Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Cha­diža, die Schwarze Witwe

Im Stadt­zen­trum von Machatschkala in Dage­stan umzin­gelt eine Spe­zi­al­ein­heit einen Häu­ser­block. Die Spe­cial Ope­ra­tion ist gegen eine radikal-isla­mis­ti­sche Grup­pie­rung gerichtet, die sich in einem Wohn­block ver­schanzt hat. Ein­satz­kräfte in schwarzen Masken und Camou­flage ver­su­chen die Situa­tion mit Scharf­schützen und schwerer Muni­tion unter Kon­trolle zu bringen. Die junge Cha­diža ist Augen­zeugin dieses Dramas und findet keine Erklä­rung. Sie kann nicht ver­stehen, wes­halb Ter­ror­an­schläge verübt werden und warum Men­schen auf diese Weise sterben müssen – noch nicht.

 

In Dnevnik Smert­nicy – Cha­diža  zeichnet Marina Ach­me­dova den Weg einer jungen Frau aus Dage­stan nach, die vom unbe­darften Mäd­chen zur Selbst­mord­at­ten­tä­terin wird. Sie ent­wirft ein psy­cho­lo­gi­sches Por­trait in Form von Tage­buch­ein­trägen und deckt die Gedanken des Mäd­chens auf, die letzt­end­lich zum Tod unschul­diger Men­schen führen.

 

Das gelingt ihr auch des­wegen sehr über­zeu­gend, weil sie Sze­na­rien beschreibt, die sie als Kor­re­spon­dentin der rus­si­schen Zeit­schrift „Expert“ in Dage­stan selbst mit­er­lebt hat. Die meisten ihrer Berichte han­deln von Orten, die man frei­willig kaum betreten möchte: Mit Cha­diža kam 2011 Ach­me­dovas drittes Buch auf den Markt, nach Tage­buch einer tsche­tsche­ni­schen Frau (Ženskij čečenskij dnevnik, 2010) und Haus der Blinden (Dom sle­pych, 2011). Es ist ihr ein­ziges Werk, das mit dem rus­si­schen Lite­ra­tur­preis „Natio­naler Best­seller 2012“ aus­ge­zeichnet wurde. Bis­lang ist es nur ins Litaui­sche über­setzt.

 

Geschickt ver­knüpft Ach­me­dova in Cha­diža Kennt­nisse, die aus ihren aus­führ­li­chen Gesprä­chen mit poten­zi­ellen Atten­tä­te­rinnen und mit isla­mis­ti­schen Anfüh­rern stammen, mit dem Plot des fik­tiven Tage­buchs. Über ihre jour­na­lis­ti­sche Arbeit ebnet sie sich und dem Leser den Weg in eine dem Rest der Welt weit­ge­hend unbe­kannte Region, die seit vielen Jahren von Ter­ror­an­schlägen erschüt­tert wird. Kennt­nis­reich und glaub­würdig stellt sie dar, wie sich der Terror aus­breitet. Und die Rolle des Ver­mitt­lers über­nimmt die junge Prot­ago­nistin Cha­diža.

 

Zunächst lebt Cha­diža bei ihren Groß­el­tern, denn ihre Eltern sind ver­storben, als sie noch ein kleines Kind war. Cha­diža scheint sich allein zu fühlen und beschließt zu schreiben: „Ich habe nie dar­über nach­ge­dacht, je etwas über mich oder meinen Alltag zu schreiben. Aber als ich dieses Schloss am Tage­buch sah, hatte ich den Wunsch, dem Buch alles zu erzählen, weil es genauso ver­schlossen ist wie ich selbst. Ich bin es gewohnt, meinen Mund und mein Herz nicht zu öffnen. Gott bewahre, dass jemand dieses Tage­buch findet und es liest. Dann wird er meine Schande erfahren, über die ich schon so lange schweige und die ich hinter diesem kleinen Schloss bewahre.“

 

Über den Ein­blick in Cha­dižas Gedan­ken­welt und das auto­die­ge­ti­sche Erzählen der jungen Prot­ago­nistin wird nach­voll­ziehbar, wie sie zur fana­ti­schen, radi­kalen Isla­mistin wird. Cha­dižas ein­fache Sprache, die an man­chen Stellen sogar gram­ma­ti­ka­lisch unkor­rekt und mit einem Hauch länd­li­chen Dia­lekts ver­sehen ist, authen­ti­fi­ziert zusätz­lich die Per­spek­tive eines kleinen Mäd­chens vom Lande. Der Leser leidet förm­lich mit Cha­diža mit, wäh­rend sie ver­sucht, die see­li­schen Pei­ni­gungen und unver­ar­bei­teten Trau­mata ihrer Kind­heit im Tage­buch hinter sich zu lassen. Dabei gelingt es Ach­me­dova, den Leser bis zum Schluss in Span­nung zu halten. Es bleibt lange Zeit unvor­her­sehbar, wohin sich das kleine Mäd­chen ent­wi­ckeln wird.

 

Als Cha­diža alt genug ist, nehmen Ver­wandte sie in die Groß­stadt Machatschkala mit, damit sie an der Uni­ver­sität Fremd­spra­chen stu­dieren kann. Diesem neuen Lebens­ab­schnitt ist der zweite Teil des Romans gewidmet. Obwohl Cha­diža langsam zu einer Frau her­an­wächst, lebt in ihr das kleine, naive Mäd­chen weiter: „Ich habe mich über­haupt nicht ver­än­dert, habe keine ein­zige Fremd­sprache gelernt und habe keine ein­zige Prü­fung selb­ständig bestanden. Obwohl, ich habe mich wohl falsch aus­ge­drückt – ich habe mich ver­än­dert, aber nicht gerade zum Bes­seren und ich trage jetzt einen Nerz­mantel.“

 

Die Kor­rup­tion in Dage­stan ist ein schwer­wie­gendes Pro­blem, das der Tage­buch­roman nicht außen vor lässt. Bestech­lich­keit und Macht­gier rui­nieren Fami­lien, in Ach­me­dovas Roman wie auch im wirk­li­chen Leben. Prü­fungen, darauf lassen Cha­dižas Tage­buch­ein­träge rück­schließen, werden mit der rich­tigen Summe für den Prüfer zu einer bes­seren Bewer­tung „geschmiert“: „Schmierst du den Lehrer mit Drei­tau­send, bekommst du ‚befrie­di­gend’ und für Fünf­tau­send ‚sehr gut’.“ Wie Saturn frisst die Kor­rup­tion in Dage­stan die eigenen Kinder und rächt sich an ihnen. Viele dort bekommen das zu spüren und der Ver­trau­ens­ver­lust der Bevöl­ke­rung sowie die Fehl­leis­tung diverser Insti­tu­tionen wachsen stetig.

 

An der Uni­ver­sität trifft Cha­diža ihre Kind­heits­liebe wieder. Machač Kazi­bekov ist der Sohn eines Gene­rals. Das Glück der beiden scheint bald per­fekt zu sein. Doch da die Ver­wandten gegen ihre Liebe sind, beschließen sie zu fliehen, um heim­lich zu hei­raten. Als der Leser die Gefahren bereits für über­standen hält, wird klar, dass Machač einer ver­bo­tenen, radikal-isla­mis­ti­schen Grup­pie­rung ange­hört. Cha­diža jedoch bleibt auf eine kind­liche Weise vom Glück ver­blendet, sodass sie das dro­hende Unheil nicht bemerkt oder nicht bemerken möchte.

 

Wenn der dritte Teil des Romans dann unver­mit­telt mit den Worten „Im Namen des barm­her­zigen und gnä­digen Gottes“, dem wohl­be­kannten Anfang der Suren des Korans, beginnt, lässt das einen grund­sätz­li­chen Wandel im Leben Cha­dižas, die bis dahin nicht als Gläu­bige auf­trat, erahnen. Cha­diža findet sich inmitten eines Krieges wieder, der aus dem Hin­ter­halt geführt wird und an dem Machač betei­ligt ist. Ach­me­dova führt am Bei­spiel von Cha­dižas Schicksal die alter­na­tivlos erschei­nenden Umstände vor, die junge Mäd­chen gera­dezu in die Arme radi­kaler Grup­pie­rungen treiben. Der Autorin gelingt es, uns das Motiv der Ent­schei­dung eines jungen Mäd­chens auf sehr aus­ge­klü­gelte Art und Weise nahe­zu­bringen.

 

Als Cha­diža sich ent­schließt, als Schwarze Witwe bei einem Anschlag auf die Mos­kauer Metro zu sterben, notiert sie in ihrem Tage­buch: „Ich schreibe diese Zeilen, ver­schließe meine Augen und frage mich selbst – wes­halb ist das Leben so gestrickt, dass man daran nichts mehr ändern kann?“ Dage­stan, so lässt Ach­me­dova durch­scheinen, befindet sich in einer nahezu aus­sichts­losen Situa­tion, in der Unge­rech­tig­keit, Kor­rup­tion und zu einem gewissen Grad auch Frau­en­ver­ach­tung eine unfass­bare Rea­lität dar­stellen, der zu ent­kommen nur schwer mög­lich ist. Ach­me­dova ver­sucht nicht in Schutz zu nehmen oder Ent­schei­dungen zu recht­fer­tigen. Sie ver­weist durch die Prot­ago­nistin aber auf die Umstände, die für diese Ent­schei­dung, auf den Knopf zu drü­cken, ver­ant­wort­lich sind.

 

Schluss­end­lich bleibt es dabei am Leser und der Leserin zu über­legen, welche Art von Authen­ti­zität dieser in die Form des Tage­buchs geklei­dete fik­tio­nale Text erzeugt und wie viel die Dar­stel­lung Dage­stans zugleich über die rus­si­sche Per­spek­tive der Autorin verrät.

 

Ach­me­dova, Marina:  Dnevnik Smert­nicy – Cha­diža. Moskva 2011.

Alle Zitate wurden von Olga Mit­yus­hen­kova aus dem Rus­si­schen über­tragen.

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