Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Must poetry be national?

Dieser Text wurde am 16. Juni 2010 auf dem novinki-Blog ver­öf­fent­licht. Nach Grün­dung von novinki.de 2006 kam der novinki-Blog ab 2010 hinzu. Im 15. ‘Lebens­jahr’ von novinki ver­öf­fent­li­chen wir im Rahmen der Lese­reihe REWIND – 15 Jahre novinki ehe­ma­lige Blog-Texte aus den 2010er Jahren in über­ar­bei­teter Form. Der Blog ist seit 2019 ein­ge­stellt. Diese Texte aus den Anfangs­jahren doku­men­tieren als Arte­fakte die Ent­wick­lung der Platt­form, Zeit­schrift und Redak­tion novinki.de – Neu­erschei­nungen aus Ost‑, Mittel- und Südosteuropa.

Kom­mentar:

Evgenij Ost­aševskij [Eugene Ostas­hevsky] ist als aus Lenin­grad gebür­tiger ame­ri­ka­ni­scher Lyriker, Lite­ra­tur­pro­fessor und Über­setzer (Rus­sisch-Eng­lisch) bekannt. Im Rahmen seiner lyri­schen Tätig­keit erschien zuletzt sein Gedicht­band „The Pirate Who Does Not Know the Value of Pi“ (2017). 2016 war er Sieg­fried-Unseld-Gast­pro­fessor an der Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin; im Win­ter­se­mester 2019/20 war er erneut zu Gast an der HU, diesmal mode­rierte er eine Ver­an­stal­tungs­reihe zu Trans­lin­gua­lität als „Doro­thea Schlegel Artist in Resi­dence“ im Rahmen des Pro­jekts „Tem­poral com­mu­nities: Doing Lite­ra­ture in a Global Per­spec­tive“ (2020). Das vor­lie­gende Gespräch der ganz anderen Art ent­stand bei einem Gast­vor­trag an der HU zur Frage „Must poetry be national?“ im Jahr 2014.

Must poetry be national?

 

Eugene Ostas­hevsky war zu Gast an der Hum­boldt-Uni­ver­sität. Im Seminar ver­tonte, dis­ku­tierte und illus­trierte der Dozent und Dichter die Frage: „Must poetry be national?“ Katha­rina Schwab und Feli­citas Claus haben sich die wich­tigsten Ant­worten in Erin­ne­rung gerufen und sich zu ihren Ein­drü­cken aus­ge­tauscht. Ein Vor­trags­pro­to­koll der anderen Art.

 

Feli­citas: Hallo Katha­rina! Fein, Skype funk­tio­niert schon mal.

Katha­rina: Super.

Feli­citas: Gut, dann fangen wir an… Eugene Ostas­hevsky. Sein Vor­trag in unserem Seminar ist ja jetzt schon eine Woche her, weißt du über­haupt noch, um was es ging? Oder besser: Wuss­test Du vorher schon etwas über Ostashevsky?

Katha­rina: Ich glaube, dass ich den Namen schon einmal gehört hatte, wirk­lich zuordnen konnte ich ihn jedoch nicht. Kann­test Du ihn denn schon vorher?

Feli­citas: Ja, aber ich habe ihn in einem anderen Zusam­men­hang kennen gelernt: Er wurde im Deutsch­land­funk zur Ukrai­ne­krise inter­viewt. Als ich mich auf den Vor­trag vor­be­reitet habe, habe ich seinen Namen dann im Künst­ler­pro­gramm des DAAD gefunden.

Katha­rina: Wie war denn dein Ein­druck von seinem Vor­trag über Lyrik? Ist dir etwas beson­ders aufgefallen?

Feli­citas: Ich hatte eine ähn­liche Frage an dich. Ich wollte wissen, ob sein Vor­trag deiner Mei­nung nach dem Titel „Must poetry be national“ gerecht wurde…

Es gab schon ein oder zwei Sachen, die außer­ge­wöhn­lich waren. Z.B. dass sich Ostas­hevsky – als Künstler mit US-ame­ri­ka­nisch-rus­si­schen Wur­zeln – so stark von der soge­nannten inter­na­tio­nalen Lyrik distan­ziert hat.

Feli­citas: Den Titel „Must poetry be national“ hätte ich vor seinem Vor­trag für mich auch ganz anders beant­wortet: Ich habe den Stan­dard­re­flex erwartet, also in etwa: Nein, Lyrik muss nicht national sein. Das Gegen­teil war der Fall. Statt­dessen erklärte Ostas­hevsky, dass Gedichte durch ihren Autor immer Nationen reprä­sen­tieren. Und hat damit gerungen, dass er selbst Teil davon ist.

Katha­rina: Also ich muss gestehen, dass mir der Titel seiner Vor­le­sung gar nicht so prä­sent war. Bezie­hungs­weise bin ich gar nicht am Titel „hän­gen­ge­blieben“.

Feli­citas: Okay? Was ist dir aufgefallen?

Katha­rina: Viel­mehr habe ich seinen Vor­trag als eine Art Ein­füh­rung in das ver­standen, womit er sich beschäf­tigt – näm­lich Fremder und zugleich Nicht­fremder in einem Land und einer Sprache zu sein. Mein Inter­esse hat er am Anfang geweckt, indem er – fast schon forsch – von uns erwartet hat, zu sagen, wie wir die von ihm vorher aus­ge­suchten Gedichte ver­stehen. Er for­derte uns regel­recht auf, die Gedichte zu inter­pre­tieren, keine Scheu davor zu haben und die Dinge beim Namen zu nennen. Ich finde doch, dass das eine sehr typisch US-ame­ri­ka­ni­sche Art und Weise ist zu lehren. Zumin­dest kenne ich das so aus einigen US-ame­ri­ka­ni­schen Vor­le­sungen im Internet.

Katha­rina: In meiner bis­he­rigen aka­de­mi­schen Aus­bil­dung habe ich die Erfah­rung gemacht, dass die Dozenten davor warnen, zu schnell zu inter­pre­tieren. Zunächst sollte man sich mit dem Aufbau, der Syntax etc. beschäf­tigen. Das wollte Ostas­hevsky viel weniger, es ging gleich ans „Ein­ge­machte“.

Feli­citas: Jein. Auch Ostas­hewsky war ja der for­male Aufbau der Gedichte wichtig. Dass all die Gedichte auf Eng­lisch geschrieben wurden bei­spiels­weise, obwohl die Schreiber aus den unter­schied­lichsten Län­dern stammen. Dass sie alle recht kurz sind, keinen Reim hatten usw.

Katha­rina: Es war Ostas­hevsky aber nicht so wichtig wie die Bedeu­tung der Wörter. Nimm das Gedicht von Zbi­gniew Her­bert,  da betonte Ostas­hevsky die Bedeu­tung des Wortes „pebble“ und weniger die auf­fäl­lige Wie­der­ho­lung des Wortes oder den Aufbau des Gedichtes. Und bei Najwan Dar­wishs „A refugee from Crete“ dis­ku­tierten wir die Bedeu­tung des Wortes „Crete“, wie es Ver­wir­rung stiftet, beson­ders weil der Poet Araber ist. Oder auch das erste Gedicht von Bei Dao, „A local accent“. Er fragte, was es bedeutet vor dem Spiegel zu stehen und sich mit ihm zu unter­halten, was es inhalt­lich bedeutet. Direkte Inter­pre­ta­tion und Deu­tung waren gefordert!

Feli­citas: Könnte man sagen, dass er diesen Schwer­punkt gesetzt hat, um zu betonen, dass sich alle Gedichte um den Kom­plex Exil-Ein­sam­keit-Sprache drehten? Dass sie keine Geschichte erzählen? Sich also inhalt­lich gleichen?

Katha­rina: Ich war nicht immer d´accord mit ihm. Das ist auch ein Pro­blem seiner Her­an­ge­hens­weise. Manche Gedichte könnten ja – je nach Inter­pre­ta­tion – auch anders gelesen werden als durch die „Exil­brille“. Was meinst du? Siehst du in allen Gedichten immer das­selbe Thema durchscheinen?

Feli­citas: Warte, ich schau kurz nochmal drauf…

Katha­rina: Aber lass uns noch auf etwas anderes zu spre­chen kommen. Er meinte, wenn ich mich richtig ent­sinne, dass er es schwierig findet, auf Poe­try­fes­ti­vals auf­zu­treten, weil sie ihm eine bestimmte Rolle vor­geben, meist die des „rus­si­schen Juden“. Und das Publikum erwarte dieses „authen­ti­sche Auf­treten“ auch von ihm. Dabei würde er lieber frei von sol­chen „Vor­ur­teilen“ auf­treten, frei von Werten, beson­ders frei von der Opferrolle.

Feli­citas: Also, zuerst noch eine kurze Bemer­kung zu deiner vor­he­rigen Frage und den Gedichten, die Ostas­hevsky uns zum Lesen mit­ge­bracht hat. Zumin­dest bei Du Fu, Bei Dao und Najwan Dar­wish sehe ich den Exil­bezug gegeben. „I brood on the usel­ess­ness of let­ters“, „news has been cut off“, „I speak chi­nese to the mirror“ usw.

Des­halb finde ich auch deinen Über­gang zu den Poe­try­fes­ti­vals umso inter­es­santer, denn das war der Kern­punkt seines Vor­trags. Es ver­bindet Ostas­hevskys Gedicht­aus­wahl für die Vor­le­sung mit seiner eigenen Poesie. Also zumin­dest für mich war das der Kern.

Katha­rina: Gut, das würde ich nicht sagen, aber es war auf jeden Fall elementar.

Feli­citas: Dar­über lässt sich streiten. Den­noch: Kon­kret hat er sich ja auf Poe­try­fes­ti­vals bezogen, die sich als Über­thema „Men­schen­rechte“ ver­passen, ähn­lich wie bei einer Mot­to­party. Dann hat er sich gefragt, wie er dort hin­ein­passt – wo sich doch dort alle nur zum „Gesehen-werden“ aufhalten.

Und erin­nerst du dich an Ostas­hevskys Behaup­tung über Paul Celan? Dass er angeb­lich von 99 % der Leser nur zur Kenntnis genommen wird, weil er mit dem Holo­caust ver­bunden war?

Katha­rina: Ja, ich erinner‘ mich dunkel.

Feli­citas: Sehr amü­sant fand ich auch, wie er etwas über­spitzt beschrieben hat, dass die „offenen west­li­chen Men­schen“ – also wir – auf einem Poe­try­fes­tival von ihm selbst (Ostas­hevsky) anstandslos zu der Lesung einer afri­ka­ni­schen Frau wei­ter­wan­dern, um sich dann von ihr etwas über „ihre“ Kultur, Her­kunft und Leiden erzählen zu lassen…

Was bedeutet, dass man als Dichter immer etwas reprä­sen­tiert – „Must poetry be national“, da ist es wieder, das Thema unseres Vortrags.

Katha­rina: Aber ande­rer­seits: Auch ein Dichter lebt in seiner Zeit. Und in der pas­siert etwas. Etwas Schlimmes, Tra­gi­sches oder Schönes. Und wenn ein Dichter dar­über schreibt, dann ist es doch gerecht­fer­tigt, ihn in diesem Kon­text zu lesen.

Feli­citas: Ja, aber wenn ich Ostas­hevsky richtig ver­standen habe, ist genau das seine Kritik an dieser Art der Lyrik oder dem „Geschäft“ mit der Lyrik: Dass inter­na­tio­nale Lyrik das eben nicht aus­drückt. Dass sie v.a. Gefühle beschreibt und den gesell­schaft­li­chen Hin­ter­grund ver­nach­läs­sigt. Der „Kon­text“ muss durch den Leser quasi dazu­in­ter­pre­tiert werden. Und: Der ver­blei­bende Inhalt ähnelt sich bei den Exil­dich­tern stark.

Ich finde ja, dass die Über­spit­zung zu Paul Celan nicht in die Reihe passt. Auf jeden Fall nicht, was seine Gedichte anbe­langt! Ob er bei den Rezi­pi­enten Recht hat, kann ich nicht beurteilen.

Trotzdem hat Ostas­hevsky deut­lich gemacht, wer zu inter­na­tio­nalen Fes­ti­vals ein­ge­laden wird: Näm­lich die­je­nigen, die auf Eng­lisch schreiben, modern, ohne Reim, kurz usw. (siehe der Anfang unseres kleinen Gesprächs). Es werden eben nicht jene Dichter ein­ge­laden, die im klas­si­schen Chi­ne­sisch schreiben. Oder?

Katha­rina: Ja da hast du recht. Der letzte Punkt, den wir anspre­chen könnten, wäre der Aspekt der Sprache.

Feli­citas: Ja. Aber ich finde, genau da schwä­chelte der Vor­trag bzw. hatten wir zu wenig Zeit, um zu dis­ku­tieren. Sehr aus­führ­lich hat Ostas­hevsky die Abgren­zung seiner Lyrik von inter­na­tio­naler Lyrik erklärt, hat erklärt, was er genau NICHT möchte. Aber dann ist er nur kurz darauf ein­ge­gangen, wie seine eigene Poesie beschaffen ist. Trotzdem fand ich die Lesung aus seinem neu­esten Werk toll. Erst hat er langsam gelesen, fast getragen, dann hat er sich immer mehr in den Rap seiner Dich­tung hin­ein­ge­stei­gert, das hat mir gut gefallen.

Katha­rina: Hmm… das hatte jetzt nur mar­ginal mit Sprache zu tun und berührt eher die Vor­trags­weise. Aber zu seiner Poesie passt es.

Feli­citas: Trotzdem hat er diesen Aspekt wenig aus­ge­führt. Nur einiges hat er erwähnt: Die gram­ma­ti­schen Inkor­rekt­heiten, die er im Eng­li­schen ein­baut und die nur für eng­li­sche Mut­ter­sprachler erkennbar sind. Alles gemischt mit rus­si­schen Ver­satz­stü­cken oder mathe­ma­ti­schen Formeln…

Katha­rina: Er ist ja min­des­tens zweier Spra­chen mächtig: des Eng­li­schen, weil es die Sprache ist, in der er sozia­li­siert und auf­ge­wachsen ist und des Rus­si­schen, weil er es mit seiner Familie gespro­chen und nie ver­lernt hat. Dass er einen distan­zierten Blick auf Sprache hat, hat er ganz tref­fend mit der Glei­chung beschrieben: one lan­guage – iden­ti­fying words with things // several lan­guages – words are things. Es macht ver­ständ­lich, wie er Spra­chen fühlt und hört.

Feli­citas: Viel­leicht ist für ihn des­halb auch der lin­gu­is­ti­sche Zugang zu Sprache nicht so wichtig. Viel eher the­ma­ti­siert er Sprache direkt: Wie in dem Dialog zwi­schen Pirat und Papagei, den er uns zum Schluss vor­ge­lesen hat:

Pirate: Your native lan­guage is perrot!
Perrot: I forgot perrot and learned your language.
Pirate: There will always be a dif­fe­rence bet­ween you and your words …

Katha­rina: Ja, genau! Seine kleine Per­for­mance am Ende war wirk­lich cool.