Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Ant­onyčs Geist

Ein Inter­view mit Jurij Andruchovyč

 

Der ukrai­ni­sche Dichter, Pro­saist, Essayist und Über­setzer Jurij Andruchovyč [Юрiй Андрухович, in deut­schen Publi­ka­tionen: Juri Andruchow­ytsch], geb. 1960, debü­tierte 1985 mit einem Gedicht­band Nebo i plošči (Himmel und Plätze). In den 80er Jahren grün­dete er zusammen mit Viktor Neborak und Olek­sandr Irvanec’ in Lem­berg die Dich­ter­gruppe Bu-Ba-Bu (Bur­lesk-Balagan-Bufonada), die für ihre kar­ne­val­esken Hap­pe­nings und Per­for­mances berühmt wurde; in den 90er Jahren schrieb er die Romane Rekre­aciji (Rekrea­tionen), 1992; Mosko­viada, 1993 (dt. 2006) und Per­ver­zija (Per­ver­sion), 1996. Von seinen Essays erschienen auf deutsch Das letzte Ter­ri­to­rium (2003) und Mein Europa. Zwei Essays über das soge­nannte Mit­tel­eu­ropa (2004, zusammen mit dem pol­ni­schen Autor Andrzej Sta­siuk, beide in der edi­tion suhr­kamp). 2005 erschien in deut­scher Über­set­zung sein jüngster Roman Zwölf Ringe (Dva­nad­cjat’ obručiv, im Ori­ginal 2003), eine geheim­nis­volle Geschichte der tra­gi­schen Reise eines Öster­rei­chers in die ukrai­ni­schen Kar­paten. Zugleich ist der Roman eine Aus­ein­an­der­set­zung mit dem ukrai­ni­schen Dichter Bohdan-Ihor Ant­onyč (1909–1937).

 

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novinki: Du bist Mit­be­gründer und Redak­teur einer lite­ra­ri­schen Internet-Zeit­schrift Potjah 76 (Zug 76), die ver­schie­dene Autoren ent­lang eines Schie­nen­netzes quer durch Mit­tel­ost­eu­ropa mit­ein­ander ver­bindet. Der Zug fuhr – sym­bo­lisch – mit einigen deiner Schrift­stel­ler­kol­legen aus der Ukraine gerade durch Deutsch­land. Was hat es mit Potjah 76 auf sich?

 

Jurij Andruchovyč: Der wirk­liche Zug Nr. 76 fährt heute die Route Czer­no­witz (Ukraine) – Prze­myśl (Polen). Die Idee kam 2001 von meinem Freund und Lite­ra­tur­kri­tiker aus Czer­no­witz, Olek­sandr Bojčenko. Zunächst wollten wir nur einen Alma­nach mit Autoren vor­be­reiten, die zwi­schen Czer­no­witz und Prze­myśl leben. Diese Idee wurde dann von mir auf das ganze Mit­tel­ost­eu­ropa erwei­tert. Das Pro­jekt ist eine Vari­ante der Geo­poetik, die poli­ti­schen Beschrän­kungen und Tei­lungen mit poe­ti­schen Mit­teln zu über­winden. Heute erscheint die Zeit­schrift im Internet unter www.potyah76.org.ua.

 

n: Die Zug­me­ta­pher, das damit ver­bun­dene Reisen, scheint sich jedoch nicht nur auf das Pro­jekt Potyah 76 zu beziehen. Auch in deinen essay­is­ti­schen und lite­ra­ri­schen Texten ver­wen­dest du häufig topo­gra­phi­sche Begriffe und Ver­fahren; der Begriff Geo­poetik, den du gerade erwähnt hast, ist nur ein Bei­spiel, andere For­mu­lie­rungen sind „fik­tive Lan­des­kunde“ oder noch etwas spe­zi­eller „Kar­pa­tho­logie“. Was ver­birgt sich dahinter?

 

A: Die For­mu­lie­rung „fik­tive Lan­des­kunde“ ver­wende ich im Essay Car­pa­tho­logia Cos­mo­phi­lica. Aber natür­lich kann man einiges, was ich geschrieben habe, vor allem meine Essay­istik, als fik­tive Lan­des­kunde bezeichnen. Das ist gewis­ser­maßen meine per­sön­liche Schreib­weise, meine Methode. Für mich ist der Essay vor allem eine post­mo­derne Gat­tung. Nach der Erschöp­fung der Lite­ratur, also nicht die Welt­li­te­ratur, son­dern der Lite­ratur an sich im Roman und in der Poesie, bin ich zu einer total unver­ant­wort­li­chen Gat­tung gekommen, dem Essay. Alles in der Essay­istik ist quasi ernst­haft und wis­sen­schaft­lich, aber grund­sätz­lich fiktiv. Alles ist nur ein Spiel des Autors, seine tiefst­per­sön­liche Inter­pre­ta­tion, auch die wis­sen­schaft­li­chen Tat­sa­chen. Wenn wir also die Geo­gra­phie als Wis­sen­schaft betrachten, dann kann man z.B. sagen, dass es zwi­schen Punkt A und Punkt B noch einen Berg oder 25 km Abstand gibt. Das wäre eine reine Infor­ma­tion, aber im Essay kann man damit immer wieder expe­ri­men­tieren. Mir gefällt diese Mög­lich­keit, so etwas wie eine fik­tive Lan­des­kunde zu schaffen. Als ich Car­pa­tho­logia Cos­mo­phi­lica schrieb, bin ich noch nie auf dem dort beschrie­benen Gipfel, dem Pip Ivan, in den Kar­paten gewesen. Die Beschrei­bung ist allein meine Vision. Den Text schrieb ich Anfang 1996. Auf dem Pip Ivan war ich erst 1998, also zwei Jahre später.

 

n: Sind fik­tive Lan­des­kunde und Geo­poetik das­selbe? Oder spielt Geo­poetik eher iro­nisch auf Geo­po­litik an?

 

A: Also, als Wort ist das nicht meine Erfin­dung. Zum ersten mal habe ich Geo­poetik in Moskau von einem Freund gehört. Ich kam 1998 nach Moskau und bekam eine Ein­la­dung von einem geo­poe­ti­schen Klub.

 

n: Vom Krymskij Klub?

 

A: Ja genau, vom Krymskij Klub, in dem ver­schie­dene Ver­an­stal­tungen unter dem Stich­wort Geo­poetik statt­finden. Die Idee des Klubs bzw. die Idee Igor Sids ist es, Autoren aus unter­schied­li­chen Gegenden nach Moskau ein­zu­laden. Man ver­sucht, die Ver­bin­dungen zwi­schen der Krea­ti­vität und dem geo­gra­phi­schen Ort her­aus­zu­finden. Das ist auch ein Thema von Andrej Bitov: der Mensch und seine Land­schaft, der Mensch in seiner Land­schaft. Was bedeutet es z.B. ein rus­sisch­spra­chiger Autor in Usbe­ki­stan zu sein oder umge­kehrt? Das waren die Themen des Krymskij Klub. Gedacht war der Klub auch als eine kul­tu­relle Platt­form für die ukrai­nisch-rus­si­sche Zusam­men­ar­beit. Die Krim ist ein span­nungs­rei­ches Gebiet, die rus­si­sche Seite erhebt noch immer ter­ri­to­riale Ansprüche. Igor Sids Idee war es, dieses Thema mit einer starken Ästhe­ti­sie­rung zu ent­po­li­ti­sieren – das war seine Reak­tion auf das Wort Geo­po­litik.

 

n: Ver­wen­dest du den Begriff Geo­poetik im selben Sinn?

 

A: Bei mir ist das Wort wie­derum viel stärker poli­ti­siert. Bei mir ist die Geo­poetik ein Pen­dant zur Geo­po­litik. Geo­poetik als eine Wider­stands­form gegen die Politik. In unserem Fall, im Fall der Oran­genen Revo­lu­tion in der Ukraine war es ein Sieg der Geo­poetik über die Geo­po­litik. Geo­po­li­tisch war alles hun­dert­pro­zentig klar, alle Pro­gnosen haben das­selbe gezeigt: In der Ukraine sollte der Mos­kauer Kan­didat gewinnen – die Ukraine gehört geo­po­li­tisch zum post­so­wje­ti­schen Raum, also in die Zone rus­si­scher Inter­essen, sie sollte vom Westen abge­trennt werden. Die ganze staat­liche Maschine, alle Medi­en­be­reiche arbei­teten für den Mos­kauer Kan­di­daten. Wir, die Oran­genen, hatten nichts außer der Ästhetik, außer der Mög­lich­keit, mit dieser Farbe etwas zu schaffen. Die ganze Euphorie auf dem Majdan, diese Unmenge von Farben, Sound, Musik, Tanz, Beleuch­tung war für mich vor allem eine ästhe­ti­sche Erschei­nung. Die Poli­tiker, ich meine auch die oran­genen Poli­tiker, glauben nach wie vor, dass es sich um eine poli­ti­sche Erschei­nung gehan­delt habe. Aber die haben die Situa­tion nicht richtig ver­standen. Des­halb stehen sie heute mit der Bevöl­ke­rung in Kon­flikt. Sie haben zwar gewonnen, aber sie ver­stehen den Sieg als poli­ti­schen Sieg, dabei hat die Geo­poetik gewonnen.

 

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n: Geo­poetik als ästhe­ti­scher Wider­stand?

 

A: Mehr noch als nur Wider­stand: Modus Vivendi, Lebens­ge­fühl, Welt­an­schau­ungs­system. Im kon­kreten Fall der Ukraine im Jahre 2004 bedeu­tete die Geo­poetik auch eine Chance für den Idea­lismus gegen den Zynismus der Geo­po­litik. In der kurz­fris­tigen Per­spek­tive einer Revo­lu­tion ist der Idea­lismus immer stärker.

 

n: In deinen Texten ist nicht nur die Rede von Geo­poetik im all­ge­meinen, son­dern von Zen­tral­eu­ropa, Mit­tel­eu­ropa, Mit­tel­ost­eu­ropa und einer spe­zi­fi­schen, dort anzu­tref­fenden Ästhetik. Nimmst du damit eine Dis­kus­sion auf, die schon Milan Kun­dera, György Konrád, Czesław Miłosz oder Danilo Kiš in den 70er und 80er Jahren in der Emi­gra­tion führten? Kun­dera hatte damals gesagt, dass Mit­tel­eu­ropa „geo­gra­phisch im Zen­trum, kul­tu­rell im Westen und poli­tisch im Osten“ liege. Kiš spricht in seinen Mit­tel­eu­ro­päi­schen Varia­tionen (Vari­ja­cije na srednjo­evropske teme) von einer „zen­tri­pe­talen und einer zen­tri­fu­galen“ Kul­tur­theorie, nach der Wien ent­weder der Aus­gangs­punkt allen kul­tu­rellen Gesche­hens im mit­tel­eu­ro­päi­schen Raum war, oder der Absto­ßungs­punkt, wobei sich das trotz und gegen Wien nach 1945 in ein trotz und gegen Moskau ver­wan­delt habe.

 

A: Ich glaube, dass es in der heu­tigen Debatte um Mit­tel­eu­ropa im Unter­schied zu damals um etwas anderes geht, der ganze Kon­text ist ein anderer. Was war das für eine Idee von Kun­dera oder Konrad? Vor allem eine für den dama­ligen Ost­block, also die Länder, die von Moskau abhängig waren: Sie wollten zeigen, dass es doch mehr Euro­päi­sches dort gibt, als es sich die Westler hätten vor­stellen können. Bei Kun­dera war das eine Lie­bes­ge­schichte im Dreieck: Mittel- und Ost­eu­ropa zwi­schen Russ­land und dem Westen. Und ein Appell an die west­liche Seite: Wir wollen mit euch und nicht mit Russ­land in diesem Dreieck sein. Heute ist es natür­lich anders, da Mit­tel­ost­eu­ropa schon seit der poli­ti­schen Wende Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre in diesem ‚nor­malen’ Europa ange­kommen ist. Und mit der EU-Erwei­te­rung stellt sich die Frage, ob es Mit­tel­ost­eu­ropa über­haupt noch gibt. Wenn ja, dann als eine Art Zwi­schen­raum, in dem man in ver­schie­dene Rich­tungen gehen kann. So ist das z.B. in Andrzej Sta­siuks Wahr­neh­mung ein Teil der Welt, in dem die west­liche Zivi­li­sa­tion noch nicht richtig herrscht. Sein Mit­tel­ost­eu­ropa ist eher anti­west­lich in dem Sinne, dass er diese zivi­li­sa­to­ri­sche Rück­stän­dig­keit als einen großen Vor­teil betrachtet. Das ist eine Chance für ihn, seine per­sön­liche Chance, dass so etwas noch mög­lich ist, ein anderes Europa irgendwo im Donau­delta.

 

n: Siehst Du das auch so?

 

A: Dieser Raum ist für mich unglaub­lich wichtig und ich habe für jene Orte viel Sen­ti­ment: Die Zer­stö­rung, die armen Dörfer, Busse, die nur einmal in der Woche fahren… Aber ande­rer­seits bin ich mehr ‘pro­west­lich’ als Andrzej Sta­siuk. Er ist prin­zi­piell dafür, dass sich in diesem Teil der Welt nichts ändert. Für mich ist die Ände­rung – die ‚Ver­west­li­chung’ – eher eine posi­tive Sache, ins­be­son­dere für die Ukraine. Wahr­schein­lich sind wir, Sta­siuk und ich, doch zwei ver­schie­dene Fälle. Ich bin davon über­zeugt, dass sich Mit­tel­ost­eu­ropa bewegt. Man kann die Grenzen nicht ein für allemal setzen und sie bewegen sich momentan ost­wärts. Mit der EU kommt der Westen immer weiter öst­lich mit seinen Stan­dards, so dass auch Mit­tel­ost­eu­ropa einen wei­teren Ort für sich finden muss. Das ukrai­ni­sche Ter­ri­to­rium ist mehr oder weniger frei für diese Pro­zesse. Als ‚schla­fendes’ Ter­ri­to­rium gibt es noch Weiß­russ­land, und viel­leicht noch Mol­da­wien. Aber gene­rell ist es aus meiner Sicht immer noch e i n Ter­ri­to­rium – von Est­land im Norden bis Alba­nien im Süden, auch wenn das ganz unter­schied­liche Länder sind; trotzdem aber doch e i n e Rea­lität, eine mit­tel­ost­eu­ro­päi­sche Rea­lität. In Est­land zwar immer weniger, doch in Alba­nien …– es ist wahr­schein­lich das, was Andrzej an Alba­nien so beein­druckt.

 

n: Welche Rolle spielt bei der Geo­poetik die Archäo­logie, die Aus­gra­bung der Reste und Spuren ver­schwun­dener, plu­raler Kul­turen? Der Habs­burger-Mon­ar­chie bei­spiels­weise, die in vielen Lite­ra­turen – nicht ohne Nost­algie – als ein Raum kul­tu­reller Hete­ro­ge­nität tra­diert wird. In der pol­ni­schen Lite­ratur ist dies noch bei Andrzej Sta­siuk zu finden.

 

A: Dies wäre aber zu eng, nur nach den Spuren der Habs­burger Mon­ar­chie zu suchen, außerdem liegt Öster­reich heute bestimmt nicht in Mit­tel­ost­eu­ropa. Ich würde eher von einer post­to­ta­li­tären Wirk­lich­keit und einer post­kom­mu­nis­ti­schen Erfah­rung spre­chen. Das ist etwas, was heute noch ver­ei­nigt. So gehört das ehe­ma­lige DDR-Ter­ri­to­rium zu dieser Wirk­lich­keit, aber nicht Öster­reich. Grund­sätz­lich meine ich, dass das über­haupt keine Wirk­lich­keit ist, son­dern eine Welt, die nur lite­ra­risch exis­tiert.

 

n: Wenn es sich dabei vor allem um einen lite­ra­ri­schen Par­al­lel­raum zum realen Raum han­delt, wür­dest du sagen, dass es eine mittel- oder mit­tel­ost­eu­ro­päi­sche Ästhetik gibt?

 

A: Ja, das würde ich sagen. Ich kann es mit einem Bild beschreiben: Wo sich in einer Gegend land­schaft­liche Ruinen mit McDo­nalds kreuzen, dort ent­steht diese Ästhetik. Dies ist vor allem im Film und in der Lite­ratur sichtbar. Bei den jugo­sla­wi­schen, tsche­chi­schen, pol­ni­schen Fil­me­ma­chern finden wir die­selbe Ästhetik der komi­schen Ein­flüsse glo­ba­li­sie­render west­li­cher Inva­sion in diese Welten. Aber es han­delt sich nicht nur um die Bilder, son­dern auch um eine Idee. Es ist etwas, was unter dem Druck vom Tota­li­ta­rismus nicht zur Sprache kommen und erst nach der poli­ti­schen Wende sich ent­wi­ckeln konnte: Eine krea­tive Frei­heit, schwin­del­erre­gend, ein Taumel mit so vielen Mög­lich­keiten, die sich erst neu­lich eröff­neten.

 

n: Wir haben dich als lite­ra­ri­schen Geo­gra­phie­for­scher befragt, aber du bist auch Lite­ra­tur­for­scher. Du hast über den ukrai­ni­schen Dichter Bohdan-Ihor-Ant­onyč pro­mo­viert und er spielt auch in deinem neu­esten Roman Zwölf Ringe eine wich­tige Rolle.

 

A: Ich wollte nie eine wis­sen­schaft­liche Kar­riere machen, ich bin Schrift­steller und kein Theo­re­tiker. Ant­onyč war meine erste poe­ti­sche Liebe. In meiner Dok­tor­ar­beit ver­wen­dete ich eine Art fik­tive Metho­do­logie. Ich unter­suchte die Poesie Ant­onyčs im breiten Kon­text der west­li­chen Moderne, mit ihren Anfängen im fran­zö­si­schen Sym­bo­lismus bei Bau­de­laire und Rim­baud und wei­teren Erschei­nungen in Deutsch­land, Öster­reich, Frank­reich, Spa­nien und Eng­land. Ant­onyč schuf in der Zwi­schen­kriegs­zeit in der ukrai­ni­schen Sprache etwas, was meiner Mei­nung nach gänz­lich in der Kon­ven­tion des west­li­chen Moder­nismus lag. Ins­ge­samt eine etwas dubiose Unter­su­chung (lacht). Eigent­lich habe ich dar­über viel mehr in meinem Roman gesagt. Für mich wäre jetzt wichtig, einige Gedichte von Ant­onyč linear ins Deut­sche zu über­setzen und dann einen deut­schen Lyriker zu finden, der damit weiter arbeiten könnte.

 

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n: Solo­mija Pav­lyčko macht in ihrer Mono­gra­phie Dis­kurs moder­nizmu v ukrajins’kij lite­ra­tury von 1999, einer Pio­nier­ar­beit über die ukrai­ni­sche lite­ra­ri­sche Moderne, einen großen Bogen um Lem­berg und berück­sich­tigt Ant­onyč über­haupt nicht. Wie lässt sich das erklären?

 

A: Dar­über kann ich nur spe­ku­lieren. Das war ja der Anfang der For­schung zu diesem Thema. Die Haupt­idee ihres Buches ist das Schei­tern: Die Geschichte des ukrai­ni­schen Moder­nismus ist für sie immer die Geschichte der Nie­der­lage. Man kann ver­muten, dass Ant­onyč in dieses Muster nicht so gut passte.

 

n: Ant­onyč ist eine bedeu­tende Figur für die ukrai­ni­sche Lyrik in der Zeit nach dem Zweiten Welt­krieg, er war aber in der sowje­ti­schen Ukraine kaum prä­sent.

 

A: Ja, mit Ant­onyč ver­hielt es sich aus ver­schie­denen poli­ti­schen Gründen schon immer kom­pli­ziert. Er war nie ein sowje­ti­scher Staats­bürger. Geboren 1909 in der Habs­burger-Mon­ar­chie, lebte er bis zu seinem Tod 1937 in Polen. Zu sta­li­nis­ti­schen Zeiten gab es keine Chance, ihn in der Ukraine zu ver­legen, erst nach 1956, nach dem soge­nannten Tau­wetter. So kam 1967 – nach ver­schie­denen Publi­ka­tionen in Peri­odika – ein Band mit fast allen Gedichten Ant­onyčs heraus. In den 70er Jahren, nach einer neuen Welle poli­ti­scher Pro­zesse gegen Intel­lek­tu­elle und Künstler, wurde er aber aus allen Biblio­theken ent­fernt. Die kul­tur­schaf­fende Jugend hat Ant­onyč in den 60ern für sich ent­deckt. Und es waren die­selben Dichter, die auf einem der Fried­höfe in Lem­berg sein zer­störtes Grab anhand der Fried­hofs­bü­cher wie­der­ge­funden haben. Für meine Genera­tion, die soge­nannten 80er, war Ant­onyč eine sehr wich­tige Figur.

 

n: Heute ist die Stel­lung Ant­onyčs in der ukrai­ni­schen Lite­ratur unan­tastbar, es wird also durchaus auch eine ‚kano­ni­sche’ Bio­gra­phie für ihn geschaffen. In deinem Roman Zwölf Ringe schwebt Ant­onyč als Geist über den Kar­paten, seine Gedichte fließen in die Rede der Helden ein, und dar­über hinaus erfin­dest du für ihn eine ‚alter­na­tive’ Bio­gra­phie. War deine fik­tive Bio­gra­phie Ant­onyčs in Zwölf Ringe als ein Gegen­ent­wurf zur offi­zi­ellen Kano­ni­sie­rung gedacht?

 

A: Nein, das war eher eine Pro­vo­ka­tion auf gesell­schaft­li­cher Ebene. Ant­onyč ist eine rein lite­ra­ri­sche Erschei­nung und keine poli­ti­sche Figur. Außer in der Poesie, denn er wählte ganz bewusst die ukrai­ni­sche Sprache für seine Dich­tung, obwohl sie für ihn eine Art Fremd­sprache war. Als gebo­rener Lemke konnte er ursprüng­lich nur Dia­lekt spre­chen. Die pol­ni­sche Sprache beherrschte er besser. Von Anfang an aber schrieb er auf Ukrai­nisch und zwar nicht in der gali­zi­schen Vari­ante, son­dern in der ukrai­ni­schen Lite­ra­tur­sprache. An seinen Manu­skripten habe ich bemerkt, dass er Pro­bleme mit der Beto­nung hatte. Die Lemken, wie die Polen, betonen immer die vor­letzte Silbe; im Ukrai­ni­schen ist die Beto­nung beweg­lich. Er musste beim Schreiben die Beto­nung im Wör­ter­buch über­prüfen und trug – wie ein Schüler – die Beto­nungs­zei­chen über die Wörter ein. Das Ukrai­ni­sche war eine Her­aus­for­de­rung für ihn, es ist auch bei ihm nicht immer kor­rekt und feh­ler­frei. Wenn wir aber über die ukrai­ni­sche lite­ra­ri­sche Sprache spre­chen, dann ist sie übri­gens häufig unkor­rekt.

 

n: Deine lite­ra­ri­sche Bio­gra­phie Ant­onyčs als Lem­berger Bohe­mien wurde in der Ukraine aber kon­tro­vers auf­ge­nommen.

 

A: Dabei ging es um pri­mi­tive Dinge wie: Trank er Alkohol oder nicht, besuchte er Bor­delle oder nicht? Für mich war es eine Art Ironie und ein lite­ra­ri­sches Spiel. Ich habe nichts an seinen Texten geän­dert, die ich in meinem Roman zitiere. Ich habe nur ver­sucht, über sein all­täg­li­ches Leben mit Hilfe seiner Gedichte zu schreiben. So als ob er diese Gedichte in der Rea­lität gelebt hätte. Ich dachte, das sei ganz klar. Aber die Leute haben es bis heute nicht ver­standen und denken, dass ich auf Kosten Ant­onyčs Kar­riere mache – als Pro­vo­ka­teur, der den armen Ant­onyč dafür benutzt. Wie eine Buch­händ­lerin, die sich wei­gerte, meinen Roman zu ver­kaufen, sagte: „Eine Schwei­nerei. Der Andruchovyč ist wahr­schein­lich ein talen­tierter Schrift­steller, aber man darf das nicht. Ein solch wich­tiger Autor wie Ant­onyč, eine fast hei­lige Figur…“

Übri­gens, es gab einmal in Lem­berg in den 80ern eine spi­ri­tis­ti­sche Séance mit Ant­onyčs Geist, kurz nachdem mein erster Gedicht­band erschienen war. Ich war nicht dabei. Mein Freund fragte damals den Geist Ant­onyčs, ob er meine Gedichte möge und die Ant­wort war: nein.

http://www.potyah76.org.ua/potyah/. [Pro­jekt zur mit­tel­eu­ro­päi­schen Lite­ratur von Andruchovyč]

http://poetry.uazone.net/andrukhovych/. [Texte (Lyrik) von Andruchovyč]

 

Небо і площі (1985) (Himmel und Plätze)

Середмістя (1989) (Down­town)

Екзотичні птахи і рослини (1991), (Exo­ti­sche Pflanzen und Vögel);

Екзотичні птахи і рослини з додатком “Індія” (1997), (Exo­ti­sche Pflanzen und Vögel mit dem Anhang Indien)

Рекреації (1992) (Rekrea­tionen)

Московіада (1993) (Mosko­viade, dt. 2006)

Per­wer­sija (Перверзія, 1996)

Дванадцять обручів (2003) (Zwölf Ringe, dt: 2005)

Моя Європа: Два есеї про найдивнішу частину світу, 2004) (Mein Europa, Essays mit Andrzej Sta­siuk, Sofia Onufriev, Martin Polack)

Дезорієнтація на місцевості: Спроби  (2003) (dt. Aus­züge daraus in: Das letzte Ter­ri­to­rium, Essays mit Andrzej Sta­siuk, Sofia Onufriev, Martin Polack)

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