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Orpheus in Schlesien

Posted on 4. Juni 2019 by Manfried Hammer
Dante hatte Vergil als Führer durch die Hölle seiner Zeit. Der Ich-Erzähler im Roman "Bestiarium" des polnischen Autors Tomasz Różycki hat abwechselnd seinen Onkel Jan mit der funkensprühenden Pelzmütze oder ein rot phosphoreszierendes Hündchen bei sich. Sie führen ihn auf seinem Weg durch die Abgründe einer schlesischen Stadt, die Albtraum und Museum verdrängter Geheimnisse zugleich ist.

Dante hatte Vergil als Führer durch die Hölle seiner Zeit. Der Ich-Erzähler im Roman Bestiarium des polnischen Autors Tomasz Różycki hat abwechselnd seinen Onkel Jan mit der funkensprühenden Pelzmütze oder ein rot phosphoreszierendes Hündchen. Sie führen ihn auf seinem Weg durch die Abgründe einer schlesischen Stadt, die Albtraum und Museum verdrängter Geheimnisse zugleich ist.

 

Dem in Opole lebenden Lyriker und Übersetzer aus dem Französischen Różycki gelingt mit seinem ersten Roman in 36 kurzen Kapiteln eine Phantasmagorie der Doppelbödigkeit der polnischen Gegenwart. Ganz Poeta doctus, stellt er sich in eine große literarische Tradition. Sie reicht von den mittelalterlichen Bestiarien – Beschreibungen von Tieren und Fabelwesen – bis zu den sozialen Bestiarien der Moderne.

 

OrpehusBIZwischen dem Romanisten Różycki und dem Franzosen Guillaume Apollinaire gibt es sogar mehrere Verbindungen. Nicht nur ist Apollinaire (italienisch-)polnischer Abstammung, sondern auch in seinem Bestiarium oder Das Gefolge des Orpheus aus dem Jahre 1911 geht es um den Dichter Orpheus und seinen Gang in die Unterwelt.

Der Ich-Erzähler, ein „Magister der Fremdsprachlichen Philologie“, befindet sich nachts in einer fremden Wohnung und macht sich auf die Suche nach seiner Familie - und nach Wasser, um seinen brennenden Durst zu löschen. Der rote Hund führt ihn und so gelangt er in die Wohnung seiner bettlägerigen Großmutter Apollonia und deren Betreuerin Mania. Mit diesem Haus betritt er das Reich der vergangenen Jahrzehnte Polens, dessen Traditionen und Niederlagen, von den Folgen deutscher Okkupation und Vertreibung aus dem Osten nach 1945. Sein Onkel Jan ist ein wodkatrinkender Herrscher, Bewahrer und Führer zugleich in der Unterwelt von Kellern und unterirdischen Gängen dieses Hauses. Er erzählt ihm: „Großmutter hatte einen Schlachthof“ in Galizien. Dieser Schlachthof, der im Roman leitmotivisch wiederkehrt, steht nicht nur für die Erinnerung an den Glanz der Zweiten Polnischen Republik zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg. Er ist auch Metapher des Abschlachtens von Generationen junger Polen in den Aufständen und Kämpfen des 19. und 20.Jahrhunderts. Und falls die Großmutter wieder von der Geschichte mit den zwei Jüdinnen und dem Kind anfängt – so solle er darüber hinweghören.

Unter der Herrschaft des Onkels arbeiten in diesem Reich der Finsternis Ausgestoßene und Kriminelle an der Herstellung traditioneller polnischer Gerichte und einem in 311 Flaschen aufbewahrten Archiv der Geräusche und Gerüche der Vergangenheit.

Es reicht vom Duft einer Sommerwiese „voller Levkojen und Kamille“ im verlorenen Osten bis zu letzten Erinnerungen von Sterbenden aus Städten und Dörfern Galiziens.

Es regnet fast ununterbrochen in diesem Roman - und allmählich sickern Wörter wie „Rauschen“, „Hochwasser, „Flut“ und „Überschwemmung“ in den Text. Schließlich birst der Parkettboden im Zimmer der Großmutter und aus der Spalte quillt Wasser.

Statt eines Führers dient dem Erzähler von nun an ein großer bronzener Schlüssel als Wegweiser und Türöffner, den man sogar „ins Loch der Nacht stecken und drehen“ kann. Über Treppenhäuser gelangt er in andere Wohnungen und trifft dort Onkel Bronio, Tanten und Cousinen , vor allem aber den Gegenspieler zu dem an Polens Traditionen hängenden „Metaphysiker“ Jan, den naturwissenschaftlich orientierten Onkel Runkuńcio. Der erklärt ihm bei einigen Gläsern Cognac denn auch den „Sinn der Sintflut“. Sie entstehe nicht aus einer Verschwörung, wie Jan glaube, sondern aus der „Macht der Fakten“: „Wasseranstieg, Niederschläge, Nieselregen, Bodenfeuchtigkeit, Grundwasserspiegel“. Aber die Sintflut ist auch „mitreißend“ in doppeltem Wortsinn. Die alte Ordnung kippt und es entsteht etwas Neues. Etwas, das sich unter der Oberfläche befindet wie eine zweite Stadt, lässt sich nicht länger verbergen, und deshalb muss eine Überschwemmung her, die alles tilgt und zunichte macht. Erst dadurch kann mit einem übrig gebliebenen Paar ein neuer Gründungsmythos entstehen.

Wie zuvor schon Jan, empfiehlt deshalb auch dieser Onkel dem Erzähler, die Enkelin der reichen Großmutter zu heiraten und so deren geheime Schatztruhe zu übernehmen. Die Enkelin hat einen sprechenden Namen, Leta, und erinnert an Lethe, altgriechisch „Vergessen“, den Fluss in der Unterwelt der griechischen Mythologie; wer aus ihm trinkt, verliert seine Erinnerung am Eingang ins Totenreich.

Das Hündchen taucht irgendwann wieder auf, ist aber kein antiker Zerberus und verwehrt als Höllenhund den Eingang in die Unterwelt, sondern führt den Erzähler schwanzwedelnd aus dem Tumult der Überflutung auf den Kirchturm. Im steigenden Wasser taucht ein Nilpferd aus dem Zoo auf und richtet sich eine Meerkatze auf dem Haarkranz von Mania häuslich ein. Von hier oben sieht er, „wie der Fluss seinen gelben Leib durch die Straßen wälzt, die braune Brühe, die gewaltige Flucht des Riesen aus den Bergen, der auf dem Rücken Möbel trägt, Sträucher, Bretter, Autos, Müll und Tiere, der große Umzug, die große Wanderung, die Schlange verlässt die Stadt und nimmt alles fort, Gedächtnis, Tonnen von Müll und diese graue Materie, all das, was sich über Jahre hier angesammelt hat“.

Vor der ansteigenden Flut retten sie sich auf den Dachboden eines Mietshauses, von wo Onkel Jan sie auf ein Floß bringen will. Doch da tauchen plötzlich aus den Kellern und hinter Bücheregalen unbekannte Tiere auf, „eine Kreuzung zwischen Marder, Katze und Affe“. Sie beißen Mitglieder der Familie, wenn diese ihnen nicht Kügelchen aus den zusammengerollten Seiten alter Bücher zu fressen geben, und verhindern den rettenden Weg in die Arche. Es wird vermutet, sie seien „Vorkriegsgeschöpfe“, „jüdische Verschwörungen und Legenden“ oder nach 1945 aus Lemberg hierhergekommen. Verzweifelt wirft Onkel Bronio Papierkügelchen auf das wartende Floß, die ganze Teufelsmeute stürzt sich quiekend darauf, der Onkel kappt die Taue – und unter dem Wehklagen der Zurückgebliebenen verschwindet die Arche mit allen Schätzen in der Strömung.

In der Dämmerung kommt es zum großen Showdown zwischen den Onkel-Figuren, der verbal wie musikalisch über mehrere Kapitel ausgetragen wird. Während der eine Onkel Jan auf seiner Wandergitarre Hymnen, Kirchen- und Militärlieder sowie populäre Weisen aus der Vorkriegszeit spielt, dreht der andere Onkel das Radio lauter, hört „April in Paris“ von Count Basie und entkorkt dabei die im Wasser treibenden Flaschen aus Jans Geräuschesammlung. In einem apokalyptischen Szenario aus zerstörerischer Überschwemmung und von Himmelsfeuern entzündeten Dachstühlen geht es um die Frage, ob Traditionen eine Qual sind, ob der Mensch ohne Erinnerungen leben kann, wie „Freiheit und Sonne, eine neue Chance“ möglich sind.

Schließlich legt sich der Ich-Erzähler müde ein paar Treppen tiefer ins Bett der schnarchenden Großmutter und schwimmt dann hoch über der Stadt, für ihn „ein See des Leids, eine Zisterne des Unglücks“.

Die in diesem Metier bislang weniger bekannte Marlena Breuer hat den Roman aus dem Polnischen übersetzt. Es gelingt ihr, die Flut der Bilder und Assoziationen gut ins Deutsche zu bringen. Sie meistert die auch in Różyckis Lyrik zufindende Verwendung von eher ungewöhnlichen Wörtern und findet dafür adäquate Ausdrücke.

So verdienstvoll es auch ist, dass der kleine Berliner Verlag edition fotoTAPETA dieses Buch herausgebracht hat, so wünschte man dem Autor doch einen Platz im Programm eines großen Verlages. Nur so wäre gewährleistet, dass Tomasz Różycki die Publizität und verlegerische Betreuung im deutschen Sprachraum bekäme, die seiner Bedeutung angemessen ist.

So hätte Bestiarium ein sorgfältiges Lektorat der Übersetzung gutgetan. Gelegentliche Fußnoten würden manche, dem polnischen Leser vertraute Anspielungen im Deutschen erhellen. Dass das von Onkel Jan gespielte Lied „oj da dana" nicht etwa ein sinnloses Gestammel ist, sondern der Anfang eines bis heute in Polen gern gesungenen, aber alt(modisch)en Liedes. Oder dass „die Büste des Marschalls“ auf dem Nachttisch von Oma Apollonia den autoritären polnischen Staatsmann Józef Pilsudski aus den 1920er Jahren zeigt.

Man muss nicht in einem Atemzug Bruno Schulz, Witold Gombrowicz und auch noch Wenedikt Jerofejew bemühen, wie es das Verlagsmarketing im Klappentext von Bestiarium tut, um auf die Bedeutung dieses Werkes hinzuweisen. Tomasz Różycki ist ein eigenständiger Autor, dem mit diesem phantasievollen, anspielungsreichen und ironischen Buch ein großer Wurf gelungen ist.

 

Różycki, Tomasz: Bestiarium. Aus dem Polnischen von Marlena Breuer. Berlin: edition.fotoTAPETA, 2016.

Orpheus in Schlesien – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Orpheus in Schlesien

Dante hatte Vergil als Führer durch die Hölle seiner Zeit. Der Ich-Erzähler im Roman Bes­tia­rium des pol­ni­schen Autors Tomasz Różycki hat abwech­selnd seinen Onkel Jan mit der fun­ken­sprü­henden Pelz­mütze oder ein rot phos­pho­res­zie­rendes Hünd­chen. Sie führen ihn auf seinem Weg durch die Abgründe einer schle­si­schen Stadt, die Alb­traum und Museum ver­drängter Geheim­nisse zugleich ist.

 

Dem in Opole lebenden Lyriker und Über­setzer aus dem Fran­zö­si­schen Różycki gelingt mit seinem ersten Roman in 36 kurzen Kapi­teln eine Phan­tas­ma­gorie der Dop­pel­bö­dig­keit der pol­ni­schen Gegen­wart. Ganz Poeta doctus, stellt er sich in eine große lite­ra­ri­sche Tra­di­tion. Sie reicht von den mit­tel­al­ter­li­chen Bes­tia­rien – Beschrei­bungen von Tieren und Fabel­wesen – bis zu den sozialen Bes­tia­rien der Moderne.

 

OrpehusBIZwi­schen dem Roma­nisten Różycki und dem Fran­zosen Guil­laume Apol­lin­aire gibt es sogar meh­rere Ver­bin­dungen. Nicht nur ist Apol­lin­aire (italienisch-)polnischer Abstam­mung, son­dern auch in seinem Bes­tia­rium oder Das Gefolge des Orpheus aus dem Jahre 1911 geht es um den Dichter Orpheus und seinen Gang in die Unterwelt.

Der Ich-Erzähler, ein „Magister der Fremd­sprach­li­chen Phi­lo­logie“, befindet sich nachts in einer fremden Woh­nung und macht sich auf die Suche nach seiner Familie – und nach Wasser, um seinen bren­nenden Durst zu löschen. Der rote Hund führt ihn und so gelangt er in die Woh­nung seiner bett­lä­ge­rigen Groß­mutter Apol­lonia und deren Betreuerin Mania. Mit diesem Haus betritt er das Reich der ver­gan­genen Jahr­zehnte Polens, dessen Tra­di­tionen und Nie­der­lagen, von den Folgen deut­scher Okku­pa­tion und Ver­trei­bung aus dem Osten nach 1945. Sein Onkel Jan ist ein wod­kat­rin­kender Herr­scher, Bewahrer und Führer zugleich in der Unter­welt von Kel­lern und unter­ir­di­schen Gängen dieses Hauses. Er erzählt ihm: „Groß­mutter hatte einen Schlachthof“ in Gali­zien. Dieser Schlachthof, der im Roman leit­mo­ti­visch wie­der­kehrt, steht nicht nur für die Erin­ne­rung an den Glanz der Zweiten Pol­ni­schen Repu­blik zwi­schen Erstem und Zweitem Welt­krieg. Er ist auch Meta­pher des Abschlach­tens von Genera­tionen junger Polen in den Auf­ständen und Kämpfen des 19. und 20.Jahrhunderts. Und falls die Groß­mutter wieder von der Geschichte mit den zwei Jüdinnen und dem Kind anfängt – so solle er dar­über hinweghören.

Unter der Herr­schaft des Onkels arbeiten in diesem Reich der Fins­ternis Aus­ge­sto­ßene und Kri­mi­nelle an der Her­stel­lung tra­di­tio­neller pol­ni­scher Gerichte und einem in 311 Fla­schen auf­be­wahrten Archiv der Geräu­sche und Gerüche der Vergangenheit.

Es reicht vom Duft einer Som­mer­wiese „voller Lev­kojen und Kamille“ im ver­lo­renen Osten bis zu letzten Erin­ne­rungen von Ster­benden aus Städten und Dör­fern Galiziens.

Es regnet fast unun­ter­bro­chen in diesem Roman – und all­mäh­lich sickern Wörter wie „Rau­schen“, „Hoch­wasser, „Flut“ und „Über­schwem­mung“ in den Text. Schließ­lich birst der Par­kett­boden im Zimmer der Groß­mutter und aus der Spalte quillt Wasser.

Statt eines Füh­rers dient dem Erzähler von nun an ein großer bron­zener Schlüssel als Weg­weiser und Tür­öffner, den man sogar „ins Loch der Nacht ste­cken und drehen“ kann. Über Trep­pen­häuser gelangt er in andere Woh­nungen und trifft dort Onkel Bronio, Tanten und Cou­sinen , vor allem aber den Gegen­spieler zu dem an Polens Tra­di­tionen hän­genden „Meta­phy­siker“ Jan, den natur­wis­sen­schaft­lich ori­en­tierten Onkel Run­kuńcio. Der erklärt ihm bei einigen Glä­sern Cognac denn auch den „Sinn der Sint­flut“. Sie ent­stehe nicht aus einer Ver­schwö­rung, wie Jan glaube, son­dern aus der „Macht der Fakten“: „Was­ser­an­stieg, Nie­der­schläge, Nie­sel­regen, Boden­feuch­tig­keit, Grund­was­ser­spiegel“. Aber die Sint­flut ist auch „mit­rei­ßend“ in dop­peltem Wort­sinn. Die alte Ord­nung kippt und es ent­steht etwas Neues. Etwas, das sich unter der Ober­fläche befindet wie eine zweite Stadt, lässt sich nicht länger ver­bergen, und des­halb muss eine Über­schwem­mung her, die alles tilgt und zunichte macht. Erst dadurch kann mit einem übrig geblie­benen Paar ein neuer Grün­dungs­my­thos entstehen.

Wie zuvor schon Jan, emp­fiehlt des­halb auch dieser Onkel dem Erzähler, die Enkelin der rei­chen Groß­mutter zu hei­raten und so deren geheime Schatz­truhe zu über­nehmen. Die Enkelin hat einen spre­chenden Namen, Leta, und erin­nert an Lethe, alt­grie­chisch „Ver­gessen“, den Fluss in der Unter­welt der grie­chi­schen Mytho­logie; wer aus ihm trinkt, ver­liert seine Erin­ne­rung am Ein­gang ins Totenreich.

Das Hünd­chen taucht irgend­wann wieder auf, ist aber kein antiker Zer­berus und ver­wehrt als Höl­len­hund den Ein­gang in die Unter­welt, son­dern führt den Erzähler schwanz­we­delnd aus dem Tumult der Über­flu­tung auf den Kirch­turm. Im stei­genden Wasser taucht ein Nil­pferd aus dem Zoo auf und richtet sich eine Meer­katze auf dem Haar­kranz von Mania häus­lich ein. Von hier oben sieht er, „wie der Fluss seinen gelben Leib durch die Straßen wälzt, die braune Brühe, die gewal­tige Flucht des Riesen aus den Bergen, der auf dem Rücken Möbel trägt, Sträu­cher, Bretter, Autos, Müll und Tiere, der große Umzug, die große Wan­de­rung, die Schlange ver­lässt die Stadt und nimmt alles fort, Gedächtnis, Tonnen von Müll und diese graue Materie, all das, was sich über Jahre hier ange­sam­melt hat“.

Vor der anstei­genden Flut retten sie sich auf den Dach­boden eines Miets­hauses, von wo Onkel Jan sie auf ein Floß bringen will. Doch da tau­chen plötz­lich aus den Kel­lern und hinter Büche­re­galen unbe­kannte Tiere auf, „eine Kreu­zung zwi­schen Marder, Katze und Affe“. Sie beißen Mit­glieder der Familie, wenn diese ihnen nicht Kügel­chen aus den zusam­men­ge­rollten Seiten alter Bücher zu fressen geben, und ver­hin­dern den ret­tenden Weg in die Arche. Es wird ver­mutet, sie seien „Vor­kriegs­ge­schöpfe“, „jüdi­sche Ver­schwö­rungen und Legenden“ oder nach 1945 aus Lem­berg hier­her­ge­kommen. Ver­zwei­felt wirft Onkel Bronio Papier­kü­gel­chen auf das war­tende Floß, die ganze Teu­fels­meute stürzt sich quie­kend darauf, der Onkel kappt die Taue – und unter dem Weh­klagen der Zurück­ge­blie­benen ver­schwindet die Arche mit allen Schätzen in der Strömung.

In der Däm­me­rung kommt es zum großen Show­down zwi­schen den Onkel-Figuren, der verbal wie musi­ka­lisch über meh­rere Kapitel aus­ge­tragen wird. Wäh­rend der eine Onkel Jan auf seiner Wan­der­gi­tarre Hymnen, Kir­chen- und Mili­tär­lieder sowie popu­läre Weisen aus der Vor­kriegs­zeit spielt, dreht der andere Onkel das Radio lauter, hört „April in Paris“ von Count Basie und ent­korkt dabei die im Wasser trei­benden Fla­schen aus Jans Geräu­sche­samm­lung. In einem apo­ka­lyp­ti­schen Sze­nario aus zer­stö­re­ri­scher Über­schwem­mung und von Him­mels­feuern ent­zün­deten Dach­stühlen geht es um die Frage, ob Tra­di­tionen eine Qual sind, ob der Mensch ohne Erin­ne­rungen leben kann, wie „Frei­heit und Sonne, eine neue Chance“ mög­lich sind.

Schließ­lich legt sich der Ich-Erzähler müde ein paar Treppen tiefer ins Bett der schnar­chenden Groß­mutter und schwimmt dann hoch über der Stadt, für ihn „ein See des Leids, eine Zis­terne des Unglücks“.

Die in diesem Metier bis­lang weniger bekannte Mar­lena Breuer hat den Roman aus dem Pol­ni­schen über­setzt. Es gelingt ihr, die Flut der Bilder und Asso­zia­tionen gut ins Deut­sche zu bringen. Sie meis­tert die auch in Róży­ckis Lyrik zufin­dende Ver­wen­dung von eher unge­wöhn­li­chen Wör­tern und findet dafür adäquate Ausdrücke.

So ver­dienst­voll es auch ist, dass der kleine Ber­liner Verlag edi­tion foto­TA­PETA dieses Buch her­aus­ge­bracht hat, so wünschte man dem Autor doch einen Platz im Pro­gramm eines großen Ver­lages. Nur so wäre gewähr­leistet, dass Tomasz Różycki die Publi­zität und ver­le­ge­ri­sche Betreuung im deut­schen Sprach­raum bekäme, die seiner Bedeu­tung ange­messen ist.

So hätte Bes­tia­rium ein sorg­fäl­tiges Lek­torat der Über­set­zung gut­getan. Gele­gent­liche Fuß­noten würden manche, dem pol­ni­schen Leser ver­traute Anspie­lungen im Deut­schen erhellen. Dass das von Onkel Jan gespielte Lied „oj da dana” nicht etwa ein sinn­loses Gestammel ist, son­dern der Anfang eines bis heute in Polen gern gesun­genen, aber alt(modisch)en Liedes. Oder dass „die Büste des Mar­schalls“ auf dem Nacht­tisch von Oma Apol­lonia den auto­ri­tären pol­ni­schen Staats­mann Józef Pil­sudski aus den 1920er Jahren zeigt.

Man muss nicht in einem Atemzug Bruno Schulz, Witold Gom­bro­wicz und auch noch Wene­dikt Jer­o­fejew bemühen, wie es das Ver­lags­mar­ke­ting im Klap­pen­text von Bes­tia­rium tut, um auf die Bedeu­tung dieses Werkes hin­zu­weisen. Tomasz Różycki ist ein eigen­stän­diger Autor, dem mit diesem phan­ta­sie­vollen, anspie­lungs­rei­chen und iro­ni­schen Buch ein großer Wurf gelungen ist.

 

Różycki, Tomasz: Bes­tia­rium. Aus dem Pol­ni­schen von Mar­lena Breuer. Berlin: edition.fotoTAPETA, 2016.