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„Nie wieder“ in 30 Sprachen. Daria Serenko erzählt, warum Feministinnen nicht nicht Widerstand leisten können

Posted on 4. Mai 2022 by Daria Serenko, Svetlana Bierl
Am Tag nach dem Beginn der sogenannten „Sonderoperation“ [Anm. d. Red.: statt dem verbotenen "Krieg wird von einer "militärischen Sonderoperation" von offizieller russischer Seite gesprochen] in der Ukraine entstand der Feministische Antikriegswiderstand (FAW) – eine Semi-Guerillabewegung, die Antikriegsaktionen startet und die Informationsblockade in Russland zu durchbrechen versucht. Auf Bitte der „Glasnaja“ setzt eine der Gründerinnen des FAW Daria Serenko das Gespräch darüber fort, wieso Feministinnen zur Haupttriebkraft des Antikriegswiderstands geworden sind.

Am Tag nach dem Beginn der sogenannten „Sonderoperation“ in der Ukraine entstand der Feministische Antikriegswiderstand (FAW) – eine Semi-Guerillabewegung, die Antikriegsaktionen startet und die Informationsblockade in Russland zu durchbrechen versucht. Auf Bitte der „Glasnaja“ setzt eine der Gründerinnen des FAW Daria Serenko das Gespräch darüber fort, wieso Feministinnen zur Haupttriebkraft des Antikriegswiderstands geworden sind.

 

Der Originalbeitrag ist auf dem Portal "glasnaya" am 06.04.2022 erschienen!

 

Es gibt keinen allgemeingültigen Feminismus, aber es gibt unterschiedliche Feminismen und sie alle stellen auf die ein oder andere Art und Weise den Kampf gegen die Sklaverei, für Antiimperialismus und Antimilitarismus dar.

 

1914 kritisierte die britische Suffragette Sylvia Pankhurst ihre Mutter, die eine wichtige Rolle für die Erlangung des Wahlrechts für Frauen spielte, wegen deren Unterstützung des Ersten Weltkriegs; diese Unterstützung bezeichnete sie als „tragischen Verrat gegenüber der Bewegung der Suffragetten“. 1915 versammelten sich die Suffragetten in Den Haag, um zwecks der Kritik an dem Krieg und zur Schaffung gemeinsamer friedensstiftenden Strategien die „Women’s International League for Peace and Freedom“ zu gründen. 1916 veröffentlichte Alexandra Kollontai, de facto die erste Frau als Ministerin, die Schrift „Wer braucht den Krieg?“, in der es um die Sinnlosigkeit der Kriege und deren Zusammenhang mit dem Kapitalismus geht. Die US-amerikanische Feministin Emma Goldman, die gegen die Beteiligung der USA am Ersten Weltkrieg anging, schrieb 1917 den Artikel „Manifesto of the No-Conscription League“, in dem sie die Militarisierung als Übel und die Wehrpflicht als „Verbrechen, Unterdrückung und grundlose Willkür“ bezeichnete. Während des Ersten Weltkrieges verbrachte die Revolutionärin Rosa Luxemburg, die die Meinung teilte ‚solange Kapitalismus herrscht, hören die Kriegen nicht auf‘, insgesamt vier Jahre im Gefängnis für Antikriegspropaganda. Feministinnen gingen gegen Invasionen in Irak und Afghanistan an, protestierten gegen den Krieg in Vietnam. 1988 entstand in Israel die antimilitaristische Bewegung „Frauen in Schwarz“, die den israelisch-palästinensischen Konflikt beleuchtete.

 

Feminismus versteht ganz gut, wie alle Arten der Gewalt verbunden sind: häusliche, staatliche, polizeiliche und militärische.

 

Der Krieg trifft alle, aber am meisten diejenigen, die auch vor dem Krieg leichter verletzlich waren – Frauen, queere Menschen, Menschen mit „nicht-hegemonialer“ Nationalität, Menschen mit Behinderung. Alle Fortschritte im Bereich der Menschenrechte wirft die Kriegsmaschine zurück, bringt zu Narrativen zurück, die jegliche Vielfalt, Inklusion und wichtige Unterschiede zwischen Gruppen von Menschen verwischen. Der Krieg verallgemeinert.

 

Der Krieg verschärft in gleicher Weise die Geschlechterungleichheit. Wie die Geschichte zeigt, erhöht sich für jede Frau die Gefahr während des Kriegs vergewaltigt zu werden um das Vielfache. Kürzlich tauchte in den sozialen Medien die Information über den ersten (aber sicherlich nicht den einzigen) Fall der Vergewaltigung einer Ukrainerin durch Soldaten. Nach dem Krieg kann der Ausbruch häuslicher Gewalt gegen Frauen, ältere Menschen und Kinder beobachtet werden: durch Krieg und angerichtete Gewalt gebrochen, kehren die überlebenden Soldaten heim und wälzen die posttraumatische Belastungsstörung auf ihren Angehörigen ab.

 

Feminismus als politische Kraft, die sich für die gesellschaftliche Entwicklung und Hilfe derjenigen, die im Sinne der Vulnerabilität leicht angreifbar und bedroht sind, sowie gegen Gewalt einsetzt, kann nicht an der Seite des und noch weniger des Okkupations- stehen. Genauso wenig kann sie an der Seite des Imperiums sein, denn die imperiale Ansicht auf Menschen, Territorium und Geschichte ist eine aneignende, unterwerfende Ansicht, obwohl es gewiss auch den rechten Feminismus im politischen Spektrum gibt. Das Imperium de-subjektiviert diejenigen, auf die es hinunterschaut, weil es auf sie wie auf eine Beute schaut.

 

Der jetzige , wie die Anrede des Präsidenten Vladimir Putin zeigt, wird unter dem Banner der „traditionellen Werte“ geführt, die Russland quasi missionarisch in die Welt zu tragen beschlossen hat. Woraus diese „traditionellen Werte“ bestehen, wissen diejenigen, die die Innenpolitik des Landes der letzten Jahre verfolgten: diese Werte beruhen auf der Ausbeutung der Frauen und anderer vulnerablen Gruppen und auf dem Kampf gegen diejenigen, deren Lebensweise, Selbstbestimmung und Tätigkeit über die enge patriarchale Norm hinausgehen. Die Rechtfertigung der Besetzung des Nachbarstaats durch den Drang, die eigene Norm unter dem Deckmantel der „Befreiung“ aufzuzwingen, ist ein weiterer Grund, warum die Feministinnen Russlands als eine der wenigen übrigen aktiven politischen Kräfte gegen den Widerstand leisten müssen.

 

Ich will erzählen, wie der Feministische Antikriegswiderstand (FAW) funktioniert. Ich betone, dass ich gerade privilegiert bin, im eigenen Namen zu sprechen, ohne ihn zu verbergen; viele Teilnehmende haben diese Möglichkeit nicht. Wir brauchten aber ein paar „offene Gesichter“, um mit unserer Bewegung voranzukommen und sie zu verbreiten. Für „offene Gesichter“ gibt es in manchen Situationen mehr Vertrauen (vor allem bei Fundraising).

 

In unseren Netzwerken sind ca. 40.000 Abonnenten, davon sind ca. 5.000 Aktivisten und Aktivistinnen dieser Bewegung. Nicht alles davon, was wir tun, können wir wegen des großen Risikos für die sich in Russland befindenden Teilnehmerinnen öffentlich machen. In kurzen Worten, wir organisieren Straßenproteste, massenhafte Kunstaktionen, die Menschen vom in der Ukraine erzählen, verbreiten Antikriegspropaganda (Zeitungen, Sticker, Flyer, Mailing, Briefe), wirken bei der Gründung der Antikriegsstiftung mit – einer Stiftung für die Hilfe für die streikenden und aufgrund ihrer Ansichten gekündigten Menschen, veröffentlichen Briefe der Ukrainer und Ukrainerinnen, die sich im Epizentrum des Kriegsgeschehens befinden oder die ihre Erfahrung als Geflüchtete beschreiben. Wir machen jeden Straßenprotest gemeinschaftlich in Vernetzung miteinander, indem wir ihn auf mehr als 60 Städten ausbreiten. Außerdem helfen wir den Streikenden, die Polizeigewalt erlebten (demnächst starten wir eine kostenlose psychologische Beratung und Gruppenangebote). Ein Teil von uns ist mit freiwilliger Arbeit in anderen Ländern bei den Hilfsinitiativen für Geflüchtete. 45 feministische Gruppen sind auf dem Land aktiv, von Kaliningrad bis Vladivostok. Diese Gruppen kommunizieren miteinander als ein mächtiges Netz, gehen zu Aktionen, machen Antikriegspropaganda.

 

Aus Sicherheitsgründen haben wir keinen Koordinierungschat, aber es gibt viele kleinere Chats, in denen unterschiedliche Gruppen sind. Jeder Mensch, jede Aktivistin kann den Namen und die Symbolik des FAW verwenden und sich für die Teilnehmerin der Bewegung erklären oder eine „Zelle“ in der eigenen Stadt eröffnen, wenn sie unsere Hauptthese teilen, die im kollektiven Manifest formuliert ist: Nein zum .

 

Das Manifest ist offen für Änderungen und Anpassungen von außen. Es wurde bereits in 30 Sprachen übersetzt: Sacha, Udmurtiš, Čuwašiš und andere. Auf der Tagesordnung unserer Bewegung ist unter anderem Antiimperialismus, denn viele Völker, die in Russland leben, haben eine blutige und schmerzhafte Geschichte hinter sich, weil das russische Imperium oder die Sowjetunion eine Gewaltpolitik gegenüber ihnen führten. Wir reden vom Außen- und Innenkolonialismus, der oft von denjenigen Bürgern nicht reflektiert ist, die sich für die Slaven halten.

 

Das sagen wir denjenigen, die sich uns anschließen wollen:

 

„Jeden Tag Proteste koordinierend, neue Aktionen gemeinsam startend und konzeptualisierend, Wege für die Hilfe für Geflüchtete und Streikende suchend, kämpfen wir gegen die Trägheit der Sinnhaftigkeit: hat viele Bedeutungen annulliert, vor allem die Bedeutungen und Fortschritte des zivilen Aktivismus. Selbst wenn unsere Bewegung nicht in der Lage ist den das in der Russländischen Föderation verbotene Wort] zu stoppen, ist sie in der Lage dermaßen zu wachsen, dass sie neue stoppen und präventiv handeln kann. Der russische Imperialismus ist in unserer Wirklichkeit dermaßen verankert, dass wir alle eine sehr robuste alte Ordnung brechen müssen, damit sich das „Wir können wiederholen“** in „Nie wieder“ umwandelt.

 

*Anmerkung der Übersetzerin: Roskomnadsor (Föderaler Dienst für die Aufsicht im Bereich der Kommunikation, Informationstechnologie und Massenkommunikation Russlands) verbietet seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine die Verwendung des Wortes „Krieg“ in allen Medien und verweist auf den Artikel 13.15 (Verbreitung von „Fake News“) des russischen Gesetzbuches. Aus diesem Grund wird das Wort Krieg in diesem Artikel als bezeichnet.

 

** Anmerkung der Übersetzerin: Gemeint ist das Zeichen an der Wand im Bundestag, das sowjetische Soldaten hinterließen. Im heutigen Russland wird diese Botschaft beispielsweise in Form von Autoaufklebern verbreitet.

Bildquelle: Daria Serenko, © Glasnaya.Media.

„Nie wieder“ in 30 Sprachen. Daria Serenko erzählt, warum Feministinnen nicht nicht Widerstand leisten können – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

„Nie wieder“ in 30 Spra­chen. Daria Ser­enko erzählt, warum Femi­nis­tinnen nicht nicht Wider­stand leisten können

Am Tag nach dem Beginn der soge­nannten „Son­der­ope­ra­tion“ [Anm. d. Red.: statt dem ver­bo­tenen “Krieg wird von einer “mili­tä­ri­schen Son­der­ope­ra­tion” von offi­zi­eller rus­si­scher Seite gespro­chen] in der Ukraine ent­stand der Femi­nis­ti­sche Anti­kriegs­wi­der­stand (FAW) – eine Semi-Gue­ril­la­be­we­gung, die Anti­kriegs­ak­tionen startet und die Infor­ma­ti­ons­blo­ckade in Russ­land zu durch­bre­chen ver­sucht. Auf Bitte der „Glas­naja“ setzt eine der Grün­de­rinnen des FAW Daria Ser­enko das Gespräch dar­über fort, wieso Femi­nis­tinnen zur Haupt­trieb­kraft des Anti­kriegs­wi­der­stands geworden sind.

 

Der Ori­gi­nal­bei­trag ist auf dem Portal “glas­naya” am 06.04.2022 erschienen!

 

Es gibt keinen all­ge­mein­gül­tigen Femi­nismus, aber es gibt unter­schied­liche Femi­nismen und sie alle stellen auf die ein oder andere Art und Weise den Kampf gegen die Skla­verei, für Anti­im­pe­ria­lismus und Anti­mi­li­ta­rismus dar.

 

1914 kri­ti­sierte die bri­ti­sche Suf­fra­gette Sylvia Pankhurst ihre Mutter, die eine wich­tige Rolle für die Erlan­gung des Wahl­rechts für Frauen spielte, wegen deren Unter­stüt­zung des Ersten Welt­kriegs; diese Unter­stüt­zung bezeich­nete sie als „tra­gi­schen Verrat gegen­über der Bewe­gung der Suf­fra­getten“. 1915 ver­sam­melten sich die Suf­fra­getten in Den Haag, um zwecks der Kritik an dem Krieg und zur Schaf­fung gemein­samer frie­dens­stif­tenden Stra­te­gien die „Women’s Inter­na­tional League for Peace and Freedom“ zu gründen. 1916 ver­öf­fent­lichte Alex­andra Kol­lontai, de facto die erste Frau als Minis­terin, die Schrift „Wer braucht den Krieg?“, in der es um die Sinn­lo­sig­keit der Kriege und deren Zusam­men­hang mit dem Kapi­ta­lismus geht. Die US-ame­ri­ka­ni­sche Femi­nistin Emma Goldman, die gegen die Betei­li­gung der USA am Ersten Welt­krieg anging, schrieb 1917 den Artikel „Mani­festo of the No-Con­scrip­tion League“, in dem sie die Mili­ta­ri­sie­rung als Übel und die Wehr­pflicht als „Ver­bre­chen, Unter­drü­ckung und grund­lose Willkür“ bezeich­nete. Wäh­rend des Ersten Welt­krieges ver­brachte die Revo­lu­tio­närin Rosa Luxem­burg, die die Mei­nung teilte ‚solange Kapi­ta­lismus herrscht, hören die Kriegen nicht auf‘, ins­ge­samt vier Jahre im Gefängnis für Anti­kriegs­pro­pa­ganda. Femi­nis­tinnen gingen gegen Inva­sionen in Irak und Afgha­ni­stan an, pro­tes­tierten gegen den Krieg in Vietnam. 1988 ent­stand in Israel die anti­mi­li­ta­ris­ti­sche Bewe­gung „Frauen in Schwarz“, die den israe­lisch-paläs­ti­nen­si­schen Kon­flikt beleuchtete.

 

Femi­nismus ver­steht ganz gut, wie alle Arten der Gewalt ver­bunden sind: häus­liche, staat­liche, poli­zei­liche und militärische.

 

Der Krieg trifft alle, aber am meisten die­je­nigen, die auch vor dem Krieg leichter ver­letz­lich waren – Frauen, queere Men­schen, Men­schen mit „nicht-hege­mo­nialer“ Natio­na­lität, Men­schen mit Behin­de­rung. Alle Fort­schritte im Bereich der Men­schen­rechte wirft die Kriegs­ma­schine zurück, bringt zu Nar­ra­tiven zurück, die jeg­liche Viel­falt, Inklu­sion und wich­tige Unter­schiede zwi­schen Gruppen von Men­schen ver­wi­schen. Der Krieg verallgemeinert.

 

Der Krieg ver­schärft in glei­cher Weise die Geschlech­te­r­un­gleich­heit. Wie die Geschichte zeigt, erhöht sich für jede Frau die Gefahr wäh­rend des Kriegs ver­ge­wal­tigt zu werden um das Viel­fache. Kürz­lich tauchte in den sozialen Medien die Infor­ma­tion über den ersten (aber sicher­lich nicht den ein­zigen) Fall der Ver­ge­wal­ti­gung einer Ukrai­nerin durch Sol­daten. Nach dem Krieg kann der Aus­bruch häus­li­cher Gewalt gegen Frauen, ältere Men­schen und Kinder beob­achtet werden: durch Krieg und ange­rich­tete Gewalt gebro­chen, kehren die über­le­benden Sol­daten heim und wälzen die post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­stö­rung auf ihren Ange­hö­rigen ab.

 

Femi­nismus als poli­ti­sche Kraft, die sich für die gesell­schaft­liche Ent­wick­lung und Hilfe der­je­nigen, die im Sinne der Vul­nera­bi­lität leicht angreifbar und bedroht sind, sowie gegen Gewalt ein­setzt, kann nicht an der Seite des [in der Russ­län­di­schen Föde­ra­tion ver­bo­tenen Wortes] und noch weniger des Okkupations-[das in der Russ­län­di­schen Föde­ra­tion ver­bo­tene Wort] stehen. Genauso wenig kann sie an der Seite des Impe­riums sein, denn die impe­riale Ansicht auf Men­schen, Ter­ri­to­rium und Geschichte ist eine aneig­nende, unter­wer­fende Ansicht, obwohl es gewiss auch den rechten Femi­nismus im poli­ti­schen Spek­trum gibt. Das Impe­rium de-sub­jek­ti­viert die­je­nigen, auf die es hin­un­ter­schaut, weil es auf sie wie auf eine Beute schaut.

 

Der jet­zige [das in der Russ­län­di­schen Föde­ra­tion ver­bo­tene Wort], wie die Anrede des Prä­si­denten Vla­dimir Putin zeigt, wird unter dem Banner der „tra­di­tio­nellen Werte“ geführt, die Russ­land quasi mis­sio­na­risch in die Welt zu tragen beschlossen hat. Woraus diese „tra­di­tio­nellen Werte“ bestehen, wissen die­je­nigen, die die Innen­po­litik des Landes der letzten Jahre ver­folgten: diese Werte beruhen auf der Aus­beu­tung der Frauen und anderer vul­nerablen Gruppen und auf dem Kampf gegen die­je­nigen, deren Lebens­weise, Selbst­be­stim­mung und Tätig­keit über die enge patri­ar­chale Norm hin­aus­gehen. Die Recht­fer­ti­gung der Beset­zung des Nach­bar­staats durch den Drang, die eigene Norm unter dem Deck­mantel der „Befreiung“ auf­zu­zwingen, ist ein wei­terer Grund, warum die Femi­nis­tinnen Russ­lands als eine der wenigen übrigen aktiven poli­ti­schen Kräfte gegen den [in der Russ­län­di­schen Föde­ra­tion ver­bo­tenen Wort] Wider­stand leisten müssen.

 

Ich will erzählen, wie der Femi­nis­ti­sche Anti­kriegs­wi­der­stand (FAW) funk­tio­niert. Ich betone, dass ich gerade pri­vi­le­giert bin, im eigenen Namen zu spre­chen, ohne ihn zu ver­bergen; viele Teil­neh­mende haben diese Mög­lich­keit nicht. Wir brauchten aber ein paar „offene Gesichter“, um mit unserer Bewe­gung vor­an­zu­kommen und sie zu ver­breiten. Für „offene Gesichter“ gibt es in man­chen Situa­tionen mehr Ver­trauen (vor allem bei Fundraising).

 

In unseren Netz­werken sind ca. 40.000 Abon­nenten, davon sind ca. 5.000 Akti­visten und Akti­vis­tinnen dieser Bewe­gung. Nicht alles davon, was wir tun, können wir wegen des großen Risikos für die sich in Russ­land befin­denden Teil­neh­me­rinnen öffent­lich machen. In kurzen Worten, wir orga­ni­sieren Stra­ßen­pro­teste, mas­sen­hafte Kunst­ak­tionen, die Men­schen vom [in der Russ­län­di­schen Föde­ra­tion ver­bo­tenen Wort] in der Ukraine erzählen, ver­breiten Anti­kriegs­pro­pa­ganda (Zei­tungen, Sti­cker, Flyer, Mai­ling, Briefe), wirken bei der Grün­dung der Anti­kriegs­stif­tung mit – einer Stif­tung für die Hilfe für die strei­kenden und auf­grund ihrer Ansichten gekün­digten Men­schen, ver­öf­fent­li­chen Briefe der Ukrainer und Ukrai­ne­rinnen, die sich im Epi­zen­trum des Kriegs­ge­sche­hens befinden oder die ihre Erfah­rung als Geflüch­tete beschreiben. Wir machen jeden Stra­ßen­pro­test gemein­schaft­lich in Ver­net­zung mit­ein­ander, indem wir ihn auf mehr als 60 Städten aus­breiten. Außerdem helfen wir den Strei­kenden, die Poli­zei­ge­walt erlebten (dem­nächst starten wir eine kos­ten­lose psy­cho­lo­gi­sche Bera­tung und Grup­pen­an­ge­bote). Ein Teil von uns ist mit frei­wil­liger Arbeit in anderen Län­dern bei den Hilfs­in­itia­tiven für Geflüch­tete. 45 femi­nis­ti­sche Gruppen sind auf dem Land aktiv, von Kali­nin­grad bis Vla­di­vostok. Diese Gruppen kom­mu­ni­zieren mit­ein­ander als ein mäch­tiges Netz, gehen zu Aktionen, machen Antikriegspropaganda.

 

Aus Sicher­heits­gründen haben wir keinen Koor­di­nie­rungs­chat, aber es gibt viele klei­nere Chats, in denen unter­schied­liche Gruppen sind. Jeder Mensch, jede Akti­vistin kann den Namen und die Sym­bolik des FAW ver­wenden und sich für die Teil­neh­merin der Bewe­gung erklären oder eine „Zelle“ in der eigenen Stadt eröffnen, wenn sie unsere Haupt­these teilen, die im kol­lek­tiven Mani­fest for­mu­liert ist: Nein zum [in der Russ­län­di­schen Föde­ra­tion ver­bo­tenen Wort].

 

Das Mani­fest ist offen für Ände­rungen und Anpas­sungen von außen. Es wurde bereits in 30 Spra­chen über­setzt: Sacha, Udmurtiš, Čuwašiš und andere. Auf der Tages­ord­nung unserer Bewe­gung ist unter anderem Anti­im­pe­ria­lismus, denn viele Völker, die in Russ­land leben, haben eine blu­tige und schmerz­hafte Geschichte hinter sich, weil das rus­si­sche Impe­rium oder die Sowjet­union eine Gewalt­po­litik gegen­über ihnen führten. Wir reden vom Außen- und Innen­ko­lo­nia­lismus, der oft von den­je­nigen Bür­gern nicht reflek­tiert ist, die sich für die Slaven halten.

 

Das sagen wir den­je­nigen, die sich uns anschließen wollen:

 

„Jeden Tag Pro­teste koor­di­nie­rend, neue Aktionen gemeinsam star­tend und kon­zep­tua­li­sie­rend, Wege für die Hilfe für Geflüch­tete und Strei­kende suchend, kämpfen wir gegen die Träg­heit der Sinn­haf­tig­keit: [das in der Russ­län­di­schen Föde­ra­tion ver­bo­tene Wort] hat viele Bedeu­tungen annul­liert, vor allem die Bedeu­tungen und Fort­schritte des zivilen Akti­vismus. Selbst wenn unsere Bewe­gung nicht in der Lage ist den das in der Russ­län­di­schen Föde­ra­tion ver­bo­tene Wort] zu stoppen, ist sie in der Lage der­maßen zu wachsen, dass sie neue [das in der Russ­län­di­schen Föde­ra­tion ver­bo­tene Wort] stoppen und prä­ventiv han­deln kann. Der rus­si­sche Impe­ria­lismus ist in unserer Wirk­lich­keit der­maßen ver­an­kert, dass wir alle eine sehr robuste alte Ord­nung bre­chen müssen, damit sich das „Wir können wie­der­holen“** in „Nie wieder“ umwandelt.

 

*Anmer­kung der Über­set­zerin: Rosk­om­nadsor (Föde­raler Dienst für die Auf­sicht im Bereich der Kom­mu­ni­ka­tion, Infor­ma­ti­ons­tech­no­logie und Mas­sen­kom­mu­ni­ka­tion Russ­lands) ver­bietet seit dem Kriegs­aus­bruch in der Ukraine die Ver­wen­dung des Wortes „Krieg“ in allen Medien und ver­weist auf den Artikel 13.15 (Ver­brei­tung von „Fake News“) des rus­si­schen Gesetz­bu­ches. Aus diesem Grund wird das Wort Krieg in diesem Artikel als [das in der Russ­län­di­schen Föde­ra­tion ver­bo­tene Wort] bezeichnet.

 

** Anmer­kung der Über­set­zerin: Gemeint ist das Zei­chen an der Wand im Bun­destag, das sowje­ti­sche Sol­daten hin­ter­ließen. Im heu­tigen Russ­land wird diese Bot­schaft bei­spiels­weise in Form von Auto­auf­kle­bern verbreitet.

Bild­quelle: Daria Ser­enko, © Glasnaya.Media.