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Antonyčs Geist

Posted on 3. November 2006 by Magdalena Marszałek, Sylvia Sasse
Über den literarischen und politischen Trend der „Geopoetik“, eine neue und eine alte Mitteleuropa-Diskussion und über eine Séance mit dem Geist des ukrainischen Dichters Bohdan-Ihor Antonyč, der in Jurij Andruchovyčs jüngstem Roman Zwölf Ringe über den Karpaten schwebt. Ein Interview mit Jurij Andruchovyč.

Ein Interview mit Jurij Andruchovyč

 

Der ukrainische Dichter, Prosaist, Essayist und Übersetzer Jurij Andruchovyč , geb. 1960, debütierte 1985 mit einem Gedichtband Nebo i plošči (Himmel und Plätze). In den 80er Jahren gründete er zusammen mit Viktor Neborak und Oleksandr Irvanec' in Lemberg die Dichtergruppe Bu-Ba-Bu (Burlesk-Balagan-Bufonada), die für ihre karnevalesken Happenings und Performances berühmt wurde; in den 90er Jahren schrieb er die Romane Rekreaciji (Rekreationen), 1992; Moskoviada, 1993 (dt. 2006) und Perverzija (Perversion), 1996. Von seinen Essays erschienen auf deutsch Das letzte Territorium (2003) und Mein Europa. Zwei Essays über das sogenannte Mitteleuropa (2004, zusammen mit dem polnischen Autor Andrzej Stasiuk, beide in der edition suhrkamp). 2005 erschien in deutscher Übersetzung sein jüngster Roman Zwölf Ringe (Dvanadcjat' obručiv, im Original 2003), eine geheimnisvolle Geschichte der tragischen Reise eines Österreichers in die ukrainischen Karpaten. Zugleich ist der Roman eine Auseinandersetzung mit dem ukrainischen Dichter Bohdan-Ihor Antonyč (1909-1937).

 

antonycs 

novinki: Du bist Mitbegründer und Redakteur einer literarischen Internet-Zeitschrift Potjah 76 (Zug 76), die verschiedene Autoren entlang eines Schienennetzes quer durch Mittelosteuropa miteinander verbindet. Der Zug fuhr – symbolisch - mit einigen deiner Schriftstellerkollegen aus der Ukraine gerade durch Deutschland. Was hat es mit Potjah 76 auf sich?

 

Jurij Andruchovyč: Der wirkliche Zug Nr. 76 fährt heute die Route Czernowitz (Ukraine) – Przemyśl (Polen). Die Idee kam 2001 von meinem Freund und Literaturkritiker aus Czernowitz, Oleksandr Bojčenko. Zunächst wollten wir nur einen Almanach mit Autoren vorbereiten, die zwischen Czernowitz und Przemyśl leben. Diese Idee wurde dann von mir auf das ganze Mittelosteuropa erweitert. Das Projekt ist eine Variante der Geopoetik, die politischen Beschränkungen und Teilungen mit poetischen Mitteln zu überwinden. Heute erscheint die Zeitschrift im Internet unter www.potyah76.org.ua.

 

n: Die Zugmetapher, das damit verbundene Reisen, scheint sich jedoch nicht nur auf das Projekt Potyah 76 zu beziehen. Auch in deinen essayistischen und literarischen Texten verwendest du häufig topographische Begriffe und Verfahren; der Begriff Geopoetik, den du gerade erwähnt hast, ist nur ein Beispiel, andere Formulierungen sind „fiktive Landeskunde“ oder noch etwas spezieller „Karpathologie“. Was verbirgt sich dahinter?

 

A: Die Formulierung „fiktive Landeskunde“ verwende ich im Essay Carpathologia Cosmophilica. Aber natürlich kann man einiges, was ich geschrieben habe, vor allem meine Essayistik, als fiktive Landeskunde bezeichnen. Das ist gewissermaßen meine persönliche Schreibweise, meine Methode. Für mich ist der Essay vor allem eine postmoderne Gattung. Nach der Erschöpfung der Literatur, also nicht die Weltliteratur, sondern der Literatur an sich im Roman und in der Poesie, bin ich zu einer total unverantwortlichen Gattung gekommen, dem Essay. Alles in der Essayistik ist quasi ernsthaft und wissenschaftlich, aber grundsätzlich fiktiv. Alles ist nur ein Spiel des Autors, seine tiefstpersönliche Interpretation, auch die wissenschaftlichen Tatsachen. Wenn wir also die Geographie als Wissenschaft betrachten, dann kann man z.B. sagen, dass es zwischen Punkt A und Punkt B noch einen Berg oder 25 km Abstand gibt. Das wäre eine reine Information, aber im Essay kann man damit immer wieder experimentieren. Mir gefällt diese Möglichkeit, so etwas wie eine fiktive Landeskunde zu schaffen. Als ich Carpathologia Cosmophilica schrieb, bin ich noch nie auf dem dort beschriebenen Gipfel, dem Pip Ivan, in den Karpaten gewesen. Die Beschreibung ist allein meine Vision. Den Text schrieb ich Anfang 1996. Auf dem Pip Ivan war ich erst 1998, also zwei Jahre später.

 

n: Sind fiktive Landeskunde und Geopoetik dasselbe? Oder spielt Geopoetik eher ironisch auf Geopolitik an?

 

A: Also, als Wort ist das nicht meine Erfindung. Zum ersten mal habe ich Geopoetik in Moskau von einem Freund gehört. Ich kam 1998 nach Moskau und bekam eine Einladung von einem geopoetischen Klub.

 

n: Vom Krymskij Klub?

 

A: Ja genau, vom Krymskij Klub, in dem verschiedene Veranstaltungen unter dem Stichwort Geopoetik stattfinden. Die Idee des Klubs bzw. die Idee Igor Sids ist es, Autoren aus unterschiedlichen Gegenden nach Moskau einzuladen. Man versucht, die Verbindungen zwischen der Kreativität und dem geographischen Ort herauszufinden. Das ist auch ein Thema von Andrej Bitov: der Mensch und seine Landschaft, der Mensch in seiner Landschaft. Was bedeutet es z.B. ein russischsprachiger Autor in Usbekistan zu sein oder umgekehrt? Das waren die Themen des Krymskij Klub. Gedacht war der Klub auch als eine kulturelle Plattform für die ukrainisch-russische Zusammenarbeit. Die Krim ist ein spannungsreiches Gebiet, die russische Seite erhebt noch immer territoriale Ansprüche. Igor Sids Idee war es, dieses Thema mit einer starken Ästhetisierung zu entpolitisieren – das war seine Reaktion auf das Wort Geopolitik.

 

n: Verwendest du den Begriff Geopoetik im selben Sinn?

 

A: Bei mir ist das Wort wiederum viel stärker politisiert. Bei mir ist die Geopoetik ein Pendant zur Geopolitik. Geopoetik als eine Widerstandsform gegen die Politik. In unserem Fall, im Fall der Orangenen Revolution in der Ukraine war es ein Sieg der Geopoetik über die Geopolitik. Geopolitisch war alles hundertprozentig klar, alle Prognosen haben dasselbe gezeigt: In der Ukraine sollte der Moskauer Kandidat gewinnen – die Ukraine gehört geopolitisch zum postsowjetischen Raum, also in die Zone russischer Interessen, sie sollte vom Westen abgetrennt werden. Die ganze staatliche Maschine, alle Medienbereiche arbeiteten für den Moskauer Kandidaten. Wir, die Orangenen, hatten nichts außer der Ästhetik, außer der Möglichkeit, mit dieser Farbe etwas zu schaffen. Die ganze Euphorie auf dem Majdan, diese Unmenge von Farben, Sound, Musik, Tanz, Beleuchtung war für mich vor allem eine ästhetische Erscheinung. Die Politiker, ich meine auch die orangenen Politiker, glauben nach wie vor, dass es sich um eine politische Erscheinung gehandelt habe. Aber die haben die Situation nicht richtig verstanden. Deshalb stehen sie heute mit der Bevölkerung in Konflikt. Sie haben zwar gewonnen, aber sie verstehen den Sieg als politischen Sieg, dabei hat die Geopoetik gewonnen.

 

antonycs2n: Geopoetik als ästhetischer Widerstand?

 

A: Mehr noch als nur Widerstand: Modus Vivendi, Lebensgefühl, Weltanschauungssystem. Im konkreten Fall der Ukraine im Jahre 2004 bedeutete die Geopoetik auch eine Chance für den Idealismus gegen den Zynismus der Geopolitik. In der kurzfristigen Perspektive einer Revolution ist der Idealismus immer stärker.

 

n: In deinen Texten ist nicht nur die Rede von Geopoetik im allgemeinen, sondern von Zentraleuropa, Mitteleuropa, Mittelosteuropa und einer spezifischen, dort anzutreffenden Ästhetik. Nimmst du damit eine Diskussion auf, die schon Milan Kundera, György Konrád, Czesław Miłosz oder Danilo Kiš in den 70er und 80er Jahren in der Emigration führten? Kundera hatte damals gesagt, dass Mitteleuropa „geographisch im Zentrum, kulturell im Westen und politisch im Osten“ liege. Kiš spricht in seinen Mitteleuropäischen Variationen (Varijacije na srednjoevropske teme) von einer „zentripetalen und einer zentrifugalen“ Kulturtheorie, nach der Wien entweder der Ausgangspunkt allen kulturellen Geschehens im mitteleuropäischen Raum war, oder der Abstoßungspunkt, wobei sich das trotz und gegen Wien nach 1945 in ein trotz und gegen Moskau verwandelt habe.

 

A: Ich glaube, dass es in der heutigen Debatte um Mitteleuropa im Unterschied zu damals um etwas anderes geht, der ganze Kontext ist ein anderer. Was war das für eine Idee von Kundera oder Konrad? Vor allem eine für den damaligen Ostblock, also die Länder, die von Moskau abhängig waren: Sie wollten zeigen, dass es doch mehr Europäisches dort gibt, als es sich die Westler hätten vorstellen können. Bei Kundera war das eine Liebesgeschichte im Dreieck: Mittel- und Osteuropa zwischen Russland und dem Westen. Und ein Appell an die westliche Seite: Wir wollen mit euch und nicht mit Russland in diesem Dreieck sein. Heute ist es natürlich anders, da Mittelosteuropa schon seit der politischen Wende Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre in diesem ‚normalen’ Europa angekommen ist. Und mit der EU-Erweiterung stellt sich die Frage, ob es Mittelosteuropa überhaupt noch gibt. Wenn ja, dann als eine Art Zwischenraum, in dem man in verschiedene Richtungen gehen kann. So ist das z.B. in Andrzej Stasiuks Wahrnehmung ein Teil der Welt, in dem die westliche Zivilisation noch nicht richtig herrscht. Sein Mittelosteuropa ist eher antiwestlich in dem Sinne, dass er diese zivilisatorische Rückständigkeit als einen großen Vorteil betrachtet. Das ist eine Chance für ihn, seine persönliche Chance, dass so etwas noch möglich ist, ein anderes Europa irgendwo im Donaudelta.

 

n: Siehst Du das auch so?

 

A: Dieser Raum ist für mich unglaublich wichtig und ich habe für jene Orte viel Sentiment: Die Zerstörung, die armen Dörfer, Busse, die nur einmal in der Woche fahren… Aber andererseits bin ich mehr 'prowestlich' als Andrzej Stasiuk. Er ist prinzipiell dafür, dass sich in diesem Teil der Welt nichts ändert. Für mich ist die Änderung – die ‚Verwestlichung’ – eher eine positive Sache, insbesondere für die Ukraine. Wahrscheinlich sind wir, Stasiuk und ich, doch zwei verschiedene Fälle. Ich bin davon überzeugt, dass sich Mittelosteuropa bewegt. Man kann die Grenzen nicht ein für allemal setzen und sie bewegen sich momentan ostwärts. Mit der EU kommt der Westen immer weiter östlich mit seinen Standards, so dass auch Mittelosteuropa einen weiteren Ort für sich finden muss. Das ukrainische Territorium ist mehr oder weniger frei für diese Prozesse. Als ‚schlafendes’ Territorium gibt es noch Weißrussland, und vielleicht noch Moldawien. Aber generell ist es aus meiner Sicht immer noch e i n Territorium – von Estland im Norden bis Albanien im Süden, auch wenn das ganz unterschiedliche Länder sind; trotzdem aber doch e i n e Realität, eine mittelosteuropäische Realität. In Estland zwar immer weniger, doch in Albanien …– es ist wahrscheinlich das, was Andrzej an Albanien so beeindruckt.

 

n: Welche Rolle spielt bei der Geopoetik die Archäologie, die Ausgrabung der Reste und Spuren verschwundener, pluraler Kulturen? Der Habsburger-Monarchie beispielsweise, die in vielen Literaturen – nicht ohne Nostalgie – als ein Raum kultureller Heterogenität tradiert wird. In der polnischen Literatur ist dies noch bei Andrzej Stasiuk zu finden.

 

A: Dies wäre aber zu eng, nur nach den Spuren der Habsburger Monarchie zu suchen, außerdem liegt Österreich heute bestimmt nicht in Mittelosteuropa. Ich würde eher von einer posttotalitären Wirklichkeit und einer postkommunistischen Erfahrung sprechen. Das ist etwas, was heute noch vereinigt. So gehört das ehemalige DDR-Territorium zu dieser Wirklichkeit, aber nicht Österreich. Grundsätzlich meine ich, dass das überhaupt keine Wirklichkeit ist, sondern eine Welt, die nur literarisch existiert.

 

n: Wenn es sich dabei vor allem um einen literarischen Parallelraum zum realen Raum handelt, würdest du sagen, dass es eine mittel- oder mittelosteuropäische Ästhetik gibt?

 

A: Ja, das würde ich sagen. Ich kann es mit einem Bild beschreiben: Wo sich in einer Gegend landschaftliche Ruinen mit McDonalds kreuzen, dort entsteht diese Ästhetik. Dies ist vor allem im Film und in der Literatur sichtbar. Bei den jugoslawischen, tschechischen, polnischen Filmemachern finden wir dieselbe Ästhetik der komischen Einflüsse globalisierender westlicher Invasion in diese Welten. Aber es handelt sich nicht nur um die Bilder, sondern auch um eine Idee. Es ist etwas, was unter dem Druck vom Totalitarismus nicht zur Sprache kommen und erst nach der politischen Wende sich entwickeln konnte: Eine kreative Freiheit, schwindelerregend, ein Taumel mit so vielen Möglichkeiten, die sich erst neulich eröffneten.

 

n: Wir haben dich als literarischen Geographieforscher befragt, aber du bist auch Literaturforscher. Du hast über den ukrainischen Dichter Bohdan-Ihor-Antonyč promoviert und er spielt auch in deinem neuesten Roman Zwölf Ringe eine wichtige Rolle.

 

A: Ich wollte nie eine wissenschaftliche Karriere machen, ich bin Schriftsteller und kein Theoretiker. Antonyč war meine erste poetische Liebe. In meiner Doktorarbeit verwendete ich eine Art fiktive Methodologie. Ich untersuchte die Poesie Antonyčs im breiten Kontext der westlichen Moderne, mit ihren Anfängen im französischen Symbolismus bei Baudelaire und Rimbaud und weiteren Erscheinungen in Deutschland, Österreich, Frankreich, Spanien und England. Antonyč schuf in der Zwischenkriegszeit in der ukrainischen Sprache etwas, was meiner Meinung nach gänzlich in der Konvention des westlichen Modernismus lag. Insgesamt eine etwas dubiose Untersuchung (lacht). Eigentlich habe ich darüber viel mehr in meinem Roman gesagt. Für mich wäre jetzt wichtig, einige Gedichte von Antonyč linear ins Deutsche zu übersetzen und dann einen deutschen Lyriker zu finden, der damit weiter arbeiten könnte.

 

antonycs3n: Solomija Pavlyčko macht in ihrer Monographie Diskurs modernizmu v ukrajins’kij literatury von 1999, einer Pionierarbeit über die ukrainische literarische Moderne, einen großen Bogen um Lemberg und berücksichtigt Antonyč überhaupt nicht. Wie lässt sich das erklären?

 

A: Darüber kann ich nur spekulieren. Das war ja der Anfang der Forschung zu diesem Thema. Die Hauptidee ihres Buches ist das Scheitern: Die Geschichte des ukrainischen Modernismus ist für sie immer die Geschichte der Niederlage. Man kann vermuten, dass Antonyč in dieses Muster nicht so gut passte.

 

n: Antonyč ist eine bedeutende Figur für die ukrainische Lyrik in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, er war aber in der sowjetischen Ukraine kaum präsent.

 

A: Ja, mit Antonyč verhielt es sich aus verschiedenen politischen Gründen schon immer kompliziert. Er war nie ein sowjetischer Staatsbürger. Geboren 1909 in der Habsburger-Monarchie, lebte er bis zu seinem Tod 1937 in Polen. Zu stalinistischen Zeiten gab es keine Chance, ihn in der Ukraine zu verlegen, erst nach 1956, nach dem sogenannten Tauwetter. So kam 1967 – nach verschiedenen Publikationen in Periodika – ein Band mit fast allen Gedichten Antonyčs heraus. In den 70er Jahren, nach einer neuen Welle politischer Prozesse gegen Intellektuelle und Künstler, wurde er aber aus allen Bibliotheken entfernt. Die kulturschaffende Jugend hat Antonyč in den 60ern für sich entdeckt. Und es waren dieselben Dichter, die auf einem der Friedhöfe in Lemberg sein zerstörtes Grab anhand der Friedhofsbücher wiedergefunden haben. Für meine Generation, die sogenannten 80er, war Antonyč eine sehr wichtige Figur.

 

n: Heute ist die Stellung Antonyčs in der ukrainischen Literatur unantastbar, es wird also durchaus auch eine ‚kanonische’ Biographie für ihn geschaffen. In deinem Roman Zwölf Ringe schwebt Antonyč als Geist über den Karpaten, seine Gedichte fließen in die Rede der Helden ein, und darüber hinaus erfindest du für ihn eine ‚alternative’ Biographie. War deine fiktive Biographie Antonyčs in Zwölf Ringe als ein Gegenentwurf zur offiziellen Kanonisierung gedacht?

 

A: Nein, das war eher eine Provokation auf gesellschaftlicher Ebene. Antonyč ist eine rein literarische Erscheinung und keine politische Figur. Außer in der Poesie, denn er wählte ganz bewusst die ukrainische Sprache für seine Dichtung, obwohl sie für ihn eine Art Fremdsprache war. Als geborener Lemke konnte er ursprünglich nur Dialekt sprechen. Die polnische Sprache beherrschte er besser. Von Anfang an aber schrieb er auf Ukrainisch und zwar nicht in der galizischen Variante, sondern in der ukrainischen Literatursprache. An seinen Manuskripten habe ich bemerkt, dass er Probleme mit der Betonung hatte. Die Lemken, wie die Polen, betonen immer die vorletzte Silbe; im Ukrainischen ist die Betonung beweglich. Er musste beim Schreiben die Betonung im Wörterbuch überprüfen und trug – wie ein Schüler – die Betonungszeichen über die Wörter ein. Das Ukrainische war eine Herausforderung für ihn, es ist auch bei ihm nicht immer korrekt und fehlerfrei. Wenn wir aber über die ukrainische literarische Sprache sprechen, dann ist sie übrigens häufig unkorrekt.

 

n: Deine literarische Biographie Antonyčs als Lemberger Bohemien wurde in der Ukraine aber kontrovers aufgenommen.

 

A: Dabei ging es um primitive Dinge wie: Trank er Alkohol oder nicht, besuchte er Bordelle oder nicht? Für mich war es eine Art Ironie und ein literarisches Spiel. Ich habe nichts an seinen Texten geändert, die ich in meinem Roman zitiere. Ich habe nur versucht, über sein alltägliches Leben mit Hilfe seiner Gedichte zu schreiben. So als ob er diese Gedichte in der Realität gelebt hätte. Ich dachte, das sei ganz klar. Aber die Leute haben es bis heute nicht verstanden und denken, dass ich auf Kosten Antonyčs Karriere mache – als Provokateur, der den armen Antonyč dafür benutzt. Wie eine Buchhändlerin, die sich weigerte, meinen Roman zu verkaufen, sagte: „Eine Schweinerei. Der Andruchovyč ist wahrscheinlich ein talentierter Schriftsteller, aber man darf das nicht. Ein solch wichtiger Autor wie Antonyč, eine fast heilige Figur…“

Übrigens, es gab einmal in Lemberg in den 80ern eine spiritistische Séance mit Antonyčs Geist, kurz nachdem mein erster Gedichtband erschienen war. Ich war nicht dabei. Mein Freund fragte damals den Geist Antonyčs, ob er meine Gedichte möge und die Antwort war: nein.

http://www.potyah76.org.ua/potyah/.

http://poetry.uazone.net/andrukhovych/.

 

Небо і площі (1985) (Himmel und Plätze)

Середмістя (1989) (Downtown)

Екзотичні птахи і рослини (1991), (Exotische Pflanzen und Vögel);

Екзотичні птахи і рослини з додатком “Індія” (1997), (Exotische Pflanzen und Vögel mit dem Anhang Indien)

Рекреації (1992) (Rekreationen)

Московіада (1993) (Moskoviade, dt. 2006)

Perwersija (Перверзія, 1996)

Дванадцять обручів (2003) (Zwölf Ringe, dt: 2005)

Моя Європа: Два есеї про найдивнішу частину світу, 2004) (Mein Europa, Essays mit Andrzej Stasiuk, Sofia Onufriev, Martin Polack)

Дезорієнтація на місцевості: Спроби  (2003) (dt. Auszüge daraus in: Das letzte Territorium, Essays mit Andrzej Stasiuk, Sofia Onufriev, Martin Polack)

Antonyčs Geist – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Ant­onyčs Geist

Ein Inter­view mit Jurij Andruchovyč

 

Der ukrai­ni­sche Dichter, Pro­saist, Essayist und Über­setzer Jurij Andruchovyč [Юрiй Андрухович, in deut­schen Publi­ka­tionen: Juri Andruchow­ytsch], geb. 1960, debü­tierte 1985 mit einem Gedicht­band Nebo i plošči (Himmel und Plätze). In den 80er Jahren grün­dete er zusammen mit Viktor Neborak und Olek­sandr Irvanec’ in Lem­berg die Dich­ter­gruppe Bu-Ba-Bu (Bur­lesk-Balagan-Bufonada), die für ihre kar­ne­val­esken Hap­pe­nings und Per­for­mances berühmt wurde; in den 90er Jahren schrieb er die Romane Rekre­aciji (Rekrea­tionen), 1992; Mosko­viada, 1993 (dt. 2006) und Per­ver­zija (Per­ver­sion), 1996. Von seinen Essays erschienen auf deutsch Das letzte Ter­ri­to­rium (2003) und Mein Europa. Zwei Essays über das soge­nannte Mit­tel­eu­ropa (2004, zusammen mit dem pol­ni­schen Autor Andrzej Sta­siuk, beide in der edi­tion suhr­kamp). 2005 erschien in deut­scher Über­set­zung sein jüngster Roman Zwölf Ringe (Dva­nad­cjat’ obručiv, im Ori­ginal 2003), eine geheim­nis­volle Geschichte der tra­gi­schen Reise eines Öster­rei­chers in die ukrai­ni­schen Kar­paten. Zugleich ist der Roman eine Aus­ein­an­der­set­zung mit dem ukrai­ni­schen Dichter Bohdan-Ihor Ant­onyč (1909–1937).

 

antonycs

 

novinki: Du bist Mit­be­gründer und Redak­teur einer lite­ra­ri­schen Internet-Zeit­schrift Potjah 76 (Zug 76), die ver­schie­dene Autoren ent­lang eines Schie­nen­netzes quer durch Mit­tel­ost­eu­ropa mit­ein­ander ver­bindet. Der Zug fuhr – sym­bo­lisch – mit einigen deiner Schrift­stel­ler­kol­legen aus der Ukraine gerade durch Deutsch­land. Was hat es mit Potjah 76 auf sich?

 

Jurij Andruchovyč: Der wirk­liche Zug Nr. 76 fährt heute die Route Czer­no­witz (Ukraine) – Prze­myśl (Polen). Die Idee kam 2001 von meinem Freund und Lite­ra­tur­kri­tiker aus Czer­no­witz, Olek­sandr Bojčenko. Zunächst wollten wir nur einen Alma­nach mit Autoren vor­be­reiten, die zwi­schen Czer­no­witz und Prze­myśl leben. Diese Idee wurde dann von mir auf das ganze Mit­tel­ost­eu­ropa erwei­tert. Das Pro­jekt ist eine Vari­ante der Geo­poetik, die poli­ti­schen Beschrän­kungen und Tei­lungen mit poe­ti­schen Mit­teln zu über­winden. Heute erscheint die Zeit­schrift im Internet unter www.potyah76.org.ua.

 

n: Die Zug­me­ta­pher, das damit ver­bun­dene Reisen, scheint sich jedoch nicht nur auf das Pro­jekt Potyah 76 zu beziehen. Auch in deinen essay­is­ti­schen und lite­ra­ri­schen Texten ver­wen­dest du häufig topo­gra­phi­sche Begriffe und Ver­fahren; der Begriff Geo­poetik, den du gerade erwähnt hast, ist nur ein Bei­spiel, andere For­mu­lie­rungen sind „fik­tive Lan­des­kunde“ oder noch etwas spe­zi­eller „Kar­pa­tho­logie“. Was ver­birgt sich dahinter?

 

A: Die For­mu­lie­rung „fik­tive Lan­des­kunde“ ver­wende ich im Essay Car­pa­tho­logia Cos­mo­phi­lica. Aber natür­lich kann man einiges, was ich geschrieben habe, vor allem meine Essay­istik, als fik­tive Lan­des­kunde bezeichnen. Das ist gewis­ser­maßen meine per­sön­liche Schreib­weise, meine Methode. Für mich ist der Essay vor allem eine post­mo­derne Gat­tung. Nach der Erschöp­fung der Lite­ratur, also nicht die Welt­li­te­ratur, son­dern der Lite­ratur an sich im Roman und in der Poesie, bin ich zu einer total unver­ant­wort­li­chen Gat­tung gekommen, dem Essay. Alles in der Essay­istik ist quasi ernst­haft und wis­sen­schaft­lich, aber grund­sätz­lich fiktiv. Alles ist nur ein Spiel des Autors, seine tiefst­per­sön­liche Inter­pre­ta­tion, auch die wis­sen­schaft­li­chen Tat­sa­chen. Wenn wir also die Geo­gra­phie als Wis­sen­schaft betrachten, dann kann man z.B. sagen, dass es zwi­schen Punkt A und Punkt B noch einen Berg oder 25 km Abstand gibt. Das wäre eine reine Infor­ma­tion, aber im Essay kann man damit immer wieder expe­ri­men­tieren. Mir gefällt diese Mög­lich­keit, so etwas wie eine fik­tive Lan­des­kunde zu schaffen. Als ich Car­pa­tho­logia Cos­mo­phi­lica schrieb, bin ich noch nie auf dem dort beschrie­benen Gipfel, dem Pip Ivan, in den Kar­paten gewesen. Die Beschrei­bung ist allein meine Vision. Den Text schrieb ich Anfang 1996. Auf dem Pip Ivan war ich erst 1998, also zwei Jahre später.

 

n: Sind fik­tive Lan­des­kunde und Geo­poetik das­selbe? Oder spielt Geo­poetik eher iro­nisch auf Geo­po­litik an?

 

A: Also, als Wort ist das nicht meine Erfin­dung. Zum ersten mal habe ich Geo­poetik in Moskau von einem Freund gehört. Ich kam 1998 nach Moskau und bekam eine Ein­la­dung von einem geo­poe­ti­schen Klub.

 

n: Vom Krymskij Klub?

 

A: Ja genau, vom Krymskij Klub, in dem ver­schie­dene Ver­an­stal­tungen unter dem Stich­wort Geo­poetik statt­finden. Die Idee des Klubs bzw. die Idee Igor Sids ist es, Autoren aus unter­schied­li­chen Gegenden nach Moskau ein­zu­laden. Man ver­sucht, die Ver­bin­dungen zwi­schen der Krea­ti­vität und dem geo­gra­phi­schen Ort her­aus­zu­finden. Das ist auch ein Thema von Andrej Bitov: der Mensch und seine Land­schaft, der Mensch in seiner Land­schaft. Was bedeutet es z.B. ein rus­sisch­spra­chiger Autor in Usbe­ki­stan zu sein oder umge­kehrt? Das waren die Themen des Krymskij Klub. Gedacht war der Klub auch als eine kul­tu­relle Platt­form für die ukrai­nisch-rus­si­sche Zusam­men­ar­beit. Die Krim ist ein span­nungs­rei­ches Gebiet, die rus­si­sche Seite erhebt noch immer ter­ri­to­riale Ansprüche. Igor Sids Idee war es, dieses Thema mit einer starken Ästhe­ti­sie­rung zu ent­po­li­ti­sieren – das war seine Reak­tion auf das Wort Geopolitik.

 

n: Ver­wen­dest du den Begriff Geo­poetik im selben Sinn?

 

A: Bei mir ist das Wort wie­derum viel stärker poli­ti­siert. Bei mir ist die Geo­poetik ein Pen­dant zur Geo­po­litik. Geo­poetik als eine Wider­stands­form gegen die Politik. In unserem Fall, im Fall der Oran­genen Revo­lu­tion in der Ukraine war es ein Sieg der Geo­poetik über die Geo­po­litik. Geo­po­li­tisch war alles hun­dert­pro­zentig klar, alle Pro­gnosen haben das­selbe gezeigt: In der Ukraine sollte der Mos­kauer Kan­didat gewinnen – die Ukraine gehört geo­po­li­tisch zum post­so­wje­ti­schen Raum, also in die Zone rus­si­scher Inter­essen, sie sollte vom Westen abge­trennt werden. Die ganze staat­liche Maschine, alle Medi­en­be­reiche arbei­teten für den Mos­kauer Kan­di­daten. Wir, die Oran­genen, hatten nichts außer der Ästhetik, außer der Mög­lich­keit, mit dieser Farbe etwas zu schaffen. Die ganze Euphorie auf dem Majdan, diese Unmenge von Farben, Sound, Musik, Tanz, Beleuch­tung war für mich vor allem eine ästhe­ti­sche Erschei­nung. Die Poli­tiker, ich meine auch die oran­genen Poli­tiker, glauben nach wie vor, dass es sich um eine poli­ti­sche Erschei­nung gehan­delt habe. Aber die haben die Situa­tion nicht richtig ver­standen. Des­halb stehen sie heute mit der Bevöl­ke­rung in Kon­flikt. Sie haben zwar gewonnen, aber sie ver­stehen den Sieg als poli­ti­schen Sieg, dabei hat die Geo­poetik gewonnen.

 

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n: Geo­poetik als ästhe­ti­scher Widerstand?

 

A: Mehr noch als nur Wider­stand: Modus Vivendi, Lebens­ge­fühl, Welt­an­schau­ungs­system. Im kon­kreten Fall der Ukraine im Jahre 2004 bedeu­tete die Geo­poetik auch eine Chance für den Idea­lismus gegen den Zynismus der Geo­po­litik. In der kurz­fris­tigen Per­spek­tive einer Revo­lu­tion ist der Idea­lismus immer stärker.

 

n: In deinen Texten ist nicht nur die Rede von Geo­poetik im all­ge­meinen, son­dern von Zen­tral­eu­ropa, Mit­tel­eu­ropa, Mit­tel­ost­eu­ropa und einer spe­zi­fi­schen, dort anzu­tref­fenden Ästhetik. Nimmst du damit eine Dis­kus­sion auf, die schon Milan Kun­dera, György Konrád, Czesław Miłosz oder Danilo Kiš in den 70er und 80er Jahren in der Emi­gra­tion führten? Kun­dera hatte damals gesagt, dass Mit­tel­eu­ropa „geo­gra­phisch im Zen­trum, kul­tu­rell im Westen und poli­tisch im Osten“ liege. Kiš spricht in seinen Mit­tel­eu­ro­päi­schen Varia­tionen (Vari­ja­cije na srednjo­evropske teme) von einer „zen­tri­pe­talen und einer zen­tri­fu­galen“ Kul­tur­theorie, nach der Wien ent­weder der Aus­gangs­punkt allen kul­tu­rellen Gesche­hens im mit­tel­eu­ro­päi­schen Raum war, oder der Absto­ßungs­punkt, wobei sich das trotz und gegen Wien nach 1945 in ein trotz und gegen Moskau ver­wan­delt habe.

 

A: Ich glaube, dass es in der heu­tigen Debatte um Mit­tel­eu­ropa im Unter­schied zu damals um etwas anderes geht, der ganze Kon­text ist ein anderer. Was war das für eine Idee von Kun­dera oder Konrad? Vor allem eine für den dama­ligen Ost­block, also die Länder, die von Moskau abhängig waren: Sie wollten zeigen, dass es doch mehr Euro­päi­sches dort gibt, als es sich die Westler hätten vor­stellen können. Bei Kun­dera war das eine Lie­bes­ge­schichte im Dreieck: Mittel- und Ost­eu­ropa zwi­schen Russ­land und dem Westen. Und ein Appell an die west­liche Seite: Wir wollen mit euch und nicht mit Russ­land in diesem Dreieck sein. Heute ist es natür­lich anders, da Mit­tel­ost­eu­ropa schon seit der poli­ti­schen Wende Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre in diesem ‚nor­malen’ Europa ange­kommen ist. Und mit der EU-Erwei­te­rung stellt sich die Frage, ob es Mit­tel­ost­eu­ropa über­haupt noch gibt. Wenn ja, dann als eine Art Zwi­schen­raum, in dem man in ver­schie­dene Rich­tungen gehen kann. So ist das z.B. in Andrzej Sta­siuks Wahr­neh­mung ein Teil der Welt, in dem die west­liche Zivi­li­sa­tion noch nicht richtig herrscht. Sein Mit­tel­ost­eu­ropa ist eher anti­west­lich in dem Sinne, dass er diese zivi­li­sa­to­ri­sche Rück­stän­dig­keit als einen großen Vor­teil betrachtet. Das ist eine Chance für ihn, seine per­sön­liche Chance, dass so etwas noch mög­lich ist, ein anderes Europa irgendwo im Donaudelta.

 

n: Siehst Du das auch so?

 

A: Dieser Raum ist für mich unglaub­lich wichtig und ich habe für jene Orte viel Sen­ti­ment: Die Zer­stö­rung, die armen Dörfer, Busse, die nur einmal in der Woche fahren… Aber ande­rer­seits bin ich mehr ‘pro­west­lich’ als Andrzej Sta­siuk. Er ist prin­zi­piell dafür, dass sich in diesem Teil der Welt nichts ändert. Für mich ist die Ände­rung – die ‚Ver­west­li­chung’ – eher eine posi­tive Sache, ins­be­son­dere für die Ukraine. Wahr­schein­lich sind wir, Sta­siuk und ich, doch zwei ver­schie­dene Fälle. Ich bin davon über­zeugt, dass sich Mit­tel­ost­eu­ropa bewegt. Man kann die Grenzen nicht ein für allemal setzen und sie bewegen sich momentan ost­wärts. Mit der EU kommt der Westen immer weiter öst­lich mit seinen Stan­dards, so dass auch Mit­tel­ost­eu­ropa einen wei­teren Ort für sich finden muss. Das ukrai­ni­sche Ter­ri­to­rium ist mehr oder weniger frei für diese Pro­zesse. Als ‚schla­fendes’ Ter­ri­to­rium gibt es noch Weiß­russ­land, und viel­leicht noch Mol­da­wien. Aber gene­rell ist es aus meiner Sicht immer noch e i n Ter­ri­to­rium – von Est­land im Norden bis Alba­nien im Süden, auch wenn das ganz unter­schied­liche Länder sind; trotzdem aber doch e i n e Rea­lität, eine mit­tel­ost­eu­ro­päi­sche Rea­lität. In Est­land zwar immer weniger, doch in Alba­nien …– es ist wahr­schein­lich das, was Andrzej an Alba­nien so beeindruckt.

 

n: Welche Rolle spielt bei der Geo­poetik die Archäo­logie, die Aus­gra­bung der Reste und Spuren ver­schwun­dener, plu­raler Kul­turen? Der Habs­burger-Mon­ar­chie bei­spiels­weise, die in vielen Lite­ra­turen – nicht ohne Nost­algie – als ein Raum kul­tu­reller Hete­ro­ge­nität tra­diert wird. In der pol­ni­schen Lite­ratur ist dies noch bei Andrzej Sta­siuk zu finden.

 

A: Dies wäre aber zu eng, nur nach den Spuren der Habs­burger Mon­ar­chie zu suchen, außerdem liegt Öster­reich heute bestimmt nicht in Mit­tel­ost­eu­ropa. Ich würde eher von einer post­to­ta­li­tären Wirk­lich­keit und einer post­kom­mu­nis­ti­schen Erfah­rung spre­chen. Das ist etwas, was heute noch ver­ei­nigt. So gehört das ehe­ma­lige DDR-Ter­ri­to­rium zu dieser Wirk­lich­keit, aber nicht Öster­reich. Grund­sätz­lich meine ich, dass das über­haupt keine Wirk­lich­keit ist, son­dern eine Welt, die nur lite­ra­risch existiert.

 

n: Wenn es sich dabei vor allem um einen lite­ra­ri­schen Par­al­lel­raum zum realen Raum han­delt, wür­dest du sagen, dass es eine mittel- oder mit­tel­ost­eu­ro­päi­sche Ästhetik gibt?

 

A: Ja, das würde ich sagen. Ich kann es mit einem Bild beschreiben: Wo sich in einer Gegend land­schaft­liche Ruinen mit McDo­nalds kreuzen, dort ent­steht diese Ästhetik. Dies ist vor allem im Film und in der Lite­ratur sichtbar. Bei den jugo­sla­wi­schen, tsche­chi­schen, pol­ni­schen Fil­me­ma­chern finden wir die­selbe Ästhetik der komi­schen Ein­flüsse glo­ba­li­sie­render west­li­cher Inva­sion in diese Welten. Aber es han­delt sich nicht nur um die Bilder, son­dern auch um eine Idee. Es ist etwas, was unter dem Druck vom Tota­li­ta­rismus nicht zur Sprache kommen und erst nach der poli­ti­schen Wende sich ent­wi­ckeln konnte: Eine krea­tive Frei­heit, schwin­del­erre­gend, ein Taumel mit so vielen Mög­lich­keiten, die sich erst neu­lich eröffneten.

 

n: Wir haben dich als lite­ra­ri­schen Geo­gra­phie­for­scher befragt, aber du bist auch Lite­ra­tur­for­scher. Du hast über den ukrai­ni­schen Dichter Bohdan-Ihor-Ant­onyč pro­mo­viert und er spielt auch in deinem neu­esten Roman Zwölf Ringe eine wich­tige Rolle.

 

A: Ich wollte nie eine wis­sen­schaft­liche Kar­riere machen, ich bin Schrift­steller und kein Theo­re­tiker. Ant­onyč war meine erste poe­ti­sche Liebe. In meiner Dok­tor­ar­beit ver­wen­dete ich eine Art fik­tive Metho­do­logie. Ich unter­suchte die Poesie Ant­onyčs im breiten Kon­text der west­li­chen Moderne, mit ihren Anfängen im fran­zö­si­schen Sym­bo­lismus bei Bau­de­laire und Rim­baud und wei­teren Erschei­nungen in Deutsch­land, Öster­reich, Frank­reich, Spa­nien und Eng­land. Ant­onyč schuf in der Zwi­schen­kriegs­zeit in der ukrai­ni­schen Sprache etwas, was meiner Mei­nung nach gänz­lich in der Kon­ven­tion des west­li­chen Moder­nismus lag. Ins­ge­samt eine etwas dubiose Unter­su­chung (lacht). Eigent­lich habe ich dar­über viel mehr in meinem Roman gesagt. Für mich wäre jetzt wichtig, einige Gedichte von Ant­onyč linear ins Deut­sche zu über­setzen und dann einen deut­schen Lyriker zu finden, der damit weiter arbeiten könnte.

 

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n: Solo­mija Pav­lyčko macht in ihrer Mono­gra­phie Dis­kurs moder­nizmu v ukrajins’kij lite­ra­tury von 1999, einer Pio­nier­ar­beit über die ukrai­ni­sche lite­ra­ri­sche Moderne, einen großen Bogen um Lem­berg und berück­sich­tigt Ant­onyč über­haupt nicht. Wie lässt sich das erklären?

 

A: Dar­über kann ich nur spe­ku­lieren. Das war ja der Anfang der For­schung zu diesem Thema. Die Haupt­idee ihres Buches ist das Schei­tern: Die Geschichte des ukrai­ni­schen Moder­nismus ist für sie immer die Geschichte der Nie­der­lage. Man kann ver­muten, dass Ant­onyč in dieses Muster nicht so gut passte.

 

n: Ant­onyč ist eine bedeu­tende Figur für die ukrai­ni­sche Lyrik in der Zeit nach dem Zweiten Welt­krieg, er war aber in der sowje­ti­schen Ukraine kaum präsent.

 

A: Ja, mit Ant­onyč ver­hielt es sich aus ver­schie­denen poli­ti­schen Gründen schon immer kom­pli­ziert. Er war nie ein sowje­ti­scher Staats­bürger. Geboren 1909 in der Habs­burger-Mon­ar­chie, lebte er bis zu seinem Tod 1937 in Polen. Zu sta­li­nis­ti­schen Zeiten gab es keine Chance, ihn in der Ukraine zu ver­legen, erst nach 1956, nach dem soge­nannten Tau­wetter. So kam 1967 – nach ver­schie­denen Publi­ka­tionen in Peri­odika – ein Band mit fast allen Gedichten Ant­onyčs heraus. In den 70er Jahren, nach einer neuen Welle poli­ti­scher Pro­zesse gegen Intel­lek­tu­elle und Künstler, wurde er aber aus allen Biblio­theken ent­fernt. Die kul­tur­schaf­fende Jugend hat Ant­onyč in den 60ern für sich ent­deckt. Und es waren die­selben Dichter, die auf einem der Fried­höfe in Lem­berg sein zer­störtes Grab anhand der Fried­hofs­bü­cher wie­der­ge­funden haben. Für meine Genera­tion, die soge­nannten 80er, war Ant­onyč eine sehr wich­tige Figur.

 

n: Heute ist die Stel­lung Ant­onyčs in der ukrai­ni­schen Lite­ratur unan­tastbar, es wird also durchaus auch eine ‚kano­ni­sche’ Bio­gra­phie für ihn geschaffen. In deinem Roman Zwölf Ringe schwebt Ant­onyč als Geist über den Kar­paten, seine Gedichte fließen in die Rede der Helden ein, und dar­über hinaus erfin­dest du für ihn eine ‚alter­na­tive’ Bio­gra­phie. War deine fik­tive Bio­gra­phie Ant­onyčs in Zwölf Ringe als ein Gegen­ent­wurf zur offi­zi­ellen Kano­ni­sie­rung gedacht?

 

A: Nein, das war eher eine Pro­vo­ka­tion auf gesell­schaft­li­cher Ebene. Ant­onyč ist eine rein lite­ra­ri­sche Erschei­nung und keine poli­ti­sche Figur. Außer in der Poesie, denn er wählte ganz bewusst die ukrai­ni­sche Sprache für seine Dich­tung, obwohl sie für ihn eine Art Fremd­sprache war. Als gebo­rener Lemke konnte er ursprüng­lich nur Dia­lekt spre­chen. Die pol­ni­sche Sprache beherrschte er besser. Von Anfang an aber schrieb er auf Ukrai­nisch und zwar nicht in der gali­zi­schen Vari­ante, son­dern in der ukrai­ni­schen Lite­ra­tur­sprache. An seinen Manu­skripten habe ich bemerkt, dass er Pro­bleme mit der Beto­nung hatte. Die Lemken, wie die Polen, betonen immer die vor­letzte Silbe; im Ukrai­ni­schen ist die Beto­nung beweg­lich. Er musste beim Schreiben die Beto­nung im Wör­ter­buch über­prüfen und trug – wie ein Schüler – die Beto­nungs­zei­chen über die Wörter ein. Das Ukrai­ni­sche war eine Her­aus­for­de­rung für ihn, es ist auch bei ihm nicht immer kor­rekt und feh­ler­frei. Wenn wir aber über die ukrai­ni­sche lite­ra­ri­sche Sprache spre­chen, dann ist sie übri­gens häufig unkorrekt.

 

n: Deine lite­ra­ri­sche Bio­gra­phie Ant­onyčs als Lem­berger Bohe­mien wurde in der Ukraine aber kon­tro­vers aufgenommen.

 

A: Dabei ging es um pri­mi­tive Dinge wie: Trank er Alkohol oder nicht, besuchte er Bor­delle oder nicht? Für mich war es eine Art Ironie und ein lite­ra­ri­sches Spiel. Ich habe nichts an seinen Texten geän­dert, die ich in meinem Roman zitiere. Ich habe nur ver­sucht, über sein all­täg­li­ches Leben mit Hilfe seiner Gedichte zu schreiben. So als ob er diese Gedichte in der Rea­lität gelebt hätte. Ich dachte, das sei ganz klar. Aber die Leute haben es bis heute nicht ver­standen und denken, dass ich auf Kosten Ant­onyčs Kar­riere mache – als Pro­vo­ka­teur, der den armen Ant­onyč dafür benutzt. Wie eine Buch­händ­lerin, die sich wei­gerte, meinen Roman zu ver­kaufen, sagte: „Eine Schwei­nerei. Der Andruchovyč ist wahr­schein­lich ein talen­tierter Schrift­steller, aber man darf das nicht. Ein solch wich­tiger Autor wie Ant­onyč, eine fast hei­lige Figur…“

Übri­gens, es gab einmal in Lem­berg in den 80ern eine spi­ri­tis­ti­sche Séance mit Ant­onyčs Geist, kurz nachdem mein erster Gedicht­band erschienen war. Ich war nicht dabei. Mein Freund fragte damals den Geist Ant­onyčs, ob er meine Gedichte möge und die Ant­wort war: nein.

http://www.potyah76.org.ua/potyah/. [Pro­jekt zur mit­tel­eu­ro­päi­schen Lite­ratur von Andruchovyč]

http://poetry.uazone.net/andrukhovych/. [Texte (Lyrik) von Andruchovyč]

 

Небо і площі (1985) (Himmel und Plätze)

Середмістя (1989) (Down­town)

Екзотичні птахи і рослини (1991), (Exo­ti­sche Pflanzen und Vögel);

Екзотичні птахи і рослини з додатком “Індія” (1997), (Exo­ti­sche Pflanzen und Vögel mit dem Anhang Indien)

Рекреації (1992) (Rekrea­tionen)

Московіада (1993) (Mosko­viade, dt. 2006)

Per­wer­sija (Перверзія, 1996)

Дванадцять обручів (2003) (Zwölf Ringe, dt: 2005)

Моя Європа: Два есеї про найдивнішу частину світу, 2004) (Mein Europa, Essays mit Andrzej Sta­siuk, Sofia Onufriev, Martin Polack)

Дезорієнтація на місцевості: Спроби  (2003) (dt. Aus­züge daraus in: Das letzte Ter­ri­to­rium, Essays mit Andrzej Sta­siuk, Sofia Onufriev, Martin Polack)