Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Ein Leben, ein Jahr­hun­dert auf dem Sil­ber­ta­blett.

Arsenij Tar­kovs­kijs Gedichte auf Rus­sisch und Deutsch,gestern und heute

Meiner Unsterb­lich­keit mag ich mich nicht ver­wehren

Schim­mernde, trübe Ver­ges­sens­flüsse, het­zender Regen, zer­sprin­gende Hagel­körner, trei­bende Nebel, trop­fen­schwerer Tau – alles fliesst in Arsenij A. Tar­kovs­kijs [Tar­kow­skijs] Dich­tung, so wie für ihn das Dasein als eine Flut der Poesie erscheint.Sich dieser Flut hin­zu­geben, lädt die Her­aus­ge­berin und Über­set­zerin von Tar­kovs­kijs Gedichten, Mar­tina Jakobson, ein. Aus den poli­ti­schen und kul­tu­rellen Wir­rungen Russ­lands letzter Dekaden holt sie die fast in Ver­ges­sen­heit gera­tenen Texte hervor und prä­sen­tiert sie dem Leser auf dem Sil­ber­ta­blett: in einem schlicht daher kom­menden, zwei­spra­chigen Gedicht­band, das rus­si­sche Ori­ginal neben der deut­schen Über­set­zung. Es han­delt sich um aus­ge­wählte Lyrik, die ein ganzes Leben durch die Schatten eines Tod brin­genden Jahr­hun­derts wieder auf­leuchten lässt.

 

Der Lyriker und Über­setzer Arsenij Tar­kovskij, 1907 in Eli­z­a­ve­t­grad (heute Kiro­vohrad in der Ukraine) geboren, über­lebt die Schre­cken der Okto­ber­re­vo­lu­tion, zweier Welt­kriege, sta­li­nis­ti­schen Ter­rors, eine schwere Kriegs­ver­let­zung, bei der er ein Bein ver­liert, Hunger und Not der Nach­kriegs­zeit in der Sowjet­union. Zu treuen Gefährten der phy­si­schen Ent­beh­rungen gesellen sich Ein­sam­keit und Ver­ach­tung – ihnen bleibt ein anders den­kender Idea­list in einem tota­li­tären, auf Zukunfts­ver­heis­sungen und kol­lek­tiven Auf­bruch fixierten System, unwei­ger­lich aus­ge­lie­fert.

 

Schon nach den ersten Gedicht­pu­bli­ka­tionen, die ihm Anfang der 1930er Jahre den Vor­wurf des Mys­ti­zismus ein­bringen, ist der Dichter ange­sichts der um sich grei­fenden sta­li­nis­ti­schen Repres­sionen zum Schweigen ver­ur­teilt. Zumin­dest für die Öffent­lich­keit. Ein Glück, dass Arsenij Tar­kovskij nicht gänz­lich ver­stummt, son­dern im Stillen, zurück­ge­zogen in einem Dorf, seine Gedichte weiter flüs­tert. Was Tar­kovskij in der Aus­gren­zung und Iso­la­tion zu dichten antreibt, ist sein Glaube an die con­ditio humana, den Men­schen und seine Ver­or­tung in der irdi­schen Exis­tenz, der Kultur, der Meta­physik.

 

Wer sich heute dem Sog der hek­ti­schen Mul­ti­tas­king-Welt ent­reisst und auf Tar­kovs­kijs Poesie ein­lässt, erfährt unver­hofft eine Ent­schleu­ni­gung und innere Ein­kehr, die den unsteten Blick für die all­täg­li­chen Tiefen des Lebens schärft und auf leise Art zu berau­schen weiss. Diese Verse wollen mehr­mals gelesen werden. Man möchte die zwi­schen den Zeilen ver­bor­genen, subtil ange­deu­teten Zusam­men­hänge fassen, die uni­ver­sellen Gescheh­nisse hinter den „grol­lenden Gewit­tern“ begreifen, mit dem lyri­schen Ich zusammen nach dem Sinn des Lebens suchen und mit der Natur ver­schmelzen, die all den von Men­schen ver­ur­sachten Kata­stro­phen uner­schüt­ter­lich trotzt.

 

Mar­tina Jakobson trans­por­tiert diese Inten­sität ins Deut­sche, sodass man auch bei der Über­set­zung länger ver­weilen und sich in immer tie­fere Sphären vor­tasten möchte:

„Земля сама себя глотает,
И, тычась в небо головой,
Провалы памяти латает
То человеком, то травой.“

„Wo die Erde sich selbst ein Schlund ist,
ein Jung­tier, am Himmel auf­schürft den Kopf,
da hat sie ihre Gedächt­nis­mulden, gleich Wunden,
mit Gras oder Men­schen zuge­stopft.“

 

Der zwei­spra­chige Band zeigt, wie unent­behr­lich es ist, das Ori­ginal und die Nach­dich­tung par­allel lesen zu können – gemeinsam ergeben sie eine neue sinn­lich-for­male Ein­heit. Daher ist das Buch ohne Ein­schrän­kungen allen zu emp­fehlen, die glei­cher­massen Deutsch und Rus­sisch lesen. Aller­dings ist es frag­lich, ob die Über­set­zung für sich genommen der lyri­schen Eigenart des Aus­gangs­textes gänz­lich gerecht wird, wirkt sie doch zuweilen weniger zart und setzt ihre eigenen, über­ra­schend inter­pre­tie­renden Akzente.

 

Die Leis­tung der Über­set­zerin und Her­aus­ge­berin bleibt enorm, beraubte doch das unaus­ge­spro­chene Publi­ka­ti­ons­verbot von Tar­kovs­kijs Texten eine ganze Genera­tion dieser Lyrik, erst recht die deutsch­spra­chige Leser­schaft, die erst seit Ende der 1980er Jahre die Mög­lich­keit hat, diesen Dichter ansatz­weise ken­nen­zu­lernen. 1962 ver­öf­fent­licht Arsenij Tar­kovskij einen wei­teren Lyrik­band. Bis dahin lebt er vom Über­setzen ara­bi­scher, arme­ni­scher und turk­me­ni­scher Lyrik. Der ori­en­ta­li­sche Ein­fluss macht sich unter anderem in der Beschrei­bung der Steppen- und Kurg­an­land­schaften bemerkbar.

 

Arsenij Tar­kovskij ver­lässt sehr früh seine erste Frau Marija Višn­ja­kova für eine andere. Sein Sohn aus der ersten Ehe, der Kult­re­gis­seur Andrej Tar­kovskij, leidet zeit­le­bens unter dem Ver­lust des Vaters und lässt sich den­noch – oder gerade des­wegen – von der Ästhetik seiner Lyrik stark inspi­rieren. Die Her­auf­be­schwö­rung des künst­le­ri­schen Schöp­fer­tums, das die Ver­gäng­lich­keit und die mensch­li­chen Ver­wer­fungen zu über­dauern vermag, trägt dem Dichter inner­halb seiner aus­ein­an­der­ge­bro­chenen Familie ihre Früchte: In den 1970ern ver­leiht Andrej Tar­kovskij den stillen Versen seines Vaters eine deut­liche Stimme und lässt ihn seine jahr­zehn­te­lang unge­le­senen Gedichte wie Leben, Leben und Eury­dike im Film Der Spiegel (Zer­kalo, 1974) vor einem Mas­sen­pu­blikum vor­tragen. In dieser Ver­ewi­gung der Stimme des Vaters über poli­ti­sche und fami­liäre Brüche hinweg scheint die Quint­essenz von Tar­kovs­kijs Lyrik ihre Erfül­lung gefunden zu haben: die Würde und Selbst­be­haup­tung eines Ein­zelnen vor dem Hin­ter­grund einer Epoche der Willkür und der Gewalt.

 

„Не надо мне числа: я был, и есмь, и буду,
Жизнь – чудо из чудес, и на колени чуду
Один, как сирота, я сам себя кладу…“

„Unge­zählt ist meine Zahl: Ich lebe, bin und werde.
Wunder und Geheimnis – Wandel des Lebens;
in seiner Hand mein ein­sames Ich, dies ver­waiste Kind…“

 

Als melan­cho­li­scher und erin­nernder Dichter ist Arsenij Tar­kovskij in einer Reihe mit seinen engen Freun­dinnen Anna Ach­matova und Marina Cve­taeva zu sehen und zu ent­de­cken. Seine Wid­mungen an diese Dich­te­rinnen sind Zeug­nisse kul­tu­reller Erin­ne­rung im soge­nannten „mono­lo­gi­schen Dialog“ – einer Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form, die unter dama­ligen poli­tisch-gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nissen gepflegt worden ist und die von Arsenij Tar­kovskij in seinen Gedichten auf beson­dere Art sti­li­siert wird.

 

Neben Wid­mungen und Erin­ne­rungen an Men­schen und Orte sowie irdi­scher Natur­ver­bun­den­heit durch­quert diese Zeit- und Raumachsen noch eine dritte Dimen­sion, in der sich der Mensch bewegt: die der Technik. Gedichte wie Das Ende der Navi­ga­tion reflek­tieren den mensch­li­chen Ehr­geiz, das Uni­versum durch den tech­ni­schen Fort­schritt zu bezwingen und die Grenzen, an welche die mensch­liche Exis­tenz dabei zwangs­läufig stösst:

 

„И если впрямь земля болеет нами,
То стала выздоравливать она –
Такие звезды блещут над снегами,
Такая наступила тишина.“

„Die duld­same Erde hält den rauen
Atem an, zumin­dest scheint
es so – dies Ster­nen­flim­mern über der Land­schaft,
Stille kehrt jetzt ein.“

 

Diese Zeilen wurden vor vier Jahren in dem Doku­men­tar­film Space Tou­rists (2009, Regie: Chris­tian Frei) zitiert. Tar­kovs­kijs poe­ti­sches Wort aus dem letzten Jahr­tau­send kom­men­tiert den auf­kom­menden Welt­raum­tou­rismus sowie den Preis indi­vi­du­eller Träume von ges­tern und von heute. Viel­leicht ist es diese Aktua­lität, welche Mar­tina Jakobson hin und wieder zu einer post­mo­dern anmu­tenden Über­tra­gung ver­leitet. Dies ist jedoch ange­sichts der zeit­losen Themen und der klaren Sprache Tar­kovs­kijs nicht not­wendig. Not­wendig hin­gegen bleibt die Wei­ter­ent­de­ckung seiner Poesie.

 

Tar­kow­skij, Arsenij: Reg­lose Hir­sche. Aus­ge­wählte Gedichte. Her­aus­ge­geben und über­setzt von Mar­tina Jakobson. Berlin / Hörby: Edi­tion Rugerup, 2013.

Top