Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Ein Blick durchs Ber­liner Fenster

Ein Inter­view mit Saša Ilić (Bel­grad)

 

Mit seinem work in pro­gress war Saša Ilić im Februar 2005 Gast des Lite­ra­ri­schen Col­lo­quiums Berlin. Ein halbes Jahr später erschien der Roman Ber­liner Fenster (Ber­linsko okno) im Bel­grader Verlag Fabrika knjiga, gefolgt von einer Zagreber Aus­gabe. 2000 hatte Ilić bereits mit seinem Pro­sa­band Vor­ah­nung des Bür­ger­krieges (Pre­do­sećanje građanskog rata) auf sich auf­merksam gemacht und unter dem Titel Hün­di­sches Jahr­hun­dert (Pseći vek) Erzäh­lungen ser­bi­scher Autoren her­aus­ge­geben, die, wie er selbst, in den 1970er Jahren geboren wurden. Er ist Mit­be­gründer und Redak­ti­ons­mit­glied von BETON – einem pro­vo­ka­tiven Blatt für Lite­ra­tur­kritik, das diens­tags als Bei­lage der unab­hän­gigen ser­bi­schen Tages­zei­tung Danas erscheint (auch unter www.elektrobeton.net) und aus der alter­na­tiven Kul­tur­szene Bel­grads nicht mehr weg­zu­denken ist.

 

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novinki: Dein erster Roman Ber­linsko okno erzählt von der Suche nach einem Men­schen, dessen Spuren sich im Jugo­sla­wi­en­krieg ver­lieren.

 

Saša. Ilić: Ja, und ich glaube, dass jene, die im Kriegs­ge­schehen der 1990er Jahre ver­schwunden sind, auch im Mit­tel­punkt aller unserer Erzäh­lungen stehen sollten. Leider han­delt es sich um eine ver­spä­tete Sorge. Es gibt sie nicht mehr, ihr Ver­lust ist uner­setz­lich. Ich fragte mich also, ob es mög­lich ist, über sie eine Geschichte zu erzählen. Über jene also, die nicht mehr da sind. Meine Wahl fiel daher auf einen Helden, der vom Schicksal einer meiner Freunde, einem Matrosen, inspi­riert ist. Ein Akteur, der wie im Čechov­schen Theater abwe­send ist und nur ein ein­ziges Mal in Erschei­nung tritt – näm­lich als Trug­bild. Ent­spre­chend ist die Roman­hand­lung um eine Leer­stelle kon­stru­iert, die von der Abwe­sen­heit eines Men­schen her­rührt. Das Schicksal von Janko Baltić ist nur eines der Schick­sale, die im Roman als Weg­weiser unter die Erde fun­gieren oder die, mit anderen Worten, zum okno (dt. Fenster, Schacht) der Erzäh­lung weisen, wohin man sich auf die Suche nach den Fakten über die Ver­schwun­denen begeben muss.

 

n.: Auf ihrer Suche sind Deine Prot­ago­nisten in Berlin unter­wegs. In der U‑Bahn fällt ihr Blick zuweilen auf das Infor­ma­ti­ons­pro­gramm „Ber­liner Fenster“, vor allem aber emp­finden sie den unter­ir­di­schen Schacht der Stadt, und ein Erzähl­strang führt zum Unter­grund-Kaba­rett „Die Kata­kombe“ der 1930er Jahre. Am Ende des Romans ist eine Foto­grafie von 1934 abge­druckt: Isa Ver­mehren und Ursula Her­king singen in der „Kata­kombe“ das „Lied, das aus der Kehle dringt“.

 

S. I.: 2002 stieß ich in der Ber­liner Zei­tung Freitag auf einen Bei­trag von Volker Kühn. Darin wurde über das unge­wöhn­liche Schicksal der Kaba­ret­tistin Isa Ver­mehren berichtet, die in der „Katakombe“auftrat. Es han­delte sich in der Tat um ein nicht all­täg­li­ches Schicksal. Und die abge­druckte Pho­to­gra­phie einer lächelnden Nonne ver­an­lasste mich, den Text gründ­li­cher zu lesen. Isa war 15, als sie das Wich­tigste in ihrem Leben tat – sie sagte „Nein“ zu einem Regime. Sie ging nach Berlin, sang in der „Kata­kombe“. Das Kaba­rett war zur Zeit des NS-Regimes Sub­kultur: Hier konnte man alles sagen, was an der Erd­ober­fläche nicht erlaubt war. In Songs ver­tont, kam die Wahr­heit über die immer schreck­li­cher wer­dende Rea­lität zu Wort. Die Kaba­rett­auf­füh­rungen haben die Natio­nal­so­zia­listen pro­vo­ziert, und die Dar­steller endeten in Lagern. Isa Ver­mehren, die dann später inhaf­tiert wurde, durch­lebte Dachau, Buchen­wald und Ravens­brück. Für mich berührt ihre Geschichte Themen, die immer wieder auf­kommen, wenn es um den Wider­stand in einer Dik­tatur geht: Jemand ist zu jung und trägt kei­nerlei Ver­ant­wor­tung, jemand ist unge­bildet und kann sich in allem kaum zurecht­finden, jemand ist überaus gebildet, Phi­lo­soph sogar wie Hei­degger, und betrachtet alles aus gött­li­cher Per­spek­tive. Aber han­delt es sich nicht eigent­lich um ein bestimmtes Ver­mögen, das man ent­weder hat oder nicht? Durch diese Prü­fung fällt auch Bern­hard Schlinks Roman Der Vor­leser. Er ver­tritt sogar die These, dass ein Mensch, weil er Analphabet ist, in die Bar­barei abrutscht. Ich denke, dass es darum nicht geht. Ob jemand mit 15 Jahren genü­gend Bil­dung hat, um die Ursa­chen und Folgen des deut­schen Natio­nal­so­zia­lismus abs­tra­hieren zu können. Natür­lich hat er sie nicht. Das Bei­spiel Isa Ver­meh­rens zeigt, dass es sich um eine ganz offen­sicht­liche Sache han­delte und dass es nicht allzu viel Grü­belei erfor­derte, um das Böse zu erkennen. Hier liegt auch der Grund, warum die meisten auf der­ar­tige Erschei­nungen nicht reagieren, und das ist eine Frage, der man ernst­haft nach­gehen muss.

 

n.: „Im Niko­lai­viertel“, heißt es in Deinem Roman, „schwebt noch immer der Duft Ost­eu­ropas in der Luft“. Geht es in Deinem Berlin-Roman auch um das Gedächtnis der Stadt?

 

S. I.: Ist man einmal auf dem Ber­liner Alex­an­der­platz und setzt sich neben den Nep­tun­brunnen, ver­än­dert sich auch die Wahr­neh­mung. Von hier aus sieht man die Skulptur von Marx und Engels „mit Blick in die Zukunft gerichtet“, den sowje­ti­schen Fern­seh­turm, der zur Zeit des Kalten Krieges West­berlin trotzte, und dann sind da die großen und mäch­tigen Rekla­me­schilder der Welt­kon­zerne, die über das Leben auf dem Alex wachen. Es fas­zi­niert, wie sich hier ver­schie­dene Welten über­la­gern, aber inter­es­santer noch sind die Über­schnei­dungen ver­schie­dener Zeiten und Epo­chen. Bei uns in Ser­bien beeilte man sich, die Spuren des Sozia­lismus zu besei­tigen und Wahr­zei­chen zu reha­bi­li­tieren, auf die man sich vor dem Zweiten Welt­krieg berief. Die Ver­gan­gen­heit ist jedoch nicht so ein­fach, nicht so ober­fläch­lich wie Tages­po­litik, und ein Besuch auf dem Alex erin­nert an diesen Fehler, den man unauf­hör­lich begeht.

 

n.: Die Gedächt­nis­po­litik der ehe­ma­ligen sozia­lis­ti­schen Staaten nach 1989 ist sehr unter­schied­lich. Du hast bereits auf Ser­bien ange­spielt. Siehst Du zwi­schen Bel­grad und Berlin Gemein­sam­keiten?

 

S. I.: Auch Bel­grad etwa hat ein wun­der­bares Gedächtnis. Aber es würde nicht leicht fallen, es bei einem Spa­zier­gang durch die Stadt zu ent­zif­fern. Es sei denn, wir wären Experten. Nehmen wir nur einen Ort: den Tera­zije-Platz. Ein Film, der die Ereig­nisse doku­men­tieren würde, die sich hier allein im Laufe des 20. Jahr­hun­derts abge­spielt haben, würde uns bestürzen. Nicht wegen der Fülle der Ereig­nisse, son­dern wegen der Gewalt der poli­ti­schen Ampu­ta­tion, durch welche Erin­ne­rung aus­ge­löscht wird. Dabei denke ich nicht allein an die jet­zige Regie­rung. Das geschieht per­ma­nent, ob sich nun Dynas­tien oder Ideo­lo­gien abwech­seln. Stellen Sie sich also vor, Sie kommen das erste Mal nach Bel­grad auf den Tera­zije-Platz. Hier, unweit vom Hotel „Moskau“, lesen sie auf einem bebil­derten Hin­weis­schild: In diesem Hotel wurde die erste Künst­ler­gruppe gegründet, hier sprach man das erste Mal das Wort „Futu­rismus“ aus, auf diesem Platz hängte man wäh­rend des Zweiten Welt­kriegs Men­schen, hier rich­tete sich der Schrift­steller Borislav Pekić an die Stu­denten, am glei­chen Ort fand Milošević’ Gegen­ver­samm­lung statt usw. In Berlin fand ich der­ar­tiges ins­be­son­dere auf dem Alex.

 

n.: Den Rhythmus, die Bewe­gung von Sta­tion zu Sta­tion auf dem Stadt­plan Deines Ber­lin­ro­mans, geben Text­frag­mente in Form eines Mario­net­ten­thea­ters an. Bli­cken wir durch Ber­linsko okno auf eine Welt an Fäden?

 

S. I.: Nun, mir ging es eigent­lich um etwas anderes. Es han­delt sich zunächst um ein Stab­puppen-Theater („Stab­puppen“ heißt im Roman übri­gens das Pup­pen­theater am Hacke­schen Markt), um ein Theater der Körper und Bewe­gung. Auf diese Technik greift in meinem Roman die Schau­spie­lerin Ana Dajdić zurück. Sie leiht den Puppen ihre Stimme, und mit ihren Händen bewegt sie deren Körper, d. h. die „aus­ran­gierten Körper der Geschichte“, die vor unseren Augen noch einmal eine Vor­stel­lung geben sollen. Da im Mit­tel­punkt der Erzäh­lung Emi­granten aus dem ehe­ma­ligen Jugo­sla­wien stehen, kommt noch die Dimen­sion des Ver­lo­renseins und der Des­ori­en­tie­rung in Raum und Zeit hinzu. Allein die Schau­spiel­technik, durch die der direkte Kon­takt zwi­schen Dar­stel­lerin und Puppe her­ge­stellt wird, und durch das manu­elle Bewegen der Körper, die dadurch aus der Regungs­lo­sig­keit und ‚Apa­thie‘ erwa­chen, kann auch indi­rekt von einem Roman zeugen, in dem der Prot­ago­nist ver­sucht, bei jenen Leben zu finden, die sich davon auf die eine oder andere Weise los­ge­sagt haben. Oder es ver­gessen haben. Zwi­schen diesen und den ehe­ma­ligen Leben steht das Kriegs­t­rauma, das es auf­zu­ar­beiten gilt. In diesem Punkt ist die Erzäh­lung der Schwes­tern Hodžić, Emi­granten aus Bel­grad, viel­leicht am inter­es­san­testen. In Ber­linsko okno wird die Erin­ne­rung an ihren Vater Arif zu einem Nar­rativ über einen Körper, den eine Gesell­schaft als nicht­funk­tional, d. h. unbrauchbar mar­kiert hat.

 

n.: Erin­ne­rung ist sozu­sagen Dein Leit­motiv. Dem Roman hast Du ein Zitat von Emma­nuel Levinas vor­an­ge­stellt, in dem die unab­ding­bare Teil­habe an der Ver­gan­gen­heit des anderen und die eigene Ver­wur­ze­lung in der Ver­gan­gen­heit der Mensch­heit pos­tu­liert wird.

 

S. I.: Ja, auch beim Schreiben ist es wichtig, einen Weg­weiser zu haben. Für Ber­linsko okno war das Levinas. Was mich inter­es­siert, sind die Erin­ne­rungen, die nach dem Zer­fall Jugo­sla­wiens bleiben. Die nach­träg­liche Erin­ne­rungs­ar­beit bei der Ver­än­de­rung des jugo­sla­wi­schen Gedächt­nisses. Und – da der Name Levinas bereits gefallen ist – viel­leicht wäre es besser, das Syn­tagma des schlechten Gedächt­nisses in das Syn­tagma des fremden Gedächt­nis­se­s­oder der Erin­ne­rung des Ande­renzu ver­wan­deln.

 

n.: Und was bedeutet das kon­kret für Dein Schreiben und das Leben Deiner Prot­ago­nisten?

 

S. I.: Unter meinen Prot­ago­nisten habe ich jene gesucht, die das fremde Trauma durch­leben können. Zum Bei­spiel Ana Dajdić: Sie erfasst die Levinas’sche Erfah­rung des Anderen in ihrem Wesen. Für mich ist das eine Frage sowohl der Ethik als auch der Lite­ratur. Hat die ser­bi­sche Lite­ratur der 1990er Jahre den Ver­such unter­nommen, die Erfah­rung zu begreifen, die Men­schen anderer Natio­na­li­täten in unserer Gesell­schaft gemacht haben? Nein. Und warum? Weil sie Wich­ti­geres zu tun hatte. Diese feh­lende Empa­thie unter­bindet ent­schieden, dass ein Ver­hältnis zwi­schen der ersten und der zweiten Person her­ge­stellt wird. Man muss sich nur anhören, was über die Kriegs­ver­bre­chen gesagt wird: Es heißt, wir sollen die anderen getötet haben, sie haben aber auch uns getötet. Schaut nicht nur dahin, schaut auch hierher. Manche in unserer Gesell­schaft inter­es­siert das fremde Trauma nicht, ins­be­son­dere nicht die Wort­führer des Krieges. Sie sind der Mei­nung, dass es ver­dient ist, setzen alles daran, es länger fort­be­stehen zu lassen, bis zu dessen Sakra­li­sie­rung. Die Sakra­li­sie­rung des Lei­dens oder der Geschichte führt aber zu per­sön­li­chem oder kol­lek­tivem Autismus. In der ser­bi­schen Main­stream-Lite­ratur sieht es ähn­lich aus. Zwi­schen dem „Ich“ und dem „Du“ muss also eine neue Bezie­hung her­ge­stellt werden. Und darum geht es in meinem Roman. Nicht der­je­nige ist wichtig, der erzählt, son­dern alle anderen, deren Erzäh­lungen durch die Optik des Erzäh­lers gebro­chen werden. Damit möchte ich nur sagen, dass Ber­linsko okno nicht „meine Erzäh­lung“ ist, son­dern eine „Erzäh­lung der Anderen“, es geht hier nicht darum, was „ich erlebt habe“, son­dern darum, was „du erfahren hast“.

 

 

Saša Ilić: Ber­linsko okno. Fabrika knjiga. Beo­grad 2005 (2. Auf­lage 2006).

Saša Ilić: Pre­do­sećanje građanskog rata. Samizdat free/B92. Beo­grad 2000.

 

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