http://www.novinki.de

Packend, pointiert, politisch – „Herkunft“ von Saša Stanišić

Posted on 30. Juni 2021 by Mathias Schmuckerschlag
Das 2019 erschienene und im gleichen Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Buch „Herkunft“ von Saša Stanišić weist zahlreiche autobiographische Elemente auf, die in die für Stanišić typischen Ausschmückungen und fantasievollen Übertreibungen übergehen. Der Protagonist will einerseits Herkunfts- und Familienkitsch vermeiden, andererseits seine Angehörigen nicht enttäuschen, und so geht er bisweilen spielerisch mit diesem Spannungsfeld um.

„Früher hatte Großmutter behauptet - da war ich zehn oder fünf oder sieben -, ich würde niemals täuschen und lügen, sondern immer nur übertreiben und erfinden. Den Unterschied kannte ich damals wohl nicht (will ihn auch heute nicht immer kennen), ich mochte aber, dass sie mir zu vertrauen schien. Am Morgen vor unserer Reise nach Oskoruša bekräftigte sie noch mal, es immer gewusst zu haben: »Erfinden und übertreiben, heute verdienst du sogar dein Geld damit.«“

 

Dieses Zitat aus „Herkunft“ von Saša Stanišić kann auch als Grundmotiv des 2019 erschienenen und im gleichen Jahr mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichneten Werkes angesehen werden: Häufig ist nicht klar, an welchen Stellen und in welchen Situationen die zahlreichen autobiographischen Elemente des Romanes in die für Stanišić typischen Ausschmückungen und fantasievollen Übertreibungen übergehen, oder anders gesagt, an welchen Stellen der weitgehend autobiographisch, manchmal aber auch essayistisch erzählte Text auto- oder metafiktionale Passagen aufweist.

 

Das Hauptmotiv bildet jedenfalls die Auseinandersetzung mit der Herkunft und Zugehörigkeit des mit dem Autor stark übereinstimmenden Protagonisten und dessen Vorfahren: Auch der reale Saša Stanišić wurde 1978 als Sohn einer bosniakischen Mutter  und eines bosnisch-serbischen Vaters in Višegrad, Jugoslawien, geboren und flüchtete 1992 mit seinen Eltern sowie den Großeltern mütterlicherseits nach Deutschland, wo er das Gymnasium abschloss, später Slawistik studierte und bis heute lebt. Als er 2009 mit seiner Großmutter Kristina und seinem Großonkel Gavrilo in das kleine und abgelegene Dorf Oskoruša fährt, aus dem sein Urgroßvater Bogosav und sein Großvater Petar stammen, erfährt er so manches über das Leben im Dorf, vor allem aber über seine Familie väterlicherseits. Die nicht erst seit dem letzten Bosnien-Krieg unheilvoll aufgeladene Frage „woher kommst du?“, hier mehrmals gestellt von  Sašas Verwandten, veranlasst ihn, sich seinerseits so manche Gedanken zum Thema Herkunft zu machen, wobei seine akademisch anmutenden Überlegungen einen spannenden Kontrast zu seiner sehr urwüchsig portraitierten Verwandtschaft darstellen. Einerseits möchte er Herkunfts- und Familienkitsch vermeiden, andererseits seine Angehörigen nicht enttäuschen, und so geht er bisweilen spielerisch mit diesem Spannungsfeld um:

 

„Ich habe Wasser aus dem Brunnen meines Urgroßvaters getrunken und schreibe darüber auf Deutsch. Das Wasser hat nach der Last dieser Berge geschmeckt, die ich nie tragen musste, und nach der beschwerlichen Leichtigkeit der Behauptung, dass einem etwas gehört. Nein. Das Wasser war kalt und hat wie Wasser geschmeckt. Ich entscheide, ich.“

 

Autobiographischer Bezug und Perspektive

 

Einen Großteil des Buches nimmt die detailreiche und bisweilen liebevolle Beschreibung der Familienmitglieder ein, von welchen hier nur die Prägendsten genannt werden sollen:

 

Großvater Pero bzw. Petar Stanišić, ein überzeugter Kommunist, von welchem Saša sowohl zahlreiche politische Ansichten, als auch das Erfinden und Erzählen von Geschichten übernommen hat, der jedoch bereits starb, als Saša acht Jahre alt war; dessen Frau Kristina, Sašas resolute Großmutter und eine der wichtigsten Figuren des Buches, die auch während des Krieges in Višegrad bleibt, ihm 2007 Oskoruša zeigt und im Laufe der Handlung an Demenz erkrankt; Großvater Muhamed, der Vater von Sašas Mutter, ein Bremser auf Zügen und passionierter Angler, vor allem aber der freundlichste Mensch, dem Saša je begegnet ist; dessen Frau, nena Mejrema, die allen aus Nierenbohnen die Zukunft las; die beiden Großonkel Gavrilo und Sretoje, eingefleischte Bauern und zwei der wenigen Bewohner Oskorušas; und natürlich Sašas Eltern, eine Politikdozentin und ein Betriebswirt, die in Deutschland jede Arbeit annehmen, damit es ihr Sohn einmal besser habe, die jedoch zu Kriegsende abgeschoben werden und seither zwischen Florida und Kroatien pendeln müssen. Während der Name des Vaters im gesamten Buch nur einmal genannt wird (Dragan), bleibt der bosniakische der Mutter gänzlich unerwähnt. Auch sein kleiner Sohn sowie dessen Mutter kommen nicht namentlich vor.

 

Doch inwieweit entsprechen die Namen der Familienmitglieder des Protagonisten jenen des realen Schriftstellers Saša Stanišić? Um hier einer Antwort näher zu kommen, lohnt sich ein Blick in dessen 2006 beil Luchterhand erschienenes Werk „wie der Soldat das Grammofon repariert“, in welchem die Danksagung unter anderem an Kristina und Petar Stanišić sowie an Mejrema und Hamed Hećimović erfolgt, womit die Namen der beiden Großelternpaare genannt wären. Wie viel Bedeutung der Namensübereinstimmung zwischen Figuren des Buches und realen Familienmitgliedern des Autors beizumessen ist, wird wohl letztlich dem/der geneigten Leser_in überlassen bleiben.

Schulzeit und Jugend

Obwohl Stanišićs Werke „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ und „Herkunft“ nur eingeschränkt miteinander verglichen werden können, da ersteres überwiegend autofiktionale, letzteres jedoch vorwiegend autobiographische Elemente enthält, lassen sich doch gewisse Parallelen erkennen: Während in ersterem vor allem auf die Grundschulzeit in Višegrad der ausgehenden 80er- und beginnenden 90er-Jahre eingegangen wird, wird in letzterem ausführlich Sašas Aufwachsen im Heidelberger Stadtteil Emmertsgrund geschildert. Hierzu gehört die bunte Vielfalt an seiner Schule, der IGH, an welcher die eingesessenen Deutschen die Minderheit darstellen, ebenso wie die eingeschworene Clique der Aral-Jugend, deren Erlebnisse dem/der Leser_in sehr lebhaft nahegebracht werden. Zu Sašas Freunden gehören etwa Olli, der ihn zu Fußballspielen des HSV mitnimmt, Rahim, bei welchem er oft eingeladen ist und der mit ihm 1994, also kurz nach dem Bosnienkrieg, das Auto seines Onkels nach Višegrad überführt, oder Piero, ein Italiener aus Lucera, der einmal auf dem Motorrad von einem Lastwagen erfasst wird, woraufhin ihn die gesamte Aral-Jugend im Krankenhaus besucht. Die Geschichte von Pieros apulischer Heimatstadt Lucera verknüpfte der Autor mit jener der Sarazenen, welche im Laufe des 13. Jahrhunderts von Sizilien nach Lucera umgesiedelt wurden - generell ist die Sprunghaftigkeit und Verschachteltheit der Erzählung ein typisches Merkmal dieses Werkes.

 

Während einer Bergtour der Aral-Jugend auf den Emmertsgrund lässt Stanišić Piero dessen Liebe zu Hermann Hesse entdecken, womit ein weiteres, wiederkehrendes Motiv genannt wäre: die große Affinität zu deutscher Literatur, etwa zu Hölderlin und Hesse, vor allem aber zu Joseph von Eichendorff, den der Autor sein Alter Ego mit nacktem Oberkörper und viel Kaffee auf dessen Balkon sitzend laut vorlesen lässt.

 

Verlorene Heimat und politischer Scharfsinn

 

Herkunft ist nicht zuletzt ein Buch über das Verschwinden von Heimat, genauer gesagt von Sašas Geburtsland und Sehnsuchtsort Jugoslawien, welches nach dem Krieg in mehrere neu geschaffene Nationalstaaten aufgeteilt wurde, sowie über die daraus resultierende Zerrissenheit der Familie, welche in die nun nach ethnischen Kriterien geteilten Entitäten Bosniens nicht oder nur teilweise zurückkehren konnte. Auch in Višegrad, einer ehemals multikonfessionellen Stadt, leben seit dem letzten Bosnienkrieg kaum noch Muslime, und Saša sagt über seine Ankunft im Jahr 1996: „Ich kam nicht zurück, ich kam an einem neuen Ort zum ersten Mal an.“

 

Wie bereits in „wie der Soldat das Grammofon repariert“ erweist sich der Protagonist auch hier, ebenso wie sein jeweiliger Großvater väterlicherseits, als überzeugter Jugoslawe und Kommunist, dem, wie Stanišić es ausdrückt, „Selbstbestimmung und Blutgruppe wichtiger sind als Fremdbestimmung und Blut.“ Dazu passt auch, dass für ihn Heimat vor allem der freundliche Zahnarzt Dr. Heimat war, der zahlreiche Migrant_innen, darunter auch ihn, auch ohne Krankenversicherung mehrmals behandelte, denn „einer ideellen Heimat geht es um den Karies und nicht darum, welche Sprache der Mund wie gut spricht.“ Diese Grundhaltung tritt an vielen Stellen des Werkes zu Tage, manchmal subtil, manchmal durch pointierte Formulierungen sowie eindeutige Festlegungen. So werden etwa die verurteilten Kriegsverbrecher Radovan Karadžić und Ratko Mladić klar als solche bezeichnet, oder es wird darauf hingewiesen, dass der Osten Bosniens als Hochburg serbischer Nationalisten gilt, wobei die Existenz der bosnischen Entität Republika Srpska unerwähnt bleibt. Auch der berühmte Regisseur Emir Kusturica und der von ihm errichtete višegrader Stadtteil Andrićgrad kommen bei Stanišić nicht gut weg.

 

Dem deutschsprachigen Lesepublikum werden jedoch auch eher unbekannte Facetten des Krieges nähergebracht, wenn etwa Sretoje von dem Luftkurort Čajnice erzählt und davon, dass dort wohl ausschließlich Muslime leben würden, „wenn es Kornjača und seine Truppe nicht gegeben hätte“. Tatsächlich wurde Milun Kornjača 2014 durch ein bosnisches Gericht zu fünf Jahren Haft für Verbrechen an Bosniaken in Čajnice verurteilt.

 

Ebenso scharfsinnig stellt Stanišić auch Bezüge zur Politik in Deutschland her, wobei auch hier eine besondere Hellhörigkeit gegenüber Ausgrenzung und nationalistischen Tendenzen festzustellen ist. So zieht er gekonnt und teils verschachtelt Parallelen zwischen seiner eigenen Fluchterfahrung, den rechtsextremen Anschlägen auf Migrant_innen in den 90er-Jahren in Rostock und Solingen, der hohen Anzahl an Übergriffen auf Migrant_innen 2017 und dem Schicksal afghanischer Flüchtlinge in Bosnien 2018. Dabei deutet er durch kurze, eingeschobene Sätze Zusammenhänge an, ohne näher darauf einzugehen – ein typisches Stilmittel dieses Werkes, das der Freude am Lesen einen zusätzlichen Schub verleiht.

Ende der Geschichte?

„1991 hatte ich ein neues Genre entdeckt: Choose your own adventure. Als Leser entscheidest du selbst über den Fortgang der Geschichte: Rufst du: »Aus dem Weg, Höllengezücht, sonst schneid ich dir die Adern durch!« - lies weiter auf Seite 306.“ Genau so verfährt Stanišić mit dem Ende von Herkunft: Nach Sašas Besuch bei seiner Großmutter im Altersheim von Rogatica kann sich das Lesepublikum zwischen zahlreichen Fortsetzungen entscheiden, welche jeweils weiter verzweigt sind und zu unterschiedlichen Enden, manchmal aber auch im Kreis, führen, wobei hier der Fantasie nur geringe Grenzen gesetzt sind. So sind Tod und Begräbnis der bereits seit geraumer Zeit an schwerer Demenz leidenden Großmutter Kristina Stanišić zwar die wahrscheinlichste, aber letztlich nur eine von mehreren Möglichkeiten, wie die Geschichte zu Ende gegangen sein könnte. Dieser Ausflug in das Reich der Drachen, Vilen und sogar in die Unterwelt der griechischen Mythologie mag am Ende einer sonst lebensnah erzählten Handlung etwas šberraschen. Der labyrinthartige Aufbau der möglichen Enden kann jedoch als Versuch verstanden werden, die fortschreitende Demenz der geliebten Großmutter für das Lesepublikum zumindest ein Stück weit erfahrbar zu machen.

 

Literatur

Saša Stanišić: Herkunft. München 2019.

Packend, pointiert, politisch – „Herkunft“ von Saša Stanišić – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Packend, poin­tiert, poli­tisch – „Her­kunft“ von Saša Stanišić

„Früher hatte Groß­mutter behauptet – da war ich zehn oder fünf oder sieben -, ich würde nie­mals täu­schen und lügen, son­dern immer nur über­treiben und erfinden. Den Unter­schied kannte ich damals wohl nicht (will ihn auch heute nicht immer kennen), ich mochte aber, dass sie mir zu ver­trauen schien. Am Morgen vor unserer Reise nach Osko­ruša bekräf­tigte sie noch mal, es immer gewusst zu haben: »Erfinden und über­treiben, heute ver­dienst du sogar dein Geld damit.«“

 

Dieses Zitat aus „Her­kunft“ von Saša Sta­nišić kann auch als Grund­motiv des 2019 erschie­nenen und im glei­chen Jahr mit dem deut­schen Buch­preis aus­ge­zeich­neten Werkes ange­sehen werden: Häufig ist nicht klar, an wel­chen Stellen und in wel­chen Situa­tionen die zahl­rei­chen auto­bio­gra­phi­schen Ele­mente des Romanes in die für Sta­nišić typi­schen Aus­schmü­ckungen und fan­ta­sie­vollen Über­trei­bungen über­gehen, oder anders gesagt, an wel­chen Stellen der weit­ge­hend auto­bio­gra­phisch, manchmal aber auch essay­is­tisch erzählte Text auto- oder meta­fik­tio­nale Pas­sagen aufweist.

 

Das Haupt­motiv bildet jeden­falls die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Her­kunft und Zuge­hö­rig­keit des mit dem Autor stark über­ein­stim­menden Prot­ago­nisten und dessen Vor­fahren: Auch der reale Saša Sta­nišić wurde 1978 als Sohn einer bos­nia­ki­schen Mutter  und eines bos­nisch-ser­bi­schen Vaters in Više­grad, Jugo­sla­wien, geboren und flüch­tete 1992 mit seinen Eltern sowie den Groß­el­tern müt­ter­li­cher­seits nach Deutsch­land, wo er das Gym­na­sium abschloss, später Sla­wistik stu­dierte und bis heute lebt. Als er 2009 mit seiner Groß­mutter Kris­tina und seinem Groß­onkel Gav­rilo in das kleine und abge­le­gene Dorf Osko­ruša fährt, aus dem sein Urgroß­vater Bogosav und sein Groß­vater Petar stammen, erfährt er so man­ches über das Leben im Dorf, vor allem aber über seine Familie väter­li­cher­seits. Die nicht erst seit dem letzten Bos­nien-Krieg unheil­voll auf­ge­la­dene Frage „woher kommst du?“, hier mehr­mals gestellt von  Sašas Ver­wandten, ver­an­lasst ihn, sich sei­ner­seits so manche Gedanken zum Thema Her­kunft zu machen, wobei seine aka­de­misch anmu­tenden Über­le­gungen einen span­nenden Kon­trast zu seiner sehr urwüchsig por­trai­tierten Ver­wandt­schaft dar­stellen. Einer­seits möchte er Her­kunfts- und Fami­li­en­kitsch ver­meiden, ande­rer­seits seine Ange­hö­rigen nicht ent­täu­schen, und so geht er bis­weilen spie­le­risch mit diesem Span­nungs­feld um:

 

„Ich habe Wasser aus dem Brunnen meines Urgroß­va­ters getrunken und schreibe dar­über auf Deutsch. Das Wasser hat nach der Last dieser Berge geschmeckt, die ich nie tragen musste, und nach der beschwer­li­chen Leich­tig­keit der Behaup­tung, dass einem etwas gehört. Nein. Das Wasser war kalt und hat wie Wasser geschmeckt. Ich ent­scheide, ich.“

 

Auto­bio­gra­phi­scher Bezug und Perspektive

 

Einen Groß­teil des Buches nimmt die detail­reiche und bis­weilen lie­be­volle Beschrei­bung der Fami­li­en­mit­glieder ein, von wel­chen hier nur die Prä­gendsten genannt werden sollen:

 

Groß­vater Pero bzw. Petar Sta­nišić, ein über­zeugter Kom­mu­nist, von wel­chem Saša sowohl zahl­reiche poli­ti­sche Ansichten, als auch das Erfinden und Erzählen von Geschichten über­nommen hat, der jedoch bereits starb, als Saša acht Jahre alt war; dessen Frau Kris­tina, Sašas reso­lute Groß­mutter und eine der wich­tigsten Figuren des Buches, die auch wäh­rend des Krieges in Više­grad bleibt, ihm 2007 Osko­ruša zeigt und im Laufe der Hand­lung an Demenz erkrankt; Groß­vater Muhamed, der Vater von Sašas Mutter, ein Bremser auf Zügen und pas­sio­nierter Angler, vor allem aber der freund­lichste Mensch, dem Saša je begegnet ist; dessen Frau, nena Mej­rema, die allen aus Nie­ren­bohnen die Zukunft las; die beiden Groß­onkel Gav­rilo und Sre­toje, ein­ge­fleischte Bauern und zwei der wenigen Bewohner Osko­rušas; und natür­lich Sašas Eltern, eine Poli­tik­do­zentin und ein Betriebs­wirt, die in Deutsch­land jede Arbeit annehmen, damit es ihr Sohn einmal besser habe, die jedoch zu Kriegs­ende abge­schoben werden und seither zwi­schen Flo­rida und Kroa­tien pen­deln müssen. Wäh­rend der Name des Vaters im gesamten Buch nur einmal genannt wird (Dragan), bleibt der bos­nia­ki­sche der Mutter gänz­lich uner­wähnt. Auch sein kleiner Sohn sowie dessen Mutter kommen nicht nament­lich vor.

 

Doch inwie­weit ent­spre­chen die Namen der Fami­li­en­mit­glieder des Prot­ago­nisten jenen des realen Schrift­stel­lers Saša Sta­nišić? Um hier einer Ant­wort näher zu kommen, lohnt sich ein Blick in dessen 2006 beil Luch­ter­hand erschie­nenes Werk „wie der Soldat das Gram­mofon repa­riert“, in wel­chem die Dank­sa­gung unter anderem an Kris­tina und Petar Sta­nišić sowie an Mej­rema und Hamed Heći­mović erfolgt, womit die Namen der beiden Groß­el­tern­paare genannt wären. Wie viel Bedeu­tung der Namens­über­ein­stim­mung zwi­schen Figuren des Buches und realen Fami­li­en­mit­glie­dern des Autors bei­zu­messen ist, wird wohl letzt­lich dem/der geneigten Leser_in über­lassen bleiben.

Schul­zeit und Jugend

Obwohl Sta­nišićs Werke „Wie der Soldat das Gram­mofon repa­riert“ und „Her­kunft“ nur ein­ge­schränkt mit­ein­ander ver­gli­chen werden können, da ers­teres über­wie­gend auto­fik­tio­nale, letz­teres jedoch vor­wie­gend auto­bio­gra­phi­sche Ele­mente ent­hält, lassen sich doch gewisse Par­al­lelen erkennen: Wäh­rend in ers­terem vor allem auf die Grund­schul­zeit in Više­grad der aus­ge­henden 80er- und begin­nenden 90er-Jahre ein­ge­gangen wird, wird in letz­terem aus­führ­lich Sašas Auf­wachsen im Hei­del­berger Stadt­teil Emmerts­grund geschil­dert. Hierzu gehört die bunte Viel­falt an seiner Schule, der IGH, an wel­cher die ein­ge­ses­senen Deut­schen die Min­der­heit dar­stellen, ebenso wie die ein­ge­schwo­rene Clique der Aral-Jugend, deren Erleb­nisse dem/der Leser_in sehr leb­haft nahe­ge­bracht werden. Zu Sašas Freunden gehören etwa Olli, der ihn zu Fuß­ball­spielen des HSV mit­nimmt, Rahim, bei wel­chem er oft ein­ge­laden ist und der mit ihm 1994, also kurz nach dem Bos­ni­en­krieg, das Auto seines Onkels nach Više­grad über­führt, oder Piero, ein Ita­liener aus Lucera, der einmal auf dem Motorrad von einem Last­wagen erfasst wird, wor­aufhin ihn die gesamte Aral-Jugend im Kran­ken­haus besucht. Die Geschichte von Pieros apu­li­scher Hei­mat­stadt Lucera ver­knüpfte der Autor mit jener der Sara­zenen, welche im Laufe des 13. Jahr­hun­derts von Sizi­lien nach Lucera umge­sie­delt wurden – gene­rell ist die Sprung­haf­tig­keit und Ver­schach­teltheit der Erzäh­lung ein typi­sches Merkmal dieses Werkes.

 

Wäh­rend einer Berg­tour der Aral-Jugend auf den Emmerts­grund lässt Sta­nišić Piero dessen Liebe zu Her­mann Hesse ent­de­cken, womit ein wei­teres, wie­der­keh­rendes Motiv genannt wäre: die große Affi­nität zu deut­scher Lite­ratur, etwa zu Höl­derlin und Hesse, vor allem aber zu Joseph von Eichen­dorff, den der Autor sein Alter Ego mit nacktem Ober­körper und viel Kaffee auf dessen Balkon sit­zend laut vor­lesen lässt.

 

Ver­lo­rene Heimat und poli­ti­scher Scharfsinn

 

Her­kunft ist nicht zuletzt ein Buch über das Ver­schwinden von Heimat, genauer gesagt von Sašas Geburts­land und Sehn­suchtsort Jugo­sla­wien, wel­ches nach dem Krieg in meh­rere neu geschaf­fene Natio­nal­staaten auf­ge­teilt wurde, sowie über die daraus resul­tie­rende Zer­ris­sen­heit der Familie, welche in die nun nach eth­ni­schen Kri­te­rien geteilten Enti­täten Bos­niens nicht oder nur teil­weise zurück­kehren konnte. Auch in Više­grad, einer ehe­mals mul­ti­kon­fes­sio­nellen Stadt, leben seit dem letzten Bos­ni­en­krieg kaum noch Mus­lime, und Saša sagt über seine Ankunft im Jahr 1996: „Ich kam nicht zurück, ich kam an einem neuen Ort zum ersten Mal an.“

 

Wie bereits in „wie der Soldat das Gram­mofon repa­riert“ erweist sich der Prot­ago­nist auch hier, ebenso wie sein jewei­liger Groß­vater väter­li­cher­seits, als über­zeugter Jugo­slawe und Kom­mu­nist, dem, wie Sta­nišić es aus­drückt, „Selbst­be­stim­mung und Blut­gruppe wich­tiger sind als Fremd­be­stim­mung und Blut.“ Dazu passt auch, dass für ihn Heimat vor allem der freund­liche Zahn­arzt Dr. Heimat war, der zahl­reiche Migrant_innen, dar­unter auch ihn, auch ohne Kran­ken­ver­si­che­rung mehr­mals behan­delte, denn „einer ideellen Heimat geht es um den Karies und nicht darum, welche Sprache der Mund wie gut spricht.“ Diese Grund­hal­tung tritt an vielen Stellen des Werkes zu Tage, manchmal subtil, manchmal durch poin­tierte For­mu­lie­rungen sowie ein­deu­tige Fest­le­gungen. So werden etwa die ver­ur­teilten Kriegs­ver­bre­cher Radovan Kara­džić und Ratko Mladić klar als solche bezeichnet, oder es wird darauf hin­ge­wiesen, dass der Osten Bos­niens als Hoch­burg ser­bi­scher Natio­na­listen gilt, wobei die Exis­tenz der bos­ni­schen Entität Repu­blika Srpska uner­wähnt bleibt. Auch der berühmte Regis­seur Emir Kus­tu­rica und der von ihm errich­tete više­grader Stadt­teil Andrić­grad kommen bei Sta­nišić nicht gut weg.

 

Dem deutsch­spra­chigen Lese­pu­blikum werden jedoch auch eher unbe­kannte Facetten des Krieges näher­ge­bracht, wenn etwa Sre­toje von dem Luft­kurort Čaj­nice erzählt und davon, dass dort wohl aus­schließ­lich Mus­lime leben würden, „wenn es Korn­jača und seine Truppe nicht gegeben hätte“. Tat­säch­lich wurde Milun Korn­jača 2014 durch ein bos­ni­sches Gericht zu fünf Jahren Haft für Ver­bre­chen an Bos­niaken in Čaj­nice verurteilt.[1]

 

Ebenso scharf­sinnig stellt Sta­nišić auch Bezüge zur Politik in Deutsch­land her, wobei auch hier eine beson­dere Hell­hö­rig­keit gegen­über Aus­gren­zung und natio­na­lis­ti­schen Ten­denzen fest­zu­stellen ist. So zieht er gekonnt und teils ver­schach­telt Par­al­lelen zwi­schen seiner eigenen Flucht­er­fah­rung, den rechts­ex­tremen Anschlägen auf Migrant_innen in den 90er-Jahren in Ros­tock und Solingen, der hohen Anzahl an Über­griffen auf Migrant_innen 2017 und dem Schicksal afgha­ni­scher Flücht­linge in Bos­nien 2018. Dabei deutet er durch kurze, ein­ge­scho­bene Sätze Zusam­men­hänge an, ohne näher darauf ein­zu­gehen – ein typi­sches Stil­mittel dieses Werkes, das der Freude am Lesen einen zusätz­li­chen Schub verleiht.

Ende der Geschichte?

„1991 hatte ich ein neues Genre ent­deckt: Choose your own adven­ture. Als Leser ent­schei­dest du selbst über den Fort­gang der Geschichte: Rufst du: »Aus dem Weg, Höl­len­ge­zücht, sonst schneid ich dir die Adern durch!« – lies weiter auf Seite 306.“ Genau so ver­fährt Sta­nišić mit dem Ende von Her­kunft: Nach Sašas Besuch bei seiner Groß­mutter im Alters­heim von Roga­tica kann sich das Lese­pu­blikum zwi­schen zahl­rei­chen Fort­set­zungen ent­scheiden, welche jeweils weiter ver­zweigt sind und zu unter­schied­li­chen Enden, manchmal aber auch im Kreis, führen, wobei hier der Fan­tasie nur geringe Grenzen gesetzt sind. So sind Tod und Begräbnis der bereits seit geraumer Zeit an schwerer Demenz lei­denden Groß­mutter Kris­tina Sta­nišić zwar die wahr­schein­lichste, aber letzt­lich nur eine von meh­reren Mög­lich­keiten, wie die Geschichte zu Ende gegangen sein könnte. Dieser Aus­flug in das Reich der Dra­chen, Vilen und sogar in die Unter­welt der grie­chi­schen Mytho­logie mag am Ende einer sonst lebensnah erzählten Hand­lung etwas šber­ra­schen. Der laby­rinthar­tige Aufbau der mög­li­chen Enden kann jedoch als Ver­such ver­standen werden, die fort­schrei­tende Demenz der geliebten Groß­mutter für das Lese­pu­blikum zumin­dest ein Stück weit erfahrbar zu machen.

 

Lite­ratur

Saša Sta­nišić: Her­kunft. Mün­chen 2019.