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Ein Buch zitiert sich selbst

Posted on 22. November 2013 by Maria Nowotnick
Böhmische Erzählfreude trifft auf melancholische Sehnsucht nach der Fremde: In Markéta Pilátovás Roman "Mein Lieblingsbuch" haben die vielfältigen Charaktere eines gemeinsam – sie suchen verzweifelt nach Wegen, um ihrem harten Alltag zu entfliehen. Als Schauplatz wählt die Autorin den Slum einer fiktiven südamerikanischen Großstadt.

Es ist ein Trend in der tschechischen Gegenwartsliteratur, sich dem Exotischen, dem Fremden zu widmen. Auch nach 1989 ist der tschechische Roman noch immer von der Sehnsucht nach einem unmöglichen Exil geprägt. Diese Sehnsucht findet sich bei Martin Ryšavý, bei Michal Aijvaz oder auch in Iva Pekárkovás Romanen. Diesen Autoren einen Wunsch nach dem Exil zu unterstellen, einen Wunsch, die eigene Geschichte zu verdrängen oder aus der Gegenwart zu fliehen, wäre vielleicht zu viel. Nichtsdestotrotz bleibt eine Sehnsucht spürbar.
So flieht auch die 1973 in Prag geborene Markéta Pilátová, die sich selbst als Schriftstellerin, Hispanistin und Journalistin bezeichnet, in ihren Texten literarisch. Die Weltenbummlerin Pilátová, die nach ihrem Studium der Romanistik und Geschichte mehrere Jahre im spanischen Granada und in Brasilien lebte, lässt ihren zweiten Roman Mein Lieblingsbuch – 2012 erstmals in deutscher Übersetzung im Braumüller Verlag erschienen – in einer fiktiven lateinamerikanischen Großstadt spielen, die an Metropolen wie Buenos Aires oder Rio de Janeiro erinnert. Nachdem sie für ihren Debütroman Wir müssen uns irgendwie ähnlich sein ihre eigenen Erfahrungen aus dem Zusammenleben mit tschechischstämmigen Brasilianern verarbeitet hat, schildert in Mein Lieblingsbuch ein namenloser Tätowierer – Erzähler und gleichzeitig Hauptfigur des Romans – die grausamen Zustände des Lebens im Slum, am Rande der „Großen Stadt“.

 

Der begabte Tätowierer erzählt nicht nur uns, sondern auch seinen Kunden. Seine  Geschichten entnimmt er einer Sammlung slawischer Märchen, die ihm einer seiner Kunden als Bezahlung gab. Ließe er sich in dem von Drogenbanden und Gewalt beherrschten Slum mit Geld bezahlen, würde ihm dieses Geld nicht lange bleiben. Das Buch mit den slawischen Märchen war einst das Lieblingsbuch des Kunden, nun macht es der Tätowierer nach und nach zu seinem eigenen: Es sichert ihm nicht nur die Kundschaft, die es bald mehr der Geschichten als der Tätowierungen wegen zu ihm treibt, sondern auch das Überleben, „weil man solche Erzählungen hier noch nicht gehört hat“. Auch dem Tätowierer selbst ermöglicht das Buch die Flucht aus seinem brutalen Alltag. Während er vor seinen Kunden als Märchenerzähler auftritt, erfährt der Leser über die slawischen Märchen so gut wie nichts. Obwohl sie als Vertreter einer anderen Erzähltradition im Roman immer wieder erwähnt oder mit den Charakteren indirekt in Zusammenhang gebracht werden, nacherzählt werden sie nicht. Anstelle dessen wird der Leser  mit einer grausam realistisch gezeichneten Welt irgendwo in Lateinamerika konfrontiert. Zugleich taucht er durch die von Pilátová eingeflochtenen phantastischen Elemente aber auch in die Welt des Magischen Realismus Lateinamerikas ein, in der Tote zum Leben erwachen und Schlangen sprechen können.
Der Tätowierer erzählt uns zum Beispiel die Geschichte der 15-jährigen Pajita. Das junge Mädchen kann mit Schlangen kommunizieren und diese Fähigkeit ermöglicht ihr, aus dem erbärmlichen Leben in einer „vergessenen Bergwüste“ erst in den Dschungel und dann sogar in die „Große Stadt“ zu flüchten. Dort soll sie am weltberühmten Schlangeninstitut des „Großen Michael Vidal“ arbeiten, das „Legenden, Wahnsinnige, Wahrsagerinnen und Hirngespinste anzieht wie Mangosirup Wespen“. Trotz der fortschrittlichen Absicht des Reptilienforsches Vidal, in seinem Institut Gegenmittel für Schlangengifte zu entwickeln, erweist es sich immer wieder als ein Ort des Grauens – Schlangen werden gequält und Mitarbeiter unterdrückt. Bald stellt Pajita fest, dass sie in der Stadt keine bessere Welt als in der Wüste oder im Dschungel findet: Hier ist alles grau, dort war es braun oder grün.
Das Schlangeninstitut ist der erzählerische Knotenpunkt des Romans. In ihm laufen die Geschichten der einzelnen Charaktere zusammen. Geschichten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, und denen doch der Wunsch ihrer Protagonisten nach Flucht gemein ist. Neben Pajitas Geliebtem, der sich aus dem traurigen Slumalltag, in dem er als „Arbeitsunfall“ und seine Mutter als „Slumnutte“ auftreten, in die virtuelle Realität des Internets flüchtet, ist es auch Otto, der flieht. Nur in seinen Träumen gelangt der ebenfalls am Schlangeninstitut angestellte homosexuelle Psychiater an die Orte, an denen er sein wahres Ich ausleben kann. Dort kann auch er mit einer Schlange kommunizieren, die ihn nicht nur auf das Leiden der Tiere, sondern auch auf sein eigenes aufmerksam macht. Wird er den giftigen Kuss der Schlange als Befreiung aus seinem unterdrückten Leben tatsächlich in Erwägung ziehen?

 

Markéta Pilátová lässt die exotische Welt Lateinamerikas in ihrem zweiten Roman nicht zu einem romantischen Zufluchtsort werden, der schillernd gegen das tschechische Alltagseinerlei stehen könnte. Nein, sie wählt die harte Realität des Lebens in den Slums südamerikanischer Megametropolen als Schauplatz und zeigt die verzweifelten Versuche ihrer Charaktere, aus diesem Leben zu fliehen. Ob sie versuchen, sich selbst oder dem erbärmlichen Alltag zu entkommen, oft dienen ihnen als Zufluchtsort nur ihre Träume, manchen muss es genügen, das Buch der slawischen Märchen zur Hand zu nehmen.
Durch das elegante Verknüpfen der mannigfachen Erzählungen an einem Knotenpunkt, gelingt es Markéta Pilátová, den Leser zu fesseln. Auch in der deutschen Übersetzung fasziniert die Mischung aus böhmischer Erzählfreude und melancholischer Sehnsucht nach der Fremde und so erreicht dieser Roman vielleicht, was sein Titel verspricht – er wird zu einem neuen Lieblingsbuch!

 

Pilátová, Markéta: Mein Lieblingsbuch. Aus dem Tschechischen von Julia Koudela-Hansen-Löve und Christa Rothmeier. Wien: Braumüller, 2012.

 

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Ein Buch zitiert sich selbst – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Ein Buch zitiert sich selbst

Es ist ein Trend in der tsche­chi­schen Gegen­warts­li­te­ratur, sich dem Exo­ti­schen, dem Fremden zu widmen. Auch nach 1989 ist der tsche­chi­sche Roman noch immer von der Sehn­sucht nach einem unmög­li­chen Exil geprägt. Diese Sehn­sucht findet sich bei Martin Ryšavý, bei Michal Aijvaz oder auch in Iva Pekár­kovás Romanen. Diesen Autoren einen Wunsch nach dem Exil zu unter­stellen, einen Wunsch, die eigene Geschichte zu ver­drängen oder aus der Gegen­wart zu fliehen, wäre viel­leicht zu viel. Nichts­des­to­trotz bleibt eine Sehn­sucht spürbar.
So flieht auch die 1973 in Prag gebo­rene Mar­kéta Pilá­tová, die sich selbst als Schrift­stel­lerin, His­pa­nistin und Jour­na­listin bezeichnet, in ihren Texten lite­ra­risch. Die Wel­ten­bumm­lerin Pilá­tová, die nach ihrem Stu­dium der Roma­nistik und Geschichte meh­rere Jahre im spa­ni­schen Gra­nada und in Bra­si­lien lebte, lässt ihren zweiten Roman Mein Lieb­lings­buch – 2012 erst­mals in deut­scher Über­set­zung im Brau­müller Verlag erschienen – in einer fik­tiven latein­ame­ri­ka­ni­schen Groß­stadt spielen, die an Metro­polen wie Buenos Aires oder Rio de Janeiro erin­nert. Nachdem sie für ihren Debüt­roman Wir müssen uns irgendwie ähn­lich sein ihre eigenen Erfah­rungen aus dem Zusam­men­leben mit tsche­chisch­stäm­migen Bra­si­lia­nern ver­ar­beitet hat, schil­dert in Mein Lieb­lings­buch ein namen­loser Täto­wierer – Erzähler und gleich­zeitig Haupt­figur des Romans – die grau­samen Zustände des Lebens im Slum, am Rande der „Großen Stadt“.

 

Der begabte Täto­wierer erzählt nicht nur uns, son­dern auch seinen Kunden. Seine  Geschichten ent­nimmt er einer Samm­lung sla­wi­scher Mär­chen, die ihm einer seiner Kunden als Bezah­lung gab. Ließe er sich in dem von Dro­gen­banden und Gewalt beherrschten Slum mit Geld bezahlen, würde ihm dieses Geld nicht lange bleiben. Das Buch mit den sla­wi­schen Mär­chen war einst das Lieb­lings­buch des Kunden, nun macht es der Täto­wierer nach und nach zu seinem eigenen: Es sichert ihm nicht nur die Kund­schaft, die es bald mehr der Geschichten als der Täto­wie­rungen wegen zu ihm treibt, son­dern auch das Über­leben, „weil man solche Erzäh­lungen hier noch nicht gehört hat“. Auch dem Täto­wierer selbst ermög­licht das Buch die Flucht aus seinem bru­talen Alltag. Wäh­rend er vor seinen Kunden als Mär­chen­er­zähler auf­tritt, erfährt der Leser über die sla­wi­schen Mär­chen so gut wie nichts. Obwohl sie als Ver­treter einer anderen Erzähl­tra­di­tion im Roman immer wieder erwähnt oder mit den Cha­rak­teren indi­rekt in Zusam­men­hang gebracht werden, nach­er­zählt werden sie nicht. Anstelle dessen wird der Leser  mit einer grausam rea­lis­tisch gezeich­neten Welt irgendwo in Latein­ame­rika kon­fron­tiert. Zugleich taucht er durch die von Pilá­tová ein­ge­floch­tenen phan­tas­ti­schen Ele­mente aber auch in die Welt des Magi­schen Rea­lismus Latein­ame­rikas ein, in der Tote zum Leben erwa­chen und Schlangen spre­chen können.
Der Täto­wierer erzählt uns zum Bei­spiel die Geschichte der 15-jäh­rigen Pajita. Das junge Mäd­chen kann mit Schlangen kom­mu­ni­zieren und diese Fähig­keit ermög­licht ihr, aus dem erbärm­li­chen Leben in einer „ver­ges­senen Berg­wüste“ erst in den Dschungel und dann sogar in die „Große Stadt“ zu flüchten. Dort soll sie am welt­be­rühmten Schlan­gen­in­stitut des „Großen Michael Vidal“ arbeiten, das „Legenden, Wahn­sin­nige, Wahr­sa­ge­rinnen und Hirn­ge­spinste anzieht wie Man­go­sirup Wespen“. Trotz der fort­schritt­li­chen Absicht des Rep­ti­li­en­for­sches Vidal, in seinem Institut Gegen­mittel für Schlan­gen­gifte zu ent­wi­ckeln, erweist es sich immer wieder als ein Ort des Grauens – Schlangen werden gequält und Mit­ar­beiter unter­drückt. Bald stellt Pajita fest, dass sie in der Stadt keine bes­sere Welt als in der Wüste oder im Dschungel findet: Hier ist alles grau, dort war es braun oder grün.
Das Schlan­gen­in­stitut ist der erzäh­le­ri­sche Kno­ten­punkt des Romans. In ihm laufen die Geschichten der ein­zelnen Cha­rak­tere zusammen. Geschichten, wie sie unter­schied­li­cher nicht sein könnten, und denen doch der Wunsch ihrer Prot­ago­nisten nach Flucht gemein ist. Neben Pajitas Geliebtem, der sich aus dem trau­rigen Slum­alltag, in dem er als „Arbeits­un­fall“ und seine Mutter als „Slum­nutte“ auf­treten, in die vir­tu­elle Rea­lität des Inter­nets flüchtet, ist es auch Otto, der flieht. Nur in seinen Träumen gelangt der eben­falls am Schlan­gen­in­stitut ange­stellte homo­se­xu­elle Psych­iater an die Orte, an denen er sein wahres Ich aus­leben kann. Dort kann auch er mit einer Schlange kom­mu­ni­zieren, die ihn nicht nur auf das Leiden der Tiere, son­dern auch auf sein eigenes auf­merksam macht. Wird er den gif­tigen Kuss der Schlange als Befreiung aus seinem unter­drückten Leben tat­säch­lich in Erwä­gung ziehen?

 

Mar­kéta Pilá­tová lässt die exo­ti­sche Welt Latein­ame­rikas in ihrem zweiten Roman nicht zu einem roman­ti­schen Zufluchtsort werden, der schil­lernd gegen das tsche­chi­sche All­tags­ei­n­erlei stehen könnte. Nein, sie wählt die harte Rea­lität des Lebens in den Slums süd­ame­ri­ka­ni­scher Megame­tro­polen als Schau­platz und zeigt die ver­zwei­felten Ver­suche ihrer Cha­rak­tere, aus diesem Leben zu fliehen. Ob sie ver­su­chen, sich selbst oder dem erbärm­li­chen Alltag zu ent­kommen, oft dienen ihnen als Zufluchtsort nur ihre Träume, man­chen muss es genügen, das Buch der sla­wi­schen Mär­chen zur Hand zu nehmen.
Durch das ele­gante Ver­knüpfen der man­nig­fa­chen Erzäh­lungen an einem Kno­ten­punkt, gelingt es Mar­kéta Pilá­tová, den Leser zu fes­seln. Auch in der deut­schen Über­set­zung fas­zi­niert die Mischung aus böh­mi­scher Erzähl­freude und melan­cho­li­scher Sehn­sucht nach der Fremde und so erreicht dieser Roman viel­leicht, was sein Titel ver­spricht – er wird zu einem neuen Lieb­lings­buch!

 

Pilá­tová, Mar­kéta: Mein Lieb­lings­buch. Aus dem Tsche­chi­schen von Julia Kou­dela-Hansen-Löve und Christa Roth­meier. Wien: Brau­müller, 2012.

 

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