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Im Freiraum der Sprache – Valzhyna Mort auf den Spuren der eigenen poetischen Tradition

Posted on 19. Dezember 2013 by Lena Muchin
Landschaft und Erinnerung verschmelzen miteinander. Die Illusion der Sesshaftigkeit trifft auf die fluide, nomadische Welt, die „wie die See gegen wasserlose Wände pocht“. Die Sprache wird zum Zufluchtsort. Unter dem Titel "Kreuzwort" sind in diesem Jahr Gedichte und Prosatexte von Valzhyna Mort bei Suhrkamp erschienen.

Valzhyna Morts Gedichtband Collected Body (2011) erschien dieses Jahr in deutscher Übersetzung unter dem Titel Kreuzwort im Suhrkamp-Verlag. Die Lyrikerin stammt aus Weißrussland und lebt seit 2005 in den Vereinigten Staaten. Im Sommersemester 2013 vertrat sie die Siegfried-Unseld-Gastprofessur am Institut für Slawistik der Humboldt-Universität zu Berlin und bereicherte die Studierenden mit Seminaren zum kreativen Schreiben.

 

Neben den Gedichten, die im Original auf Englisch erschienen waren und jetzt in sehr feinsinnigen Übertragungen von Uljana Wolf zu lesen sind, enthält ihr neuer Band drei Prosatexte, die Katharina Narbutovič aus dem Weißrussischen ins Deutsche übersetzt hat. Im Text Tante Anna wird das Gedächtnis auf einer Insel in der Nordsee belebt. Die Sonne hat ihre Funktion als Mittelpunkt verloren, die sie noch in der Literatur des Sozialistischen Realismus innehatte. Sie ist hinter einem Wolkenschleier gefangen wie ein Insekt im Spinnennetz. Die weißrussische Sprache wurde in der Sowjetunion dem Russischen unterworfen. Jetzt, in diesem matten Nordlicht, ist die Erinnerung wieder möglich.

 

Die Insel taucht auch in den englischen Gedichten (Sylt I, Sylt II, Island) auf – als Topos eines kollektiven Gedächtnisses. Hier verschmelzen Landschaft und Erinnerung miteinander. Träger der Erinnerung ist das Wasser, auf dessen Oberfläche Reisen stattfinden und verloren geglaubte Bilder wieder wach gerufen werden: „Das Wasser liegt so flach wie Fell, das eine Katze leckte. / Ein Vogel, der sogar von weitem groß erscheint, / glaubt, das Meer wäre sein Ei. / Er sitzt geduldig auf dem Wasser, / fühlt seine leisen Stöße dann und wann.“

 

Auf die fluide, nomadische Welt, die „wie die See gegen wasserlose Wände pocht“, trifft die Welt des Sesshaften und Verankerten im Prosastück Tante Anna, die im Dorf M. ihre Gestalt findet. Unweit des Dorfes stand auch das Sommerhaus der Eltern, an das sich die Ich-Erzählerin erinnert. Hier spielte sie als Kind auf den Weiden mit den Maulwurfshügeln, beobachtete Tiere und Pflanzen bis in die Abendstunden und saß auf der Veranda. Ein Friedhof wird als der schönste Garten mit Blumen und Vögeln beschrieben. Kindheitserinnerungen an Landschaften, Häuser und Menschen gehen Hand in Hand mit Bildern von Milchkannen und Bäuerinnen, die ihre Kühe melken. „Der vom Blut erwärmte Dampf, der über der Milch aufstieg – es ist der gleiche Dampf, der wie ein Nimbus über dem Dung aufsteigt und zwischen Erhabenem und Abstoßendem nicht unterscheidet.

 

Das dörfliche Panorama wird wieder aufgelöst. Spuren von Geschichte erscheinen: Tante Anna, die nach Tjumen gebracht wurde und in Sägewerken arbeitete, 2784 Kilometer nach P. zurück lief, festgenommen wurde (als sie in ihr altes Haus zurückkehren wollte), zurück zum Ural gebracht und wieder gezwungen wurde, in einem Wagonwerk zu arbeiten.

 

Die Lyrikerin erzählt hier ihre eigene Familiengeschichte und lässt die Leserin daran teilhaben: „Ich wuchs auf in einer Illusion; meine Vorfahren warenseit Generationen sesshafte Bauern, die nie ihren Wohnort wechselten, dachte ich. Aus den Erzählungen der Frauen in meiner Familie erfuhr ich, dass meine weiblichen Vorfahren in kontinuierlicher Bewegung lebten und immer wanderten“, erzählt sie in einem Poesiegespräch und fährt fort: „Resultiert Bewegung aus Krieg und Repression und nicht aus freiem Willen, wird Sesshaftigkeit zum größten Wert – das Bauen von Häusern und das Sich- Niederlassen zum Zwang einer Gesellschaft. Ich fing an zu schreiben, weil ich nicht zu dieser Gesellschaft gehören wollte. Meine Eltern sortierten immer etwas in Kisten ein und träumten von einem Zuhause, das nie eintreffen sollte.“

 

Von der unverwirklichten Rückkehr in die ersehnte Heimat ist auch im Gedicht Stach Rex die Rede. Stach, wie Valzhyna Mort erwähnt, ist eine Figur aus der weißrussischen Folklore. Diese fiel, wie die weißrussische Sprache der russischen, dem Kanon des Sozialistischen Realismus zum Opfer. Das Bücherregal der Eltern ging allerdings weit über diesen Kanon hinaus: „Obwohl einige Autoren unterschiedliche Anschauungen hatten, durften alle Bücher gelesen werden“, erzählt sie und nennt die Bibliothek im Haus ihrer Kindheit „Die Republik der Schriftsteller“, die in Zeiten der Diktatur zum Zufluchtsort wurde wie die Sprache selbst.

 

Heimat ist nicht zwingend an den Ort gebunden, an dem man geboren ist. Möglicherweise ist sie aber auch nicht außerhalb der eigenen Stadtmauern zu finden. Es ist jedoch auch ein Gefühl von Freiheit, das das Unterwegssein vermittelt. Durch die Leere der Landschaft zu gehen, heißt auch, an keinem Ort für immer zu bleiben, und weil der Dichter an verschiedenen Orten immer jemand anderes ist, verliert er damit auch für die Zeit seines Aufenthalts einen Teil der eigenen Individualität, wodurch die Identitätssuche erst wieder möglich wird. Auf dieser Suche bleibt er letztlich einsam, auch wenn sie sich vor der Folie der kollektiven Erinnerung vollzieht. Der Eindruck von Einsamkeit bleibt auch im Leser: „Die Sonnenblasen auf dem Horizont heilen ab / lassen kaum sichtbar eine Narbe zurück“, sind die letzten Zeilen des Gedichts Insel.

 

Mort, Valzhyna: Kreuzwort. Aus dem Englischen von Uljana Wolf, aus dem Weißrussischen von Katharina Narbutovič. Berlin: Suhrkamp, 2013.
Mort, Valzhyna: Collected Body. Port Townsend, Washington: Copper Canyon Press, 2011.

Im Freiraum der Sprache – Valzhyna Mort auf den Spuren der eigenen poetischen Tradition – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Im Frei­raum der Sprache – Valz­hyna Mort auf den Spuren der eigenen poe­ti­schen Tradition

Valz­hyna Morts Gedicht­band Collected Body (2011) erschien dieses Jahr in deut­scher Über­set­zung unter dem Titel Kreuz­wort im Suhr­kamp-Verlag. Die Lyri­kerin stammt aus Weiß­russ­land und lebt seit 2005 in den Ver­ei­nigten Staaten. Im Som­mer­se­mester 2013 ver­trat sie die Sieg­fried-Unseld-Gast­pro­fessur am Institut für Sla­wistik der Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin und berei­cherte die Stu­die­renden mit Semi­naren zum krea­tiven Schreiben.

 

Neben den Gedichten, die im Ori­ginal auf Eng­lisch erschienen waren und jetzt in sehr fein­sin­nigen Über­tra­gungen von Uljana Wolf zu lesen sind, ent­hält ihr neuer Band drei Pro­sa­texte, die Katha­rina Nar­bu­tovič aus dem Weiß­rus­si­schen ins Deut­sche über­setzt hat. Im Text Tante Anna wird das Gedächtnis auf einer Insel in der Nordsee belebt. Die Sonne hat ihre Funk­tion als Mit­tel­punkt ver­loren, die sie noch in der Lite­ratur des Sozia­lis­ti­schen Rea­lismus inne­hatte. Sie ist hinter einem Wol­ken­schleier gefangen wie ein Insekt im Spin­nen­netz. Die weiß­rus­si­sche Sprache wurde in der Sowjet­union dem Rus­si­schen unter­worfen. Jetzt, in diesem matten Nord­licht, ist die Erin­ne­rung wieder möglich.

 

Die Insel taucht auch in den eng­li­schen Gedichten (Sylt I, Sylt II, Island) auf – als Topos eines kol­lek­tiven Gedächt­nisses. Hier ver­schmelzen Land­schaft und Erin­ne­rung mit­ein­ander. Träger der Erin­ne­rung ist das Wasser, auf dessen Ober­fläche Reisen statt­finden und ver­loren geglaubte Bilder wieder wach gerufen werden: „Das Wasser liegt so flach wie Fell, das eine Katze leckte. / Ein Vogel, der sogar von weitem groß erscheint, / glaubt, das Meer wäre sein Ei. / Er sitzt geduldig auf dem Wasser, / fühlt seine leisen Stöße dann und wann.“

 

Auf die fluide, noma­di­sche Welt, die „wie die See gegen was­ser­lose Wände pocht“, trifft die Welt des Sess­haften und Ver­an­kerten im Pro­sa­stück Tante Anna, die im Dorf M. ihre Gestalt findet. Unweit des Dorfes stand auch das Som­mer­haus der Eltern, an das sich die Ich-Erzäh­lerin erin­nert. Hier spielte sie als Kind auf den Weiden mit den Maul­wurfs­hü­geln, beob­ach­tete Tiere und Pflanzen bis in die Abend­stunden und saß auf der Veranda. Ein Friedhof wird als der schönste Garten mit Blumen und Vögeln beschrieben. Kind­heits­er­in­ne­rungen an Land­schaften, Häuser und Men­schen gehen Hand in Hand mit Bil­dern von Milch­kannen und Bäue­rinnen, die ihre Kühe melken. „Der vom Blut erwärmte Dampf, der über der Milch auf­stieg – es ist der gleiche Dampf, der wie ein Nimbus über dem Dung auf­steigt und zwi­schen Erha­benem und Absto­ßendem nicht unterscheidet.

 

Das dörf­liche Pan­orama wird wieder auf­ge­löst. Spuren von Geschichte erscheinen: Tante Anna, die nach Tjumen gebracht wurde und in Säge­werken arbei­tete, 2784 Kilo­meter nach P. zurück lief, fest­ge­nommen wurde (als sie in ihr altes Haus zurück­kehren wollte), zurück zum Ural gebracht und wieder gezwungen wurde, in einem Wagon­werk zu arbeiten.

 

Die Lyri­kerin erzählt hier ihre eigene Fami­li­en­ge­schichte und lässt die Leserin daran teil­haben: „Ich wuchs auf in einer Illu­sion; meine Vor­fahren waren­seit Genera­tionen sess­hafte Bauern, die nie ihren Wohnort wech­selten, dachte ich. Aus den Erzäh­lungen der Frauen in meiner Familie erfuhr ich, dass meine weib­li­chen Vor­fahren in kon­ti­nu­ier­li­cher Bewe­gung lebten und immer wan­derten“, erzählt sie in einem Poe­sie­gespräch und fährt fort: „Resul­tiert Bewe­gung aus Krieg und Repres­sion und nicht aus freiem Willen, wird Sess­haf­tig­keit zum größten Wert – das Bauen von Häu­sern und das Sich- Nie­der­lassen zum Zwang einer Gesell­schaft. Ich fing an zu schreiben, weil ich nicht zu dieser Gesell­schaft gehören wollte. Meine Eltern sor­tierten immer etwas in Kisten ein und träumten von einem Zuhause, das nie ein­treffen sollte.“

 

Von der unver­wirk­lichten Rück­kehr in die ersehnte Heimat ist auch im Gedicht Stach Rex die Rede. Stach, wie Valz­hyna Mort erwähnt, ist eine Figur aus der weiß­rus­si­schen Folk­lore. Diese fiel, wie die weiß­rus­si­sche Sprache der rus­si­schen, dem Kanon des Sozia­lis­ti­schen Rea­lismus zum Opfer. Das Bücher­regal der Eltern ging aller­dings weit über diesen Kanon hinaus: „Obwohl einige Autoren unter­schied­liche Anschau­ungen hatten, durften alle Bücher gelesen werden“, erzählt sie und nennt die Biblio­thek im Haus ihrer Kind­heit „Die Repu­blik der Schrift­steller“, die in Zeiten der Dik­tatur zum Zufluchtsort wurde wie die Sprache selbst.

 

Heimat ist nicht zwin­gend an den Ort gebunden, an dem man geboren ist. Mög­li­cher­weise ist sie aber auch nicht außer­halb der eigenen Stadt­mauern zu finden. Es ist jedoch auch ein Gefühl von Frei­heit, das das Unter­wegs­sein ver­mit­telt. Durch die Leere der Land­schaft zu gehen, heißt auch, an keinem Ort für immer zu bleiben, und weil der Dichter an ver­schie­denen Orten immer jemand anderes ist, ver­liert er damit auch für die Zeit seines Auf­ent­halts einen Teil der eigenen Indi­vi­dua­lität, wodurch die Iden­ti­täts­suche erst wieder mög­lich wird. Auf dieser Suche bleibt er letzt­lich einsam, auch wenn sie sich vor der Folie der kol­lek­tiven Erin­ne­rung voll­zieht. Der Ein­druck von Ein­sam­keit bleibt auch im Leser: „Die Son­nen­blasen auf dem Hori­zont heilen ab / lassen kaum sichtbar eine Narbe zurück“, sind die letzten Zeilen des Gedichts Insel.

 

Mort, Valz­hyna: Kreuz­wort. Aus dem Eng­li­schen von Uljana Wolf, aus dem Weiß­rus­si­schen von Katha­rina Nar­bu­tovič. Berlin: Suhr­kamp, 2013.
Mort, Valz­hyna: Collected Body. Port Town­send, Washington: Copper Canyon Press, 2011.