. In vielen Geschichten wird dieses sti­lis­ti­sche Mittel ange­wandt, indem Nach­barn und andere mehr oder weniger am Geschehen betei­ligte Figuren berichten, was sie wissen oder zu wissen glauben. In anderen Erzäh­lungen berichten die Figuren selbst kom­men­tie­rend über ihren Fall. Man kann in dieser Lust an der gespro­chenen All­tags­sprache und ihrer unver­fälschten Über­nahme in einen lite­ra­ri­schen Text nun eine spe­zi­fisch weib­liche Erzähl­weise sehen. In dem Fall muss man aller­dings auch die Prä­misse akzep­tieren, wonach das Erzählen und Wei­ter­erzählen eine weib­liche Eigen­schaft ist oder all­ge­meiner die Ver­wen­dung von an Münd­lich­keit und münd­li­chen Erzähl­tra­di­tionen ori­en­tierter Sprache im Text Aus­druck weib­li­chen Schrei­bens sind.
Dem gegen­über möchte ich eine andere Deu­tung zur Her­kunft von Petruševs­kajas Stil anbieten und dem zwei kurze Bemer­kungen über die Bedeu­tung münd­li­cher Tra­di­tion vor­an­stellen. Die lite­ra­ri­sche Strö­mung, welche zuerst die münd­liche Sprache, den Sozio­lekt und den Dia­lekt, für sich ent­deckte und lite­ra­risch ver­wan­delte, war der Natu­ra­lismus. Vor allem in die Dra­matik fand er als eine Stei­ge­rung des Rea­lismus Ein­gang. Soziale Pro­bleme und die ‚ein­fa­chen Leute’ wurden mehr und mehr Thema des Thea­ters und es schien unna­tür­lich, diese Figuren wei­terhin in hoch­sprach­li­chen Versen auf der Bühne spre­chen zu lassen. Auch in Russ­land wurden ver­mehrt soziale Fragen auf der Bühne und in der Lite­ratur auf­ge­griffen, so z.B. von Čechov. Der rus­si­sche For­ma­lismus fand für diese Art der Erzäh­lung, die sich an am gespro­chenen Wort ori­en­tiert, den Begriff des skaz.
Die Anver­wand­lung münd­li­cher Rede in der Lite­ratur ist also keine Inno­va­tion Petruševs­kajas oder Errun­gen­schaft weib­li­chen Schrei­bens. Viel­mehr scheint mir diese Form ihren Ursprung in der Dra­matik zu haben, woher auch Petruševs­kaja sie in ihre Prosa über­nimmt. Vor allem ange­sichts ihrer lang­jäh­rigen Arbeit für Theater, Film und Fern­sehen ist eine Ein­fluss­nahme auf ihren Pro­sa­stil nur natür­lich. Dies zeigt auch der Ver­gleich mit Anton Čechov. Auch Čechov war Dra­ma­tiker. Daneben schrieb er jedoch eben­falls Prosa und ähn­lich wie Petruševs­kaja vor allem kurze Pro­sa­stücke: Aus dem Erzähler Čechov spricht der Dra­ma­tiker, wie aus Petruševs­kajas Kurz­ge­schichten die Dra­ma­ti­kerin. Beider Prosa stellt das Leben unge­schönt dar, mit allen all­täg­li­chen Miss­ständen und Pro­blemen  – und wendet dabei Mittel des Natu­ra­lismus an.

Natu­ra­lismus? Das scheint ange­sichts von Geis­tern und über­na­tür­li­chen Phä­no­menen eine auf den ersten Blick para­doxe Beschrei­bung für Petruševs­kajas Werk. Doch macht dies gerade den Reiz dieser Erzäh­lungen aus: ihre Mehr­deu­tig­keit und Unbe­re­chen­bar­keit. Sie bieten Platz für Wider­sprüch­li­ches und wider­sprüch­lich Schei­nendes. Natu­ra­lismus sowie der all­täg­liche Kampf ums Über­leben treffen auf phan­tas­ti­sche und sur­reale Ele­mente mit Anklängen von Schau­er­ge­schichten und Mär­chen. Dabei stehen diese beiden Kräfte nur scheinbar im Kon­flikt, denn tat­säch­lich greifen sie inein­ander. Die Figuren stehen am Rand der Gesell­schaft und auf der Schat­ten­seite des Lebens, dessen Sinn und Bedeu­tung ver­loren scheint. Den Wert ihres Lebens erkennen sie nicht selten erst in der Begeg­nung mit dem Über­na­tür­li­chen. Auch das Über­na­tür­liche findet so seinen Platz in der Rea­lität des All­tags und es ist Petruševs­kajas lako­nisch ein­fa­cher und unpa­the­ti­scher Sprache zu ver­danken, dass die phan­tas­ti­schen Ele­mente so nahtlos in die Erzähl­hand­lung ein­ge­fügt sind, als gehörten sie zur Rea­lität. Beide Welten werden ohne Ein­ord­nung und Hier­ar­chi­sie­rung neben­ein­ander gestellt. Ins­ge­samt nehmen Wer­tungen und Beur­tei­lungen aus­schließ­lich die Figuren vor, in Form von erlebter Rede, inneren Mono­logen oder Kom­men­taren. Der Erzähler übt sich der­weil in Zurück­hal­tung. Dem Leser bleibt es selbst über­lassen, ange­sichts dieses  Kon­glo­me­rats an Aus­sagen Posi­tion zu beziehen.
So ent­ziehen sich die Geschichten ein­deu­tiger Zuord­nungen, ebenso wie die Autorin sich einer ein­deu­tigen Kate­go­ri­sie­rung ent­zieht oder diese zurück­weist, ohne Alter­na­tiven anzubieten.

 

Lite­ratur von Petruševskaja:

Petruševs­kaja, Ljud­mila: Es war einmal eine Frau, die ihren Mann nicht son­der­lich liebte. Aus dem Rus­si­schen von Antje Leetz. Berlin 2010.
Petruševs­kaja, Ljud­mila: Der schwarze Mantel. Aus dem Rus­si­schen von Antje Leetz. Berlin 2002.
Petruševs­kaja, Ljud­mila: Cin­zano. Aus dem Rus­si­schen von Rose­marie Tietze. Mün­chen 2001.

 

Lite­ratur über Petruševskaja:

Hiel­scher, Karla: Gerede – Gerücht – Klatsch. In: Chris­tina Par­nell (Hg): Frau­en­bilder und Weib­lich­keits­ent­würfe in der rus­si­schen Frau­en­prosa, Frank­furt 1996, S. 183–192.
Laird, Sally: Voices of Rus­sian Lite­ra­ture. Inter­views with Ten Con­tem­porary Wri­ters, Oxford 1999, S. 23–48.

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