Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Von bunten Vögeln und der Ver­pflich­tung, nicht ver­bit­tert zu enden

„Pha­rao­nen­nacht­schwalbe, Schma­rot­zer­raub­möwe, Oran­gen­band­schnäp­per­ty­rann, Veil­chen­kop­felfe“ − so melo­disch, kunst­voll und prächtig die Namen, so schlicht die Vögel, die sich dahinter ver­bergen. Offenbar vom Reiz solch kurioser Vogel­namen inspi­riert, erzählt Mar­jana Gapo­nenko die eigent­lich unspek­ta­ku­läre Geschichte vom letzten Auf­bruch im Leben des 96-jäh­rigen ukrai­ni­schen Orni­tho­logen und Eigen­bröt­lers Luka Lewadski in einer raf­fi­nierten Sprache, die begeis­tert, amü­siert und dem Helden auf seiner letzten Reise ein treuer Gefährte ist.

 

Lewadskis letzte Reise nimmt ihren Anfang in einer ukrai­ni­schen Stadt ohne Namen, wo sich der hoch­be­tagte Pro­fessor Eme­ritus der Zoo­logie und Ver­fasser der Studie Über die Rechen­schwäche der Raben­vögel in ein Refu­gium aus ver­staubten Büchern und Erin­ne­rungen an seine ein­zigen Lei­den­schaften, Vögel und Musik, zurück­ge­zogen hat. In die Einöde gedul­digen War­tens auf den Tod bricht mit gera­dezu bele­bender Wir­kung die ver­meint­liche Krebs­dia­gnose ein und Lewadski wird plötz­lich unge­duldig: Ein letztes Mal will er sich dem Leben draußen zuwenden und das im großen Stil. Er kratzt all sein Erspartes zusammen, kleidet sich fest­lich ein und bricht schließ­lich auf, nach Wien, ins Hotel Impe­rial, zur Scho­ko­la­den­torte, die seine welken Groß­tanten dort für ihn bestellten. Wenn schon sterben, dann im Luxus und nicht ohne noch einmal richtig gelebt zu haben: „Wäh­rend er sich anzog, traf er noch eine Reihe von Ent­schei­dungen: Er würde die Kell­nerin wie aus Ver­sehen berühren, sollte sie hübsch sein. Sollte ihn ein Kellner bedienen, würde er ihm ein Bein stellen.“

 

Lewadski, der sich sein Leben lang mehr für Vögel als für Men­schen inter­es­siert und sich in seiner eigenen, längst ver­gan­genen Welt bes­tens ein­ge­richtet hat, findet sich nun im Hier und Jetzt wieder. Er streift als Relikt aus alten Zeiten durch die Gegen­wart. Zwi­schen diesem und Lewadskis letztem län­geren Auf­ent­halt in Wien liegt fast sein gesamtes Leben und ein großes Stück des bewegten 20. Jahr­hun­derts. Schon seine Geburt in Ost­ga­li­zien stand unter keinem guten Stern: In diesem Jahr starb die letzte Wan­der­taube ihrer Art völlig ver­einsamt in einem ame­ri­ka­ni­schen Zoo − ein sym­bo­li­scher Vor­bote: „Natür­lich hatte sie gewusst, dass sie die letzte ihrer Art war. So etwas wusste man ein­fach. Egal ob Mensch oder Tier. Solche Dinge wurden einem von dünner Luft zuge­flüs­tert, direkt ins Herz hinein“. Schon von Kin­des­beinen an alt­mo­disch, skurril und eigen, kurz, ein komi­scher Kauz: Mit dem Vogel­narr Lewadski ist Mar­jana Gapo­nenko eine kuriose lite­ra­ri­sche Gestalt gelungen, die den Leser für sich ein­nimmt und an Pro­fessor Pnin von Nabokov denken lässt, eine ebenso ver­schro­bene wie lie­bens­wür­dige Figur.

 

Im ersten Welt­krieg von Ost­ga­li­zien nach Wien, dann wieder nach Lem­berg und im 2. Welt­krieg Flucht vor den Nazis nach Tsche­tsche­nien (zum kau­ka­si­schen Som­mer­gold­hähn­chen), später unter Stalin Ver­ban­nung nach Zen­tral­asien und wieder zurück an den Ort der Geburt, der jetzt ukrai­nisch ist, nachdem er öster­rei­chisch-unga­risch und pol­nisch war − Lewadski hat in seinem Leben zahl­reiche Sta­tionen durch­laufen. Sie lassen den Roman ganz nebenbei von euro­päi­scher Geschichte erzählen und geben dem Buch his­to­ri­sche Tiefe.

 

Lewadskis letzte Sta­tion ist nun das Impe­rial in Wien: „Dieses Hotel ist wie ein Schiff und ich bin eine Lach­möwe auf dem Deck“. Mit bis­sigem Witz und jugend­li­chem Spott nimmt er die betagten Gäste des Nobel­ho­tels ins Visier, erfreut sich die­bisch am Luxus, den er sich eigent­lich nicht leisten kann, und trifft auf Men­schen, mit denen er nochmal die Freude am Dasein teilt: Im Butler Habib findet er einen auf­ge­schlos­senen Gesprächs­partner und in dem eben­falls greisen Witz­turn einen Weg­ge­fährten für die Pirsch, auf die sich die beiden in die Hotelbar begeben. An den Cock­tails ihrer Jugend nip­pend, ziehen sie Bilanz aus ihren gelebten Leben. Bis es für Lewadski so weit ist.

 

Von Sterben und Tod erzählt Mar­jana Gapo­nenko völlig angst- und schwe­relos in einer Sprache, die purer Genuss ist und ohne die die Geschichte viel­leicht eine von vielen wäre. Mit Witz und Humor fühlt sie sich in ihren Prot­ago­nisten Lewadski ein und durch­lebt mit ihm Traum und Wirk­lich­keit, Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart. Wenn sich Lewadskis Gedanken über­schlagen, er sein Leben Revue pas­sieren lässt oder mit flinkem Blick die Gäste in der Hotel-Lobby beob­achtet, gewinnt die Sprache immer wieder an Tempo. In diesem Fluss hat jedes Wort seinen festen Platz, es gibt kein zu viel oder zu wenig. Auf die Frage, was ihr denn so gefällt an der deut­schen Sprache, ant­wor­tete Mar­jana Gapo­nenko in einem Inter­view: „Aus­schwei­fend zu sein, aber trotzdem hat alles seine Ord­nung.“

Neben exo­ti­schen Vogel­namen findet die Autorin beson­deren Gefallen an anti­quierten Wör­tern, die wie Lewadski selbst längst aus der Mode gekommen sind und nun wieder zum Leben erweckt werden − von „Spitz­bü­binnen“ und „Kraut­stamp­fern der Matronen“ unter „Kris­tall­lüs­tern“ ist hier die Rede.

 

Dieser so reiche und ori­gi­nelle Wort­schatz beein­druckt umso mehr, weil die gebür­tige Ukrai­nerin Mar­jana Gapo­nenko erst im Alter von 13 Jahren anfing, in der Schule in Odessa Deutsch zu lernen. Noch wäh­rend ihres Ger­ma­nistik-Stu­diums in Odessa begann sie, Gedichte auf Deutsch zu schreiben und zu ver­öf­fent­li­chen, was sie 2000 im Rahmen eines sechs­mo­na­tigen Lite­ra­tur­sti­pen­diums in die Nähe von Münster brachte. Nach Sta­tionen in Krakau, Dublin und Wien, kehrte sie 2006 nach Deutsch­land zurück, wo sie heute in Mainz lebt. Ihr Debüt gab Mar­jana Gapo­nenko mit dem Roman Annu­schka Blume (2010), der vom Brief­wechsel zwi­schen Annu­schka und Piotr erzählt: Sie ist Leh­rerin in der ukrai­ni­schen Pro­vinz, er − Jour­na­list und überall auf der Welt zu Hause. Für ihren zweiten Roman Wer ist Martha? wurde die Autorin Anfang dieses Jahres mit dem Adel­bert-von-Cha­misso-Preis aus­ge­zeichnet.

 

In Vor­be­rei­tung auf Wer ist Martha? hat sich Mar­jana Gapo­nenko ein knappes Jahr lang inten­siver Recher­che­ar­beit gewidmet, um sich in die Welt ihres Prot­ago­nisten Lewadski ein­zu­fühlen. Sie stu­dierte Werke zur Vogel­kunde und ver­brachte auch selbst einige Zeit im Hotel Impe­rial. Diese auf­wän­dige Vor­ar­beit spürt man beim Lesen und es ver­wun­dert nicht, dass die Autorin in Gestalt einer jungen Russin, die sich an der Hotelbar Inspi­ra­tion für ihr Buch über einen alten Mann ver­schafft, sogar selbst im Roman auf­taucht. So ver­sucht sie gar nicht erst, das Erdachte und Kon­stru­ierte der Geschichte zu ver­schleiern, son­dern legt es offenbar bewusst auf diesen Ein­druck an. Bevor es für den Leser aber ermü­dend wird, hilft die leichte, unge­zwun­gene Sprache über manche Anstren­gung des Erzählten hinweg.

 

Der tra­gi­ko­mi­sche Roman Wer ist Martha? lebt von seiner ori­gi­nellen Sprache und der Figur des Luka Lewadski, der ange­sichts seines nahenden Todes noch einmal alle Register zieht, fei­er­lich und mit voller Hin­gabe, so gut es geht, bis zum Schluss­ak­kord.

 

Gapo­nenko, Mar­jana: Wer ist Martha?, Berlin 2012.

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