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Drei Dramen und eine Utopie?

Posted on 1. Oktober 2007 by Yvonne Pörzgen
Den Ort, an dem alle Menschen glücklich sein können, gibt es leider nicht. Wie die ideale Gesellschaft aber auszusehen hat, darüber haben sich im 19. Jahrhundert in Russland viele Menschen Gedanken gemacht. Der britische Dramatiker Tom Stoppard hat das Leben der beiden russischen Gesellschaftskritiker und Utopisten Michail Bakunin und Aleksandr Gercen in drei abendfüllenden Stücken auf die Bühne gebracht.

Tom Stoppard über Utopisches im Denken Michail Bakunins und Aleksandr Gercens

 

Der Erfolg scheint ihm Recht zu geben: Gleich sieben Auszeichnungen staubte Tom Stoppard bei den New Yorker Tony Awards 2007 für die besten Broadwayinszenierungen ab. Die Jury ließ sich von der Trilogie The Coast of Utopia in der Inszenierung von Jack O’Brien geradezu hinreißen (vgl. Reynolds 2007). In das überwiegend positive Medienecho mischten sich aber auch kritische Stimmen. Ähnlich verhielt es sich 2002, als die Dramen Voyage, Shipwreck und Salvage erstmals im National Theatre in London aufgeführt wurden (vgl. Zusammenstellung der Rezensionen im Online-Portal The Complete Review). Um Vor- und Nachteile der Stücke soll es hier aber nicht gehen. Vielmehr ist von Interesse, in welchem Verhältnis Stoppards Trilogie zur utopischen Literatur steht – und was das Ganze mit Russland zu tun hat.

3dramenTom Stoppard hat das Leben und Wirken zweier russischer Visionäre in Szene gesetzt: Im ersten Teil, Voyage, werden die Jugendjahre Michail Bakunins geschildert. Der zweite Teil, Shipwreck, spielt großteils in Paris und nimmt nun auch Aleksandr Gercen ins Blickfeld. In Salvage, dem dritten Teil, zeigt Stoppard vor allem Gercens Jahre in England, seinen Familien- und Freundeskreis. Die Frage drängt sich auf, weshalb ein englischer Dramatiker das Stichwort Utopie anscheinend in erster Linie mit russischen Denkern des 19. Jahrhunderts verbindet.

Was Utopien betrifft, sitzt Stoppard an der Ausgangsquelle: Der Engländer Thomas Morus gab dem Genre der utopischen Literatur seinen Namen. Morus’ Utopia (erschienen 1516 auf Latein und erst 1551 in englischer Übersetzung) definierte, was eine Utopie ist. Morus’ „Nirgend-Ort“ – Morus prägte den Begriff, der sich aus dem griechischen „ou“ – „nicht“ und „topos“ – „Ort“ zusammensetzt und somit einen Ort bezeichnet, den es nicht gibt – ist eine abgelegene Insel, auf der eine vorgeblich ideale Gesellschaftsform herrscht. Einige der Hauptmerkmale sind die Abschaffung von Geld und Privateigentum sowie die Gemeinschaftlichkeit von Kindererziehung und -bildung. Morus, der sich selbst auf Platons Staatsentwürfe in Nomoi und Politeia stützte, fand rasch viele Nachfolger in der Literatur, etwa Tommaso Campanella, Autor von Civitas solis (1623) und Francis Bacon mit New Atlantis (ca. 1624). Immer wieder gab es auch Versuche, solch eine ideal organisierte Gesellschaft in der Realität zu schaffen.

 

thomas-morus.aIm 19. Jahrhundert waren es dann Unternehmer wie Charles Fourier, Henri de Saint-Simon und Robert Owen, die aus ihren Fabriken genossenschaftlich organisierte Idealgemeinschaften machen wollten. Das 19. Jahrhundert war die Zeit, in welcher die sozialistischen Aspekte utopischer Gesellschaften besondere Aufmerksamkeit fanden, beispielsweise in William Morris’ News from Nowhere (1890). In Russland wurde utopische Literatur seit dem 18. Jahrhundert geschrieben, zur Blüte gelangte sie aber erst im 19. Jahrhundert. Von besonderer Bedeutung ist die Auseinandersetzung zwischen Nikolaj Černyševskij und Fedor Dostoevskij. Černyševskij arbeitete 1863 in seinen Roman Was tun? (Čto delat’?) ein Kapitel mit dem Titel Der vierte Traum Vera Pavlovnas (Četvertyj son Very Pavlovny) ein. Dieser Traum ist eine utopische Zukunftsvision von einem Russland, in dem alle Menschen gemeinsam in großen Häusern leben, die dem Londoner Kristallpalast der Weltausstellung 1851 ähneln. Keiner leidet Mangel, alle arbeiten zusammen in der Landwirtschaft. Maschinen erleichtern den Menschen die Arbeit. Es gibt kein Geld und kein Privateigentum. Nach der fröhlich verrichteten Arbeit werden die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen, abends vergnügt und bildet man sich ebenfalls gemeinsam. Im Rest des Romans mit dem Untertitel Aus Erzählungen von neuen Menschen (Iz rasskazov o novych ljudjach) beschreibt Černyševskij, wie Vera Pavlovna eine Spinnereigenossenschaft aufbaut und unter deren Mitgliedern sozialistische Ideen verbreitet. Dostoevskij sah in Veras Traum hingegen einen Alptraum. In Notizen aus dem Untergrund (Zapiski iz podpol’ja) (1864) pochte er auf das Recht auf Irrationalität und Leiden und schimpfte auf Menschen, die sich anmaßten, ihre Modelle eines idealen Lebens anderen Menschen aufzudrängen. Bakunin liegt in Bern auf dem Bremgarter Friedhof begraben. Auf seinem Grabstein steht: „Rappelez-vous de celui qui sacrifia tout pour la liberté de son pays“ (Erinnert euch an den, der alles für die Freiheit seines Landes geopfert hat) Genau vor solchen Bestrebungen warnte Dostoevskij.

Werke wie das Černyševskijs waren es, die Friedrich Engels dazu veranlassten, verschiedene Einzelpamphlete zum Gesamttext Der Sozialismus auf dem Weg von der Utopie zur Wissenschaft (1882) zusammenzuführen. Der Begriff Utopie nimmt bei Engels und im allgemeinen Sprachgebrauch sowohl des Deutschen als auch des Russischen auch einen negativen Beiklang an und wird als Synonym zu Irrealität und Phantasterei verstanden:

"Die Gesellschaft bot nur Mißstände; diese zu beseitigen war Aufgabe der denkenden Vernunft. Es handelte sich darum, ein neues, vollkommeneres System der gesellschaftlichen Ordnung zu erfinden Diese neuen sozialen Systeme waren von vornherein zur Utopie verdammt; Wir können es literarischen Kleinkrämern überlassen, an diesen, heute nur noch erheiternden Phantastereien feierlich herumzuklauben . Wir freuen uns lieber der genialen Gedankenkeime und Gedanken, die unter der phantastischen Hülle überall hervorbrechen und für die jene Philister blind sind." (Engels 1979, 54)

Was hat diese Auseinandersetzung nun mit Stoppard zu tun? Die Antwort darauf ist zweitgeteilt. Einen utopischen Text hat der in Zlin (Tschechoslowakei) geborene und 1946 nach Großbritannien gelangte Dramatiker mit seiner Trilogie jedenfalls nicht geschrieben. Er entwirft keine Idealgesellschaft, sondern zeigt Denker mit utopischen – utopisch hier im Sinne von erträumten, in die Zukunft projizierten – Ideen. In Stoppards Darstellung tun diese Revolutionäre nicht viel, sondern reden hauptsächlich darüber, was ihnen an der russischen Gesellschaft kritisierenswert erscheint. Wie sie allerdings diese Situation aktiv verändern könnten, davon ist eigentlich nie die Rede.

Dass Stoppards Dramen keine Utopien sind, ist nicht überraschend. Utopien sind aus der Mode gekommen. Die Naivität, es könne eine ideale Staats- und Gesellschaftsform geben, ist den Menschen, nicht zuletzt wegen ihrer Erfahrungen mit den unterdrückerischen Systemen des 20. Jahrhunderts, abhanden gekommen. Diese brachten eine neue Form des Genres, die Anti-Utopie, hervor. Evgenij Zamjatin war es, der zu Beginn der 1920er Jahre mit Wir (My) als Erster in aller Deutlichkeit zeigte, zu welchen Auswüchsen ein System fähig ist, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, das Wohl aller herbeizuführen. Unterdrückung, Entindividualisierung und Maschinisierung sind die Folge. Einen anderen Ausweg bot die Science Fiction. Nicht ideale, aber doch bessere Lebensumstände sind mit Hilfe phantastischer technischer Entwicklungen denkbar. Utopische Elemente finden sich deswegen heutzutage noch am ehesten in der Science-Fiction-Literatur.

Weswegen beruft sich Stoppard dann auf die Insel Utopia, an deren Küste er die russischen Visionäre laut dem Gesamttitel der Trilogie landen lässt? (Auch die Einzeltitel Voyage, Shipwreck und Salvage spielen mit ihrer Reisemetaphorik auf utopische Texte an, in denen häufig ein Reisender in ein unbekanntes Land oder in die Zukunft gelangt – nicht selten nach einem Schiffbruch, z. B. in Faddej Bulgarins Wahrscheinliche Lügengeschichten oder Reise durch die Welt im 29. Jahrhundert (Pravdopodobnye nebylicy, ili Stranstvovanie po svetu v 29-om veke; 1824), und dann von Einheimischen in diesem paradiesisch anmutenden Reich herumgeführt wird) Es ist das utopische Denken, das ihn interessiert. Wie verlief der sozialutopische Diskurs in Russland im 19. Jahrhundert? Wie entwickelte er sich im Zeitraum von 1833 bis 1868? Wer beteiligte sich an ihm? Stoppard lässt jeden auftreten, der im 19. Jahrhundert in Russland etwas zum Thema zu sagen hatte. Nikolaj Ogarev fehlt ebenso wenig wie Ivan Turgenev, Nikolaj Černyševskij, Konstantin Aksakov, Petr Čaadaev oder Vissarion Belinskij. Auch Karl Marx tritt auf. Welche Position auch immer man zu den Gedanken und zur Situation im Russland jener Zeit vertritt oder hervorheben möchte, es findet sich ein passendes Zitat in Stoppards Dramentrilogie. Nahezu jeder Satz wird zu einer grundsätzlichen Aussage. Weite Strecken des zweiten Teils lesen sich wie das Destillat der Diskussion zwischen Westlern und Slavophilen. Den Slavophilen Aksakov etwa lässt Stoppard sagen: Aksakov: „You Westernisers apply for passports with letters from your doctors and then go off and drink the waters in Paris...“ (Shipwreck, 13) Stoppards Turgenev hingegen erklärt: “The only thing that’ll save Russia is western culture transmitted by people like us.“ (Shipwreck, 18)

Stoppard hat sich in seinen Werken mit unterschiedlichsten historischen Epochen von der Zeit Shakespeares (Screenplay zum Film Shakespeare in Love, 1998) über das britische 19. Jahrhundert (Arcadia, Drama, 1993) bis zu Prag in der Zeit von 1968 bis 1990 (Rock’n’Roll, Drama, 2006) befasst. Insofern stellt The Coast of Utopia keine Ausnahme dar. Dass er mit dem Begriff der Utopie bzw. des Utopischen gerade Russland in Verbindung bringt, liegt wohl vor allem daran, welchen Effekt die Ideen Bakunins und Gercens letztendlich hatten. Nach der Revolution von 1917 versuchten die Kommunisten, mit der Sowjetunion einen Gegenentwurf zum kapitalistischen Gesellschaftssystem zu verwirklichen. Nun gilt für Utopien eine Grunddevise: Sie dürfen nicht wahr werden, da sie sich gerade durch ihre Phantastik definieren. Versuche, die Visionen in Wirklichkeit umzusetzen, sind meist zum Scheitern verurteilt – man betrachte nur das klägliche Ende von Fouriers oder Owens’ utopistischen Siedlungen. Die Abweichungen des Sowjetsystems vom sozialistisch-kommunistischen Gesellschaftsentwurf sind ein Beleg für diese These. Das Scheitern des sowjetischen Experiments kann als Folge des Verstoßes gegen genannte Grundprämisse verstanden werden. Gerade die Diskrepanz zwischen Idee und Realität stellt Stoppard in den Vordergrund. Er zeigt Bakunin und Gercen in der kritischen Sicht ihrer Zeitgenossen. Bakunin macht er ein wenig lächerlich, indem er immer wieder Szenen schildert, in denen Bakunin von einem neu entdeckten Philosophen schwärmt, nur um ihn ein paar Seiten weiter in Grund und Boden zu verdammen. Im einen Moment ist Fichte das Nonplusultra, im nächsten Hegel. Ein Dialog zwischen Bakunin und Marx verläuft wie folgt:

Bakunin: I’ve been living in barracks with the Republican Guard. You won’t believe this but it’s the first time I’ve actually met anyone from the working class.
Marx: Really? What are they like? (Shipwreck, 41)

Deutlicher könnte Stoppard den Unterschied zwischen Theorie und Praxis nicht kommentieren.

 

Černyševskij, Nikolaj: Čto delat’? In: Sobranie sočinenij, Band 1. Moskva 1974.

Dostoevskij, Fedor: Zapiski iz podpol'ja. In: Polnoe sobranie sočinenij, Band 5. Leningrad 1973.

Engels, Friedrich: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. Berlin 1979.

Heller, Leonid; Niqueux, Michel: Geschichte der Utopie. Bietigheim-Bissingen 2003.

Morus, Thomas: Utopia. In: The Complete Works, Band 4. 1965.

Reynolds, Nigel: Stoppard’s Utopia Sweeps Seven Tonys. In: The Telegraph, 12.06.2007.

Stoppard, Tom: The Coast of Utopia. Voyage, Shipwreck, Salvage. 3 volumes. London 2002.

Schweickle, Günther und Irmgard (Hg.): Metzler Literaturlexikon. Stichwörter zur Weltliteratur. Stuttgart  1990.

Zamjatin, Evgenij: My. In: Sočinenija, Band 3. München 1986.

 

The Complete Review: The Coast of Utopia by Tom Stoppard. www.complete-review.com/reviews/stoppt/coastofu.htm. (16.08.2007).

Nerger, Klaus: Grabstätten, cemeteries, graveyards, Gräber. www.knerger.de/Die_Personen/politiker_44/politiker_45/bakuninpolitiker_45.html (16.08.2007.)

Drei Dramen und eine Utopie? – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Drei Dramen und eine Utopie?

Tom Stop­pard über Uto­pi­sches im Denken Michail Bakunins und Alek­sandr Gercens

 

Der Erfolg scheint ihm Recht zu geben: Gleich sieben Aus­zeich­nungen staubte Tom Stop­pard bei den New Yorker Tony Awards 2007 für die besten Broad­way­in­sze­nie­rungen ab. Die Jury ließ sich von der Tri­logie The Coast of Utopia in der Insze­nie­rung von Jack O’Brien gera­dezu hin­reißen (vgl. Rey­nolds 2007). In das über­wie­gend posi­tive Medi­en­echo mischten sich aber auch kri­ti­sche Stimmen. Ähn­lich ver­hielt es sich 2002, als die Dramen Voyage, Ship­w­reck und Sal­vage erst­mals im National Theatre in London auf­ge­führt wurden (vgl. Zusam­men­stel­lung der Rezen­sionen im Online-Portal The Com­plete Review). Um Vor- und Nach­teile der Stücke soll es hier aber nicht gehen. Viel­mehr ist von Inter­esse, in wel­chem Ver­hältnis Stop­pards Tri­logie zur uto­pi­schen Lite­ratur steht – und was das Ganze mit Russ­land zu tun hat.

3dramen

Tom Stop­pard hat das Leben und Wirken zweier rus­si­scher Visio­näre in Szene gesetzt: Im ersten Teil, Voyage, werden die Jugend­jahre Michail Bakunins geschil­dert. Der zweite Teil, Ship­w­reck, spielt groß­teils in Paris und nimmt nun auch Alek­sandr Gercen ins Blick­feld. In Sal­vage, dem dritten Teil, zeigt Stop­pard vor allem Ger­cens Jahre in Eng­land, seinen Fami­lien- und Freun­des­kreis. Die Frage drängt sich auf, wes­halb ein eng­li­scher Dra­ma­tiker das Stich­wort Utopie anschei­nend in erster Linie mit rus­si­schen Den­kern des 19. Jahr­hun­derts verbindet.

Was Uto­pien betrifft, sitzt Stop­pard an der Aus­gangs­quelle: Der Eng­länder Thomas Morus gab dem Genre der uto­pi­schen Lite­ratur seinen Namen. Morus’ Utopia (erschienen 1516 auf Latein und erst 1551 in eng­li­scher Über­set­zung) defi­nierte, was eine Utopie ist. Morus’ „Nir­gend-Ort“ – Morus prägte den Begriff, der sich aus dem grie­chi­schen „ou“ – „nicht“ und „topos“ – „Ort“ zusam­men­setzt und somit einen Ort bezeichnet, den es nicht gibt – ist eine abge­le­gene Insel, auf der eine vor­geb­lich ideale Gesell­schafts­form herrscht. Einige der Haupt­merk­male sind die Abschaf­fung von Geld und Pri­vat­ei­gentum sowie die Gemein­schaft­lich­keit von Kin­der­er­zie­hung und ‑bil­dung. Morus, der sich selbst auf Pla­tons Staats­ent­würfe in Nomoi und Poli­teia stützte, fand rasch viele Nach­folger in der Lite­ratur, etwa Tom­maso Cam­pa­nella, Autor von Civitas solis (1623) und Francis Bacon mit New Atlantis (ca. 1624). Immer wieder gab es auch Ver­suche, solch eine ideal orga­ni­sierte Gesell­schaft in der Rea­lität zu schaffen.

 

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Im 19. Jahr­hun­dert waren es dann Unter­nehmer wie Charles Fou­rier, Henri de Saint-Simon und Robert Owen, die aus ihren Fabriken genos­sen­schaft­lich orga­ni­sierte Ide­al­ge­mein­schaften machen wollten. Das 19. Jahr­hun­dert war die Zeit, in wel­cher die sozia­lis­ti­schen Aspekte uto­pi­scher Gesell­schaften beson­dere Auf­merk­sam­keit fanden, bei­spiels­weise in Wil­liam Morris’ News from Nowhere (1890). In Russ­land wurde uto­pi­sche Lite­ratur seit dem 18. Jahr­hun­dert geschrieben, zur Blüte gelangte sie aber erst im 19. Jahr­hun­dert. Von beson­derer Bedeu­tung ist die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Nikolaj Čer­nyševskij und Fedor Dos­to­evskij. Čer­nyševskij arbei­tete 1863 in seinen Roman Was tun? (Čto delat’?) ein Kapitel mit dem Titel Der vierte Traum Vera Pavlovnas (Čet­vertyj son Very Pavlovny) ein. Dieser Traum ist eine uto­pi­sche Zukunfts­vi­sion von einem Russ­land, in dem alle Men­schen gemeinsam in großen Häu­sern leben, die dem Lon­doner Kris­tall­pa­last der Welt­aus­stel­lung 1851 ähneln. Keiner leidet Mangel, alle arbeiten zusammen in der Land­wirt­schaft. Maschinen erleich­tern den Men­schen die Arbeit. Es gibt kein Geld und kein Pri­vat­ei­gentum. Nach der fröh­lich ver­rich­teten Arbeit werden die Mahl­zeiten gemeinsam ein­ge­nommen, abends ver­gnügt und bildet man sich eben­falls gemeinsam. Im Rest des Romans mit dem Unter­titel Aus Erzäh­lungen von neuen Men­schen (Iz rass­kazov o novych ljud­jach) beschreibt Čer­nyševskij, wie Vera Pavlovna eine Spinn­erei­ge­nos­sen­schaft auf­baut und unter deren Mit­glie­dern sozia­lis­ti­sche Ideen ver­breitet. Dos­to­evskij sah in Veras Traum hin­gegen einen Alp­traum. In Notizen aus dem Unter­grund (Zapiski iz podpol’ja) (1864) pochte er auf das Recht auf Irra­tio­na­lität und Leiden und schimpfte auf Men­schen, die sich anmaßten, ihre Modelle eines idealen Lebens anderen Men­schen auf­zu­drängen. Bakunin liegt in Bern auf dem Brem­garter Friedhof begraben. Auf seinem Grab­stein steht: „Rap­pelez-vous de celui qui sacrifia tout pour la liberté de son pays“ (Erin­nert euch an den, der alles für die Frei­heit seines Landes geop­fert hat) Genau vor sol­chen Bestre­bungen warnte Dostoevskij.

Werke wie das Čer­nyševs­kijs waren es, die Fried­rich Engels dazu ver­an­lassten, ver­schie­dene Ein­zel­pam­phlete zum Gesamt­text Der Sozia­lismus auf dem Weg von der Utopie zur Wis­sen­schaft (1882) zusam­men­zu­führen. Der Begriff Utopie nimmt bei Engels und im all­ge­meinen Sprach­ge­brauch sowohl des Deut­schen als auch des Rus­si­schen auch einen nega­tiven Bei­klang an und wird als Syn­onym zu Irrea­lität und Phan­tas­terei verstanden:

“Die Gesell­schaft bot nur Miß­stände; diese zu besei­tigen war Auf­gabe der den­kenden Ver­nunft. Es han­delte sich darum, ein neues, voll­kom­me­neres System der gesell­schaft­li­chen Ord­nung zu erfinden […] Diese neuen sozialen Sys­teme waren von vorn­herein zur Utopie ver­dammt; […] Wir können es lite­ra­ri­schen Klein­krä­mern über­lassen, an diesen, heute nur noch erhei­ternden Phan­tas­te­reien fei­er­lich her­um­zu­klauben […]. Wir freuen uns lieber der genialen Gedan­ken­k­eime und Gedanken, die unter der phan­tas­ti­schen Hülle überall her­vor­bre­chen und für die jene Phi­lister blind sind.” (Engels 1979, 54)

Was hat diese Aus­ein­an­der­set­zung nun mit Stop­pard zu tun? Die Ant­wort darauf ist zweit­ge­teilt. Einen uto­pi­schen Text hat der in Zlin (Tsche­cho­slo­wakei) gebo­rene und 1946 nach Groß­bri­tan­nien gelangte Dra­ma­tiker mit seiner Tri­logie jeden­falls nicht geschrieben. Er ent­wirft keine Ide­al­ge­sell­schaft, son­dern zeigt Denker mit uto­pi­schen – uto­pisch hier im Sinne von erträumten, in die Zukunft pro­ji­zierten – Ideen. In Stop­pards Dar­stel­lung tun diese Revo­lu­tio­näre nicht viel, son­dern reden haupt­säch­lich dar­über, was ihnen an der rus­si­schen Gesell­schaft kri­ti­sie­rens­wert erscheint. Wie sie aller­dings diese Situa­tion aktiv ver­än­dern könnten, davon ist eigent­lich nie die Rede.

Dass Stop­pards Dramen keine Uto­pien sind, ist nicht über­ra­schend. Uto­pien sind aus der Mode gekommen. Die Nai­vität, es könne eine ideale Staats- und Gesell­schafts­form geben, ist den Men­schen, nicht zuletzt wegen ihrer Erfah­rungen mit den unter­drü­cke­ri­schen Sys­temen des 20. Jahr­hun­derts, abhanden gekommen. Diese brachten eine neue Form des Genres, die Anti-Utopie, hervor. Evgenij Zam­jatin war es, der zu Beginn der 1920er Jahre mit Wir (My) als Erster in aller Deut­lich­keit zeigte, zu wel­chen Aus­wüchsen ein System fähig ist, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, das Wohl aller her­bei­zu­führen. Unter­drü­ckung, Ent­in­di­vi­dua­li­sie­rung und Maschi­ni­sie­rung sind die Folge. Einen anderen Ausweg bot die Sci­ence Fic­tion. Nicht ideale, aber doch bes­sere Lebens­um­stände sind mit Hilfe phan­tas­ti­scher tech­ni­scher Ent­wick­lungen denkbar. Uto­pi­sche Ele­mente finden sich des­wegen heut­zu­tage noch am ehesten in der Science-Fiction-Literatur.

Wes­wegen beruft sich Stop­pard dann auf die Insel Utopia, an deren Küste er die rus­si­schen Visio­näre laut dem Gesamt­titel der Tri­logie landen lässt? (Auch die Ein­zel­titel Voyage, Ship­w­reck und Sal­vage spielen mit ihrer Rei­se­me­ta­phorik auf uto­pi­sche Texte an, in denen häufig ein Rei­sender in ein unbe­kanntes Land oder in die Zukunft gelangt – nicht selten nach einem Schiff­bruch, z. B. in Faddej Bul­ga­rins Wahr­schein­liche Lügen­ge­schichten oder Reise durch die Welt im 29. Jahr­hun­dert (Prav­do­pod­obnye neby­licy, ili Stranst­vo­vanie po svetu v 29-om veke; 1824), und dann von Ein­hei­mi­schen in diesem para­die­sisch anmu­tenden Reich her­um­ge­führt wird) Es ist das uto­pi­sche Denken, das ihn inter­es­siert. Wie ver­lief der sozi­al­uto­pi­sche Dis­kurs in Russ­land im 19. Jahr­hun­dert? Wie ent­wi­ckelte er sich im Zeit­raum von 1833 bis 1868? Wer betei­ligte sich an ihm? Stop­pard lässt jeden auf­treten, der im 19. Jahr­hun­dert in Russ­land etwas zum Thema zu sagen hatte. Nikolaj Ogarev fehlt ebenso wenig wie Ivan Tur­genev, Nikolaj Čer­nyševskij, Kon­stantin Aksakov, Petr Čaa­daev oder Vis­sa­rion Belinskij. Auch Karl Marx tritt auf. Welche Posi­tion auch immer man zu den Gedanken und zur Situa­tion im Russ­land jener Zeit ver­tritt oder her­vor­heben möchte, es findet sich ein pas­sendes Zitat in Stop­pards Dra­men­t­ri­logie. Nahezu jeder Satz wird zu einer grund­sätz­li­chen Aus­sage. Weite Stre­cken des zweiten Teils lesen sich wie das Destillat der Dis­kus­sion zwi­schen West­lern und Slavo­philen. Den Slavo­philen Aksakov etwa lässt Stop­pard sagen: Aksakov: „You Wes­ter­nisers apply for pass­ports with let­ters from your doc­tors and then go off and drink the waters in Paris…“ (Ship­w­reck, 13) Stop­pards Tur­genev hin­gegen erklärt: “The only thing that’ll save Russia is wes­tern cul­ture trans­mitted by […] people like us.“ (Ship­w­reck, 18)

Stop­pard hat sich in seinen Werken mit unter­schied­lichsten his­to­ri­schen Epo­chen von der Zeit Shake­speares (Screen­play zum Film Shake­speare in Love, 1998) über das bri­ti­sche 19. Jahr­hun­dert (Arcadia, Drama, 1993) bis zu Prag in der Zeit von 1968 bis 1990 (Rock’n’Roll, Drama, 2006) befasst. Inso­fern stellt The Coast of Utopia keine Aus­nahme dar. Dass er mit dem Begriff der Utopie bzw. des Uto­pi­schen gerade Russ­land in Ver­bin­dung bringt, liegt wohl vor allem daran, wel­chen Effekt die Ideen Bakunins und Ger­cens letzt­end­lich hatten. Nach der Revo­lu­tion von 1917 ver­suchten die Kom­mu­nisten, mit der Sowjet­union einen Gegen­ent­wurf zum kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schafts­system zu ver­wirk­li­chen. Nun gilt für Uto­pien eine Grund­de­vise: Sie dürfen nicht wahr werden, da sie sich gerade durch ihre Phan­tastik defi­nieren. Ver­suche, die Visionen in Wirk­lich­keit umzu­setzen, sind meist zum Schei­tern ver­ur­teilt – man betrachte nur das kläg­liche Ende von Fou­riers oder Owens’ uto­pis­ti­schen Sied­lungen. Die Abwei­chungen des Sowjet­sys­tems vom sozia­lis­tisch-kom­mu­nis­ti­schen Gesell­schafts­ent­wurf sind ein Beleg für diese These. Das Schei­tern des sowje­ti­schen Expe­ri­ments kann als Folge des Ver­stoßes gegen genannte Grund­prä­misse ver­standen werden. Gerade die Dis­kre­panz zwi­schen Idee und Rea­lität stellt Stop­pard in den Vor­der­grund. Er zeigt Bakunin und Gercen in der kri­ti­schen Sicht ihrer Zeit­ge­nossen. Bakunin macht er ein wenig lächer­lich, indem er immer wieder Szenen schil­dert, in denen Bakunin von einem neu ent­deckten Phi­lo­so­phen schwärmt, nur um ihn ein paar Seiten weiter in Grund und Boden zu ver­dammen. Im einen Moment ist Fichte das Non­plus­ultra, im nächsten Hegel. Ein Dialog zwi­schen Bakunin und Marx ver­läuft wie folgt:

Bakunin: I’ve been living in bar­racks with the Repu­blican Guard. You won’t believe this but it’s the first time I’ve actually met anyone from the working class.
Marx: Really? What are they like? (Ship­w­reck, 41)

Deut­li­cher könnte Stop­pard den Unter­schied zwi­schen Theorie und Praxis nicht kommentieren.

 

Čer­nyševskij, Nikolaj: Čto delat’? In: Sobranie soči­nenij, Band 1. Moskva 1974.

Dos­to­evskij, Fedor: Zapiski iz pod­pol’ja. In: Polnoe sobranie soči­nenij, Band 5. Lenin­grad 1973.

Engels, Fried­rich: Die Ent­wick­lung des Sozia­lismus von der Utopie zur Wis­sen­schaft. Berlin 1979.

Heller, Leonid; Niqueux, Michel: Geschichte der Utopie. Bie­tig­heim-Bis­singen 2003.

Morus, Thomas: Utopia. In: The Com­plete Works, Band 4. 1965.

Rey­nolds, Nigel: Stoppard’s Utopia Sweeps Seven Tonys. In: The Tele­graph, 12.06.2007.

Stop­pard, Tom: The Coast of Utopia. Voyage, Ship­w­reck, Sal­vage. 3 volumes. London 2002.

Schweickle, Gün­ther und Irm­gard (Hg.): Metzler Lite­ra­tur­le­xikon. Stich­wörter zur Welt­li­te­ratur. Stutt­gart 1990.

Zam­jatin, Evgenij: My. In: Soči­nenija, Band 3. Mün­chen 1986.

 

The Com­plete Review: The Coast of Utopia by Tom Stop­pard. www.complete-review.com/reviews/stoppt/coastofu.htm. (16.08.2007).

Nerger, Klaus: Grab­stätten, ceme­te­ries, gra­vey­ards, Gräber. www.knerger.de/Die_Personen/politiker_44/politiker_45/bakuninpolitiker_45.html (16.08.2007.)