Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Haken­kreuz, Kreuz und Stern?

Michail Ryklin – der Mos­kauer Phi­lo­soph, hier­zu­lande bekannt vor allem als Mos­kauer Dia­log­partner der fran­zö­si­schen Dekon­struk­tion sowie durch seine Essay­samm­lungen zu Natio­nal­so­zia­lismus und Sta­li­nismus Räume des Jubels (Pros­transtva liko­va­nija) und Ter­ror­lo­giki, hat im Suhr­kamp-Verlag ein Buch ver­öf­fent­licht, das er zu schreiben nicht vor­hatte, dessen Nie­der­schrift sich spontan ent­wi­ckelte als Chronik trau­ma­ti­scher Ereig­nisse.

Mit dem Recht des Stär­keren. Rus­si­sche Kultur in Zeiten der gelenkten Demo­kratie han­delt von der Ver­wüs­tung der Aus­stel­lung „Ach­tung, Reli­gion!“ (Osto­rožno, reli­gija!) im Sach­arow-Zen­trum Januar 2003 durch fun­da­men­ta­lis­tisch ortho­doxe Van­dalen und dem langen juris­ti­schen Nach­spiel, in dessen Ver­lauf nicht etwa die Van­dalen, son­dern der Direktor des Sach­arow-Zen­trums, Jurij Samo­durov, und seine Kura­torin Ljud­mila Vasi­l­ovs­kaja für das ‚Schüren natio­nalen und reli­giösen Zwists’ ver­ur­teilt wurden. Die Ver­tei­di­gung hat beim Straß­burger Gerichtshof für Men­schen­rechte inzwi­schen Beru­fung ein­ge­legt. Ryklins Frau, die Künst­lerin Anna Alčuk saß – sozu­sagen stell­ver­tre­tend für die anderen an der Aus­stel­lung betei­ligten Künstler – mit auf der Ankla­ge­bank, wurde jedoch schließ­lich frei­ge­spro­chen.

Der Essay glie­dert sich in drei Abschnitte: die Ein­lei­tung Eine unver­langte Erzäh­lung, dem mit Doku­menten unter­füt­terten Pro­zess­be­richt Schall und Wahn und dem kom­men­tie­renden Teil Das Recht zu hassen. Eine unver­langte Erzäh­lung widmet sich sehr per­sön­lich dem eigenen emo­tio­nalen Erleben der Gescheh­nisse und den ein­set­zenden psy­chi­schen Mecha­nismen: von der anfäng­li­chen Über­ra­schung, dem Unglauben ange­sichts der Anklage der Geschä­digten des van­da­lis­ti­schen Akts über die gleich­gül­tigen, abwie­gelnden Reak­tionen im Bekann­ten­kreis bis hin zu den Ver­däch­ti­gungen, es müsse doch etwas an den Vor­würfen dran sein, wenn die ‚dumme Geschichte’ nun schon so lange dauere. Hier schon zeichnet sich die per­for­ma­tive Wir­kung von Schau­pro­zessen ab, die Ryklin im Laufe des Buches her­aus­ar­beitet und die er mit dem Goe­b­bels-Apho­rismus, nach dem eine Lüge nur unge­heu­er­lich genug sein müsse, damit man sie glaube, poin­tiert anzu­geben vermag. Der Kreis der Gleich­gül­tig­keit um die Beschul­digten heute ist nicht das­selbe wie jene aggres­sive Leere, welche sich um die Opfer des sta­li­nis­ti­schen Ter­rors bil­dete – er ähnelt ihr aber doch. Über­haupt hat man­ches eine Vor­ge­schichte: Gut zwanzig Jahre zuvor erlebte Ryklin vor sel­bigem Taganer Gericht die Ver­ur­tei­lung seiner Schwie­ger­mutter – und nun wieder das Gefühl, dass die Schuld schon von Beginn an fest­steht, dass die eigenen Anstren­gungen im ‚Ver­fahren der Wahr­heits­fin­dung’ ver­geb­liche Mühe sind. Ryklin zeigt sich ent­täuscht von der man­gelnden Soli­da­rität in Kunst­kreisen und fragt sich, welche Gründe dieser Mangel heute hat. Seine Dia­gnose: eine zuneh­mende Ato­mi­sie­rung ihrer Mit­glieder, ihr Auf­gehen im all­täg­li­chen Exis­tenz­kampf einer rauer gewor­denen Wirk­lich­keit, die Unmög­lich­keit, den irgendwie doch gesi­cherten Under­ground­status ‚spät­so­wje­ti­scher’ Zeiten im markt­wirt­schaft­li­chen Milieu auf­recht zu erhalten.

Teil I Schall und Wahn unter­füt­tert das per­sön­liche Erleben des Pro­zesses mit den Pro­zess­akten und Doku­menten der öffent­li­chen Reak­tion auf diesen. Die Kunst­werke werden cha­rak­te­ri­siert. Einige von den zehn Arbeiten, die im Urteil als ‚läs­ter­lich’ und ‚natio­nalen und reli­giösen Zwist schü­rend’ ein­ge­stuft wurden, sind foto­gra­phisch doku­men­tiert. Etwa Alek­sandr Koso­l­apovs „This is my blood“. Die eine Rekla­me­tafel imi­tie­rende Arbeit zeigt im linken Drittel des Bildes ein aus Marien- und Erlö­ser­bildnis mon­tiertes Gesicht und rechts davon den Schriftzug „Coca-Cola. This is my blood“. Wie viele der Expo­nate lässt sich das Bild schlüs­siger als Kritik an Mas­sen­kultur deuten. Diese Deu­tungs­mög­lich­keit wird im Gut­achten von der Mit­ar­bei­terin am „Institut für All­ge­meine Geschichte“ an der Aka­demie der Wis­sen­schaften (Institut Vse­ob­ščej Istorii RAN) Nata­lija T. Ėneeva auch erwogen; doch alleine die Ver­wen­dung einer Formel der Eucha­ristie in dem säku­laren Kunst­kon­text scheint für den Tat­be­stand der Blas­phemie aus­zu­rei­chen. Diese Experten-Gut­achten, deren Ver­fasser teil­weise ihre Ferne, bzw. offene Ableh­nung von zeit­ge­nös­si­scher Kunst unum­wunden zugeben, zitiert Ryklin aus­giebig. Alle Gut­achter besetzen Stellen, ent­weder im Muse­ums­be­trieb (Tret­jakov-Galerie) oder an der Rus­si­schen Aka­demie der Wis­sen­schaften, an wel­cher Ryklin selbst beschäf­tigt ist. Wäre dem nicht so, hätte man es viel­mehr mit fik­tiven Gut­achten inner­halb eines Romans Soro­kins zu tun, man könnte sich köst­lich amü­sieren. So etwa wenn in der Exper­tise der Lei­terin des „Insti­tuts für sozi­al­öko­no­mi­sche Pro­bleme der Bevöl­ke­rung“ (Institut Social’no-Ėkonomičeskich Pro­blem Nar­odo­na­se­le­nija RAN) Nata­lija E. Mar­kova die zu Sta­lins Zeiten über­be­an­spruchte Theorie des ‚bedingten Reflexes’ (Pavlov, Bech­terev) im Gut­achten auf Foto­gra­fien Oleg Kuliks anwendet. In Bezug auf diese Fotos, auf denen mensch­lich-tie­ri­scher Geschlechts­ver­kehr ange­deutet wird, heißt es: „Der bedingte Reflex, aus­ge­löst durch ein Bild, auf wel­chem die Akte von Men­schen und Tieren ver­ei­nigt sind, mag einen Men­schen auf ewig in einen Zoo­philen zu ver­wan­deln.“ Zum Glück sind die Gut­achter gegen solche Kon­di­tio­nie­rung mit for­maler Schule und Iko­no­logie a la War­burg und Pan­ofsky gewappnet. Klar: da das Volk – oder besser: die Bevöl­ke­rung – nicht über diese ver­fügt, vermag sie sich denn auch nur mit ‚gesunden’ psy­chi­schen Reiz­re­ak­tionen zu schützen – in Akten des Van­da­lismus eben.

Nun leugnet Ryklin nicht, dass Kunst ver­letzen könne, der Gläu­bigen Sucht jedoch, sich ver­letzen zu lassen – zudem von Kunst­werken, die man zumeist nur vom Hören­sagen kennt –, zeugt für ihn von einer ‚mit­tel­al­ter­li­chen’ Logik, in wel­cher es keinen Kunst­raum mit einer auch nur ein­ge­schränkten Auto­nomie geben kann. Die Kirche will dem­nach ihre Deu­tungs­ho­heit über die reli­giösen Zei­chen und deren Ord­nung ver­tei­digen bzw. fes­tigen: es darf keine anderen Spiel­re­geln der Inter­pre­ta­tion geben. Der Kunst­raum ist dann immer schon iden­tisch mit dem Kir­chen­raum, die Aus­stel­lung kon­kur­riert mit dem Got­tes­dienst. Nur in dieser Logik werden die absurden Vor­würfe des Sata­nismus, des Scha­ma­nismus gegen die Künstler ver­ständ­lich.

Ryklin lehnt in diesem Zusam­men­hang auch jene Hin­weise auf die ver­meint­lich ‚geringe Qua­lität der Aus­stel­lung’ ab, mit denen einige Künstler und Kri­tiker sich des Pro­tests ent­hielten oder gar sich von ihr distan­zierten. Dies, so die Argu­men­ta­tion von Ryklin, sehe davon ab, dass weder die Fun­da­men­ta­listen noch die Gerichte sich für diese Frage nach dem künst­le­ri­schen Wert ernst­haft inter­es­sierten; wenn, dann müssten sie diese Frage in der Sprache der Kunst­kritik adres­sieren, wie sie eben im Kunst­raum ange­sie­delt ist. Auch kann er in den Zer­stö­rungen der Kunst­werke keinen ‚Kon­zep­tua­lismus’ erkennen: Dieser mag – wie es etwa Oleg Kulik mit seinen aggres­siven, gewalt­tä­tigen Aktionen vor­ge­führt hat – mit ter­ro­ris­ti­schen Stra­te­gien den Kunst­raum trans­gre­dieren, der Van­da­lismus aber inten­diert eine ein­fache ter­ro­ris­ti­sche Auf­he­bung dieser Grenzen von Außen.

Teil II, Das Recht zu hassen widmet sich den Struk­turen von Politik und Öffent­lich­keit in Russ­land, wie sie der Pro­zess zu Tage för­dern konnte. Ryklin unter­sucht die ideo­lo­gi­sche Neu­erfin­dung Russ­lands als ortho­doxe Nation, wobei er an einer Dosie­rung des Ein­flusses der Rus­sisch-Ortho­doxen Kirche durch die Exe­ku­tive nicht zwei­felt (der ROK, es gibt in Russ­land meh­rere Ortho­doxe Kir­chen ohne grö­ßere Macht­am­bi­tionen). Ryklin nimmt auch an, dass das letzt­lich ergan­gene Urteil – nur Geld­strafen, jedoch eine sprach­lich bedroh­liche Urteils­be­grün­dung – „von ganz oben“ her­un­ter­ge­reicht wurde. Die Gefahr, die Ryklin in diesem ideo­lo­gi­schen Reizen der Instinkte der Massen sieht, kann nicht darin begrenzt werden, dass die Exe­ku­tive bei Bedarf ihren Repres­si­ons­ap­parat spo­ra­disch gegen Neo­fa­schisten richtet. Es ist die Zer­stö­rung der poli­ti­schen Öffent­lich­keit selbst, die den Weg bereiten könnte für eine spe­zi­fisch rus­si­sche Vari­ante des Faschismus.

Wie immer man zu sol­chen Befürch­tungen Ryklins stehen mag, die Cha­rak­te­ri­sie­rung der Pogrom­stim­mung unter den fun­da­men­ta­lis­ti­schen Bela­ge­rern des Taganer Gerichts­saals gehört zum Bedrü­ckendsten des Essays. Irri­tiert von einem gegen die Ange­klagten gerich­teten Auf­schrei einer jungen, reli­giösen „Hys­te­ri­kerin“, man hätte doch nur den Zaren nicht ermorden dürfen, wagt sich Ryklin in die Untiefen reli­giösen Schrift­tums in Russ­land. Er zitiert den Ober­priester Šar­gunov, der die Kon­ti­nuität der jüdi­schen Feind­schaft gegen das Kreuz Christi vom Mord an Christus bis zum Mord am Zaren durch die Bolše­viki behauptet. Mit ihrer ‚tat­säch­li­chen’, nicht nur sym­bo­li­schen Kreu­zi­gung Christi hatten die Künstler auch diese Schuld über­nommen. Der Auf­schrei war kein Ein­zel­fall – die Gruppen der betenden, sin­genden und schimp­fenden Gläu­bigen bil­deten wie der Chor in der grie­chi­schen Tra­gödie einen unab­ding­baren Teil der Insze­nie­rung. Die Gläu­bigen standen vor dem Gerichts­ge­bäude, sangen auf seinen Fluren und beteten in seinen Trep­pen­häu­sern. Sie ver­suchten das Gericht in ein Got­tes­haus zu ver­wan­deln und mit ihrer Prä­senz die ‚Gott­losen’ ein­zu­schüch­tern.

Die ‚Logik’ der reli­giös anti­se­mi­ti­schen Anfein­dungen („ihr Juden“, „Juden­fressen“) wurde im Zeu­gen­stand weiter ent­wi­ckelt. Dort wurde argu­men­tiert, die Künstler – nur wenige unter ihnen waren ‚tat­säch­lich’ Juden – hätten mit der Aus­stel­lung den Anti­se­mi­tismus geschürt. Ange­sichts des Auf­grei­fens dieses natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Kli­schees des jüdi­schen agent pro­vo­ca­teur, wel­cher an dem ‚Nie­der­gang’ seines eigenen Volks arbeitet, mag man ver­stehen, dass Ryklin in diesem Buch so oft – wie einst Hannah Arendt im Hin­blick auf den Tota­li­ta­rismus – den gesunden Men­schen­ver­stand anruft, mit dem in Berüh­rung kom­mend, solche Lügen­ge­bäude augen­blick­lich in sich zusam­men­fallen. Den Ver­such, dem gesunden Men­schen­ver­stand ein tota­li­täres Denken ent­ge­gen­zu­stellen, hatte Ryklin in Räume des Jubels in dekon­struk­tiver Manier stark in Frage gestellt: Zu viele Dif­fe­renzen würden damit getilgt. Auch in Mit dem Rechts des Stär­keren hält er an der Kritik des Begriffes fest: ‚Tota­li­ta­rismus’ sei eben nicht mehr als ein Wort, das in die Umgangs­sprache auf­ge­nommen, einige Ähn­lich­keiten zwi­schen Natio­nal­so­zia­lismus und Sta­li­nismus benennt; er kann jedoch kein aus­ge­bil­detes wis­sen­schaft­li­ches Para­digma dar­stellen. Ryklins „Bilanz“ aber – seine Befürch­tungen eines Faschismus, weil dieser die ein­zige Staats­form sei, die in Russ­land noch nicht kor­rum­piert worden sei – erin­nert, indem sie sich vom doku­men­ta­ri­schen Mate­rial löst, stark an jenes düs­tere, weit­schwei­fige Phi­lo­so­phieren, dessen sich die Phi­lo­so­phin zuweilen beflei­ßigte. Man kann sich daran erin­nern, dass einst auch Hannah Arendt ange­sichts der anti­de­mo­kra­ti­schen Exzesse der McCarty-Ära in Ame­rika einen neuen Faschismus her­auf­kommen sah.
Diese Unbe­stimmt­heit blieb auch in der Dis­kus­sion nach einer Vor­stel­lung des Buches in Anwe­sen­heit des Autors und seiner Frau in der Ber­liner IFA-Galerie am 23. November bestehen. Als eine Fra­ge­stel­lerin das Wort tota­litär ver­wen­dete, um ihrer Betrof­fen­heit Aus­druck zu geben, winkte Ryklin ab – der Zustand Russ­lands erin­nere allen­falls an die Wei­marer Repu­blik.

Eine Arbeit, welche auf der Aus­stel­lung „Ach­tung, Reli­gion!“ zu sehen war – Alek­sandr Doro­chovs „Am Anfang war das Wort“ – stellt in der Form eines Tryp­ti­chons Kreuz, Sowjet­stern und Haken­kreuz neben­ein­ander, an die jeweils ein expres­siver, an Matisse’ Gemälde Der Tanz erin­nernder, mensch­li­cher Körper gekreu­zigt ist (nach dem Van­da­lismus wie­derum über­la­gert von den Worten mraz’ vy besy – Dreckskerl ihr Teufel). Hin­ter­legt sind die Kreuze mit Text­ma­te­rial aus der Bibel, dem Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest und Mein Kampf. Das Gut­achten stört sich an der durch die for­malen Mittel sug­ge­rierten, empö­rende Gleich­set­zung christ­li­cher Sym­bole und bibli­scher Worte mit denen men­schen­ver­ach­tender Ideo­lo­gien. Ist aber eine solche Gleich­set­zung inten­diert? Wenn ja, so meine ich, könnte man auch die Gleich­set­zung des Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests und Mein Kampf bean­standen (in einer Kritik und nicht in einem Pro­zess). Viel­leicht will das Objekt aber viel­mehr mit for­malen Mit­teln Gleich­set­zungen vor­führen, die schnell dahin­ge­sagt sind. Haken­kreuz, viel mehr aber noch Sowjet­stern sind die Sym­bole zweier Pro­jekte der Moderne mit dem Anspruch umfas­sender Neu­schaf­fung der con­ditio humana – und zweier Ver­bre­chen rie­sigen Aus­maßes, jedoch ver­schie­denen Cha­rak­ters. Und wie steht es mit dem Kreuz? Kann es als grund­le­gendes Symbol für den abend­län­disch-christ­li­chen Kul­tur­kreis in ähn­li­cher Weise als ideo­lo­gi­sches Zei­chen fun­gieren? Leuchtet die Ver­bin­dung von Kreuz und Faschismus ein? Viel­leicht sollte man das Kreuz als Zei­chen der Insti­tu­tion der ROK eher als Ele­ment der Neu­erfin­dung Russ­lands als einer der zukünf­tigen ‚impe­rialen’ Groß­mächte deuten? – Sie singt „das alte Ent­sa­gungs­lied. Das Eia­po­peia vom Himmel“ (Heine) für die vielen Ver­lierer der ‚Trans­for­ma­ti­ons­phase’ und grenzt das kul­tu­rell Fremde und teils tat­säch­lich Feind­se­lige, Bedroh­liche aus, was Russ­land sich in seiner langen Impe­ri­al­ge­schichte unter Zar und Stalin her­an­ge­züchtet hat. Viele Fragen stellen sich – deutet sich in der direkten Instru­men­ta­li­sie­rung der Kirche als ideo­lo­gi­schem Zen­sur­ap­parat ein neu­er­li­cher rus­si­scher Son­derweg an, wel­cher mit der Inan­spruch­nahme ‚christ­li­cher Werte’ durch Kon­ser­va­tive in Europa und Ame­rika nicht ver­gleichbar ist? Ist die Gegen­über­stel­lung der Reli­gion mit den modernen Ideo­lo­gien, wenn kein Holz‑, so zumin­dest ein Umweg?

Unbe­ant­wortet bleibt im Buch jeden­falls, und blieb es auch in der IFA-Galerie, was man denn eigent­lich mit der Aus­stel­lung errei­chen wollte. Auf die Frage hin, für wen denn die Aus­stel­lung gedacht gewesen wäre, ant­wor­tete Ryklin, dass eine solche Aus­stel­lung nor­ma­ler­weise von ein Paar Dut­zend Leuten besucht wird („jeder Künstler lädt drei Freunde ein…“). Die kri­ti­sche künst­le­ri­sche Refle­xion von Reli­gion und Kirche inter­es­siert also nur einen ver­schwin­dend geringen Teil der rus­si­schen oder viel­mehr Mos­kauer Öffent­lich­keit. Die Aus­stel­lungs­ma­cher aber schienen vom Schutz ihrer öffent­li­chen Akti­vität durch den Staat aus­zu­gehen. Wenn aber nun, wie es Ryklin nahe legt, die Exe­ku­tive, indem sie den Pro­zess initi­ierte, darauf abge­sehen hatte, das Sach­arow-Zen­trum zu treffen – das seine Ableh­nung des Tsche­tsche­ni­en­kriegs mit einem Pro­test­plakat am Gebäude zum Aus­druck gebracht hatte –, greift dann die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Kirche oder gar ‚der Reli­gion’ nicht zu kurz? Ryklin hat daher Recht, wenn er schreibt, dass mit dem Pro­zess klar wurde, dass sich die Künstler und Intel­lek­tu­ellen der Tat­sache nicht ent­ziehen werden können, dass sie in einem Staat leben, wel­cher einen grau­samen Krieg in Tsche­tsche­nien führt.

Die Soli­da­rität im west­li­chen Aus­land, so Ryklin, habe ihm wäh­rend der Pro­zesse sehr viel geholfen, zudem erhalten seine Befürch­tungen ihre Authen­ti­zität auch aus der Per­spek­tive des Opfers, mit wel­cher er sich in der Ein­lei­tung aus­ein­an­der­setzt. Den­noch sollte man mit sol­chen Kon­jek­turen eines ‚rus­si­schen Faschismus’ hier­zu­lande vor­sichtig sein, denn in Deutsch­land könnte der Aus­druck einen anderen, nicht zuletzt ver­gan­gen­heits­po­li­ti­schen, Sinn annehmen. Die Vor­aus­set­zung jeden­falls, dass man hier in einem unver­sehrten Raum inter­na­tio­naler zivil­ge­sell­schaft­li­cher Kom­mu­ni­ka­tion spricht, mag trü­ge­risch sein. Über­haupt darf man, was die Rezep­tion des Buches anbe­langt, pes­si­mis­tisch sein – wen wird Ryklins Buch berühren? Wie viele werden Svas­tika, krest i zvezda, das in Russ­land zeit­gleich mit der Über­set­zung im kleinen Mos­kauer Logos-Verlag erschien, über­haupt lesen? Und was wird es in Deutsch­land anderes aus­lösen als stillen Stolz über ‚unsere Wer­te­ge­mein­schaft’ (welche jetzt nicht nur wieder ver­mehrt ‚christ­lich’ apo­stro­phiert son­dern auch vom Kosovo bis nach Afgha­ni­stan von deut­schen Sol­daten ver­breitet werden darf). Die Prä­sen­ta­tion in der IFA-Galerie hin­ter­ließ jeden­falls einen fahlen Nach­ge­schmack bei mir. Die Ver­an­stal­tung wurde in fast pas­to­ralen Ton von der Gale­ristin Paula Bött­cher mode­riert und anwe­send waren vor allem Herr­schaften, die ihre „Betrof­fen­heit“ über die Ver­let­zung von Men­schen­rechten aus­drü­cken wollten. Nun sollte man sich vor einem unum­wun­denen Bekenntnis zu Men­schen­rechten, zu Mei­nungs- und Rede­frei­heit, nicht scheuen, aber die Frage ist doch, ob der Westen noch einen gül­tigen Gesell­schafts­ent­wurf anzu­bieten hat. Auch hier­zu­lande ent­so­li­da­ri­siert sich die Gesell­schaft zuneh­mend und den Mar­gi­na­li­sierten wird als Kom­pen­sa­tion die Iden­ti­fi­ka­tion mit dem Abs­traktum der Nation ange­boten oder gar – wenn es sich um ‚Immi­granten’ han­delt – ihre Iden­ti­fi­ka­tion mit der „Wer­te­ge­mein­schaft“ abge­for­dert. Der Zusam­men­hang von Mangel an Soli­da­rität und dem Exis­tenz­kampf in der heu­tigen rus­si­schen Gesell­schaft, auf den Ryklin hin­weist, sollte nicht ver­nach­läs­sigt werden.

 

Michael Ryklin: Mit dem Recht des Stär­keren. Aus dem Rus­si­schen von Gabriele Leu­pold. edi­tion suhr­kamp. Frank­furt a.M. 2006.

www.sakharov-center.ru/museum/exhibitionhall/hall_exhibitions_religion_ostorojno.html [Seite des Sach­arov-Zen­trums mit einer mehr als aus­führ­li­chen Doku­men­ta­tion der Aus­stel­lung, ihrer Zer­stö­rung, des Pro­zesses und der öffent­li­chen Reak­tionen.]

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