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Das Erzählen als Lust, Provokation, Klage

Posted on 24. April 2015 by Eva Palkovičová
In ihrem Roman "Dreizimmerwohnung aus Plastik" ("Umělohmotný Trípokoj") taucht Petra Hůlová in die Welt einer modernen Prostituierten in Prag ein. Die Lektüre verspricht den Genuss sprachlicher Genialität und zugleich Schamesröte im Gesicht: Hůlovás Erzählerin bringt tiefste Intimitäten zur Sprache – und lässt kein gutes Haar am bürgerlichen Leben.

In ihrem Roman „Dreizimmerwohnung aus Plastik“ („Umělohmotný Trípokoj“) taucht Petra Hůlová in die Welt einer modernen Prostituierten in Prag ein. Die Lektüre verspricht den Genuss sprachlicher Genialität und zugleich Schamesröte im Gesicht: Hůlovás Erzählerin bringt tiefste Intimitäten zur Sprache – und lässt kein gutes Haar am bürgerlichen Leben.


hulova_dreizimmerwohnung_cover

Es ist empfehlenswert, sich vor dem Lesen dieses Romans sorgfältig zu überlegen, ob man genug Atem für die Erzählung hat. Denn man kommt beim Lesen kaum zum Luftholen: Die Autorin hat ihr Buch in einem Rausch in sieben Tagen durchgeschrieben und auch die Erzählerin unterbricht ihren Strom von Geschichten, Phantasien und mitleidlosen Kommentaren nur mit kleinen Pausen zwischen den Kapiteln.

Die tschechische Schriftstellerin Petra Hůlová, von der bis heute sieben Bücher erschienen sind, gab diesen Roman schon 2006 heraus und wurde für ihn mit dem Jiří Orten-Preis ausgezeichnet. Wie sie in einem Gespräch gestand, liest sie aus diesem Roman nur selten in der Öffentlichkeit vor. Sie sei eine introvertierte Person und schäme sich. Da es sich um die Erzählung einer Prostituierten handelt, die in ihrer Dreizimmerwohnung Wünsche ihrer Kunden erfüllt, ist dieses Geständnis nicht überraschend. Auch beim Lesen schämt man sich mit und fühlt sich bei der Lektüre wie ein Kunde: etwas nervös wegen dieses außergewöhnlichen Ortes und seiner außergewöhnlichen Bewohnerin und gleichzeitig aufgeregt in Erwartung einer noch aufregenderen Fortsetzung, die ihren Höhepunkt in einer Pointe erreichen soll. Und auch der Leser bezahlt im Voraus.

 

Doch macht die Erzählerin einen Unterschied zwischen uns und den Kunden. Während sie sich in ihrer „kohlebringenden Zunft“ immer weiter verbessern möchte und sich deswegen überlegt, „wie man‘s dem Kunden nach Zuschnitt von ‘nem ganz und gar individuellen Plan am besten auf den Leib schneidern könnte“, benimmt sie sich dem Leser gegenüber viel böswilliger. Wenn sie in ihren „Schnickschnack, an den sie außerhalb der Arbeitszeit denkt“, und den sie uns erzählt, eine spannende Geschichte einfügt, zum Beispiel, was in einem Archiv der Abteilung vom Institut für orientalische Sprachen an der Akademie der Wissenschaften zwischen einer Archivarin, einer Frau im Regal und einem Mann passieren könnte, dann unterbricht sie den Leser mit dem schneller werdenden Atem mit einer zynischen und eiskalten Pointe. Sie arbeitet professionell: Nie sagt sie alles auf einmal und hinter der scheinbar zusammenhanglosen Wortäquilibristik verheimlicht sie die eigentliche Handlung, um uns bis zum Ende in Spannung zu halten.

 

Petra Hůlová debütierte 2002 mit einem Roman über Frauen einer mongolischen Familie, die ihr Leben zwischen Steppe und Stadt einrichten müssen und in beiden Sphären Fremde werden und bleiben. Hůlová selbst studierte an der Prager Karlsuniversität Mongolistik und Kulturwissenschaft und aus ihrem Studienaufenthalt in der Mongolei hat sie das Material für ihren ersten Roman geschöpft. Dieser Roman, Paměť mojí babičce(auf Deutsch unter dem Titel Kurzer Abriss meines Lebens in der mongolischen Steppe erschienen), wurde 2003 als Entdeckung des Jahres mit dem Preis Magnesia Litera ausgezeichnet. Auch Hůlovás weitere Romane (u. a. Cirkus Les Mémoires, dt. Manches wird geschehen, oder Stanice Tajga, dt. Endstation Taiga)spielen in der Fremde, der erste in New York, der zweite in der sibirischen Taiga. Mal ist es eine tschechische Fotografin und ein aus dem Nahen Osten kommender Artist, die sich auf einer Parkbank in New York begegnen, mal ein dänischer Forscher, der beim Drehen eines Dokumentarfilms in der sibirischen Eiswüste verschwindet und sechzig Jahre später von einem Anthropologie-Studenten selbst zum Forschungsobjekt erklärt wird. Während es Hůlová in diesen Romanen die Ferne, die Fremde und das Leben in anderen und zwischen den Kulturen angetan haben, lässt sie Dreizimmerwohnung aus Plastik in Prag spielen und taucht dabei in eine fremde Welt ganz anderer Art ein, in die Welt einer modernen Prostituierten.

 

untitledWer ist eigentlich die Erzählerin? Sie ist dreißig Jahre alt, besitzt einen Käfig mit einem gelben Plastikvogel aus China und eine Dreizimmerwohnung, deren „Plastikkonsistenz sich als ziemlich praktisch erweist, weil man anschließend alles mit einem feuchten Lappen abwischen kann.“ Aber ist sie wirklich eine Prostituierte, die uns manchmal in die Rolle eines Kunden auf einer „Krüppelkarre“ versetzt, der nur aus ihrer und seiner Phantasie Wollust schöpfen kann? Ist sie wirklich eine Traditionalistin, die den armen Ehemännern von „Frauen mit Selbstbewusstsein“ Psychoberatung leisten muss, oder eher eine gelangweilte Besucherin der Einkaufsgalerie, die liebevoll nur die Geldscheine zählt? Was ist dann mit den gelehrten Ausdrücken und fachlichen Wendungen, die zusammen mit den gröbsten Kolloquialismen und Slangwörtern in ihre Sprache einfließen, wie zum Beispiel: „hier sind wir schon außerhalb der geregelten Sexualdienstleistungssphäre und aus dem Stand mittenmang in die kriminelle Unterwelt reingesprungen – wenn auch nicht die organisierte“? Sie selbst hält den Abstand vom Text und sagt: „Logisch, dass ich mir das, was ich so daherplappere, nicht ausdenke, sondern dass ich’s selbst erlebt hab, dass mir’s wer erzählt hat oder dass in irgendeinem Buch darüber geschrieben stand.“ Vor allem scheint sie ein Medium zu sein, das die abgenutzten Redewendungen, Werbeslogans, Schlagzeilen, oder guten Ratschläge der zuverlässigen Fachleute, die wir alle zu gut kennen, um ihnen noch Aufmerksamkeit zu widmen, in die Kontrastwelt der „Fickstube“ versetzt und ihre Leere vor unseren müden Augen und Ohren ausstellt. Denn die in die tiefste Intimität eingreifenden Beschreibungen sind nicht das Einzige, was uns in diesem Buch die Röte ins Gesicht treibt. Die Sprache der Erzählerin saugt auch das ein, was wir nur mit sorgenvoller Miene und leiser Stimme aussprechen würden, sagt es laut und weist uns darauf hin, dass wir trotz jeder kritischen Einstellung kaum aus der Falle der „Digiwelt“ und der alltäglichen Banalität fliehen können. Über einen Kunden denkt sie sich: „Wie viele Digidingens wischst du wohl jede Woche mit Antistatikstaubtuch ab, du Familienscheißer, du, der noch mit Milch rumsabbert, und gerne würdest du auch meine aus meinen Möpsen schlabbern, was, obwohl du zu Hause bestimmt ein Mustermännchen bist und am Abend ein Heiamann mit wöchentlich stattfindendem fettfrei spermatösen Auskotzen ins Reinstecksel von der Gattin, die denkt, dass es völlig normal ist, sogar zum Nagelreinschlagen ’nen Handwerker zu rufen, und dass Orgasmus heißt, wenn Leute laufend denselben Hintern hobeln – also du ihren –, und dabei trägt sie ein niedliches schwarzes Reizwäschelchen und lässt das Nachttischlämpchen brennen…“ Und zu den Frauen sagt sie: „Ich spreche von der selbstbewussten Frau vom Muttificköhr, der in mein Plastikzimmerchen nicht deswegen vordringt, weil’s ihm die Frau nicht besorgen würde, oder nie anders als in der Missionarsstellung, sondern weil sie ganz im Gegenteil viel zu viele kleine Einfälle hat, und eigentlich jedem Tierchen sein Pläsierchen, aber wenn er laut Wochenplan, der an der Kühle festmagnetisiert ist, am Dienstag, Donnerstag und Samstag das Klo putzen muss, am Montag ist immer Besprechung und jeden zweiten Abend wird Buschjäger Bill gespielt – wobei das Einzige, was er mit dem gemeinsam hat, der behaarte Rücken ist –, also da wundere ich mich ganz und gar nicht über sein muttifickerisches Rumgeflenne, “. Die Erzählerin lässt kein gutes Haar an einem durchschnittlichen bürgerlichen Leben von Männern und Frauen und weder die Leserinnen noch die Leser können dem Gefühl ganz ausweichen, dass die scharfen Worte manchmal genau für sie bestimmt sind.

 

Das Tschechische ist für die innovative Umgangssprache, die ironischen Deminutive oder Slangabkürzungen ein ideales plastisches Material, und die Arbeit der Übersetzerin Doris Kouba verdient unsere Bewunderung. Eine wichtige Sache geht trotzdem im Deutschen verloren: Die Begriffe, mit denen die Erzählerin die Geschlechtsorgane benennt, verfügen in der Originalsprache über das der Geschlechtzugehörigkeit ihrer Besitzer gegensätzliche grammatische Genus. Dieses Wortspiel verdeutlicht die unnatürliche Beziehung zwischen dem Menschen und seiner Lustquelle und wird zu einer genialen Metapher, die uns daran erinnert, dass wir oft bei der Befriedigung der eigenen oder abgeguckten Sehnsüchte unsere Einheit und Authentizität vergessen. Wie die Erzählerin sagt: „der Kopf, das bin nicht ich, genauso wenig, wie ich das Reinstecksel bin.“

 

Dieser Text packt und fesselt mit seinen langen, dichten Sätzen voller phantastischer Bilder und Assoziationen, überrascht mit Alltäglichkeit in den unalltäglichsten Situationen und verstört mit seinen schmerzhaft genauen Kommentaren. Manchmal langweilt er auch, um jedoch anschließend mitleidlos aufzurütteln. Petra Hůlová hat ein listiges Buch geschrieben: Je mehr wir ihre sprachliche Genialität genießen, desto schmerzhafter ist es, wenn unsere sorgfältig versteckte Schwäche, tief vergessene Peinlichkeiten und die intimsten Geheimnisse nicht nur direkt ausgesprochen werden, sondern als bloßes Material für die Erzählung missbraucht werden, die wir nicht aufhören können weiterzulesen.

 

Hůlová, Petra: Dreizimmerwohnung aus Plastik. Aus dem Tschechischen von Doris Kouba. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2013.
Hůlová, Petra: Umělohmotný Trípokoj. Praha: Torst, 2006.

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Das Erzählen als Lust, Provokation, Klage – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Das Erzählen als Lust, Pro­vo­ka­tion, Klage

In ihrem Roman „Drei­zim­mer­woh­nung aus Plastik“ („Umě­loh­motný Trí­pokoj“) taucht Petra Hůlová in die Welt einer modernen Pro­sti­tu­ierten in Prag ein. Die Lek­türe ver­spricht den Genuss sprach­li­cher Genia­lität und zugleich Scha­mes­röte im Gesicht: Hůl­ovás Erzäh­lerin bringt tiefste Inti­mi­täten zur Sprache – und lässt kein gutes Haar am bür­ger­li­chen Leben.


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Es ist emp­feh­lens­wert, sich vor dem Lesen dieses Romans sorg­fältig zu über­legen, ob man genug Atem für die Erzäh­lung hat. Denn man kommt beim Lesen kaum zum Luft­holen: Die Autorin hat ihr Buch in einem Rausch in sieben Tagen durch­ge­schrieben und auch die Erzäh­lerin unter­bricht ihren Strom von Geschichten, Phan­ta­sien und mit­leid­losen Kom­men­taren nur mit kleinen Pausen zwi­schen den Kapiteln.

Die tsche­chi­sche Schrift­stel­lerin Petra Hůlová, von der bis heute sieben Bücher erschienen sind, gab diesen Roman schon 2006 heraus und wurde für ihn mit dem Jiří Orten-Preis aus­ge­zeichnet. Wie sie in einem Gespräch gestand, liest sie aus diesem Roman nur selten in der Öffent­lich­keit vor. Sie sei eine intro­ver­tierte Person und schäme sich. Da es sich um die Erzäh­lung einer Pro­sti­tu­ierten han­delt, die in ihrer Drei­zim­mer­woh­nung Wün­sche ihrer Kunden erfüllt, ist dieses Geständnis nicht über­ra­schend. Auch beim Lesen schämt man sich mit und fühlt sich bei der Lek­türe wie ein Kunde: etwas nervös wegen dieses außer­ge­wöhn­li­chen Ortes und seiner außer­ge­wöhn­li­chen Bewoh­nerin und gleich­zeitig auf­ge­regt in Erwar­tung einer noch auf­re­gen­deren Fort­set­zung, die ihren Höhe­punkt in einer Pointe errei­chen soll. Und auch der Leser bezahlt im Voraus.

 

Doch macht die Erzäh­lerin einen Unter­schied zwi­schen uns und den Kunden. Wäh­rend sie sich in ihrer „koh­le­brin­genden Zunft“ immer weiter ver­bes­sern möchte und sich des­wegen über­legt, „wie man‘s dem Kunden nach Zuschnitt von ‘nem ganz und gar indi­vi­du­ellen Plan am besten auf den Leib schnei­dern könnte“, benimmt sie sich dem Leser gegen­über viel bös­wil­liger. Wenn sie in ihren „Schnick­schnack, an den sie außer­halb der Arbeits­zeit denkt“, und den sie uns erzählt, eine span­nende Geschichte ein­fügt, zum Bei­spiel, was in einem Archiv der Abtei­lung vom Institut für ori­en­ta­li­sche Spra­chen an der Aka­demie der Wis­sen­schaften zwi­schen einer Archi­varin, einer Frau im Regal und einem Mann pas­sieren könnte, dann unter­bricht sie den Leser mit dem schneller wer­denden Atem mit einer zyni­schen und eis­kalten Pointe. Sie arbeitet pro­fes­sio­nell: Nie sagt sie alles auf einmal und hinter der scheinbar zusam­men­hang­losen Wort­äqui­li­bristik ver­heim­licht sie die eigent­liche Hand­lung, um uns bis zum Ende in Span­nung zu halten.

 

Petra Hůlová debü­tierte 2002 mit einem Roman über Frauen einer mon­go­li­schen Familie, die ihr Leben zwi­schen Steppe und Stadt ein­richten müssen und in beiden Sphären Fremde werden und bleiben. Hůlová selbst stu­dierte an der Prager Karls­uni­ver­sität Mon­go­listik und Kul­tur­wis­sen­schaft und aus ihrem Stu­di­en­auf­ent­halt in der Mon­golei hat sie das Mate­rial für ihren ersten Roman geschöpft. Dieser Roman, Paměť mojí babičce(auf Deutsch unter dem Titel Kurzer Abriss meines Lebens in der mon­go­li­schen Steppe erschienen), wurde 2003 als Ent­de­ckung des Jahres mit dem Preis Magnesia Litera aus­ge­zeichnet. Auch Hůl­ovás wei­tere Romane (u. a. Cirkus Les Mémoires, dt. Man­ches wird geschehen, oder Sta­nice Tajga, dt. End­sta­tion Taiga)spielen in der Fremde, der erste in New York, der zweite in der sibi­ri­schen Taiga. Mal ist es eine tsche­chi­sche Foto­grafin und ein aus dem Nahen Osten kom­mender Artist, die sich auf einer Park­bank in New York begegnen, mal ein däni­scher For­scher, der beim Drehen eines Doku­men­tar­films in der sibi­ri­schen Eis­wüste ver­schwindet und sechzig Jahre später von einem Anthro­po­logie-Stu­denten selbst zum For­schungs­ob­jekt erklärt wird. Wäh­rend es Hůlová in diesen Romanen die Ferne, die Fremde und das Leben in anderen und zwi­schen den Kul­turen angetan haben, lässt sie Drei­zim­mer­woh­nung aus Plastik in Prag spielen und taucht dabei in eine fremde Welt ganz anderer Art ein, in die Welt einer modernen Prostituierten.

 

untitledWer ist eigent­lich die Erzäh­lerin? Sie ist dreißig Jahre alt, besitzt einen Käfig mit einem gelben Plas­tik­vogel aus China und eine Drei­zim­mer­woh­nung, deren „Plas­tik­kon­sis­tenz sich als ziem­lich prak­tisch erweist, weil man anschlie­ßend alles mit einem feuchten Lappen abwi­schen kann.“ Aber ist sie wirk­lich eine Pro­sti­tu­ierte, die uns manchmal in die Rolle eines Kunden auf einer „Krüp­pel­karre“ ver­setzt, der nur aus ihrer und seiner Phan­tasie Wol­lust schöpfen kann? Ist sie wirk­lich eine Tra­di­tio­na­listin, die den armen Ehe­män­nern von „Frauen mit Selbst­be­wusst­sein“ Psych­obe­ra­tung leisten muss, oder eher eine gelang­weilte Besu­cherin der Ein­kaufs­ga­lerie, die lie­be­voll nur die Geld­scheine zählt? Was ist dann mit den gelehrten Aus­drü­cken und fach­li­chen Wen­dungen, die zusammen mit den gröbsten Kol­lo­quia­lismen und Slang­wör­tern in ihre Sprache ein­fließen, wie zum Bei­spiel: „hier sind wir schon außer­halb der gere­gelten Sexu­al­dienst­leis­tungs­sphäre und aus dem Stand mit­ten­mang in die kri­mi­nelle Unter­welt rein­ge­sprungen – wenn auch nicht die orga­ni­sierte“? Sie selbst hält den Abstand vom Text und sagt: „Logisch, dass ich mir das, was ich so daher­plap­pere, nicht aus­denke, son­dern dass ich’s selbst erlebt hab, dass mir’s wer erzählt hat oder dass in irgend­einem Buch dar­über geschrieben stand.“ Vor allem scheint sie ein Medium zu sein, das die abge­nutzten Rede­wen­dungen, Wer­be­slo­gans, Schlag­zeilen, oder guten Rat­schläge der zuver­läs­sigen Fach­leute, die wir alle zu gut kennen, um ihnen noch Auf­merk­sam­keit zu widmen, in die Kon­trast­welt der „Fick­stube“ ver­setzt und ihre Leere vor unseren müden Augen und Ohren aus­stellt. Denn die in die tiefste Inti­mität ein­grei­fenden Beschrei­bungen sind nicht das Ein­zige, was uns in diesem Buch die Röte ins Gesicht treibt. Die Sprache der Erzäh­lerin saugt auch das ein, was wir nur mit sor­gen­voller Miene und leiser Stimme aus­spre­chen würden, sagt es laut und weist uns darauf hin, dass wir trotz jeder kri­ti­schen Ein­stel­lung kaum aus der Falle der „Digi­welt“ und der all­täg­li­chen Bana­lität fliehen können. Über einen Kunden denkt sie sich: „Wie viele Digi­din­gens wischst du wohl jede Woche mit Anti­sta­tik­staub­tuch ab, du Fami­li­en­scheißer, du, der noch mit Milch rums­ab­bert, und gerne wür­dest du auch meine aus meinen Möpsen schlab­bern, was, obwohl du zu Hause bestimmt ein Mus­ter­männ­chen bist und am Abend ein Heia­mann mit wöchent­lich statt­fin­dendem fett­frei sper­ma­tösen Aus­kotzen ins Rein­stecksel von der Gattin, die denkt, dass es völlig normal ist, sogar zum Nagel­rein­schlagen ’nen Hand­werker zu rufen, und dass Orgasmus heißt, wenn Leute lau­fend den­selben Hin­tern hobeln – also du ihren –, und dabei trägt sie ein nied­li­ches schwarzes Reiz­wä­schel­chen und lässt das Nacht­tisch­lämp­chen brennen…“ Und zu den Frauen sagt sie: „Ich spreche von der selbst­be­wussten Frau vom Mut­ti­ficköhr, der in mein Plas­tik­zim­mer­chen nicht des­wegen vor­dringt, weil’s ihm die Frau nicht besorgen würde, oder nie anders als in der Mis­sio­nars­stel­lung, son­dern weil sie ganz im Gegen­teil viel zu viele kleine Ein­fälle hat, und eigent­lich jedem Tier­chen sein Plä­sier­chen, aber wenn er laut Wochen­plan, der an der Kühle fest­ma­gne­ti­siert ist, am Dienstag, Don­nerstag und Samstag das Klo putzen muss, am Montag ist immer Bespre­chung und jeden zweiten Abend wird Busch­jäger Bill gespielt – wobei das Ein­zige, was er mit dem gemeinsam hat, der behaarte Rücken ist –, also da wun­dere ich mich ganz und gar nicht über sein mut­ti­fi­cke­ri­sches Rum­ge­flenne, […]“. Die Erzäh­lerin lässt kein gutes Haar an einem durch­schnitt­li­chen bür­ger­li­chen Leben von Män­nern und Frauen und weder die Lese­rinnen noch die Leser können dem Gefühl ganz aus­wei­chen, dass die scharfen Worte manchmal genau für sie bestimmt sind.

 

Das Tsche­chi­sche ist für die inno­va­tive Umgangs­sprache, die iro­ni­schen Demi­nu­tive oder Slan­g­ab­kür­zungen ein ideales plas­ti­sches Mate­rial, und die Arbeit der Über­set­zerin Doris Kouba ver­dient unsere Bewun­de­rung. Eine wich­tige Sache geht trotzdem im Deut­schen ver­loren: Die Begriffe, mit denen die Erzäh­lerin die Geschlechts­or­gane benennt, ver­fügen in der Ori­gi­nal­sprache über das der Geschlecht­zu­ge­hö­rig­keit ihrer Besitzer gegen­sätz­liche gram­ma­ti­sche Genus. Dieses Wort­spiel ver­deut­licht die unna­tür­liche Bezie­hung zwi­schen dem Men­schen und seiner Lust­quelle und wird zu einer genialen Meta­pher, die uns daran erin­nert, dass wir oft bei der Befrie­di­gung der eigenen oder abge­guckten Sehn­süchte unsere Ein­heit und Authen­ti­zität ver­gessen. Wie die Erzäh­lerin sagt: „der Kopf, das bin nicht ich, genauso wenig, wie ich das Rein­stecksel bin.“

 

Dieser Text packt und fes­selt mit seinen langen, dichten Sätzen voller phan­tas­ti­scher Bilder und Asso­zia­tionen, über­rascht mit All­täg­lich­keit in den unall­täg­lichsten Situa­tionen und ver­stört mit seinen schmerz­haft genauen Kom­men­taren. Manchmal lang­weilt er auch, um jedoch anschlie­ßend mit­leidlos auf­zu­rüt­teln. Petra Hůlová hat ein lis­tiges Buch geschrieben: Je mehr wir ihre sprach­liche Genia­lität genießen, desto schmerz­hafter ist es, wenn unsere sorg­fältig ver­steckte Schwäche, tief ver­ges­sene Pein­lich­keiten und die intimsten Geheim­nisse nicht nur direkt aus­ge­spro­chen werden, son­dern als bloßes Mate­rial für die Erzäh­lung miss­braucht werden, die wir nicht auf­hören können weiterzulesen.

 

Hůlová, Petra: Drei­zim­mer­woh­nung aus Plastik. Aus dem Tsche­chi­schen von Doris Kouba. Köln: Kie­pen­heuer & Witsch, 2013.
Hůlová, Petra: Umě­loh­motný Trí­pokoj. Praha: Torst, 2006.

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