Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Das Was­ser­glas im Sturm

Sascha Pot­jomkin und Anna Iwa­nowna – die Namen der beiden Haupt­fi­guren von Boris Schu­matskys neuem Buch lassen einen His­to­rien­roman über das rus­si­sche Zaren­reich im 18. Jahr­hun­dert ver­muten. Statt­dessen ist Die Trot­zigen die Geschichte einer flüch­tigen, kleinen Liebe, einer win­zigen Ost-West-Annä­he­rung inmitten spät­so­wje­ti­scher Umwälzungen.

 

Im August­putsch von 1991, bei dem sowje­ti­sche Panzer über den Roten Platz rollten, kul­mi­nierte der Wider­stand der kon­ser­va­tiven Kräfte gegen die Pere­strojka- und Glasnost’-Politik Gor­bačevs. Obwohl der Auf­stand letzt­end­lich an den Bar­ri­kaden des eigenen Volkes schei­terte, stellt er eine Zäsur in der Geschichte des Landes und den Anfang des Endes der Sowjet­union dar.

Dies alles erfährt man in Boris Schu­matskys neuem Roman Die Trot­zigen nicht. Hier schaltet Sascha Pot­jomkin nur seinen alten, kaputten Fern­seher ein und ver­sucht darauf zu erkennen, was es mit diesem Putsch auf sich hat. Aber der Fern­seher kann nur ent­weder Bild oder Ton von sich geben, meis­tens aber keins von beidem, also bleiben die Panzer und der Putsch eine sche­men­hafte Erschei­nung. Die Unklar­heit dar­über, was da eigent­lich gerade pas­siert, macht für Sascha seinen Aus­rei­se­an­trag aus der Sowjet­union nur noch dring­li­cher. Seine Fahr­karte in den Westen soll Anna Iwa­nowna sein, und das Geschehen in Moskau bildet nur den Hin­ter­grund für die chao­ti­sche Bezie­hung, die die beiden seit einer Weile führen. Anna heißt eigent­lich Adel­heid und kommt aus West­deutsch­land. Sie arbeitet in der sowje­ti­schen Haupt­stadt bei einer Hilfs­or­ga­ni­sa­tion, möchte Teil des Umbruchs sein, dort, wo was los ist. Sie rasiert sich den Kopf, macht Kunst­pro­jekte mit Bar­bie­puppen und ver­teilt Essen an die Putsch-Wider­ständler auf den Barrikaden.

Anna und Sascha sind die beiden Trot­zigen, um die es in Schu­matskys Roman geht. Saschas Frei­heits­drang und Annas Streben nach Selbst­ver­wirk­li­chung geraten immer wieder mit­ein­ander in Kon­flikt, sie suchen nicht ein­ander, son­dern das, was der jeweils andere für sie sym­bo­li­siert. Anna braucht die Roh­heit des sowje­ti­schen Man­gels, um sich ihre spieß­bür­ger­liche Ver­gan­gen­heit abzu­kratzen, Sascha möchte dem Grau Mos­kaus ent­kommen, nach Deutsch­land, dorthin, wo Anna ihre Frei­heit erlernt hat.

Die Aus­reise gelingt, jedoch findet Sascha dieses Mos­kauer Grau nicht nur in der DDR wieder, die er zwei Jahre zuvor bereist hat. Das Grau spie­gelt sich auch im West­berlin der frühen Neun­zi­ger­jahre, in der Haus­be­set­zer­szene und der Büro­kratie auf den Ämtern. Hier bedeutet Selbst­fin­dung für Sascha ledig­lich, dass er sich ent­scheiden muss, ob er sich, um im Land zu bleiben, auf dem Amt als jüdi­scher Aus­siedler aus­weist oder einen Mann hei­ratet. Eine Münze ent­scheidet letzt­end­lich über „schwul“ oder „jüdisch“.

 

Das Chaos als Sehnsuchtsort

Boris Schu­matsky, der 1965 in Moskau geboren wurde und seit Anfang der 1990er in Deutsch­land lebt und auf Deutsch schreibt, bleibt in Die Trot­zigen dem Haupt­thema seines bis­he­rigen Werkes treu. Denn nicht nur in seinem Debüt­roman Sil­vester bei Stalin und dem Essay­band Der neue Untertan, son­dern auch in vielen seiner Kolumnen für ZEIT, NZZ, FAZ und andere werden immer wieder die Sowjet­union und ihre poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Aus­wir­kungen in den Fokus gerückt. Und so por­trä­tiert Schu­matsky auch in Die Trot­zigen durch seine Prot­ago­nisten vor allem die rus­si­sche Gesell­schaft, die er selbst vor mehr als zwanzig Jahren hinter sich gelassen hat. Hierin liegt eine der beson­deren Stärken des Romans. Denn trotz der ver­hee­renden Zustände, die durch Alko­ho­lismus, Man­gel­wirt­schaft, Infla­tion und Regie­rungs­chaos cha­rak­te­ri­siert sind, bleibt der Blick auf dieses Russ­land ein sehr lie­be­voller, fast sehn­süch­tiger, ohne sich dabei in ver­klärter Nost­algie zu ergehen. Die Men­schen sind ein­ander wohl­ge­sonnen, die Kälte lässt sie zusam­men­rü­cken, Kon­flikte ent­stehen durch ungüns­tige Umstände, nicht durch Hass. So werden beide Seiten nach­voll­ziehbar, Saschas Streben nach dem ver­meint­lich gol­denen Westen, und Annas Fas­zi­na­tion für den ver­meint­lich kargen Osten.

 

Das Leben im Dazwischen

Diesen Ein­druck ver­stärkt Schu­matsky noch dadurch, dass er den gesamten Roman über zwi­schen den Per­spek­tiven der beiden Prot­ago­nisten sowie ihrer Freunde Max und Denis hin und her wech­selt. Das kann oft­mals ver­wirren, zumal teil­weise nicht nur zwi­schen Per­spek­tiven, son­dern auch Zeit­punkten gesprungen wird. Dabei vari­iert das Tempo sehr; wich­tige Ereig­nisse werden nur im Vor­bei­gehen ange­rissen, wäh­rend kleine, neben­säch­liche Szenen in die Länge gezogen werden. Aber so bekommt die Erzähl­weise etwas Fil­mi­sches, erst nach einer Weile fügt sich ein Gesamt­bild zusammen, das die kleine soziale Enklave um Sascha anschau­lich und fühlbar macht.

Die ein­zige Schwäche des Romans liegt darin, dass es dem haupt­be­ruf­li­chen Publi­zisten Schu­matsky oft schwer­fällt, leben­dige Dia­loge zu schreiben, die sich nicht wie am Reiß­brett ent­worfen lesen. Ins­be­son­dere den vier Haupt­fi­guren fehlt es an eigenem Klang, einer unver­wech­sel­baren Stimme, die sie zum Leben erweckt. Statt­dessen werfen sie sehr viel mit tief­gründig wir­kenden Flos­keln um sich, mit Sprü­chen, die man zitieren können soll. Einige Gespräche wirken dadurch – pas­send zu Saschas spre­chendem Namen – wie ein Potem­kin­sches Dorf: vor­der­gründig eine beein­dru­ckende Fas­sade, dahinter aber wenig Sub­stanz – und wenig Leben.

Nichts­des­to­trotz gelingt es Boris Schu­matsky in Die Trot­zigen über 384 Seiten nicht nur von einer miss­glückten Liebe vor dem Hin­ter­grund eines miss­glückten Put­sches zu erzählen, ohne dass es lang­weilig wird. Der große Reiz des Romans liegt in der Beschrei­bung des Lebens­ge­fühls im Dazwi­schen, in der Auf­bruchs­stim­mung, die in einem fort befeuert und ent­täuscht wird und die Figuren zum Spiel­ball ihrer eigenen Wün­sche und Träume macht. Und gleich­zeitig ist auch der Aktua­li­täts­bezug wie so oft nicht weit – die gewalt­samen Umwäl­zungen, die Ver­schrot­tung alter Sta­tuen, die demons­trie­renden Massen zeigen uns: Einen Sascha und eine Anna gibt es zu jeder Zeit irgendwo.

 

Schu­matsky, Boris: Die Trot­zigen. Berlin: Blumenbar/Aufbau, 2016.

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