Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Der bul­ga­ri­sche Exis­ten­zia­list

Unge­wohnt, doch mit gewohnter Wärme und Witz erzählt Gos­po­dinov in seinen Kurz­ge­schichten vom Gewöhn­li­chen

Was für einen Sinn hat das mensch­liche Dasein? Nir­gends sind wir offen­sicht­li­cher mit dieser exis­ten­zi­ellen Frage kon­fron­tiert als im Ange­sicht des Todes. Georgi Gos­po­dinov zeigt uns, dass es keinen Grund zu ver­zwei­feln gibt, solange der Mensch im Geiste frei und der Alltag voll Fan­tasie ist.

 

„In der Minute, in der du diesen Text zu lesen beginnst, kann die Sonne bereits erlo­schen sein, du weißt es nur noch nicht. Dir bleiben noch 8 Minuten und 19 Sekunden, bis dich die Nach­richt von ihrem Tod erreicht.“ Es ist ein beklem­mendes Gedan­ken­spiel, das Georgi Gos­po­dinov gleich zu Beginn in der titel­ge­benden Erzäh­lung seines Kurz­ge­schich­ten­bandes 8 Minuten und 19 Sekunden ein­führt. Was tun wir, wenn das Ende kurz bevor steht? Gos­po­di­novs Ant­wort: Wir sehen uns den letzten Son­nen­un­ter­gang an – mit unver­krampfter, fast schon gelas­sener Genüg­sam­keit.

 

Apo­ka­lypse und Melan­cholie

In den Geschichten des Bandes 8 Minuten und 19 Sekunden (I vsičko stana luna, 2013, dt. 2016), aus dem Bul­ga­ri­schen über­setzt von Alex­ander Sitz­mann, steuern die Prot­ago­nisten auf ihr Ende zu. Die Tragik der Figuren ergibt sich bei Gos­po­dinov jedoch nicht aus der bevor­ste­henden Apo­ka­lypse, son­dern aus der ruhigen Melan­cholie, mit der sie ihr Schicksal hin­nehmen. Im Ange­sicht der Ver­gäng­lich­keit und Bana­lität des Daseins lebt es sich leichter. Darum besteht für Gos­po­dinov auch kein Grund, ins Pathe­ti­sche oder Thea­tra­li­sche zu ver­fallen. Er weiß viel­mehr, wie er uns die Absur­dität des Lebens scho­nungslos vor Augen halten kann. Zum Bei­spiel, wenn die Prot­ago­nistin in der Geschichte Do not dis­turb plant, sich vom Dach eines Hotels zu stürzen, sich dann aber die Frage stellt, warum sie sich über­haupt noch ihrer mor­gend­li­chen Schön­heits­pflege hin­gibt. Sie will den Abend doch gar nicht mehr erleben. Wenn die reflex­ar­tigen Rou­tinen ihre Bedeu­tung ver­lieren, sind wir gänz­lich auf uns selbst und unser Tun zurück­ge­worfen. Durch das wie­der­ge­won­nene Bewusst­sein um unsere Frei­heit eröffnen sich jedoch glei­cher­maßen neue Per­spek­tiven, die dem Leben wieder Würde ver­leihen können: ein durchaus exis­ten­zia­lis­ti­scher Blick auf die Welt.

Die Welt wie­derum blickt auf Gos­po­dinov, seit er mit seinem 2014 auf Deutsch erschie­nenen zweiten Roman Physik der Schwermut Furore machte. Dort­se­ziert er in essay­is­ti­schem Stil mit­hilfe von Erin­ne­rungs­frag­menten, Ideen, Ver­satz­stü­cken und kurzen poe­ti­schen Aus­schwei­fungen das Leben einer bul­ga­ri­schen Familie. Schon sein Roman­erst­ling Natür­li­cher Roman ließ erahnen, dass Gos­po­di­novs Stärke gerade in den Anek­doten, in frag­men­ta­ri­schen und skiz­zen­haften Erzähl­stü­cken liegt.In seinen 19 Kurz­ge­schichten über­zeugt er nun davon, dass er auch die kleine Pro­sa­form beherrscht. Hier kann er Gedan­ken­ex­pe­ri­mente, Asso­zia­tionen und phan­ta­sie­volle Ver­knüp­fungen von beson­derer Kraft ent­wi­ckeln. So „adop­tiert“ ein ein­samer Wai­sen­junge einen Vater, um fami­liäre Gebor­gen­heit nach­emp­finden zu können. Doch dieser Vater ist aus­ge­rechnet eine Sta­lin­büste! Jede erzäh­le­ri­sche Idee for­dert den Leser erneut heraus, sich auf Uner­war­tetes ein­zu­lassen und das Beson­dere im Alltag zu finden. Immer wieder sind wir ange­halten, aus unserem Gewohn­heits­denken aus­zu­bre­chen und hinter das scheinbar Offen­sicht­liche zu bli­cken.

 

Geschichten vom Balkan?

In seiner The­men­wahl setzt Gos­po­dinov dabei durchaus auf Muster, die wir bereits von ihm kennen. Die Geschichten sind, wie stets, geprägt von den Erfah­rungen des Autors und der Geschichte und Kultur Bul­ga­riens. Ein wie­der­keh­rendes Motiv ist die Leer­stelle, die jene hin­ter­lassen, die ihre Heimat ver­lassen. So wartet ein Mann im Ange­sicht des Todes darauf, dass sein Sohn noch einmal in die Heimat zurück­kehrt. In einer anderen Geschichte besucht ein Freund nach 14 Jahren zum ersten Mal wieder Sofia und schlägt als Treff­punkt ein nicht mehr exis­tie­rendes Mau­so­leum vor. Die Vor­stel­lung vom Balkan als Peri­pherie, die junge Men­schen ver- und hinter sich lassen, wird auf­ge­griffen und zugleich humo­ris­tisch ver­ar­beitet.

Darauf lässt auch die Geschichte um eine Film­crew schließen. Hier werden Ste­reo­type beson­ders auf­fällig prä­sen­tiert: Die Crew will eine Hoch­zeit in einem abge­schie­denen bul­ga­ri­schen Dorf insze­nieren. Die Hoch­zeits­gäste, die von Sta­tisten gespielt werden und zugleich echte Dorf­be­wohner sind, müssen ohne das sich im Aus­land befind­liche Braut­paar feiern und beklagen dabei allzu real die leeren Stühle: „Jeder hat einen sol­chen leeren Stuhl im Haus“, heißt es in der der Geschichte. Spiel und Rea­lität, Bal­ka­nismen und migra­ti­ons­so­zio­lo­gi­sche Fakten gehen inein­ander über. Die Hoch­zeits­gäste insze­nieren – unfrei­willig und ent­gegen dem ursprüng­li­chen Dreh­buch – letzt­lich Bal­kan­ste­reo­type. Sie tragen alte abge­wetzte Anzüge, denn zeit­ge­mäße Fest­tags­klei­dung besitzen die Dorf­be­wohner schlicht und ergrei­fend nicht. Unter­dessen fragt sich der Kame­ra­mann, wann sie wohl zuletzt ein der­ar­tiges Fest­mahl vor­ge­setzt bekommen haben. Am Ende muss der Lamm­braten mit Diesel über­gossen werden, damit die ein­hei­mi­schen Schau­spieler nicht in Ver­su­chung geraten, die Requi­site zu ver­zehren.

Im Inter­view mit novinki stellte Gos­po­dinov klar, dass er sich nicht als typi­schen Ver­treter des Bal­kans sieht. So baut er die typi­schen Kli­schees bal­ka­ni­scher Dörf­lich­keit und Peri­pherie über­wie­gend spie­le­risch in die Geschichten ein, um unsere Vor­stel­lungen zu hin­ter­fragen und auf die Viel­fäl­tig­keit des Raumes hin­zu­weisen. Sein Credo: Der Balkan lässt sich nicht ver­all­ge­mei­nern; bei seiner eigenen Dar­stel­lung han­delt es sich nur um „eine mög­liche bal­ka­ni­sche Iden­ti­fi­ka­tion“. Zudem ver­ur­teilt Gos­po­dinov weder seine Figuren, noch die Ste­reo­type, die er selbst auf­greift. Sie dienen eher dazu, dem Leser ein Schmun­zeln auf die Lippen zu zau­bern und for­dern dazu auf, weder den Autor noch unsere eigenen Vor­stel­lungen und Vor­ur­teile allzu ernst zu nehmen.

Das ver­bin­dende Ele­ment in allen Geschichten ist neben dem apo­ka­lyp­ti­schen Sze­nario die Beschrei­bung der con­ditio humana, durch­woben von Melan­cholie und Empa­thie. Gos­po­dinov schafft es, diese Schwermut in unter­schied­lichsten Sze­na­rien durch­scheinen zu lassen, sie aber immer mit einem Hauch von Ironie und Witz zu ver­sehen. Tribut zu zollen ist hier dem preis­ge­kröntem Über­setzer Alex­ander Sitz­mann, der Gos­po­di­novs lako­ni­sche Poetik unauf­ge­regt und mit Sinn für sti­lis­ti­sche Nuancen ins Deut­sche über­tragen hat. Und so erwischt man sich beim Lesen bei dem Gedanken: Hof­fent­lich ist es doch noch nicht zu Ende.

 

Gos­po­dinov, Georgi: I vsičko stana luna. Plovdiv 2013.
Gos­po­dinov, Georgi: 8 Minuten und 19 Sekunden. Aus dem Bul­ga­ri­schen von Alex­ander Sitz­mann. Graz/Wien 2016.

 

Wei­tere Lite­ratur von Georgi Gos­po­dinov:
Estestven Roman. Sofia 1999.
Natür­li­cher Roman. Aus dem Bul­ga­ri­schen von Alex­ander Sitz­mann. Graz/Wien 2007.
Fizika na tagata. Plovdiv 2011.
Die Physik der Schwermut. Aus dem Bul­ga­ri­schen von Alex­ander Sitz­mann. Graz/Wien 2014.

 

Wei­ter­füh­rende Links:
Von Facet­ten­augen, Theater-Scratch und der Inven­ta­ri­sie­rung des Sozia­lismus. novinki-Inter­view mit Georgi Gos­po­dinov vom 22.07.2008.

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