Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Das Erzählen als Lust, Pro­vo­ka­tion, Klage

In ihrem Roman „Drei­zim­mer­woh­nung aus Plastik“ („Umě­loh­motný Trí­pokoj“) taucht Petra Hůlová in die Welt einer modernen Pro­sti­tu­ierten in Prag ein. Die Lek­türe ver­spricht den Genuss sprach­li­cher Genia­lität und zugleich Scha­mes­röte im Gesicht: Hůl­ovás Erzäh­lerin bringt tiefste Inti­mi­täten zur Sprache – und lässt kein gutes Haar am bür­ger­li­chen Leben.


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Es ist emp­feh­lens­wert, sich vor dem Lesen dieses Romans sorg­fältig zu über­legen, ob man genug Atem für die Erzäh­lung hat. Denn man kommt beim Lesen kaum zum Luft­holen: Die Autorin hat ihr Buch in einem Rausch in sieben Tagen durch­ge­schrieben und auch die Erzäh­lerin unter­bricht ihren Strom von Geschichten, Phan­ta­sien und mit­leid­losen Kom­men­taren nur mit kleinen Pausen zwi­schen den Kapi­teln.

Die tsche­chi­sche Schrift­stel­lerin Petra Hůlová, von der bis heute sieben Bücher erschienen sind, gab diesen Roman schon 2006 heraus und wurde für ihn mit dem Jiří Orten-Preis aus­ge­zeichnet. Wie sie in einem Gespräch gestand, liest sie aus diesem Roman nur selten in der Öffent­lich­keit vor. Sie sei eine intro­ver­tierte Person und schäme sich. Da es sich um die Erzäh­lung einer Pro­sti­tu­ierten han­delt, die in ihrer Drei­zim­mer­woh­nung Wün­sche ihrer Kunden erfüllt, ist dieses Geständnis nicht über­ra­schend. Auch beim Lesen schämt man sich mit und fühlt sich bei der Lek­türe wie ein Kunde: etwas nervös wegen dieses außer­ge­wöhn­li­chen Ortes und seiner außer­ge­wöhn­li­chen Bewoh­nerin und gleich­zeitig auf­ge­regt in Erwar­tung einer noch auf­re­gen­deren Fort­set­zung, die ihren Höhe­punkt in einer Pointe errei­chen soll. Und auch der Leser bezahlt im Voraus.

 

Doch macht die Erzäh­lerin einen Unter­schied zwi­schen uns und den Kunden. Wäh­rend sie sich in ihrer „koh­le­brin­genden Zunft“ immer weiter ver­bes­sern möchte und sich des­wegen über­legt, „wie man‘s dem Kunden nach Zuschnitt von ‘nem ganz und gar indi­vi­du­ellen Plan am besten auf den Leib schnei­dern könnte“, benimmt sie sich dem Leser gegen­über viel bös­wil­liger. Wenn sie in ihren „Schnick­schnack, an den sie außer­halb der Arbeits­zeit denkt“, und den sie uns erzählt, eine span­nende Geschichte ein­fügt, zum Bei­spiel, was in einem Archiv der Abtei­lung vom Institut für ori­en­ta­li­sche Spra­chen an der Aka­demie der Wis­sen­schaften zwi­schen einer Archi­varin, einer Frau im Regal und einem Mann pas­sieren könnte, dann unter­bricht sie den Leser mit dem schneller wer­denden Atem mit einer zyni­schen und eis­kalten Pointe. Sie arbeitet pro­fes­sio­nell: Nie sagt sie alles auf einmal und hinter der scheinbar zusam­men­hang­losen Wort­äqui­li­bristik ver­heim­licht sie die eigent­liche Hand­lung, um uns bis zum Ende in Span­nung zu halten.

 

Petra Hůlová debü­tierte 2002 mit einem Roman über Frauen einer mon­go­li­schen Familie, die ihr Leben zwi­schen Steppe und Stadt ein­richten müssen und in beiden Sphären Fremde werden und bleiben. Hůlová selbst stu­dierte an der Prager Karls­uni­ver­sität Mon­go­listik und Kul­tur­wis­sen­schaft und aus ihrem Stu­di­en­auf­ent­halt in der Mon­golei hat sie das Mate­rial für ihren ersten Roman geschöpft. Dieser Roman, Paměť mojí babičce(auf Deutsch unter dem Titel Kurzer Abriss meines Lebens in der mon­go­li­schen Steppe erschienen), wurde 2003 als Ent­de­ckung des Jahres mit dem Preis Magnesia Litera aus­ge­zeichnet. Auch Hůl­ovás wei­tere Romane (u. a. Cirkus Les Mémoires, dt. Man­ches wird geschehen, oder Sta­nice Tajga, dt. End­sta­tion Taiga)spielen in der Fremde, der erste in New York, der zweite in der sibi­ri­schen Taiga. Mal ist es eine tsche­chi­sche Foto­grafin und ein aus dem Nahen Osten kom­mender Artist, die sich auf einer Park­bank in New York begegnen, mal ein däni­scher For­scher, der beim Drehen eines Doku­men­tar­films in der sibi­ri­schen Eis­wüste ver­schwindet und sechzig Jahre später von einem Anthro­po­logie-Stu­denten selbst zum For­schungs­ob­jekt erklärt wird. Wäh­rend es Hůlová in diesen Romanen die Ferne, die Fremde und das Leben in anderen und zwi­schen den Kul­turen angetan haben, lässt sie Drei­zim­mer­woh­nung aus Plastik in Prag spielen und taucht dabei in eine fremde Welt ganz anderer Art ein, in die Welt einer modernen Pro­sti­tu­ierten.

 

untitledWer ist eigent­lich die Erzäh­lerin? Sie ist dreißig Jahre alt, besitzt einen Käfig mit einem gelben Plas­tik­vogel aus China und eine Drei­zim­mer­woh­nung, deren „Plas­tik­kon­sis­tenz sich als ziem­lich prak­tisch erweist, weil man anschlie­ßend alles mit einem feuchten Lappen abwi­schen kann.“ Aber ist sie wirk­lich eine Pro­sti­tu­ierte, die uns manchmal in die Rolle eines Kunden auf einer „Krüp­pel­karre“ ver­setzt, der nur aus ihrer und seiner Phan­tasie Wol­lust schöpfen kann? Ist sie wirk­lich eine Tra­di­tio­na­listin, die den armen Ehe­män­nern von „Frauen mit Selbst­be­wusst­sein“ Psych­obe­ra­tung leisten muss, oder eher eine gelang­weilte Besu­cherin der Ein­kaufs­ga­lerie, die lie­be­voll nur die Geld­scheine zählt? Was ist dann mit den gelehrten Aus­drü­cken und fach­li­chen Wen­dungen, die zusammen mit den gröbsten Kol­lo­quia­lismen und Slang­wör­tern in ihre Sprache ein­fließen, wie zum Bei­spiel: „hier sind wir schon außer­halb der gere­gelten Sexu­al­dienst­leis­tungs­sphäre und aus dem Stand mit­ten­mang in die kri­mi­nelle Unter­welt rein­ge­sprungen – wenn auch nicht die orga­ni­sierte“? Sie selbst hält den Abstand vom Text und sagt: „Logisch, dass ich mir das, was ich so daher­plap­pere, nicht aus­denke, son­dern dass ich’s selbst erlebt hab, dass mir’s wer erzählt hat oder dass in irgend­einem Buch dar­über geschrieben stand.“ Vor allem scheint sie ein Medium zu sein, das die abge­nutzten Rede­wen­dungen, Wer­be­slo­gans, Schlag­zeilen, oder guten Rat­schläge der zuver­läs­sigen Fach­leute, die wir alle zu gut kennen, um ihnen noch Auf­merk­sam­keit zu widmen, in die Kon­trast­welt der „Fick­stube“ ver­setzt und ihre Leere vor unseren müden Augen und Ohren aus­stellt. Denn die in die tiefste Inti­mität ein­grei­fenden Beschrei­bungen sind nicht das Ein­zige, was uns in diesem Buch die Röte ins Gesicht treibt. Die Sprache der Erzäh­lerin saugt auch das ein, was wir nur mit sor­gen­voller Miene und leiser Stimme aus­spre­chen würden, sagt es laut und weist uns darauf hin, dass wir trotz jeder kri­ti­schen Ein­stel­lung kaum aus der Falle der „Digi­welt“ und der all­täg­li­chen Bana­lität fliehen können. Über einen Kunden denkt sie sich: „Wie viele Digi­din­gens wischst du wohl jede Woche mit Anti­sta­tik­staub­tuch ab, du Fami­li­en­scheißer, du, der noch mit Milch rums­ab­bert, und gerne wür­dest du auch meine aus meinen Möpsen schlab­bern, was, obwohl du zu Hause bestimmt ein Mus­ter­männ­chen bist und am Abend ein Heia­mann mit wöchent­lich statt­fin­dendem fett­frei sper­ma­tösen Aus­kotzen ins Rein­stecksel von der Gattin, die denkt, dass es völlig normal ist, sogar zum Nagel­rein­schlagen ’nen Hand­werker zu rufen, und dass Orgasmus heißt, wenn Leute lau­fend den­selben Hin­tern hobeln – also du ihren –, und dabei trägt sie ein nied­li­ches schwarzes Reiz­wä­schel­chen und lässt das Nacht­tisch­lämp­chen brennen…“ Und zu den Frauen sagt sie: „Ich spreche von der selbst­be­wussten Frau vom Mut­ti­ficköhr, der in mein Plas­tik­zim­mer­chen nicht des­wegen vor­dringt, weil’s ihm die Frau nicht besorgen würde, oder nie anders als in der Mis­sio­nars­stel­lung, son­dern weil sie ganz im Gegen­teil viel zu viele kleine Ein­fälle hat, und eigent­lich jedem Tier­chen sein Plä­sier­chen, aber wenn er laut Wochen­plan, der an der Kühle fest­ma­gne­ti­siert ist, am Dienstag, Don­nerstag und Samstag das Klo putzen muss, am Montag ist immer Bespre­chung und jeden zweiten Abend wird Busch­jäger Bill gespielt – wobei das Ein­zige, was er mit dem gemeinsam hat, der behaarte Rücken ist –, also da wun­dere ich mich ganz und gar nicht über sein mut­ti­fi­cke­ri­sches Rum­ge­flenne, […]“. Die Erzäh­lerin lässt kein gutes Haar an einem durch­schnitt­li­chen bür­ger­li­chen Leben von Män­nern und Frauen und weder die Lese­rinnen noch die Leser können dem Gefühl ganz aus­wei­chen, dass die scharfen Worte manchmal genau für sie bestimmt sind.

 

Das Tsche­chi­sche ist für die inno­va­tive Umgangs­sprache, die iro­ni­schen Demi­nu­tive oder Slan­g­ab­kür­zungen ein ideales plas­ti­sches Mate­rial, und die Arbeit der Über­set­zerin Doris Kouba ver­dient unsere Bewun­de­rung. Eine wich­tige Sache geht trotzdem im Deut­schen ver­loren: Die Begriffe, mit denen die Erzäh­lerin die Geschlechts­or­gane benennt, ver­fügen in der Ori­gi­nal­sprache über das der Geschlecht­zu­ge­hö­rig­keit ihrer Besitzer gegen­sätz­liche gram­ma­ti­sche Genus. Dieses Wort­spiel ver­deut­licht die unna­tür­liche Bezie­hung zwi­schen dem Men­schen und seiner Lust­quelle und wird zu einer genialen Meta­pher, die uns daran erin­nert, dass wir oft bei der Befrie­di­gung der eigenen oder abge­guckten Sehn­süchte unsere Ein­heit und Authen­ti­zität ver­gessen. Wie die Erzäh­lerin sagt: „der Kopf, das bin nicht ich, genauso wenig, wie ich das Rein­stecksel bin.“

 

Dieser Text packt und fes­selt mit seinen langen, dichten Sätzen voller phan­tas­ti­scher Bilder und Asso­zia­tionen, über­rascht mit All­täg­lich­keit in den unall­täg­lichsten Situa­tionen und ver­stört mit seinen schmerz­haft genauen Kom­men­taren. Manchmal lang­weilt er auch, um jedoch anschlie­ßend mit­leidlos auf­zu­rüt­teln. Petra Hůlová hat ein lis­tiges Buch geschrieben: Je mehr wir ihre sprach­liche Genia­lität genießen, desto schmerz­hafter ist es, wenn unsere sorg­fältig ver­steckte Schwäche, tief ver­ges­sene Pein­lich­keiten und die intimsten Geheim­nisse nicht nur direkt aus­ge­spro­chen werden, son­dern als bloßes Mate­rial für die Erzäh­lung miss­braucht werden, die wir nicht auf­hören können wei­ter­zu­lesen.

 

Hůlová, Petra: Drei­zim­mer­woh­nung aus Plastik. Aus dem Tsche­chi­schen von Doris Kouba. Köln: Kie­pen­heuer & Witsch, 2013.
Hůlová, Petra: Umě­loh­motný Trí­pokoj. Praha: Torst, 2006.

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