Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Matrix auf Polnisch

Bevor der Kra­kauer Alter­nativ-Verlag kor­por­acja ha!art im Mai dieses Jahres Ein Stück über Mutter und Heimat (Utwór o Matce i Ojc­zyźnie) von Bożena Keff ins Pro­gramm auf­nahm, reifte das ‘Unge­heuer’ – wie die Autorin selbst ihr Buch noch vor der Ver­öf­fent­li­chung bezeich­nete – lange Zeit als eine ille­gale Datei in ihrem Com­puter. (Werk/Stück und Unge­heuer reimen sich im Pol­ni­schen: utwór und potwór.) In der Tat ent­behrt das Buch jeg­li­cher, selbst rudi­men­tärer, Har­monie eines Werks. Es ist eine gewal­tige poe­ti­sche Hybride, mit Wucht zusam­men­ge­fügt aus Lyri­schem, Erzäh­lendem, aber auch Sati­risch-Pole­mi­schem zu einem viel­stim­migen Stück – mit Anklängen an die Oper und das antike Drama. Und es ist ein Buch, das weh tut.

Bożena Keff heißt auch – und zwar seit ihrer Geburt in der Mitte des 20. Jahr­hun­derts – Bożena Umińska (oder seit einigen Jahren Umińska-Keff). Der Name des Vaters, dem es zu Beginn der Volks­re­pu­blik Polen von der Armee wärms­tens anemp­fohlen wurde, den jüdi­schen Namen Keff gegen einen pol­ni­schen zu wech­seln, wurde zum Namen der Dich­terin. Seit den 1980er Jahren ver­öf­fent­licht Keff kleine Gedicht­bände, die 2000 in Ist nicht fertig (Nie jest gotowy) gesam­melt erschienen sind. Die Lite­ratur wis­sen­schaft­lerin Umińska hat wie­derum 2001 eine viel beach­tete Mono­gra­phie Figur mit Schatten (Postać z cie­niem) über jüdi­sche Frau­en­fi­guren in der pol­ni­schen Lite­ratur vor­ge­legt. Und die Publi­zistin und Essay­istin Umińska-Keff, bekannt für ihren pole­mi­schen Geist, schreibt fürs Feuil­leton. Auf dem Höhe­punkt der (zum Glück ver­gan­genen) Schre­ckens­pe­riode unter den Gebrü­dern Kac­zyński ist 2006 ein Band mit ihren – wie immer unge­hor­samen – Pole­miken Bar­ri­kaden: Obses­sive Chro­niken (Bary­kady: Kroniki obse­syjne) erschienen. Wenn sie gerade nicht schreibt, arbeitet die Autorin am Jüdi­schen His­to­ri­schen Institut in War­schau und gibt Semi­nare für Gender Stu­dies an der War­schauer Universität.

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Ver­teilt auf viele Stimmen und einen Chor wird im Stück über Mutter und Heimat eine Mutter-Tochter-Geschichte erzählt (oder eher gesungen?), mal im lyri­schen Ton, mal mit Gebrüll. Die Mutter – als Mater und Demeter – ’singt’ ihre Arien im Bass, Alt und Sopran. Diese Demeter ist gleichsam Hekate, die böse Göttin der Toten­be­schwö­rung. In den Par­tien der Tochter, die mal als Erzäh­lerin, mal als Kora oder Per­se­phone, mal als Lara Croft, als Ripley vom Raum­schiff Nostromo oder aber als Nos­fe­ratu erscheint, wird die Geschichte einer unheil­vollen Bezie­hung geschil­dert, einer Abhän­gig­keit und einer ver­spä­teten Rebel­lion. Die Mutter, einsam und ego­is­tisch, gefangen in der eigenen Lei­dens­ge­schichte, klam­mert sich an ihre Tochter, lässt sie nicht los, unfähig, ihr Kind als Person wahr­zu­nehmen, die ein Recht auf ein eigenes Leben hat. Die Tochter wird aber auch nicht in die Geschichte der Mutter gelassen – sie gehört den Nach­ge­bo­renen an, die sowieso nichts ver­stehen. Gebets­müh­len­artig klingen die an die Tochter gerich­teten Klagen der Mutter in den leeren vier Wänden, die als “zwei gute Ohren” für die Mutter, für das Opfer, her­halten muss. Denn die Mutter hat sonst niemanden:

 

Jetzt, da Hitler, der mir die ganze Familie ermordet hatte,
und Stalin, die Hölle soll ihn ver­schlingen, nicht mehr leben,
nur du bist mir geblieben, mein Kind,
von meinen nächsten.

 

Die Mutter, die den Krieg und den Holo­caust nach der Flucht aus Lem­berg in der Sowjet­union über­lebte, macht ihre Tochter zur Geisel ihrer Lei­dens­ge­schichte. Die Tochter, erdrückt von ihrer usur­pa­to­ri­schen Mut­ter­liebe, kann nicht erwachsen werden. Ripley wird das Alien nicht los, ihre ver­zwei­felten Befrei­ungs­ver­suche ver­sanden, so stark ist der Bann psy­chi­scher Abhän­gig­keit, so zer­stö­re­risch ist die dop­pelte Ohn­macht. Das Opfer schafft sich sein eigenes Opfer. Dem Opfer des Opfers bleibt nur Ver­ach­tung und Hass:

 

Ich weiß nicht mal, wann ich zum Altar steige, mich selbst aufschlitze
und das Herz her­aus­reiße, das ist mein fri­sches Fleisch und nahr­haftes Blut –
ersticke, du Ego­tistin, blinde Idiotin,
Ver­ge­wal­ti­gerin, Fotze!

 

Die Geschichte der opp­res­siven Bezie­hung findet kein Hap­pyend. Es gibt keine Ver­söh­nung, wenn auch zum Schluss die alte Mutter und die eben­falls schon nicht mehr junge, ergraute Tochter sich etwas näher kommen, nicht zuletzt geeint vor einer anderen, grö­ßeren, aber ebenso kranken, gna­den­losen und opp­res­siven Mutter-Göttin: der Heimat. Im Epilog, im sati­ri­schen “Lied aus dem War­te­zimmer der Arzt­praxis”, repro­du­zieren die dort ver­sam­melten Herr­schaften eine Mixtur aus anti­se­mi­ti­schen, gegen alles ‘Nicht-Pol­ni­sche’ (sei es Miłosz oder Szym­borska, seien es Schwule oder Femi­nis­tinnen) gerich­teten Beschimp­fungen; eine vox populi in kon­den­sierter Form, bekannt aus man­chem rechts­ex­tremen Pres­se­blatt oder dem berühmt-berüch­tigten Rund­funk, der eben­falls eine Mutter im Namen führt – die Got­tes­mutter Maria.

Keffs Stück über Mutter und Heimat ist höchst blas­phe­misch. Nicht nur, weil es die kul­tu­relle Hei­lig­keit der Mut­ter­schaft aufs Schärfste angreift. Noch schwer­wie­gender the­ma­ti­siert das Stück, und zwar unver­blümt, das, was in der Lite­ratur der soge­nannten zweiten Genera­tion, der Kinder der Holo­caust-Über­le­benden oft nur ange­deutet wird, näm­lich, wie stark das Trauma der Eltern das Leben ihrer Kinder beschä­digt. Die Autorin gibt in einem Inter­view offen zu, dass es Spie­gel­mans Gra­phic Novel Maus war, die sie zum Schreiben ihres Stücks ermu­tigt hatte. Nun setzt sie – anders als Spie­gelman dies tat – das Kind, die Tochter, in den Mit­tel­punkt. Auch ähnelt die Mutter nicht den aus den vielen Büchern der zweiten Genera­tion bekannten, im quä­lenden Schweigen ver­stei­nerten Eltern, denen die Kinder mit Furcht und Mit­leid begegnen. Der Mutter muss ihre Geschichte nicht durch end­loses Fragen ent­rissen werden, ganz im Gegen­teil, ihr end­loses Plap­pern ver­hin­dert gera­dezu, dass ihre Geschichte bei der Tochter ankommt. Und die Tochter gibt dies zu:

 

Aber der Krieg kam und alle wurden umgebracht.
(Auf­grund ihres ewigen Gelabers
ver­stehe ich bis heute nicht, was das für mich bedeutet).

 

Die Tochter, Kora-Per­se­phone, ist Dich­terin, so gibt es für sie keine “undar­stell­baren Dinge”. Diese War­nung wird schon zu Beginn des Stücks aus­ge­spro­chen und das Ver­spre­chen wird ein­ge­halten. Nun ver­wun­dert es nicht, dass wenn man sich vor­nimmt, so viel Ver­let­zendes aus­zu­spre­chen, die Sprache selbst zur Hürde wird. Diese Hürde wird aber im Galopp bewäl­tigt. Wie ein Wir­bel­sturm saugt die rasende Schreibwut alles auf, was sie unter­wegs vor­findet. Hoher Kothurn der grie­chi­schen Tra­gödie und die Gos­sen­sprache, Mytho­logie und Pop­kultur, Publi­zistik und Lyrik – in allen Regis­tern sucht sich die skan­da­löse ‘Mut­ter­tö­tung’ den Weg zur Arti­ku­la­tion. Und wie ein Wir­bel­sturm hin­ter­lässt dieses Rasen eine durch­ein­ander gewür­felte, ver­sehrte, ver­un­stal­tete Form. Dra­ma­ti­siert zu einer Art musi­ka­li­schem Büh­nen­werk, ver­deut­licht das Stück alleine schon im Umgang mit den ange­deu­teten Genres, dass es Gewalt zum Thema hat.

Inspi­riert von Bożena Keffs Stück, fand in der Kra­kauer Galerie für Moderne Kunst Bun­kier Sztuki (Kunst-Bunker) von Juni bis August dieses Jahres die Aus­stel­lung Meine Mutter ist nicht gött­lich (Moja matka nie jest boska) statt. Sechs junge Künst­le­rinnen haben Instal­la­tionen ent­worfen, die die Tochter-Mutter-Bezie­hung zum Thema haben. Unter­schied­li­ches kam dabei heraus, dar­unter eine Video­auf­nahme einer Cho­reo­gra­phie von zwei sich im Tanz mit­ein­ander mes­senden Frauen, eine ‘Pho­to­ta­pete’ aus den in öffent­li­chen Frauen-Toi­letten pho­to­gra­phierten Sprü­chen (suko jedna – das Deut­sche kennt im Unter­schied zum Pol­ni­schen und Eng­li­schen das Schimpf­wort bitch nicht), und eine beglei­tende akus­ti­sche Instal­la­tion mit einer ein­dring­li­chen Mäd­chen­stimme, die nach der Mutter ruft. Bemer­kens­wert ist dabei, dass sich die Künst­le­rinnen aus­schließ­lich auf den privat-fami­liären Aspekt des von Keff so dras­tisch geschil­derten Kon­flikts bezogen haben. Es steht außer Frage, dass dies in Polen schon genug Stoff für künst­le­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung bietet (aber nicht nur dort), wo die Mutter-Figur kul­tu­rell so über­laden ist, dass der Blick aufs All­täg­liche ver­sperrt wird. Es steht aber genauso außer Frage, dass die Tochter und die Mutter in Keffs Stück nicht aus­schließ­lich Figuren eines Fami­li­en­dramas sind. Die Künst­lerin Dorota Bucz­kowska hat in der Abs­trakt­heit ihrer Instal­la­tion Trans­fu­sion eine ein­drucks­volle visu­elle Meta­pher für die von Keff geschil­derten Kon­stel­la­tionen gefunden: Bucz­kowska ver­band zwei durch­sich­tige auf­blas­bare Plas­tik­sessel, mit roter Flüs­sig­keit gefüllt, mit einem Schlauch. Genauso osmo­tisch mit­ein­ander ver­bunden erscheinen die Tochter und die Mutter im Stück, und die Trans­fu­sion des Lei­dens, das kei­nes­wegs nur im Pri­vaten seinen Ursprung hat, macht sie unzertrennlich.

 

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Keff geht in ihrem Stück über das Pri­vate hinaus und uni­ver­sa­li­siert den intimen Kon­flikt zu einer kul­tu­rellen Matrix – im wort­wört­li­chen Sinne: Die opp­res­sive Mutter steht für den matri­ar­chalen Part im patri­ar­chalen, auto­ri­tären Netz der Macht. Matrix ist seine Kehr­seite und sein Hin­ter­halt. Es ist anzu­nehmen, dass das gerade Keff übel genommen wird, ihr Drang zum Uni­ver­salen, der jeder Ein­zig­ar­tig­keit der Iden­tität trotzt, auch der Jüdi­schen. Auch das wird im Stück klar gesagt, wenn Polańskis Film Der Pia­nist kom­men­tiert wird, denn:

 

im Großen und Ganzen ist man mehr Künstler als Jude,
das ewig Gleiche, ich ver­stehe das gut.

 

 

Das Nach­wort zum Stück über Mutter und Heimat haben zwei Frauen ver­fasst: Maria Janion und Iza­bela Fili­piak, die beide selbst zum Inbe­griff des Außen­sei­ter­tums geworden sind. Maria Janion, eine Nes­torin und Patronin (Mutter?) der pol­ni­schen Lite­ra­tur­wis­sen­schaft, die sich seit Jahr­zehnten mit der Trans­gres­sion, mit den Exklu­dierten und Aus­ge­sto­ßenen in der pol­ni­schen Kultur beschäf­tigt (und deren Arbeiten – eben­falls ein Skan­dalon – nicht mal ansatz­weise ins Deut­sche über­tragen wurden), und Iza­bela Fili­piak, die in den 1990er Jahren mit ihrem Roman Die abso­lute Amnesie (Abso­lutna amnezja) radikal mit der patri­ar­chalen Familie aus der Sicht der Tochter abrech­nete. Das Nach­wort mil­dert zwar alleine durch die ord­nende künst­le­risch-kul­tu­relle Ana­lyse ein wenig das Gift des Stücks, in der Lek­türe wird aber trotzdem jede/r erstmal für sich ent­scheiden müssen, ob die toxi­sche Dosis zu ertragen ist.

 

Über­set­zungen von Michael Zgodzay.

 

Bożena Keff, Utwór o Matce i Ojc­zyźnie. Kraków 2008.

Bożena Keff, Nie jest gotowy. Wars­zawa 2000.

Bożena Umińska, Bary­kady. Kroniki obse­syjne. Kraków 2006.

Bożena Umińska-Keff, Postać z cie­niem. Port­rety Żydówek w pol­skiej lite­ra­turze od końca XIX wieku do 1939 roku. Wars­zawa 2001.

Nie­le­galny plik, ein Inter­view mit Bożena Umińska-Keff von Katar­zyna Bielas, Gazeta Wyborcza, 26.05.2008 (http://wyborcza.pl/1,76842,5250183,Nielegalny_plik.html)

Moja matka nie jest boska, Aus­stel­lung in Bun­kier Sztuki, Galeria Sztuki Współc­zesnej w Kra­kowie, 06.06.2008–31.08.2008 (Künst­le­rinnen: Anna Baum­gart, Jad­wiga Sawicka, Alek­sandra Bucz­kowska, Dorota Bucz­kowska, Karo­lina Kow­alska, Zorka Wollny; Kura­to­rinnen: Anka Sasnal, Mar­tyna Sztaba).

 

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