Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Es herrscht Krieg. Andrej Kur­kovs Ukrai­ni­sches Tagebuch

Wie oft hat man im letzten Jahr in den Medien gehört, dass der Kon­flikt in der Ukraine mit einem Sprach­pro­blem zwi­schen eth­ni­schen Russen und Ukrai­nern zusam­men­hängt. Andrej Kurkov, einer der bekann­testen ukrai­ni­schen Autoren, der die meisten seiner Bücher auf Rus­sisch ver­fasst hat, zeigt in seinem „Ukrai­ni­schen Tage­buch“ ein­drück­lich, dass es auf dem Majdan um etwas ganz anderes ging. Kurkov betont, dass sich in der Majdan-Bewe­gung kei­nes­wegs ein Natio­na­li­tä­ten­kon­flikt zwi­schen der rus­si­schen und der ukrai­ni­schen Bevöl­ke­rung der Ukraine mani­fes­tierte, so wie es in den Medien oft ver­ein­facht dar­ge­stellt wird. Viel­mehr stehen sich, so Kurkov, zwei Geis­tes­hal­tungen ent­gegen: eine frei­heit­lich-demo­kra­ti­sche und eine der radi­kalen Separatisten.

 

„Bei uns ist alles viel simpler und trau­riger. Wir haben wieder einmal keine Zukunft“, so reagiert Andrej Kurkov [Andrej Kurkow] auf die Ereig­nisse auf dem Majdan in Kiew vom 21. November 2013.

 

Der Grund für den Pro­test der Ukrainer war das Aus­setzen des Asso­zi­ie­rungs­ab­kom­mens mit der EU, womit viele Ukrainer die Hoff­nung auf eine bes­sere Zukunft schwinden sahen. Mit „wieder einmal“ spielt Kurkov auf die rund zehn Jahre zurück­lie­gende Oran­gene Revo­lu­tion in der Ukraine an, bei der das Volk schon einmal auf­ge­standen ist, gegen kor­rupte Machen­schaften und für Neu­wahlen.. Mit „traurig“ meint er den nur kurz andau­ernden Erfolg der Revo­lu­tion von 2004. Als „simpel“ beschreibt er die Tat­sache, dass das Volk seinen Prä­si­denten seitdem viel Geduld ent­ge­gen­ge­bracht und auf die Erfül­lung der Ver­spre­chen gewartet hat, wäh­rend diese sich als Leer­for­meln erwiesen. In einem Essay für die Ber­liner Zei­tung schreibt Kurkov im Sep­tember 2014: „In der Ukraine ver­traut man Poli­ti­kern von vorn­herein nicht. Ein nor­maler, ehr­li­cher Mensch, so die gän­gige Mei­nung, geht nicht in die Politik. Und wenn er aus lauter Nai­vität doch geht, sind andere, erfah­re­nere Poli­tiker sofort zur Stelle, um ihn zu dem zu machen, was sie selber sind: zu einem kor­rupten, ver­lo­genen Populisten.“

 

Die Majdan-Bewe­gung setzt Kurkov trotzdem nicht mit der Oran­genen Revo­lu­tion gleich. Aus seiner Sicht wurden die Demons­tra­tionen von 2013/2014 von jungen Stu­denten orga­ni­siert und der Majdan ähnelte oft einem Kunst- und Rock­fes­tival. Im Tage­buch berichtet er zum Bei­spiel von Band­auf­tritten, orga­ni­sierten Aus­stel­lungen, kleinen Biblio­theken und von Lesungen, auf denen sich Künstler und Schrift­steller trafen. Der anfangs noch distan­ziert beob­ach­tende Kurkov besuchte den Majdan täg­lich und sprach mit vielen Akteuren per­sön­lich; später nahm er auch selbst an Lite­ra­tur­treffen teil und arbei­tete mit Hilfs­or­ga­ni­sa­tionen zusammen. Und er konnte beob­achten, wie sich die fried­li­chen Pro­teste durch die zuneh­menden Gewalt­aus­brüche, vor allem sei­tens der Miliz gegen die Demons­tranten, in einen Krieg ver­wan­delten. Vor allem nach dem „Blut­samstag“ vom 29. November 2013, an dem die Miliz eine Hetz­jagd auf die Euro­maj­daner ver­an­stal­tete und brutal gegen die Demons­tranten vor­ging. Rasch bil­deten sich zahl­reiche Grup­pie­rungen, radi­kale Jugend­liche sowie Sepa­ra­tisten kamen aus allen Regionen zum Majdan. Die Pro­teste wurden mas­siver, poli­ti­scher und führten zu den ersten Toten. Bis es dann im Februar 2014 zum Höhe­punkt der Gewalt auf dem Majdan kam, bei dem fast 100 unbe­waff­nete und unschul­dige Men­schen, u.a. durch Scharf­schützen, ums Leben kamen. Kurkov notiert am 18. Februar 2014: „Einen derart idio­ti­schen Prä­si­denten, der es geschafft hat, eines der tole­ran­testen Völker zu radi­ka­li­sieren, hat es zuvor in unserem Land nicht gegeben!“

 

Bereits nach einigen Seiten wird deut­lich, dass Kurkov zum des­il­lu­sio­nierten Sym­pa­thi­santen einer für Demo­kratie, für den euro­päi­schen Traum und für die Ein­heit der Ukraine kämp­fenden Majdan-Bewe­gung geworden ist. Kurkov betont, dass die Radi­kalen und die mit Russ­land zusam­men­ar­bei­tenden Sepa­ra­tisten nicht zu den eigent­li­chen Majdan-Demons­tranten gehören. In seinem Tage­buch zeigt er auf, wie die Gewalt, Kri­mi­na­lität und Anar­chie auf dem Majdan mit der Radi­ka­li­sie­rung dieser Grup­pie­rungen zunehmen. Mit ernstem-sar­kas­ti­schen Bericht­stil doku­men­tiert er den Weg einer Pro­test­be­we­gung hin zu einem krie­ge­ri­schen Kon­flikt, ohne dabei auf sub­jek­tive Bewer­tungen und Mei­nungen zu verzichten.

 

Andrej Kurkov wurde 1961 in St. Peters­burg geboren und lebt seit Jahr­zehnten in Kiew, nur rund 500 Meter vom Majdan ent­fernt. Als eth­ni­scher Russe und ukrai­ni­sches Mul­ti­ta­lent war er u.a. als Gefäng­nis­wärter in Odessa, beim Radio und Fern­sehen als freier Autor, als Kame­ra­mann, Zei­tungs­re­dak­teur und Dreh­buch­autor tätig. Im Aus­land ist er ins­be­son­dere durch seinen Roman Pick­nick auf dem Eis (1999), seine Kolumnen in inter­na­tio­nalen Zei­tungen und seine Kritik an Putin bekannt geworden. Auch in seinem Tage­buch, das vor­erst nur im west­eu­ro­päi­schen Aus­land erschien (über­setzt ins Deut­sche, Eng­li­sche, Fran­zö­si­sche, Ita­lie­ni­sche, Pol­ni­sche und Est­ni­sche) und erst ein Jahr später, im Februar 2015, beim Verlag Folio auf Ukrai­nisch, kri­ti­siert er Putins Macht­kampf und sieht die Ein­heit der Ukraine durch ihn gefährdet. Auf­grund der ste­tigen Kritik an Putin sind Kur­kows Bücher seit 2008 in Russ­land ver­boten und auch das Tage­buch ist dort bis­lang nicht erschienen.

 

Kur­kovs Tage­buch stellt eine per­sön­liche Chronik der Ereig­nisse vom 21. November 2013 bis zum 24. April 2014 dar. Der Chro­nist beschränkt sich darin nicht auf ein­fache Erklä­rungen, son­dern ver­sucht viel­mehr die kom­plexe Pro­ble­matik der poli­ti­schen Ereig­nisse in der Ukraine als Insider zu ana­ly­sieren. Zwi­schen poli­ti­schen Berichten, Kom­men­taren und Zukunfts­pro­gnosen gewährt er den Lesern Ein­blicke in das Leben und die Ängste der Ukrainer im Aus­nah­me­zu­stand – sowie in den „nor­malen Alltag“ seiner fünf­köp­figen Familie. Sein Tage­buch wird zum Doku­ment des Ukraine-Konflikts.

 

Trotz oder gerade wegen der ange­spannten Lage und Unge­wiss­heit schafft es Kurkov, einen iro­ni­schen Witz durch­scheinen zu lassen, z.T. zynisch und sar­kas­tisch, dann wieder absurd und humor­voll, indem er bei­spiels­weise von den nun rus­si­schen Kampf­del­phinen auf der Krim schreibt. Den Ernst der Lage ver­liert er den­noch nicht aus den Augen und ver­weist immer wieder auf die rus­si­sche Wet­ter­karte, auf der die ukrai­ni­sche Krim bereits als Teil Russ­lands ein­ge­blendet wird – und nach der Okku­pa­tion auch das Don­eck­be­cken und Charkiv. Am 24. März 2014 schreibt er: „Wovor ich Angst habe, ist eine mög­liche rus­si­sche Inter­ven­tion im Osten und Süden des Landes.“

 

Das Tage­buch endet am 24. April 2014, einen Monat vor den Prä­si­dent­schafts­wahlen, die für viele Ukrainer einen Etap­pen­er­folg dar­stellten und neue Hoff­nungen mit sich brachten: „Alle sind des War­tens auf den Krieg müde, den Dro­hungen Russ­lands, der Angst um die Zukunft. Man möchte diese Seite der ukrai­ni­schen Geschichte so schnell wie mög­lich umblät­tern und zum Happy End kommen!“

 

Petro Porošenko [Petro Poro­schenko] wurde zwar zum neuen Prä­si­denten gewählt, doch die Ukraine-Krise ist damit noch lange nicht beendet. Die Lage in Kiew hat sich ent­spannt, der Majdan wurde geräumt, aber die Lage in der Ost­ukraine eska­liert zuse­hends, wäh­rend der Westen mit Russ­land wei­terhin unver­söhnt bleibt. Kur­kovs Zukunfts­pro­gnosen haben sich bis­lang bewahr­heitet: „Doch eine Rück­kehr zur bis­he­rigen ‚Politik der guten Nach­bar­schaft‘ wird es nicht geben. Das ist klar.“ (24. März 2014).

 

Kurkow, Andrej: Ukrai­ni­sches Tage­buch – Auf­zeich­nungen aus dem Herzen des Pro­tests. Aus dem Rus­si­schen von Steffen Bei­lich. Inns­bruck / Wien: Haymon, 2014.

 

Wei­tere Lite­ratur und Links:
Kurkow, Andrej: Pick­nick auf dem Eis. Aus dem Rus­si­schen von Christa Vogel. Zürich: Dio­genes, 2000.
Kurkow, Andrej: Putin ist stärker als das Gewissen. Essay in der Ber­liner Zei­tung vom 04.09.2014. Aus dem Rus­si­schen von Steffen Beilich.

Inter­view auf BAYERN2 von Achim Bohdan mit Andrej Kurkow. In: Eins zu Eins. Der Talk. 06.11.2014. ARD Mediathek.

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