Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Die Natur des Bösen – oder der Holo­caust in Ser­bien

Erin­nern oder Ver­gessen? Poin­tiert und unver­blümt schreibt Filip David in Kuća sećanja i zabo­rava (Das Haus des Erin­nerns und des Ver­ges­sens) über den Holo­caust in Ser­bien und dessen Folgen bis in die Gegen­wart – und nimmt damit ein Thema in den Blick, über das man in Ser­bien nur ungern spricht. Über­setzt wurde der Roman von Johannes Eigner, dem amtie­renden öster­rei­chi­schen Bot­schafter in Ser­bien.

 

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Der Autor und Dra­ma­turg Filip David hat zahl­reiche Erzäh­lungen, Essays und Romane in seiner Mut­ter­sprache Ser­bisch ver­fasst. Sein neu­ester Roman Kuća sećanja i zabo­rava (Das Haus des Erin­nerns und des Ver­ges­sens) ist jedoch der erste, der auch ins Deut­sche über­setzt wurde. Das Buch the­ma­ti­siert den Holo­caust in Ser­bien und die Rolle Ser­biens im Zweiten Welt­krieg. Dabei setzt es sich mit dem Bösen, der Schuld und dem Erin­nern und Ver­gessen aus­ein­ander. Über­setzt wurde der Roman von Johannes Eigner, dem amtie­renden öster­rei­chi­schen Bot­schafter in Ser­bien.

 

Schicksal und Schuld des Albert Vajs

In Filip Davids Roman erzählt Albert Vajs [Albert Weisz] seine Lebens- und Lei­dens­ge­schichte in Form von Tage­buch­ein­trägen. Ohne große Abschwei­fungen schil­dert er, wel­ches Schicksal ihn und seine Familie, sephar­di­sche und asch­ke­na­si­sche Juden, in seiner Heimat Ser­bien ereilt hat. 1942, im Alter von 7 Jahren, wird Albert mit seiner Familie in einen Zug gepfercht und depor­tiert. In einem Akt der Ver­zweif­lung ver­su­chen Alberts Eltern ihre Kinder zu retten und schieben zuerst den Bruder Elijah und dann Albert durch ein Loch im Holz­boden des Zuges hinaus in die schnee­be­deckte Win­ter­nacht. Bevor Albert ins Unge­wisse stürzt, bitten ihn die Eltern noch, auf seinen einige Jahre jün­geren Bruder auf­zu­passen. Diesen Wunsch wird er ihnen jedoch nicht erfüllen können, da er seinen Bruder trotz stun­den­langer Suche in der dunklen Kälte nicht wie­der­findet. Die Nacht ver­schlingt Elijah und bei­nahe hätte Albert ein ähn­li­ches Schicksal erlitten, wären da nicht der „volks­deut­sche“ Förster Johann Kraft und seine Frau gewesen. Sie retten Albert vor dem Tod und wollen ihn sogar als ihr eigenes Kind auf­ziehen, nachdem sie erst wenige Wochen zuvor ihren Sohn Hans bei einem tra­gi­schen Unfall ver­loren haben. Albert flieht, als ihm klar wird, dass er ein Ersatz für Hans sein soll und er seine eigene Familie nie wieder sehen wird.

Diese Ereig­nisse in der Kind­heit prägen Alberts Leben maß­geb­lich. Er sieht die Ver­ant­wor­tung für den Tod seines Bru­ders bei sich, und die Schuld und der uner­mess­liche Schmerz ver­folgen ihn bis in seine Träume. Gebeu­telt vom Über­le­bens­schuld-Syn­drom glaubt Albert, dass er „hätte nie über­leben sollen. Darin liegt das Pro­blem. Es war nicht vor­ge­sehen, dass ich über­lebe.“ Doch auch wenn die Erin­ne­rung zer­stö­re­risch ist, fragt er sich, ob Ver­gessen denn besser sei. Filip David misst dieser titel­ge­benden Aus­ein­an­der­set­zung eine ganz beson­dere Bedeu­tung zu. Sie kul­mi­niert in einem Kapitel, in dem sich Albert mitten in New York an einem uto­pi­schen Ort, dem soge­nannten House of Memo­ries and Obli­vion, wie­der­findet. In diesem phan­tas­ti­schen Ein­schub im Roman betritt Albert zwei Zimmer. Im ersten wird er visuell mit frü­hesten Kind­heits­er­in­ne­rungen kon­fron­tiert, die seinen tiefen Schmerz inten­si­vieren. Im zweiten Zimmer wird ihm die Erlö­sung geboten, indem er die Mög­lich­keit bekommt, all diese Erin­ne­rungen zu löschen und damit zu ver­gessen. „Jedoch, was täte er ohne das, ohne den ihn tief durch­drin­genden Schmerz? In ihm ist die Erin­ne­rung an den Vater, die Mutter, an Elijah auf­be­wahrt. Dieser Schmerz ist all das, was er selbst ist, ohne diesen Schmerz exis­tiert er, Albert Weisz, nicht.“

 

Der Regis­seur: Filip David

In der Art und Weise wie erzählt wird, wie Zeit und Ort wech­seln und Rea­lität und Fik­tion ver­schwimmen, wird Davids Hin­ter­grund als Dra­ma­turg und Fern­seh­texter spürbar. Die Aus­züge aus Alberts Tage­buch stammen aus unter­schied­li­chen Jahr­zehnten und Phasen seines Lebens, wobei sich das Ereignis des ersten Ein­trags 2004 in New York abspielt. Die Schau­plätze vari­ieren und die Hand­lung ist zeit­lich ver­schach­telt, sie erstreckt sich von seiner frühen Kind­heit bis hin zur Gegen­wart. Neben Albert Vajs’ Geschichte werden auch die Schick­sale anderer Über­le­bender geschil­dert. David nutzt eine Viel­zahl von lite­ra­ri­schen Tech­niken, um diese Geschichten und unter­stüt­zenden Rand­ereig­nisse an die Leser_in zu bringen. Das Buch setzt sich zusammen aus ver­schie­denen Text­sorten, die auch unter­schied­liche Per­spek­tiven umsetzen. Neben den bereits erwähnten Tage­buch­ein­trägen finden sich Traum­se­quenzen, Berichte, Zei­tungs­mel­dungen, Briefe, sowie die klas­si­sche Form des aukt­o­rialen Erzäh­lens.

 

Es bedarf einer eigenen Sprache, um die Abgründe des Bösen erfassen zu können

Vajs und die anderen Holo­caust-Über­le­benden in dem Roman sind auf der Suche nach einer Erklä­rung für die Schmerzen und das Leid, das sie erfahren haben. Dabei ver­su­chen sie, der Natur des Bösen auf die Spur zu kommen. Filip Davids Roman legt sich in dieser für das Werk zen­tralen Frage nicht end­gültig fest. Er schließt an Hannah Arendts Bana­lität des Bösen an und nimmt Umwege über Wahn­sinn, Krank­heit, Abar­tig­keit, obses­siven Zwang zur Destruk­tion, um schließ­lich auch über die irra­tio­nale, über­mensch­liche und kos­mi­sche Natur des Bösen zu sin­nieren. Es finden sich mys­ti­sche, kab­ba­lis­ti­sche und fan­tas­ti­sche Ele­mente, wie Sym­bole, Geheim­bünde, Dämonen oder beses­sene Kinder. Die meiste Zeit bleibt das Buch jedoch rea­lis­tisch, es lassen sich sogar bio­gra­phi­sche Par­al­lelen zu Davids Leben ziehen. Er wurde 1940 in Kra­gu­jevac im König­reich Jugo­sla­wien auf dem Gebiet des heu­tigen Ser­biens geboren und hat den Holo­caust selbst als Kind mit­er­lebt. Wie viele seiner Figuren musste auch er sich vor den Nazis ver­ste­cken und zwi­schen­zeit­lich sogar seine Iden­tität ändern.

 

Ser­biens Rolle im zweiten Welt­krieg

David stellt in seinem Werk die Rea­lität des Holo­caust in Ser­bien poin­tiert und unver­blümt dar. Er erin­nert ein­dring­lich an das ser­bi­sche Quis­ling-Regime und an die Ver­bre­chen an ser­bi­schen Juden. Filip David schreibt folg­lich nicht ein­fach noch einen wei­teren Holo­caust-Roman, er schreibt über den Holo­caust in Ser­bien, über Ver­bre­chen, die auch von Serben an Serben verübt worden sind – ein Thema, über das man in Ser­bien nur ungern spricht. Nach Alek­sandar Tišmas und Danilo Kišs lite­ra­ri­schen Holo­caust­re­fle­xionen liegt uns nun ein an die ser­bi­sche Gegen­wart anschlie­ßender Text auf Deutsch vor. Dass die Über­set­zung noch dazu vom Öster­rei­chi­schen Bot­schafter in Ser­bien, Johannes Eigner, stammt, betont, wie wichtig das Erin­nern bleibt: hier wie dort. Das Haus des Erin­nerns und des Ver­ges­sens ist Eig­ners erste Über­set­zung aus dem Ser­bi­schen. In Gesprä­chen unter­streicht er die anhal­tende Not­wen­dig­keit des Erin­nerns an den Holo­caust, ebenso wie David selbst, mit dem Eigner wäh­rend der Arbeit an der Über­set­zung in regel­mä­ßigem Kon­takt stand.

Zu erin­nern heißt gleich­zeitig eben nicht zu ver­gessen. Ohne die Aus­ein­an­der­set­zung mit unserer eigenen Geschichte, ver­gessen wir. Nur durch aktives Erin­nern ist es mög­lich aus der Kon­ti­nuität des Ver­ges­sens aus­zu­bre­chen und, wie Vajs, das Ver­gessen bewusst abzu­lehnen. Erin­nern bedeutet auch, dass jene Orte, an denen Men­schen zu Tode kamen, nicht in Ver­ges­sen­heit geraten dürfen: auch Saj­mište [ehe­ma­liges Kon­zen­tra­tions- und spä­teres Anhal­telager in Bel­grad, Anm. d. Red.], Topovske Šupe [KZ nahe Bel­grad] oder Sre­bre­nica. Um Mahn­male an diesen Orten wird zur Zeit heftig debat­tiert und gestritten. Davids Buch gemahnt auch daran, dass poli­ti­sche Ängste oder wirt­schaft­liche Inter­essen dabei nicht die zen­trale Rolle spielen dürfen.

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Denkmal am Rand des ehe­ma­ligen KZ Saj­mište in Bel­grad

 

Für Das Haus des Erin­nerns und des Ver­ges­sens hat Filip David 2014 den Preis für den besten Roman der renom­mierten Wochen­zei­tung NIN sowie den Meša-Seli­mović-Preis erhalten.

 

David, Filip: Kuća sećanja i zabo­rava. Beo­grad 2014.
David, Filip: Das Haus des Erin­nerns und des Ver­ges­sens. Aus dem Ser­bi­schen von Johannes Eigner. Kla­gen­furt 2016.

 

Wei­tere Lite­ratur von Filip David (Aus­wahl):
San o lju­bavi i smrti. Beo­grad 2007.
Hodočas­nici neba i zemlje. Beo­grad 1994.
Bunar u tamnoj šumi. Beo­grad 1964.
Frag­menti iz mračnih vre­mena. Beo­grad 1994.

 

Wei­ter­füh­rende Links:
Auto­portret: Filip David (Video in ser­bi­scher Sprache)

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