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novinki präsentiert: Cultural producers in the ‘post-soviet’ region facing the Covid-19 pandemic - a serie of online workshops

Posted on 15. Dezember 2020 by Susanne Frank, Maria Stepanova
Auf Initiative des Fachgebiets für Ostslawische Literaturen und Kulturen fanden im Oktober 2020 unter Leitung von Maria Stepanova (Siegfried Unseld Gastprofessorin 2018-19) im Zoom der Humboldt Universität vier Workshops statt, deren Ziel es war, die Landschaft der Kulturinstitutionen und künstlerischen Entwicklungen in einigen Ländern, ehemaligen Sowjetrepubliken, in Hinblick auf ihre aktuelle Situation – auch im Kontext der Covid-19 Pandemie – zu kartieren, institutionelle und künstlerische Entwicklungen der letzten Jahre zu analysieren und ihre Zukunftsperspektiven auch mit Blick auf Fördermöglichkeiten für unabhängige künstlerische und kuratorische Perspektiven zu erörtern.

Maria Stepanova im Gespräch mit Kulturschaffenden aus Lettland, Kirgistan, Armenien, Georgien, Belarus und der Ukraine

Auf Initiative des Fachgebiets für Ostslawische Literaturen und Kulturen fanden im Oktober 2020 unter Leitung von Maria Stepanova (Siegfried Unseld Gastprofessorin 2018-19) im Zoom der Humboldt Universität vier Workshops statt, deren Ziel es war, die Landschaft der Kulturinstitutionen und künstlerischen Entwicklungen in einigen Ländern, ehemaligen Sowjetrepubliken, in Hinblick auf ihre aktuelle Situation – auch im Kontext der Covid-19 Pandemie – zu kartieren, institutionelle und künstlerische Entwicklungen der letzten Jahre zu analysieren und ihre Zukunftsperspektiven auch mit Blick auf Fördermöglichkeiten für unabhängige künstlerische und kuratorische Perspektiven zu erörtern.

 

Eröffnungsworkshop am 07.10.2020

 

 

Ganz bewusst wurde dieser nicht unumstrittene Begriff „post-sowjetisch“ für den Russland und die ehemaligen Sowjetrepubliken umfassenden, durch eine geteilte Geschichte, geteiltes Gedächtnis und Traumata verbundenen und heute durch viele Staatsgrenzen und kulturelle Umorientierungen geteilten Geschichtsraum (S. Troebst) gewählt, um sein erkenntnisstiftendes Potential im Blick auf aktuelle Entwicklungen im künstlerischen und kulturellen Feld sowie aktuelle Kulturpolitik, Institutionen und künstlerische Orientierungen und Identifikationen zu erproben. Zugleich ging es uns darum, Möglichkeiten zu sondieren, wie z.B. mithilfe von Vernetzungsprojekten das kulturelle/künstlerische Geschehen in diesen auf der geistigen Landkarte Europas noch immer sehr wenig bekannten und markierten Regionen bekannter gemacht werden kann.

 

Die Reflexion darüber, ob die vergleichende Zusammenschau heute, dreißig Jahre nach dem Ende der Sowjetunion, Sinn macht oder ob sie nicht vielmehr den Blick auf die grundlegenden Differenzen zwischen den länderspezfischen Entwicklungen verstellt, begleitete alle vier Treffen. Anfangs rief gerade dieser Terminus Skepsis bei den Teilnehmer_innen hervor, weil er das Gefühl evoziert an eine längst überwundene Vergangenheit zurückzubinden, was heute allem Anschein nach völlig unabhängig davon und in ganz anderem Kontext geschieht. Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive legitimiert sich diese Frage durch Beobachtungen auf mehreren Ebenen: etwa dadurch, dass die in den 1930er Jahren in allen Republiken der Sowjetunion mit dem Ziel einer strukturellen Homogenisierung des Feldes eingerichteten Institutionen von großer Nachhaltigkeit waren und zum großen Teil bis heute kontinuierlich existieren; oder durch das aus der Vereinheitlichung des Kulturraums resultierende geteilte kulturelle und künstlerische Gedächtnis und die mit ihm verbundenen historischen Narrative. Auch die Verbreitung der russischen Sprache als Folge der sowjetischen Russifizierungs- bzw. lingua franca-Politik könnte als weiterhin verbindendes Moment vermutet werden. Während sich letztere Vermutung nur in Hinblick auf einen Teil der Länder als relevant erwies – jene, die durch langfristige Bevölkerungszusammensetzung bis heute bilingual sind, oder jene – wie Kirgistan –, in denen Russisch bis heute als Bildungssprache unersetzlich ist, haben sich die anderen Aspekte im Verlauf der Gespräche als gewinnbringend erwiesen: sowohl für die Intensivierung der gegenseitigen Kenntnisnahme und Erweckung bzw. Intensivierung des gegenseitigen Interesses unter den Teilnehmer_innen, die durchweg über einen Mangel an gegenseitiger Information und Kommunikation klagten, als auch in Hinblick auf die Analyse, bei der aus dieser Perspektive Gemeinsamkeiten und Unterschiede sichtbar wurden, die noch immer auf die alten  Strukturen, Institutionen und Positionierungen innerhalb der Sowjetunion zurückgehen.

 

Im Blick auf die Zukunft bestand unsere Aufgabe darin, die Grundlage für eine zukünftige Plattform zur Unterstützung unabhängiger kultureller Initiativen zu erarbeiten, die sowohl individuelle Projekte als auch größere Gruppenprojekte im Bereich des kulturellen Managements umfassen soll. Wir wollen Zonen und Akteure ausfindig machen, deren Unterstützung und Vernetzung nötig und vielversprechend wäre, und längerfristig gezielte Förderprogramme entwickeln. Als Voraussetzung dafür ist das Mapping, welches die Workshopbeiträge zu leisten versuchen, grundlegend. Der erste wichtige Schritt, der seinerseits ein solches Mapping überhaupt erst ermöglichen konnte, war die Findung und das Engagement von exzellenten Experten in dieser Sache.

 

Sechs namhafte Spezialist_innen, Autor_innen und Kurator_innen aus Lettland, Kirgistan, Armenien, Georgien, Belarus und der Ukraine, wurden als Expert_innen für ihre Herkunftsregion (z.T. ihre primäre Wirkungsstätte) eingeladen zu berichten, einen Überblick zu geben sowie ein Interview mit einer/m der maßgeblichen Akteur_innen der Region durchzuführen.

 

Yaraslava Ananko, belarusische Dichterin, Absolventin des Gorki-Instituts in Moskau, Literaturwissenschaftlerin, Autorin der 2020 erschienenen Monographie zum Berlin-Topos des polnischstämmigen russischen Dichters Vladislav Chodasevič (Каникулы Каина. Поэтика промежутка в берлинских стихах В. Ф. Ходасевича, М. 2020. https://www.nlobooks.ru/books/nauchnaya_biblioteka/22632/) und derzeit Leiterin eines eigenen Forschungsprojekts an der HU Berlin (Thema: Performativer Dilettantismus. Das Pilotprojekt der belarussischen Literatur, 1840–1850er Jahre) (https://www.slawistik.hu-berlin.de/de/fachgebiete/ostslawlit/projekte), war als Expertin für Belarus eingeladen. (Vgl. ihren Artikel in der Zeitschrift NLO 2018 zur Problematik von Mehr- und Russischsprachigkeit in der aktuellen belarusischen Lyrik: https://magazines.gorky.media/nlo/2018/2/bilingvalnoe-rasstrojstvo.html). Im Rahmen der Workshopreihe führte sie ein Interview mit Nikolaj Khalezin, dem seit langem im Londoner Exil lebenden Gründer des „Belarusischen Freien Theaters“ (2005) mit Sitz seit 2011 in London, das seit fünfzehn Jahren Inszenierungen im belarusischen Underground auf die Bühne bringt (http://belarusfreetheatre.com). Seit Neuestem führt Khalezin im Kontext der Protestbewegung in Belarus und ihrer weltweiten Resonanz die online-Plattform „Ministry of counterculture“ (https://moc.media/en/about/) an. Zu den zentralen Beobachtungen Anankos gehören erstens die Feststellung der Kontinuität der außerordentlich großen künstlerischen und politischen Relevanz des künstlerischen Underground in Belarus sowie, zweitens, die große Bedeutung alternativer Bildungsinstitutionen im Bereich von Kunst und Literatur sowie der Humanities.

 

Zaal Andronikashvili, Germanist und Vergleichender Literatur- und Kulturwissenschaftler am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin und Professor an der Ilya State University Tbilisi, ist Autor mehrerer gewichtiger Beiträge zur Grundlagenforschung im Bereich der Kulturtheorie mit Blick auf Osteuropa – wie z.B. als Koautor der Bände Grundordnungen. Geographie, Religion, Gesetzt (Berlin 2013), Die Ordnung pluraler Kulturen. Figurationen europäischer Kulturgeschichte vom Osten her gesehen (Berlin 2013) und Kulturheros. Genealogien, Konstellationen, Praktiken (Berlin 2017) – und einer der aktuell wichtigsten Spezialisten für die Kulturgeschichte Georgiens im 20. Jahrhundert (z.B. als konzeptionell leitender Autor des Bandes Landna(h)me Georgien. Studien zur kulturellen Semantik (Berlin 2018). Im Rahmen der Workshopreihe lud Zaal Andronikashvili Medea Metreveli, bis 2019 Leiterin des Georgian National Book Center (GNBC), die den beeindruckenden Auftritt von Georgien als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018 vorbereitet hat, zu einem Interview ein. Gemeinsam mit ihr und in seinen Statements legte Zaal Andronikashvili den Fokus auf die international bemerkenswert erfolgreiche georgische Literatur, deren Besonderheit er im (post)sowjetischen Kontext darin sieht, dass es in Georgien keine Tradition des Underground gab, der in irgendeiner Form fortgesetzt werden könnte. Schon vor Beginn der Sowjetunion hatte sich ein georgisches Selbstverständnis als Kulturnation herausgebildet, das bis heute praktisch kontinuierlich besteht. Obwohl die staatliche Kulturpolitik wie in anderen postsowjetischen Ländern keine klare und stabile Programmatik hat, ist in Georgien – darin Lettland vergleichbar – doch der Staat der wichtigste Förderer der Literatur und Kultur im Allgemeinen. Postsowjetisch zeichnet sich eine starke und von Übersetzungen ins Russische de facto unabhängige internationale Rezeption der georgischen Literatur ab.

 

Yevgenia Belorusets ist Germanistin, Fotografin, bildende Künstlerin, Aktivistin und Autorin literarischer Werke im Umfeld des Dokumentarismus aus Kyiv (http://belorusets.com/info/about). Ihr auf zahlreichen Interviews mit Frauen im Donbas basierender, höchst kunstvoller Prosaband „Glückliche Fälle“ wurde 2019 im Berliner Verlag Matthes & Seitz in deutscher Übersetzung publiziert. Yevgenia Belorusets wurde als Expertin für die Entwicklungen in der Ukraine eingeladen. Im Interview sprach Yevgenia Belorusets mit Lada Nakonechna, bildende Künstlerin (Fotografie, Zeichnung, Installationen, Performance), gebürtig aus Dnipro(petrovsk) mit Schaffensschwerpunkt in Kyiv. 2012 gründete Lada Nakonechna gemeinsam mit einigen Kolleg_nnen die unabhängige höhere Bildungsinstitution „Method Fund“(https://sites.google.com/site/methodfund/news). Nakonechna ist Mitherausgeberin der unabhängigen Kunst- und Kulturzeitschrift Porstory (http://prostory.net.ua/en/). In ihrer Diagnose der Entwicklungen in der Ukraine mit Schwerpunkt Kunst stellten beide Künstlerinnen die Problematik der Kontinuität der sowjetischen Institutionen, die z.T. nur umbenannt wurden, bei gleichzeitiger konzeptueller Aushöhlung fest, was dazu führe, dass relevante künstlerische Entwicklungen sich v.a. jenseits der Sphäre der offiziellen Institutionen vollzögen und beständig um ihre Unterstützung kämpfen müssten. In dieser Spaltung aber finden letztlich die parallelen Welten von Offizialität und Underground der sowjetischen Zeit ihre Fortsetzung. Die weiterhin spürbaren Symptomschmerzen des Alten behindern eine dynamische Entwicklung massiv. Auch in ihren Kunstwerken setzt Yevgenia Belorusets sich immer wieder kritisch mit den politisch verordneten, unreflektierten und der Verarbeitung der Traumata der Vergangenheit kaum dienlichen Politik der Dekommunisierung auseinander.

 

Gulzat Egemberdieva, Journalistin, Dokumentarfilmerin und Kultur- und Literaturwissenschaftlerin aus Bishkek mit Masterabschluss an der University of Toronto arbeitet derzeit an einer Doktorarbeit zur kirgisischen Literatur der Sowjetzeit am Institut für Slawistik der Humboldt Universität zu Berlin (https://www.slawistik.hu-berlin.de/de/fachgebiete/ostslawlit/projekte). Als Spezialistin für Kirgistan lud Gulzat Egemberdieva Elmira Nogojbaeva, führende kirgisische Politik- und Kulturwissenschaftlerin, zum Interview ein. Nogojbaeva ist Gründerin des Gedächtnis-Projekts „Esimde“ (http://esimde.org/), welches offen zur Einsendung autobiographischer Texte für die zur Verhandlung eines traumabewältigenden, Erinnerung aufarbeitenden und Identität stiftenden kollektiven und kulturellen Gedächtnisses einlädt. Wichtige Aspekte der postsowjetischen Entwicklungen in Kirgistan sind für Gulzat Egemberdieva die Kontinuität der Relevanz der russischen Sprache, deren Bedeutung jedoch zunehmend unabhängig wird von einer Orientierung am russischen Staat - bei gleichzeitigem Bedeutungsgewinn der kirgisischen Sprache -; die vielfältige Vernetzung im gesamten postsowjetischen Raum, z.B. auch mit Initiativen in der Ukraine und in Georgien, aber auch mit der Türkei und dem westlichen Ausland; die Relevanz unabhängiger, z.T. von der Open Society Foundation und anderen Stiftungen (v.a. aus den USA) geförderter Initiativen, sowie ein starkes und z.B. nostalgisch-identifikatorisches Interesse an der sowjetischen Vergangenheit.

 

Dmitrij Kuz’min, Dichter, Literaturkritiker und -wissenschaftler, Pionier der russischen Literatur im Internet, noch in den 1990ern Gründer der wichtigen Literaturplattform novaja literaturnaja karta russkoj literatury (www.litkarta.ru). Dmitrij Kuz’min ist Mitglied des Redaktionskollegiums von colta.ru und, seit 2007 Herausgeber der zweisprachigen Literaturzeitschrift Vozduch (http://www.litkarta.ru/projects/vozdukh/). Seit 2014 lebt Dmitrij Kuz‘min im Exil in Lettland und identifiziert sich auch persönlich mit der lettischen Literatur- und Kulturpolitik. Wie er in seinem Bericht schreibt, entwickelte sich in Lettland seit der spätsowjetischen Periode, wo Riga zu einem wichtigen Zentrum für ästhetisch anspruchsvolle und politisch kritische Autor_innen wurde, die in Russland Probleme mit der Zensur hatten, um Autoren wie Andrej Levkin (Zeitschrift Rodnik) und seit 1999 um die Zeitschrift Orbita (Sergej Timofeev) eine sehr aktive Literaturszene, die einen äußerst lebendigen, harmonischen, unzensierten Austausch zwischen russischsprachiger und lettischsprachiger Literatur ermöglicht. Zweisprachige Publikationen und gegenseitige Übersetzungen sind ein vollkommen selbstverständlicher Bestandteil der lettischen Publikationslandschaft, die wesentlich auch vom Staat gefördert wird. Auch für die Entwicklungen im Bereich der Kunst gilt, dass der größte Anteil der Förderung vom Staat kommt und dadurch auch die wichtigsten Initiativen zur Sichtbarkeit der Kunst aus Lettland – z.B. auf internationalen Kunstbiennalen oder durch die Durchführung von Biennalen in Lettland selbst – unterstützt werden. Wie man an Kuz’min selbst sieht, hat Lettland bis heute seine Funktion als wichtiger, liberaler Zufluchtsort für dissidentische Kunst- und Literaturschaffende aus Russland behalten.

 

Sona Stepanyan ist Kuratorin der „Armenia Art Foundation für zeitgenössische Kunst“ in Yerevan, tätig für internationale Kunststiftungen wie z.B. den Mondriaan-Fund der Niederlande und Gründungsmitglied des Kuratoren-Studios „Triangle“ in Moskau. Zum Gespräch lud Sona Stepanyan Tigran Amiryan ein, unabhängiger Kurator und Leiter kulturwissenschaftlicher Projekte mit Fokus auf kollektivem Gedächtnis und kollektiver Amnesie sowie Gedächtnisnarrativen und ihrer Visualisierung. Mit Tigran Amiryan, der organisatorisch und als Dozent am Aufbau unabhängiger Bildungsinitiativen im künstlerischen Bereich aktiv ist, diskutierte Sona Stepanyan die Problematik der Zersplitterung der Kunstszene und ihre institutionelle Verankerung in Armenien. Während die staatliche Kulturförderung v.a. auf die dem Tourismus dienende Erhaltung und öffentlichkeitswirksame Vermarktung des Kultur- und Kunsterbes ausgerichtet ist, existiert die junge, aktive Kunstszene vollkommen unabhängig davon. Ihre Entwicklung gestaltet sich wegen des anhaltenden „lethargischen Schlafs“ der staatlichen Institutionen, wegen des Mangels an Ausbildungsmöglichkeiten für junge Künstler_innen, die diesen den Anschluss an internationale Entwicklungen erleichtern und Auslandsaufenthalte (auch Fellowships) ermöglichen würden, und wegen der Schwierigkeiten und Instabilitäten der Förderung sehr wechselhaft und chaotisch. Die Förderung unabhängiger kleinerer Initiativen geht oft von Akteuren an Orten der weltweiten armenischen Diaspora (Iran, USA, Türkei, Libanon) aus, deren kulturschaffende Rolle in Armenien selbst jedenfalls von Bedeutung ist. Langfristige Konzepte und Planungen fehlen oder können nicht realisiert werden. Als eine der wichtigsten Institutionen zur Förderung avantgardistischer zeitgenössischer Kunst hebt Sona Stepanyan das „Zentrum der zeitgenössischen experimentellen Kunst“ (NPAK) hervor, welches auf Initiative von Vertretern der armenischen Diaspora im Iran gegründet wurde.

 

Mithilfe dieser Expert_innen wollten wir nicht nur Namen von Akteuren und Institutionen sowie Zahlen zusammenzutragen, sondern auch Weichen für ein tieferes Verständnis der regionalspezifischen Entwicklungen stellen. Daher wurden als Ausgangspunkte für Berichte und Interviews Fragen formuliert, die helfen sollten herauszufinden,

- wer in diesen Ländern über die wichtigen Informationen des kulturellen Feldes und des Funktionierens seiner Instiutionen verfügt

- wer die verschiedenen künstlerischen Felder gleichermaßen überblickt und

- wer über internationale Kontakte (und wohin) verfügt.

 

Als Herausgeberin und Chefredakteurin der im heutigen Russland einzigen unabhängigen kulturjournalistischen Online-Plattform colta.ru, brachte Maria Stepanova zum Zweck der Ergänzung der regionalen und internationalen Expertise aus russischer Sicht sowie zur Intensivierung der vergleichenden Diskussion  zu den zwei rahmenden Treffen jeweils eine/n Experti/en aus Russland dazu: Marina Davydova, Herausgeberin und Chefredakteurin der Zeitschrift “Teatr” (http://oteatre.info/) und Ilja Daniševskij, Autor und Verfechter eines neuen dezidiert nicht-offiziellen kritischen Diskurses in Russland, Herausgeber der wichtigen Buch-Serie Angedonija im Verlag AST (https://ast.ru/series/angedoniya-proekt-danishevskogo-1078829/) mit Analysen der politischen und kulturellen Situation im Russland der Gegenwart von bekannten kritischen Journalist_innen und Kulturexpert_innen, dessen aktuelle Inititativen Herausgeberschaften (z.B. als Redakteur der Literaturkolumne der Zeitschrift „Snob“) im Kontext von Covid-19 besondere Resonanz erfahren haben.

 

novinki publiziert in russischer Originalsprache die Videoaufzeichnungen des eröffnenden und des beschließenden Workshops sowie jeweils einzeln die Experteninterviews. In Ergänzung dazu werden auch die Überblicksessays der Expert_innen für die Situation in den sechs Ländern publiziert, zunächst auf Russisch und demnächst auch in deutscher Übersetzung. Wir empfehlen die Lektüre der vollständigen Überblicksessays auch deshalb, weil sich in ihnen ganz bewusst der subjektive Standpunkt der/s jeweiligen Autorin/s manifestiert. Außerdem hängen ihre Perspektiven vom jeweiligen professionellen Interesse ab und geben Einblick in die jeweilige Expertise.

 

Als Ergebnis des vergleichenden Blicks auf die postsowjetischen Länder zeichnen sich einige strukturelle Parallelen ab, die eine erste Charakterisierung der aktuellen Situation erlauben:

Auf der Basis der Ergebnisse der Workshops könnte nun als weitere Vorarbeit zur Errichtung einer Förderplattform ein, an regionale Expert_innen zu adressierender detaillierter Fragebogen erarbeitet werden, dessen Antworten eine genauere und tiefere Kartierung des kulturellen Feldes erlauben.

novinki präsentiert: Cultural producers in the ‘post-soviet’ region facing the Covid-19 pandemic - a serie of online workshops – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

novinki prä­sen­tiert: Cul­tural pro­du­cers in the ‘post-soviet’ region facing the Covid-19 pan­demic – a serie of online workshops

Maria Ste­pa­nova im Gespräch mit Kul­tur­schaf­fenden aus Lett­land, Kir­gi­stan, Arme­nien, Geor­gien, Belarus und der Ukraine

Auf Initia­tive des Fach­ge­biets für Ost­sla­wi­sche Lite­ra­turen und Kul­turen fanden im Oktober 2020 unter Lei­tung von Maria Ste­pa­nova (Sieg­fried Unseld Gast­pro­fes­sorin 2018–19) im Zoom der Hum­boldt Uni­ver­sität vier Work­shops statt, deren Ziel es war, die Land­schaft der Kul­tur­in­sti­tu­tionen und künst­le­ri­schen Ent­wick­lungen in einigen Län­dern, ehe­ma­ligen Sowjet­re­pu­bliken, in Hin­blick auf ihre aktu­elle Situa­tion – auch im Kon­text der Covid-19 Pan­demie – zu kar­tieren, insti­tu­tio­nelle und künst­le­ri­sche Ent­wick­lungen der letzten Jahre zu ana­ly­sieren und ihre Zukunfts­per­spek­tiven auch mit Blick auf För­der­mög­lich­keiten für unab­hän­gige künst­le­ri­sche und kura­to­ri­sche Per­spek­tiven zu erörtern.

 

Eröff­nungs­work­shop am 07.10.2020

 

 

Ganz bewusst wurde dieser nicht unum­strit­tene Begriff „post-sowje­tisch“ für den Russ­land und die ehe­ma­ligen Sowjet­re­pu­bliken umfas­senden, durch eine geteilte Geschichte, geteiltes Gedächtnis und Trau­mata ver­bun­denen und heute durch viele Staats­grenzen und kul­tu­relle Umori­en­tie­rungen geteilten Geschichts­raum (S. Tro­ebst) gewählt, um sein erkennt­nis­stif­tendes Poten­tial im Blick auf aktu­elle Ent­wick­lungen im künst­le­ri­schen und kul­tu­rellen Feld sowie aktu­elle Kul­tur­po­litik, Insti­tu­tionen und künst­le­ri­sche Ori­en­tie­rungen und Iden­ti­fi­ka­tionen zu erproben. Zugleich ging es uns darum, Mög­lich­keiten zu son­dieren, wie z.B. mit­hilfe von Ver­net­zungs­pro­jekten das kulturelle/künstlerische Geschehen in diesen auf der geis­tigen Land­karte Europas noch immer sehr wenig bekannten und mar­kierten Regionen bekannter gemacht werden kann.

 

Die Refle­xion dar­über, ob die ver­glei­chende Zusam­men­schau heute, dreißig Jahre nach dem Ende der Sowjet­union, Sinn macht oder ob sie nicht viel­mehr den Blick auf die grund­le­genden Dif­fe­renzen zwi­schen den län­der­spez­fi­schen Ent­wick­lungen ver­stellt, beglei­tete alle vier Treffen. Anfangs rief gerade dieser Ter­minus Skepsis bei den Teilnehmer_innen hervor, weil er das Gefühl evo­ziert an eine längst über­wun­dene Ver­gan­gen­heit zurück­zu­binden, was heute allem Anschein nach völlig unab­hängig davon und in ganz anderem Kon­text geschieht. Aus kul­tur­wis­sen­schaft­li­cher Per­spek­tive legi­ti­miert sich diese Frage durch Beob­ach­tungen auf meh­reren Ebenen: etwa dadurch, dass die in den 1930er Jahren in allen Repu­bliken der Sowjet­union mit dem Ziel einer struk­tu­rellen Homo­ge­ni­sie­rung des Feldes ein­ge­rich­teten Insti­tu­tionen von großer Nach­hal­tig­keit waren und zum großen Teil bis heute kon­ti­nu­ier­lich exis­tieren; oder durch das aus der Ver­ein­heit­li­chung des Kul­tur­raums resul­tie­rende geteilte kul­tu­relle und künst­le­ri­sche Gedächtnis und die mit ihm ver­bun­denen his­to­ri­schen Nar­ra­tive. Auch die Ver­brei­tung der rus­si­schen Sprache als Folge der sowje­ti­schen Rus­si­fi­zie­rungs- bzw. lingua franca-Politik könnte als wei­terhin ver­bin­dendes Moment ver­mutet werden. Wäh­rend sich letz­tere Ver­mu­tung nur in Hin­blick auf einen Teil der Länder als rele­vant erwies – jene, die durch lang­fris­tige Bevöl­ke­rungs­zu­sam­men­set­zung bis heute bilin­gual sind, oder jene – wie Kir­gi­stan –, in denen Rus­sisch bis heute als Bil­dungs­sprache uner­setz­lich ist, haben sich die anderen Aspekte im Ver­lauf der Gespräche als gewinn­brin­gend erwiesen: sowohl für die Inten­si­vie­rung der gegen­sei­tigen Kennt­nis­nahme und Erwe­ckung bzw. Inten­si­vie­rung des gegen­sei­tigen Inter­esses unter den Teilnehmer_innen, die durchweg über einen Mangel an gegen­sei­tiger Infor­ma­tion und Kom­mu­ni­ka­tion klagten, als auch in Hin­blick auf die Ana­lyse, bei der aus dieser Per­spek­tive Gemein­sam­keiten und Unter­schiede sichtbar wurden, die noch immer auf die alten  Struk­turen, Insti­tu­tionen und Posi­tio­nie­rungen inner­halb der Sowjet­union zurückgehen.

 

Im Blick auf die Zukunft bestand unsere Auf­gabe darin, die Grund­lage für eine zukünf­tige Platt­form zur Unter­stüt­zung unab­hän­giger kul­tu­reller Initia­tiven zu erar­beiten, die sowohl indi­vi­du­elle Pro­jekte als auch grö­ßere Grup­pen­pro­jekte im Bereich des kul­tu­rellen Manage­ments umfassen soll. Wir wollen Zonen und Akteure aus­findig machen, deren Unter­stüt­zung und Ver­net­zung nötig und viel­ver­spre­chend wäre, und län­ger­fristig gezielte För­der­pro­gramme ent­wi­ckeln. Als Vor­aus­set­zung dafür ist das Map­ping, wel­ches die Work­shop­bei­träge zu leisten ver­su­chen, grund­le­gend. Der erste wich­tige Schritt, der sei­ner­seits ein sol­ches Map­ping über­haupt erst ermög­li­chen konnte, war die Fin­dung und das Enga­ge­ment von exzel­lenten Experten in dieser Sache.

 

Sechs nam­hafte Spezialist_innen, Autor_innen und Kurator_innen aus Lett­land, Kir­gi­stan, Arme­nien, Geor­gien, Belarus und der Ukraine, wurden als Expert_innen für ihre Her­kunfts­re­gion (z.T. ihre pri­märe Wir­kungs­stätte) ein­ge­laden zu berichten, einen Über­blick zu geben sowie ein Inter­view mit einer/m der maß­geb­li­chen Akteur_innen der Region durchzuführen.

 

Yaras­lava Ananko, bela­ru­si­sche Dich­terin, Absol­ventin des Gorki-Insti­tuts in Moskau, Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lerin, Autorin der 2020 erschie­nenen Mono­gra­phie zum Berlin-Topos des pol­nisch­stäm­migen rus­si­schen Dich­ters Vla­dislav Cho­dasevič (Каникулы Каина. Поэтика промежутка в берлинских стихах В. Ф. Ходасевича, М. 2020. https://www.nlobooks.ru/books/nauchnaya_biblioteka/22632/) und der­zeit Lei­terin eines eigenen For­schungs­pro­jekts an der HU Berlin (Thema: Per­for­ma­tiver Dilet­tan­tismus. Das Pilot­pro­jekt der bela­rus­si­schen Lite­ratur, 1840–1850er Jahre) (https://www.slawistik.hu-berlin.de/de/fachgebiete/ostslawlit/projekte), war als Expertin für Belarus ein­ge­laden. (Vgl. ihren Artikel in der Zeit­schrift NLO 2018 zur Pro­ble­matik von Mehr- und Rus­sisch­spra­chig­keit in der aktu­ellen bela­ru­si­schen Lyrik: https://magazines.gorky.media/nlo/2018/2/bilingvalnoe-rasstrojstvo.html). Im Rahmen der Work­shopreihe führte sie ein Inter­view mit Nikolaj Kha­lezin, dem seit langem im Lon­doner Exil lebenden Gründer des „Bela­ru­si­schen Freien Thea­ters“ (2005) mit Sitz seit 2011 in London, das seit fünf­zehn Jahren Insze­nie­rungen im bela­ru­si­schen Under­ground auf die Bühne bringt (http://belarusfreetheatre.com). Seit Neu­estem führt Kha­lezin im Kon­text der Pro­test­be­we­gung in Belarus und ihrer welt­weiten Reso­nanz die online-Platt­form „Ministry of coun­ter­cul­ture“ (https://moc.media/en/about/) an. Zu den zen­tralen Beob­ach­tungen Anankos gehören ers­tens die Fest­stel­lung der Kon­ti­nuität der außer­or­dent­lich großen künst­le­ri­schen und poli­ti­schen Rele­vanz des künst­le­ri­schen Under­ground in Belarus sowie, zwei­tens, die große Bedeu­tung alter­na­tiver Bil­dungs­in­sti­tu­tionen im Bereich von Kunst und Lite­ratur sowie der Humanities.

 

Zaal Andro­ni­kash­vili, Ger­ma­nist und Ver­glei­chender Lite­ratur- und Kul­tur­wis­sen­schaftler am Leibniz-Zen­trum für Lite­ratur- und Kul­tur­for­schung Berlin und Pro­fessor an der Ilya State Uni­ver­sity Tbi­lisi, ist Autor meh­rerer gewich­tiger Bei­träge zur Grund­la­gen­for­schung im Bereich der Kul­tur­theorie mit Blick auf Ost­eu­ropa – wie z.B. als Koautor der Bände Grund­ord­nungen. Geo­gra­phie, Reli­gion, Gesetzt (Berlin 2013), Die Ord­nung plu­raler Kul­turen. Figu­ra­tionen euro­päi­scher Kul­tur­ge­schichte vom Osten her gesehen (Berlin 2013) und Kul­tur­heros. Genea­lo­gien, Kon­stel­la­tionen, Prak­tiken (Berlin 2017) – und einer der aktuell wich­tigsten Spe­zia­listen für die Kul­tur­ge­schichte Geor­giens im 20. Jahr­hun­dert (z.B. als kon­zep­tio­nell lei­tender Autor des Bandes Landna(h)me Geor­gien. Stu­dien zur kul­tu­rellen Semantik (Berlin 2018). Im Rahmen der Work­shopreihe lud Zaal Andro­ni­kash­vili Medea Met­re­veli, bis 2019 Lei­terin des Geor­gian National Book Center (GNBC), die den beein­dru­ckenden Auf­tritt von Geor­gien als Gast­land der Frank­furter Buch­messe 2018 vor­be­reitet hat, zu einem Inter­view ein. Gemeinsam mit ihr und in seinen State­ments legte Zaal Andro­ni­kash­vili den Fokus auf die inter­na­tional bemer­kens­wert erfolg­reiche geor­gi­sche Lite­ratur, deren Beson­der­heit er im (post)sowjetischen Kon­text darin sieht, dass es in Geor­gien keine Tra­di­tion des Under­ground gab, der in irgend­einer Form fort­ge­setzt werden könnte. Schon vor Beginn der Sowjet­union hatte sich ein geor­gi­sches Selbst­ver­ständnis als Kul­tur­na­tion her­aus­ge­bildet, das bis heute prak­tisch kon­ti­nu­ier­lich besteht. Obwohl die staat­liche Kul­tur­po­litik wie in anderen post­so­wje­ti­schen Län­dern keine klare und sta­bile Pro­gram­matik hat, ist in Geor­gien – darin Lett­land ver­gleichbar – doch der Staat der wich­tigste För­derer der Lite­ratur und Kultur im All­ge­meinen. Post­so­wje­tisch zeichnet sich eine starke und von Über­set­zungen ins Rus­si­sche de facto unab­hän­gige inter­na­tio­nale Rezep­tion der geor­gi­schen Lite­ratur ab.

 

Yev­genia Belo­ru­sets ist Ger­ma­nistin, Foto­grafin, bil­dende Künst­lerin, Akti­vistin und Autorin lite­ra­ri­scher Werke im Umfeld des Doku­men­ta­rismus aus Kyiv (http://belorusets.com/info/about). Ihr auf zahl­rei­chen Inter­views mit Frauen im Donbas basie­render, höchst kunst­voller Pro­sa­band „Glück­liche Fälle“ wurde 2019 im Ber­liner Verlag Mat­thes & Seitz in deut­scher Über­set­zung publi­ziert. Yev­genia Belo­ru­sets wurde als Expertin für die Ent­wick­lungen in der Ukraine ein­ge­laden. Im Inter­view sprach Yev­genia Belo­ru­sets mit Lada Nakon­echna, bil­dende Künst­lerin (Foto­grafie, Zeich­nung, Instal­la­tionen, Per­for­mance), gebürtig aus Dnipro(petrovsk) mit Schaf­fens­schwer­punkt in Kyiv. 2012 grün­dete Lada Nakon­echna gemeinsam mit einigen Kolleg_nnen die unab­hän­gige höhere Bil­dungs­in­sti­tu­tion „Method Fund“(https://sites.google.com/site/methodfund/news). Nakon­echna ist Mit­her­aus­ge­berin der unab­hän­gigen Kunst- und Kul­tur­zeit­schrift Por­story (http://prostory.net.ua/en/). In ihrer Dia­gnose der Ent­wick­lungen in der Ukraine mit Schwer­punkt Kunst stellten beide Künst­le­rinnen die Pro­ble­matik der Kon­ti­nuität der sowje­ti­schen Insti­tu­tionen, die z.T. nur umbe­nannt wurden, bei gleich­zei­tiger kon­zep­tu­eller Aus­höh­lung fest, was dazu führe, dass rele­vante künst­le­ri­sche Ent­wick­lungen sich v.a. jen­seits der Sphäre der offi­zi­ellen Insti­tu­tionen voll­zögen und beständig um ihre Unter­stüt­zung kämpfen müssten. In dieser Spal­tung aber finden letzt­lich die par­al­lelen Welten von Offi­zia­lität und Under­ground der sowje­ti­schen Zeit ihre Fort­set­zung. Die wei­terhin spür­baren Sym­ptom­schmerzen des Alten behin­dern eine dyna­mi­sche Ent­wick­lung massiv. Auch in ihren Kunst­werken setzt Yev­genia Belo­ru­sets sich immer wieder kri­tisch mit den poli­tisch ver­ord­neten, unre­flek­tierten und der Ver­ar­bei­tung der Trau­mata der Ver­gan­gen­heit kaum dien­li­chen Politik der Dekom­mu­ni­sie­rung auseinander.

 

Gulzat Egember­dieva, Jour­na­listin, Doku­men­tar­fil­merin und Kultur- und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lerin aus Bishkek mit Mas­ter­ab­schluss an der Uni­ver­sity of Toronto arbeitet der­zeit an einer Dok­tor­ar­beit zur kir­gi­si­schen Lite­ratur der Sowjet­zeit am Institut für Sla­wistik der Hum­boldt Uni­ver­sität zu Berlin (https://www.slawistik.hu-berlin.de/de/fachgebiete/ostslawlit/projekte). Als Spe­zia­listin für Kir­gi­stan lud Gulzat Egember­dieva Elmira Nogo­j­baeva, füh­rende kir­gi­si­sche Politik- und Kul­tur­wis­sen­schaft­lerin, zum Inter­view ein. Nogo­j­baeva ist Grün­derin des Gedächtnis-Pro­jekts „Esimde“ (http://esimde.org/), wel­ches offen zur Ein­sen­dung auto­bio­gra­phi­scher Texte für die zur Ver­hand­lung eines trauma­be­wäl­ti­genden, Erin­ne­rung auf­ar­bei­tenden und Iden­tität stif­tenden kol­lek­tiven und kul­tu­rellen Gedächt­nisses ein­lädt. Wich­tige Aspekte der post­so­wje­ti­schen Ent­wick­lungen in Kir­gi­stan sind für Gulzat Egember­dieva die Kon­ti­nuität der Rele­vanz der rus­si­schen Sprache, deren Bedeu­tung jedoch zuneh­mend unab­hängig wird von einer Ori­en­tie­rung am rus­si­schen Staat – bei gleich­zei­tigem Bedeu­tungs­ge­winn der kir­gi­si­schen Sprache -; die viel­fäl­tige Ver­net­zung im gesamten post­so­wje­ti­schen Raum, z.B. auch mit Initia­tiven in der Ukraine und in Geor­gien, aber auch mit der Türkei und dem west­li­chen Aus­land; die Rele­vanz unab­hän­giger, z.T. von der Open Society Foun­da­tion und anderen Stif­tungen (v.a. aus den USA) geför­derter Initia­tiven, sowie ein starkes und z.B. nost­al­gisch-iden­ti­fi­ka­to­ri­sches Inter­esse an der sowje­ti­schen Vergangenheit.

 

Dmi­trij Kuz’min, Dichter, Lite­ra­tur­kri­tiker und ‑wis­sen­schaftler, Pio­nier der rus­si­schen Lite­ratur im Internet, noch in den 1990ern Gründer der wich­tigen Lite­ra­tur­platt­form novaja lite­ra­tur­naja karta russkoj lite­ra­tury (www.litkarta.ru). Dmi­trij Kuz’min ist Mit­glied des Redak­ti­ons­kol­le­giums von colta.ru und, seit 2007 Her­aus­geber der zwei­spra­chigen Lite­ra­tur­zeit­schrift Vozduch (http://www.litkarta.ru/projects/vozdukh/). Seit 2014 lebt Dmi­trij Kuz‘min im Exil in Lett­land und iden­ti­fi­ziert sich auch per­sön­lich mit der let­ti­schen Lite­ratur- und Kul­tur­po­litik. Wie er in seinem Bericht schreibt, ent­wi­ckelte sich in Lett­land seit der spät­so­wje­ti­schen Periode, wo Riga zu einem wich­tigen Zen­trum für ästhe­tisch anspruchs­volle und poli­tisch kri­ti­sche Autor_innen wurde, die in Russ­land Pro­bleme mit der Zensur hatten, um Autoren wie Andrej Levkin (Zeit­schrift Rodnik) und seit 1999 um die Zeit­schrift Orbita (Sergej Timofeev) eine sehr aktive Lite­ra­tur­szene, die einen äußerst leben­digen, har­mo­ni­schen, unzen­sierten Aus­tausch zwi­schen rus­sisch­spra­chiger und let­tisch­spra­chiger Lite­ratur ermög­licht. Zwei­spra­chige Publi­ka­tionen und gegen­sei­tige Über­set­zungen sind ein voll­kommen selbst­ver­ständ­li­cher Bestand­teil der let­ti­schen Publi­ka­ti­ons­land­schaft, die wesent­lich auch vom Staat geför­dert wird. Auch für die Ent­wick­lungen im Bereich der Kunst gilt, dass der größte Anteil der För­de­rung vom Staat kommt und dadurch auch die wich­tigsten Initia­tiven zur Sicht­bar­keit der Kunst aus Lett­land – z.B. auf inter­na­tio­nalen Kunst­bi­en­nalen oder durch die Durch­füh­rung von Bien­nalen in Lett­land selbst – unter­stützt werden. Wie man an Kuz’min selbst sieht, hat Lett­land bis heute seine Funk­tion als wich­tiger, libe­raler Zufluchtsort für dis­si­den­ti­sche Kunst- und Lite­ra­tur­schaf­fende aus Russ­land behalten.

 

Sona Ste­panyan ist Kura­torin der „Armenia Art Foun­da­tion für zeit­ge­nös­si­sche Kunst“ in Yer­evan, tätig für inter­na­tio­nale Kunst­stif­tungen wie z.B. den Mon­driaan-Fund der Nie­der­lande und Grün­dungs­mit­glied des Kura­toren-Stu­dios „Tri­angle“ in Moskau. Zum Gespräch lud Sona Ste­panyan Tigran Amiryan ein, unab­hän­giger Kurator und Leiter kul­tur­wis­sen­schaft­li­cher Pro­jekte mit Fokus auf kol­lek­tivem Gedächtnis und kol­lek­tiver Amnesie sowie Gedächt­nis­nar­ra­tiven und ihrer Visua­li­sie­rung. Mit Tigran Amiryan, der orga­ni­sa­to­risch und als Dozent am Aufbau unab­hän­giger Bil­dungs­in­itia­tiven im künst­le­ri­schen Bereich aktiv ist, dis­ku­tierte Sona Ste­panyan die Pro­ble­matik der Zer­split­te­rung der Kunst­szene und ihre insti­tu­tio­nelle Ver­an­ke­rung in Arme­nien. Wäh­rend die staat­liche Kul­tur­för­de­rung v.a. auf die dem Tou­rismus die­nende Erhal­tung und öffent­lich­keits­wirk­same Ver­mark­tung des Kultur- und Kunst­erbes aus­ge­richtet ist, exis­tiert die junge, aktive Kunst­szene voll­kommen unab­hängig davon. Ihre Ent­wick­lung gestaltet sich wegen des anhal­tenden „lethar­gi­schen Schlafs“ der staat­li­chen Insti­tu­tionen, wegen des Man­gels an Aus­bil­dungs­mög­lich­keiten für junge Künstler_innen, die diesen den Anschluss an inter­na­tio­nale Ent­wick­lungen erleich­tern und Aus­lands­auf­ent­halte (auch Fel­low­ships) ermög­li­chen würden, und wegen der Schwie­rig­keiten und Insta­bi­li­täten der För­de­rung sehr wech­sel­haft und chao­tisch. Die För­de­rung unab­hän­giger klei­nerer Initia­tiven geht oft von Akteuren an Orten der welt­weiten arme­ni­schen Dia­spora (Iran, USA, Türkei, Libanon) aus, deren kul­tur­schaf­fende Rolle in Arme­nien selbst jeden­falls von Bedeu­tung ist. Lang­fris­tige Kon­zepte und Pla­nungen fehlen oder können nicht rea­li­siert werden. Als eine der wich­tigsten Insti­tu­tionen zur För­de­rung avant­gar­dis­ti­scher zeit­ge­nös­si­scher Kunst hebt Sona Ste­panyan das „Zen­trum der zeit­ge­nös­si­schen expe­ri­men­tellen Kunst“ (NPAK) hervor, wel­ches auf Initia­tive von Ver­tre­tern der arme­ni­schen Dia­spora im Iran gegründet wurde.

 

Mit­hilfe dieser Expert_innen wollten wir nicht nur Namen von Akteuren und Insti­tu­tionen sowie Zahlen zusam­men­zu­tragen, son­dern auch Wei­chen für ein tie­feres Ver­ständnis der regio­nal­spe­zi­fi­schen Ent­wick­lungen stellen. Daher wurden als Aus­gangs­punkte für Berichte und Inter­views Fragen for­mu­liert, die helfen sollten herauszufinden,

- wer in diesen Län­dern über die wich­tigen Infor­ma­tionen des kul­tu­rellen Feldes und des Funk­tio­nie­rens seiner Ins­tiu­tionen verfügt

- wer die ver­schie­denen künst­le­ri­schen Felder glei­cher­maßen über­blickt und

- wer über inter­na­tio­nale Kon­takte (und wohin) verfügt.

 

Als Her­aus­ge­berin und Chef­re­dak­teurin der im heu­tigen Russ­land ein­zigen unab­hän­gigen kul­tur­jour­na­lis­ti­schen Online-Platt­form colta.ru, brachte Maria Ste­pa­nova zum Zweck der Ergän­zung der regio­nalen und inter­na­tio­nalen Exper­tise aus rus­si­scher Sicht sowie zur Inten­si­vie­rung der ver­glei­chenden Dis­kus­sion  zu den zwei rah­menden Treffen jeweils eine/n Experti/en aus Russ­land dazu: Marina Davy­dova, Her­aus­ge­berin und Chef­re­dak­teurin der Zeit­schrift “Teatr” (http://oteatre.info/) und Ilja Daniševskij, Autor und Ver­fechter eines neuen dezi­diert nicht-offi­zi­ellen kri­ti­schen Dis­kurses in Russ­land, Her­aus­geber der wich­tigen Buch-Serie Ange­do­nija im Verlag AST (https://ast.ru/series/angedoniya-proekt-danishevskogo-1078829/) mit Ana­lysen der poli­ti­schen und kul­tu­rellen Situa­tion im Russ­land der Gegen­wart von bekannten kri­ti­schen Journalist_innen und Kulturexpert_innen, dessen aktu­elle Initi­ta­tiven Her­aus­ge­ber­schaften (z.B. als Redak­teur der Lite­ra­tur­ko­lumne der Zeit­schrift „Snob“) im Kon­text von Covid-19 beson­dere Reso­nanz erfahren haben.

 

novinki publi­ziert in rus­si­scher Ori­gi­nal­sprache die Video­auf­zeich­nungen des eröff­nenden und des beschlie­ßenden Work­shops sowie jeweils ein­zeln die Exper­ten­in­ter­views. In Ergän­zung dazu werden auch die Über­blicks­es­says der Expert_innen für die Situa­tion in den sechs Län­dern publi­ziert, zunächst auf Rus­sisch und dem­nächst auch in deut­scher Über­set­zung. Wir emp­fehlen die Lek­türe der voll­stän­digen Über­blicks­es­says auch des­halb, weil sich in ihnen ganz bewusst der sub­jek­tive Stand­punkt der/s jewei­ligen Autorin/s mani­fes­tiert. Außerdem hängen ihre Per­spek­tiven vom jewei­ligen pro­fes­sio­nellen Inter­esse ab und geben Ein­blick in die jewei­lige Expertise.

 

Als Ergebnis des ver­glei­chenden Blicks auf die post­so­wje­ti­schen Länder zeichnen sich einige struk­tu­relle Par­al­lelen ab, die eine erste Cha­rak­te­ri­sie­rung der aktu­ellen Situa­tion erlauben:

  • Das Faktum der Zen­triert­heit des natio­nalen Kul­tur­raums bzw. “Feldes” auf die jewei­lige Metro­pole. Manchmal wird die Haupt­stadt gar als der ein­zige Ort inter­es­santer künst­le­ri­scher Initia­tiven von über­re­gio­naler Rele­vanz ange­geben. Nur in der Ukraine und Geor­gien werden neben den beiden Haupt­städten noch zwei bis drei andere wich­tige Kunst- und Kul­tur­zen­tren erwähnt.
  • Eine andere sich durch die Ana­lysen aller sechs Länder zie­hende Beob­ach­tung ist die struk­tu­relle Kon­ti­nuität der alten Insti­tu­tionen des Kul­tur­be­triebs, z.T. als „Rumpf­in­sti­tu­tionen“, bei gleich­zei­tiger ideo­lo­gi­scher oder gene­reller Aus­höh­lung oder Umko­die­rung. Dabei wird z.T. eine Behin­de­rung neuer Ent­wick­lungen durch die alten Sturk­turen und gene­rell die Reduk­tion wert­schöp­fe­ri­scher Vor­gaben von oben oder eine starke Wech­sel­haf­tig­keit kurz­le­biger Pro­jekte und eine daraus resul­tie­rende Rich­tungs­lo­sig­keit konstatiert.
  • Neue, hori­zontal ent­stan­dene Initia­tiven und Struk­turen werden in fast allen Fällen als allzu kurz­lebig, punk­tuell und wenig nach­haltig beklagt.
  • Fast alle Experten wiesen auf die Rolle von Zensur und Selbst­zensur sowohl im poli­ti­schen Kon­text als auch im Kon­text des natio­nalen und inter­na­tio­nalen Marktes hin.
  • Bemer­kens­wert ist in allen Län­dern eine gewisse Kon­ti­nuität in Hin­blick auf die Rolle alter­na­tiver Insti­tu­tionen in den kulturellen/künstlerischen Dyna­miken der Gegen­wart gegen­über den sowje­ti­schen Ent­wick­lungen: In Län­dern, wo der Under­ground als Struktur alter­na­tiver, anti-offi­zi­eller und sub­ver­siver künst­le­ri­scher Akti­vität und kul­tu­reller Kom­mu­ni­ka­tion beson­ders aus­ge­prägt war, ist er das noch heute, wenn auch in modi­fi­zierter Form: so z.B. durch das Zusam­men­wirken zwi­schen Akti­vi­täten im In- und Aus­land wie im Fall des “Freien bela­ru­si­schen Thea­ters” oder ein­fach in Gestalt von sich gegen­über dem Staat dezi­diert abgren­zenden alter­na­tiven Insti­tu­tionen (wie z.B. in der Ukraine oder Arme­nien und tlw. In Kir­gi­stan). Dagegen spielt Under­ground als alter­na­tive Insti­tu­tio­na­li­sie­rung des kul­tu­rellen Feldes dort keine Rolle, wo er auch bereits in sowje­ti­scher Zeit im Kon­text einer ver­gleichs­weise libe­ralen oder gesell­schaft­lich-struk­tu­rell wenig span­nungs­vollen Situa­tion kaum aus­ge­prägt war wie z.B. in Geor­gien oder in Lettland.
  • Für Lett­land und Geor­gien wird aktuell die För­de­rung durch staat­liche Insti­tu­tionen als wich­tigste und finan­ziell wirk­mäch­tigste Instanz ange­geben. Es wäre zu fragen, inwie­fern dies even­tuell noch immer mit dem jewei­ligen Sta­dium des post­so­wje­ti­schen Neu­kon­so­li­die­rungs­pro­zess des kul­tu­rellen Feldes zusammenhängt.
  • Trotz regel­mäßig statt­fin­dender inter­na­tio­naler Fes­ti­vals, Bien­nalen etc. wurde all­ge­mein ein Defizit in Hin­blick auf Kom­mu­ni­ka­tion und Aus­tausch zwi­schen den post-sowje­ti­schen Regionen festgestellt
  • von allen wurde die große Rele­vanz von Initia­tiven, die eine grö­ßere inter­na­tio­nale Sicht­bar­keit ermög­li­chen hin­ge­wiesen (Bei­spiele hierfür waren die Bien­nalen in Lett­land oder die Teil­nahme Geor­giens als Gast­land im Rahmen der Frank­furter Buch­messe 2019)
  • sehr unter­schied­lich von Land zu Land stellte sich die Rolle Russ­lands und der rus­si­schen Sprache als Ori­en­tie­rungs­punkt für natio­nale Ent­wick­lungen oder als Mediator für inter­na­tio­nale Kul­tur­kon­takte da. In einem „post-sowje­tisch“ zu nen­nenden Umfang erwies sich dies nur für Kir­gi­stan als relevant.
  • Nur für Kir­gi­stan und z.T. für Belarus fun­giert auch die rus­si­sche Sprache wei­terhin als lingua franca.
  • für die meisten anderen Länder stellen heute die Kul­tur­be­zie­hungen nach Russ­land eine inter­na­tio­nale Bezie­hung unter vielen dar.
  • Was zukünf­tige För­de­rungen betrifft, so waren sich alle Experten dar­über einig, dass 1. Eine punkt­ge­naue Finan­zie­rung wich­tiger Pro­jekte, 2. Die Bereit­stel­lung lang­fris­tiger Sti­pen­dien zur Bewäl­ti­gung umfang­rei­cherer Auf­ga­ben­stel­lungen und 3. Die Ent­wick­lung nach­hal­tiger För­der­pro­gramme nicht zuletzt zum Zweck von Ver­net­zung und Inte­gra­tion höchste Prio­rität haben sollten.

Auf der Basis der Ergeb­nisse der Work­shops könnte nun als wei­tere Vor­ar­beit zur Errich­tung einer För­der­platt­form ein, an regio­nale Expert_innen zu adres­sie­render detail­lierter Fra­ge­bogen erar­beitet werden, dessen Ant­worten eine genauere und tie­fere Kar­tie­rung des kul­tu­rellen Feldes erlauben.