Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Packend, poin­tiert, poli­tisch – „Her­kunft“ von Saša Stanišić

„Früher hatte Groß­mutter behauptet – da war ich zehn oder fünf oder sieben -, ich würde nie­mals täu­schen und lügen, son­dern immer nur über­treiben und erfinden. Den Unter­schied kannte ich damals wohl nicht (will ihn auch heute nicht immer kennen), ich mochte aber, dass sie mir zu ver­trauen schien. Am Morgen vor unserer Reise nach Osko­ruša bekräf­tigte sie noch mal, es immer gewusst zu haben: »Erfinden und über­treiben, heute ver­dienst du sogar dein Geld damit.«“

 

Dieses Zitat aus „Her­kunft“ von Saša Sta­nišić kann auch als Grund­motiv des 2019 erschie­nenen und im glei­chen Jahr mit dem deut­schen Buch­preis aus­ge­zeich­neten Werkes ange­sehen werden: Häufig ist nicht klar, an wel­chen Stellen und in wel­chen Situa­tionen die zahl­rei­chen auto­bio­gra­phi­schen Ele­mente des Romanes in die für Sta­nišić typi­schen Aus­schmü­ckungen und fan­ta­sie­vollen Über­trei­bungen über­gehen, oder anders gesagt, an wel­chen Stellen der weit­ge­hend auto­bio­gra­phisch, manchmal aber auch essay­is­tisch erzählte Text auto- oder meta­fik­tio­nale Pas­sagen aufweist.

 

Das Haupt­motiv bildet jeden­falls die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Her­kunft und Zuge­hö­rig­keit des mit dem Autor stark über­ein­stim­menden Prot­ago­nisten und dessen Vor­fahren: Auch der reale Saša Sta­nišić wurde 1978 als Sohn einer bos­nia­ki­schen Mutter  und eines bos­nisch-ser­bi­schen Vaters in Više­grad, Jugo­sla­wien, geboren und flüch­tete 1992 mit seinen Eltern sowie den Groß­el­tern müt­ter­li­cher­seits nach Deutsch­land, wo er das Gym­na­sium abschloss, später Sla­wistik stu­dierte und bis heute lebt. Als er 2009 mit seiner Groß­mutter Kris­tina und seinem Groß­onkel Gav­rilo in das kleine und abge­le­gene Dorf Osko­ruša fährt, aus dem sein Urgroß­vater Bogosav und sein Groß­vater Petar stammen, erfährt er so man­ches über das Leben im Dorf, vor allem aber über seine Familie väter­li­cher­seits. Die nicht erst seit dem letzten Bos­nien-Krieg unheil­voll auf­ge­la­dene Frage „woher kommst du?“, hier mehr­mals gestellt von  Sašas Ver­wandten, ver­an­lasst ihn, sich sei­ner­seits so manche Gedanken zum Thema Her­kunft zu machen, wobei seine aka­de­misch anmu­tenden Über­le­gungen einen span­nenden Kon­trast zu seiner sehr urwüchsig por­trai­tierten Ver­wandt­schaft dar­stellen. Einer­seits möchte er Her­kunfts- und Fami­li­en­kitsch ver­meiden, ande­rer­seits seine Ange­hö­rigen nicht ent­täu­schen, und so geht er bis­weilen spie­le­risch mit diesem Span­nungs­feld um:

 

„Ich habe Wasser aus dem Brunnen meines Urgroß­va­ters getrunken und schreibe dar­über auf Deutsch. Das Wasser hat nach der Last dieser Berge geschmeckt, die ich nie tragen musste, und nach der beschwer­li­chen Leich­tig­keit der Behaup­tung, dass einem etwas gehört. Nein. Das Wasser war kalt und hat wie Wasser geschmeckt. Ich ent­scheide, ich.“

 

Auto­bio­gra­phi­scher Bezug und Perspektive

 

Einen Groß­teil des Buches nimmt die detail­reiche und bis­weilen lie­be­volle Beschrei­bung der Fami­li­en­mit­glieder ein, von wel­chen hier nur die Prä­gendsten genannt werden sollen:

 

Groß­vater Pero bzw. Petar Sta­nišić, ein über­zeugter Kom­mu­nist, von wel­chem Saša sowohl zahl­reiche poli­ti­sche Ansichten, als auch das Erfinden und Erzählen von Geschichten über­nommen hat, der jedoch bereits starb, als Saša acht Jahre alt war; dessen Frau Kris­tina, Sašas reso­lute Groß­mutter und eine der wich­tigsten Figuren des Buches, die auch wäh­rend des Krieges in Više­grad bleibt, ihm 2007 Osko­ruša zeigt und im Laufe der Hand­lung an Demenz erkrankt; Groß­vater Muhamed, der Vater von Sašas Mutter, ein Bremser auf Zügen und pas­sio­nierter Angler, vor allem aber der freund­lichste Mensch, dem Saša je begegnet ist; dessen Frau, nena Mej­rema, die allen aus Nie­ren­bohnen die Zukunft las; die beiden Groß­onkel Gav­rilo und Sre­toje, ein­ge­fleischte Bauern und zwei der wenigen Bewohner Osko­rušas; und natür­lich Sašas Eltern, eine Poli­tik­do­zentin und ein Betriebs­wirt, die in Deutsch­land jede Arbeit annehmen, damit es ihr Sohn einmal besser habe, die jedoch zu Kriegs­ende abge­schoben werden und seither zwi­schen Flo­rida und Kroa­tien pen­deln müssen. Wäh­rend der Name des Vaters im gesamten Buch nur einmal genannt wird (Dragan), bleibt der bos­nia­ki­sche der Mutter gänz­lich uner­wähnt. Auch sein kleiner Sohn sowie dessen Mutter kommen nicht nament­lich vor.

 

Doch inwie­weit ent­spre­chen die Namen der Fami­li­en­mit­glieder des Prot­ago­nisten jenen des realen Schrift­stel­lers Saša Sta­nišić? Um hier einer Ant­wort näher zu kommen, lohnt sich ein Blick in dessen 2006 beil Luch­ter­hand erschie­nenes Werk „wie der Soldat das Gram­mofon repa­riert“, in wel­chem die Dank­sa­gung unter anderem an Kris­tina und Petar Sta­nišić sowie an Mej­rema und Hamed Heći­mović erfolgt, womit die Namen der beiden Groß­el­tern­paare genannt wären. Wie viel Bedeu­tung der Namens­über­ein­stim­mung zwi­schen Figuren des Buches und realen Fami­li­en­mit­glie­dern des Autors bei­zu­messen ist, wird wohl letzt­lich dem/der geneigten Leser_in über­lassen bleiben.

Schul­zeit und Jugend

Obwohl Sta­nišićs Werke „Wie der Soldat das Gram­mofon repa­riert“ und „Her­kunft“ nur ein­ge­schränkt mit­ein­ander ver­gli­chen werden können, da ers­teres über­wie­gend auto­fik­tio­nale, letz­teres jedoch vor­wie­gend auto­bio­gra­phi­sche Ele­mente ent­hält, lassen sich doch gewisse Par­al­lelen erkennen: Wäh­rend in ers­terem vor allem auf die Grund­schul­zeit in Više­grad der aus­ge­henden 80er- und begin­nenden 90er-Jahre ein­ge­gangen wird, wird in letz­terem aus­führ­lich Sašas Auf­wachsen im Hei­del­berger Stadt­teil Emmerts­grund geschil­dert. Hierzu gehört die bunte Viel­falt an seiner Schule, der IGH, an wel­cher die ein­ge­ses­senen Deut­schen die Min­der­heit dar­stellen, ebenso wie die ein­ge­schwo­rene Clique der Aral-Jugend, deren Erleb­nisse dem/der Leser_in sehr leb­haft nahe­ge­bracht werden. Zu Sašas Freunden gehören etwa Olli, der ihn zu Fuß­ball­spielen des HSV mit­nimmt, Rahim, bei wel­chem er oft ein­ge­laden ist und der mit ihm 1994, also kurz nach dem Bos­ni­en­krieg, das Auto seines Onkels nach Više­grad über­führt, oder Piero, ein Ita­liener aus Lucera, der einmal auf dem Motorrad von einem Last­wagen erfasst wird, wor­aufhin ihn die gesamte Aral-Jugend im Kran­ken­haus besucht. Die Geschichte von Pieros apu­li­scher Hei­mat­stadt Lucera ver­knüpfte der Autor mit jener der Sara­zenen, welche im Laufe des 13. Jahr­hun­derts von Sizi­lien nach Lucera umge­sie­delt wurden – gene­rell ist die Sprung­haf­tig­keit und Ver­schach­teltheit der Erzäh­lung ein typi­sches Merkmal dieses Werkes.

 

Wäh­rend einer Berg­tour der Aral-Jugend auf den Emmerts­grund lässt Sta­nišić Piero dessen Liebe zu Her­mann Hesse ent­de­cken, womit ein wei­teres, wie­der­keh­rendes Motiv genannt wäre: die große Affi­nität zu deut­scher Lite­ratur, etwa zu Höl­derlin und Hesse, vor allem aber zu Joseph von Eichen­dorff, den der Autor sein Alter Ego mit nacktem Ober­körper und viel Kaffee auf dessen Balkon sit­zend laut vor­lesen lässt.

 

Ver­lo­rene Heimat und poli­ti­scher Scharfsinn

 

Her­kunft ist nicht zuletzt ein Buch über das Ver­schwinden von Heimat, genauer gesagt von Sašas Geburts­land und Sehn­suchtsort Jugo­sla­wien, wel­ches nach dem Krieg in meh­rere neu geschaf­fene Natio­nal­staaten auf­ge­teilt wurde, sowie über die daraus resul­tie­rende Zer­ris­sen­heit der Familie, welche in die nun nach eth­ni­schen Kri­te­rien geteilten Enti­täten Bos­niens nicht oder nur teil­weise zurück­kehren konnte. Auch in Više­grad, einer ehe­mals mul­ti­kon­fes­sio­nellen Stadt, leben seit dem letzten Bos­ni­en­krieg kaum noch Mus­lime, und Saša sagt über seine Ankunft im Jahr 1996: „Ich kam nicht zurück, ich kam an einem neuen Ort zum ersten Mal an.“

 

Wie bereits in „wie der Soldat das Gram­mofon repa­riert“ erweist sich der Prot­ago­nist auch hier, ebenso wie sein jewei­liger Groß­vater väter­li­cher­seits, als über­zeugter Jugo­slawe und Kom­mu­nist, dem, wie Sta­nišić es aus­drückt, „Selbst­be­stim­mung und Blut­gruppe wich­tiger sind als Fremd­be­stim­mung und Blut.“ Dazu passt auch, dass für ihn Heimat vor allem der freund­liche Zahn­arzt Dr. Heimat war, der zahl­reiche Migrant_innen, dar­unter auch ihn, auch ohne Kran­ken­ver­si­che­rung mehr­mals behan­delte, denn „einer ideellen Heimat geht es um den Karies und nicht darum, welche Sprache der Mund wie gut spricht.“ Diese Grund­hal­tung tritt an vielen Stellen des Werkes zu Tage, manchmal subtil, manchmal durch poin­tierte For­mu­lie­rungen sowie ein­deu­tige Fest­le­gungen. So werden etwa die ver­ur­teilten Kriegs­ver­bre­cher Radovan Kara­džić und Ratko Mladić klar als solche bezeichnet, oder es wird darauf hin­ge­wiesen, dass der Osten Bos­niens als Hoch­burg ser­bi­scher Natio­na­listen gilt, wobei die Exis­tenz der bos­ni­schen Entität Repu­blika Srpska uner­wähnt bleibt. Auch der berühmte Regis­seur Emir Kus­tu­rica und der von ihm errich­tete više­grader Stadt­teil Andrić­grad kommen bei Sta­nišić nicht gut weg.

 

Dem deutsch­spra­chigen Lese­pu­blikum werden jedoch auch eher unbe­kannte Facetten des Krieges näher­ge­bracht, wenn etwa Sre­toje von dem Luft­kurort Čaj­nice erzählt und davon, dass dort wohl aus­schließ­lich Mus­lime leben würden, „wenn es Korn­jača und seine Truppe nicht gegeben hätte“. Tat­säch­lich wurde Milun Korn­jača 2014 durch ein bos­ni­sches Gericht zu fünf Jahren Haft für Ver­bre­chen an Bos­niaken in Čaj­nice verurteilt.[1]

 

Ebenso scharf­sinnig stellt Sta­nišić auch Bezüge zur Politik in Deutsch­land her, wobei auch hier eine beson­dere Hell­hö­rig­keit gegen­über Aus­gren­zung und natio­na­lis­ti­schen Ten­denzen fest­zu­stellen ist. So zieht er gekonnt und teils ver­schach­telt Par­al­lelen zwi­schen seiner eigenen Flucht­er­fah­rung, den rechts­ex­tremen Anschlägen auf Migrant_innen in den 90er-Jahren in Ros­tock und Solingen, der hohen Anzahl an Über­griffen auf Migrant_innen 2017 und dem Schicksal afgha­ni­scher Flücht­linge in Bos­nien 2018. Dabei deutet er durch kurze, ein­ge­scho­bene Sätze Zusam­men­hänge an, ohne näher darauf ein­zu­gehen – ein typi­sches Stil­mittel dieses Werkes, das der Freude am Lesen einen zusätz­li­chen Schub verleiht.

Ende der Geschichte?

„1991 hatte ich ein neues Genre ent­deckt: Choose your own adven­ture. Als Leser ent­schei­dest du selbst über den Fort­gang der Geschichte: Rufst du: »Aus dem Weg, Höl­len­ge­zücht, sonst schneid ich dir die Adern durch!« – lies weiter auf Seite 306.“ Genau so ver­fährt Sta­nišić mit dem Ende von Her­kunft: Nach Sašas Besuch bei seiner Groß­mutter im Alters­heim von Roga­tica kann sich das Lese­pu­blikum zwi­schen zahl­rei­chen Fort­set­zungen ent­scheiden, welche jeweils weiter ver­zweigt sind und zu unter­schied­li­chen Enden, manchmal aber auch im Kreis, führen, wobei hier der Fan­tasie nur geringe Grenzen gesetzt sind. So sind Tod und Begräbnis der bereits seit geraumer Zeit an schwerer Demenz lei­denden Groß­mutter Kris­tina Sta­nišić zwar die wahr­schein­lichste, aber letzt­lich nur eine von meh­reren Mög­lich­keiten, wie die Geschichte zu Ende gegangen sein könnte. Dieser Aus­flug in das Reich der Dra­chen, Vilen und sogar in die Unter­welt der grie­chi­schen Mytho­logie mag am Ende einer sonst lebensnah erzählten Hand­lung etwas šber­ra­schen. Der laby­rinthar­tige Aufbau der mög­li­chen Enden kann jedoch als Ver­such ver­standen werden, die fort­schrei­tende Demenz der geliebten Groß­mutter für das Lese­pu­blikum zumin­dest ein Stück weit erfahrbar zu machen.

 

Lite­ratur

Saša Sta­nišić: Her­kunft. Mün­chen 2019.