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„Nie wieder“ in 30 Sprachen. Daria Serenko erzählt, warum Feministinnen nicht nicht Widerstand leisten können

Posted on 4. Mai 2022 by Daria Serenko, Svetlana Bierl
Am Tag nach dem Beginn der sogenannten „Sonderoperation“ [Anm. d. Red.: statt dem verbotenen "Krieg wird von einer "militärischen Sonderoperation" von offizieller russischer Seite gesprochen] in der Ukraine entstand der Feministische Antikriegswiderstand (FAW) – eine Semi-Guerillabewegung, die Antikriegsaktionen startet und die Informationsblockade in Russland zu durchbrechen versucht. Auf Bitte der „Glasnaja“ setzt eine der Gründerinnen des FAW Daria Serenko das Gespräch darüber fort, wieso Feministinnen zur Haupttriebkraft des Antikriegswiderstands geworden sind.

Am Tag nach dem Beginn der sogenannten „Sonderoperation“ in der Ukraine entstand der Feministische Antikriegswiderstand (FAW) – eine Semi-Guerillabewegung, die Antikriegsaktionen startet und die Informationsblockade in Russland zu durchbrechen versucht. Auf Bitte der „Glasnaja“ setzt eine der Gründerinnen des FAW Daria Serenko das Gespräch darüber fort, wieso Feministinnen zur Haupttriebkraft des Antikriegswiderstands geworden sind.

 

Der Originalbeitrag ist auf dem Portal "glasnaya" am 06.04.2022 erschienen!

 

Es gibt keinen allgemeingültigen Feminismus, aber es gibt unterschiedliche Feminismen und sie alle stellen auf die ein oder andere Art und Weise den Kampf gegen die Sklaverei, für Antiimperialismus und Antimilitarismus dar.

 

1914 kritisierte die britische Suffragette Sylvia Pankhurst ihre Mutter, die eine wichtige Rolle für die Erlangung des Wahlrechts für Frauen spielte, wegen deren Unterstützung des Ersten Weltkriegs; diese Unterstützung bezeichnete sie als „tragischen Verrat gegenüber der Bewegung der Suffragetten“. 1915 versammelten sich die Suffragetten in Den Haag, um zwecks der Kritik an dem Krieg und zur Schaffung gemeinsamer friedensstiftenden Strategien die „Women’s International League for Peace and Freedom“ zu gründen. 1916 veröffentlichte Alexandra Kollontai, de facto die erste Frau als Ministerin, die Schrift „Wer braucht den Krieg?“, in der es um die Sinnlosigkeit der Kriege und deren Zusammenhang mit dem Kapitalismus geht. Die US-amerikanische Feministin Emma Goldman, die gegen die Beteiligung der USA am Ersten Weltkrieg anging, schrieb 1917 den Artikel „Manifesto of the No-Conscription League“, in dem sie die Militarisierung als Übel und die Wehrpflicht als „Verbrechen, Unterdrückung und grundlose Willkür“ bezeichnete. Während des Ersten Weltkrieges verbrachte die Revolutionärin Rosa Luxemburg, die die Meinung teilte ‚solange Kapitalismus herrscht, hören die Kriegen nicht auf‘, insgesamt vier Jahre im Gefängnis für Antikriegspropaganda. Feministinnen gingen gegen Invasionen in Irak und Afghanistan an, protestierten gegen den Krieg in Vietnam. 1988 entstand in Israel die antimilitaristische Bewegung „Frauen in Schwarz“, die den israelisch-palästinensischen Konflikt beleuchtete.

 

Feminismus versteht ganz gut, wie alle Arten der Gewalt verbunden sind: häusliche, staatliche, polizeiliche und militärische.

 

Der Krieg trifft alle, aber am meisten diejenigen, die auch vor dem Krieg leichter verletzlich waren – Frauen, queere Menschen, Menschen mit „nicht-hegemonialer“ Nationalität, Menschen mit Behinderung. Alle Fortschritte im Bereich der Menschenrechte wirft die Kriegsmaschine zurück, bringt zu Narrativen zurück, die jegliche Vielfalt, Inklusion und wichtige Unterschiede zwischen Gruppen von Menschen verwischen. Der Krieg verallgemeinert.

 

Der Krieg verschärft in gleicher Weise die Geschlechterungleichheit. Wie die Geschichte zeigt, erhöht sich für jede Frau die Gefahr während des Kriegs vergewaltigt zu werden um das Vielfache. Kürzlich tauchte in den sozialen Medien die Information über den ersten (aber sicherlich nicht den einzigen) Fall der Vergewaltigung einer Ukrainerin durch Soldaten. Nach dem Krieg kann der Ausbruch häuslicher Gewalt gegen Frauen, ältere Menschen und Kinder beobachtet werden: durch Krieg und angerichtete Gewalt gebrochen, kehren die überlebenden Soldaten heim und wälzen die posttraumatische Belastungsstörung auf ihren Angehörigen ab.

 

Feminismus als politische Kraft, die sich für die gesellschaftliche Entwicklung und Hilfe derjenigen, die im Sinne der Vulnerabilität leicht angreifbar und bedroht sind, sowie gegen Gewalt einsetzt, kann nicht an der Seite des und noch weniger des Okkupations- stehen. Genauso wenig kann sie an der Seite des Imperiums sein, denn die imperiale Ansicht auf Menschen, Territorium und Geschichte ist eine aneignende, unterwerfende Ansicht, obwohl es gewiss auch den rechten Feminismus im politischen Spektrum gibt. Das Imperium de-subjektiviert diejenigen, auf die es hinunterschaut, weil es auf sie wie auf eine Beute schaut.

 

Der jetzige , wie die Anrede des Präsidenten Vladimir Putin zeigt, wird unter dem Banner der „traditionellen Werte“ geführt, die Russland quasi missionarisch in die Welt zu tragen beschlossen hat. Woraus diese „traditionellen Werte“ bestehen, wissen diejenigen, die die Innenpolitik des Landes der letzten Jahre verfolgten: diese Werte beruhen auf der Ausbeutung der Frauen und anderer vulnerablen Gruppen und auf dem Kampf gegen diejenigen, deren Lebensweise, Selbstbestimmung und Tätigkeit über die enge patriarchale Norm hinausgehen. Die Rechtfertigung der Besetzung des Nachbarstaats durch den Drang, die eigene Norm unter dem Deckmantel der „Befreiung“ aufzuzwingen, ist ein weiterer Grund, warum die Feministinnen Russlands als eine der wenigen übrigen aktiven politischen Kräfte gegen den Widerstand leisten müssen.

 

Ich will erzählen, wie der Feministische Antikriegswiderstand (FAW) funktioniert. Ich betone, dass ich gerade privilegiert bin, im eigenen Namen zu sprechen, ohne ihn zu verbergen; viele Teilnehmende haben diese Möglichkeit nicht. Wir brauchten aber ein paar „offene Gesichter“, um mit unserer Bewegung voranzukommen und sie zu verbreiten. Für „offene Gesichter“ gibt es in manchen Situationen mehr Vertrauen (vor allem bei Fundraising).

 

In unseren Netzwerken sind ca. 40.000 Abonnenten, davon sind ca. 5.000 Aktivisten und Aktivistinnen dieser Bewegung. Nicht alles davon, was wir tun, können wir wegen des großen Risikos für die sich in Russland befindenden Teilnehmerinnen öffentlich machen. In kurzen Worten, wir organisieren Straßenproteste, massenhafte Kunstaktionen, die Menschen vom in der Ukraine erzählen, verbreiten Antikriegspropaganda (Zeitungen, Sticker, Flyer, Mailing, Briefe), wirken bei der Gründung der Antikriegsstiftung mit – einer Stiftung für die Hilfe für die streikenden und aufgrund ihrer Ansichten gekündigten Menschen, veröffentlichen Briefe der Ukrainer und Ukrainerinnen, die sich im Epizentrum des Kriegsgeschehens befinden oder die ihre Erfahrung als Geflüchtete beschreiben. Wir machen jeden Straßenprotest gemeinschaftlich in Vernetzung miteinander, indem wir ihn auf mehr als 60 Städten ausbreiten. Außerdem helfen wir den Streikenden, die Polizeigewalt erlebten (demnächst starten wir eine kostenlose psychologische Beratung und Gruppenangebote). Ein Teil von uns ist mit freiwilliger Arbeit in anderen Ländern bei den Hilfsinitiativen für Geflüchtete. 45 feministische Gruppen sind auf dem Land aktiv, von Kaliningrad bis Vladivostok. Diese Gruppen kommunizieren miteinander als ein mächtiges Netz, gehen zu Aktionen, machen Antikriegspropaganda.

 

Aus Sicherheitsgründen haben wir keinen Koordinierungschat, aber es gibt viele kleinere Chats, in denen unterschiedliche Gruppen sind. Jeder Mensch, jede Aktivistin kann den Namen und die Symbolik des FAW verwenden und sich für die Teilnehmerin der Bewegung erklären oder eine „Zelle“ in der eigenen Stadt eröffnen, wenn sie unsere Hauptthese teilen, die im kollektiven Manifest formuliert ist: Nein zum .

 

Das Manifest ist offen für Änderungen und Anpassungen von außen. Es wurde bereits in 30 Sprachen übersetzt: Sacha, Udmurtiš, Čuwašiš und andere. Auf der Tagesordnung unserer Bewegung ist unter anderem Antiimperialismus, denn viele Völker, die in Russland leben, haben eine blutige und schmerzhafte Geschichte hinter sich, weil das russische Imperium oder die Sowjetunion eine Gewaltpolitik gegenüber ihnen führten. Wir reden vom Außen- und Innenkolonialismus, der oft von denjenigen Bürgern nicht reflektiert ist, die sich für die Slaven halten.

 

Das sagen wir denjenigen, die sich uns anschließen wollen:

 

„Jeden Tag Proteste koordinierend, neue Aktionen gemeinsam startend und konzeptualisierend, Wege für die Hilfe für Geflüchtete und Streikende suchend, kämpfen wir gegen die Trägheit der Sinnhaftigkeit: hat viele Bedeutungen annulliert, vor allem die Bedeutungen und Fortschritte des zivilen Aktivismus. Selbst wenn unsere Bewegung nicht in der Lage ist den das in der Russländischen Föderation verbotene Wort] zu stoppen, ist sie in der Lage dermaßen zu wachsen, dass sie neue stoppen und präventiv handeln kann. Der russische Imperialismus ist in unserer Wirklichkeit dermaßen verankert, dass wir alle eine sehr robuste alte Ordnung brechen müssen, damit sich das „Wir können wiederholen“** in „Nie wieder“ umwandelt.

 

*Anmerkung der Übersetzerin: Roskomnadsor (Föderaler Dienst für die Aufsicht im Bereich der Kommunikation, Informationstechnologie und Massenkommunikation Russlands) verbietet seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine die Verwendung des Wortes „Krieg“ in allen Medien und verweist auf den Artikel 13.15 (Verbreitung von „Fake News“) des russischen Gesetzbuches. Aus diesem Grund wird das Wort Krieg in diesem Artikel als bezeichnet.

 

** Anmerkung der Übersetzerin: Gemeint ist das Zeichen an der Wand im Bundestag, das sowjetische Soldaten hinterließen. Im heutigen Russland wird diese Botschaft beispielsweise in Form von Autoaufklebern verbreitet.

Bildquelle: Daria Serenko, © Glasnaya.Media.