Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Kein Ich, nir­gends?

Iden­ti­täts­kon­struk­tion im Roman Free­lander von Mil­jenko Jer­gović

 

Wer ist Ich?
Im Unter­schied zur Iden­tität von Gegen­ständen ist mensch­liche Iden­tität nichts Gege­benes, nichts End­gül­tiges. Iden­tität ist eine Kon­struk­tion, an der jeder Mensch sein Leben lang baut. Die Tat­sache, dass die eigene Iden­tität vom Men­schen per­ma­nent über­prüft und jus­tiert wird, ist ein Hin­weis auf die zen­trale Bedeu­tung von Iden­ti­täts­suche und ‑fin­dung für die mensch­liche Exis­tenz. Dabei gibt es indi­vi­duell große Unter­schiede. Manche Men­schen ruhen bereits weit­ge­hend in sich.
Mil­jenko Jer­go­vićs Roman­fi­guren sind hin­gegen Getrie­bene. Sie sind auf der Suche nach ihrer Iden­tität und nehmen den Leser mit auf diese Reise. Aller­dings gelangen sie nicht immer an ein Ziel. In Jer­go­vićs Texten fun­giert die Frage nach der eigenen Iden­tität als Aus­gangs­punkt und trei­bende Kraft. In seinem Roman Free­lander (2007) lotet Jer­gović nicht nur die Kon­struk­tion per­sön­li­cher, son­dern auch (und vor allem) grup­pen­spe­zi­fi­scher Iden­tität aus. Diese Ana­lyse findet vor dem his­to­ri­schen Hin­ter­grund des Zer­falls Jugo­sla­wiens statt. Der Zer­fall stellt die vor­ma­ligen Bürger des nicht mehr exis­tenten Staates vor die Auf­gabe, ihre Iden­tität neu zu defi­nieren.

 

Per­so­nale Iden­tität
Der ver­wit­wete, pen­sio­nierte Zagreber Geschichts­lehrer Karlo Adum, die Haupt­figur des Romans Free­lander (2007), ist ein Para­de­bei­spiel geschei­terter Iden­ti­täts­kon­struk­tion. An ihm führt Jer­gović vor, wie ein Mensch sämt­li­cher per­so­naler und über­in­di­vi­du­eller Iden­ti­täten ver­lustig geht und sich in eine Leer­stelle ver­wan­delt. Für den Ver­lust von Adums per­so­naler Iden­tität sind dabei haupt­säch­lich gewöhn­liche Alte­rungs­pro­zesse ver­ant­wort­lich.
Karlo Adum iden­ti­fi­ziert sich so sehr mit seiner beruf­li­chen Tätig­keit als Geschichts­lehrer, dass er nach 40 Berufs­jahren nur unter Druck in den Ruhe­stand geht. Dabei war ihm weniger der Aus­tausch und der mensch­liche Kon­takt zu Kol­legen wichtig, die ihn eher als alten Kauz betrach­teten, als viel­mehr das Bewusst­sein, einer gere­gelten, sinn­vollen Tätig­keit nach­zu­gehen. Kaum ist ihm durch den Ruhe­stand diese Grund­lage seines Selbst­bildes genommen, fallen ihm auf Schritt und Tritt Phä­no­mene auf, die ihn auf Pro­zesse von Iden­ti­täts­kon­sti­tu­tion und ‑ver­lust ver­weisen. So erlebt Adum die Unzu­ver­läs­sig­keit sprach­li­cher Reprä­sen­ta­tion von Indi­vi­duen. An den Brief­kästen in seinem Haus stehen längst ver­al­tete Namen, der Brief­träger weiß aber, wer in welche Woh­nung gezogen ist. Seine Urlaubs­ver­tre­tung kann die Briefe dagegen nicht zuordnen, da die Bezie­hung zwi­schen den Namen frü­herer Mieter auf den Brief­kästen und denen der neuen Bewohner auf den Sen­dungen nicht erkennbar ist.
Einen Vor­griff auf Adums Schicksal als iden­ti­täts­loser Witwer stellen die Begeg­nungen mit seiner an Alz­heimer erkrankten Mutter dar. Im fort­ge­schrit­tenen Krank­heits­sta­dium erkennt sie Adum nur, wenn er in Ivankas Beglei­tung zu Besuch kommt. Bleibt Ivanka zu Hause, ist Karlo für seine Mutter ein Fremder, ja mehr noch, sie bezeichnet ihn als Nie­mand: „ti si nitko“ (du bist nie­mand; Free­lander, S. 110). In der Welt der kranken Mutter gibt es ihn nicht, weil sie die Erin­ne­rung an seine Geburt durch die Vor­stel­lung ersetzt hat, sie wäre nach Bel­grad gefahren und hätte eine Abtrei­bung vor­nehmen lassen. Schließ­lich spricht sie auch Karlo als Fremdem die mensch­liche Exis­tenz ab. Sie sagt, auch einen Com­puter oder ein Lehr­buch könnte man als Geschichts­lehrer bezeichnen:

„Čovjek je, za razliku od knjige i komp­ju­tora, još nešto. Što još? – Onaj tko to ne zna, taj je ništa! – rado­vala se na kraju kao malo dijete.” (Free­lander, S. 112).
(Ein Mensch ist, anders als ein Buch oder Com­puter, noch etwas anderes. Was noch? Wer das nicht weiß, der ist nichts!, freute sie sich am Ende wie ein kleines Kind.)

Wenn Karlo zusammen mit seiner Ehe­frau Ivanka zu Besuch kommt, erkennt seine Mutter  ihn zwar, bezeichnet ihn aber als ihr Unglück und bittet Ivanka, auf ihn zu achten: „on ništa ne bi znao bez tebe“ (ohne dich wüsste er nichts; Free­lander, S. 113). Sie for­mu­liert hier die Abhän­gig­keit von Adums Kon­strukt einer per­so­nalen Iden­tität von seiner Rolle und Funk­tion als Ivankas Ehe­mann. Der Ver­lust seiner Ehe­frau kurz nach Adums Pen­sio­nie­rung ist für den ehe­ma­ligen Lehrer dann auch nahezu gleich­be­deu­tend mit dem Ver­lust seiner übrigen per­so­nalen Iden­tität.
Karlo Adum durch­lebt einen Wand­lungs­pro­zess, der ihn nach und nach der Ele­mente beraubt, auf denen seine per­sön­liche Iden­tität beruht hatte. Nach dem Ver­lust seines letzten Haltes, seiner Ehe­frau, ist er gera­dezu gesichtslos. In seine neue Rolle als Witwer und Rentner findet sich Karlo Adum nicht ein. Statt dieser Neu­i­den­ti­fi­ka­tion begibt er sich auf die Suche nach der Ver­gan­gen­heit, die auf­zeigt, dass er sich sein ganzes Leben hin­durch nach der Zuge­hö­rig­keit zu einer Gruppe gesehnt hat.
Als Adum per Tele­gramm die Mit­tei­lung erhält, sein Onkel, den er nie gesehen hat, sei in Sara­jevo gestorben, und er solle zur Tes­ta­ments­er­öff­nung kommen, ändert sich nur scheinbar etwas in seinem Leben. Ab diesem Moment kann er sich wieder an Träume erin­nern, doch träumt er immer von einem Sarg, in dem er sich selbst liegen sieht (vgl. Free­lander, S. 31f). Iden­ti­täts­ver­lust und – nicht not­wen­di­ger­weise phy­si­scher – Tod gehen Hand in Hand. In Bezug auf Adums Träume heißt es zu Beginn des Romans, dass er sich nicht an sie erin­nere, „A ono što nije zapamtio, to se nije ni dogo­dilo“ (und das, woran er sich nicht erin­nerte, ist auch nie pas­siert; Free­lander, S. 15).

Den unauf­lös­baren Zusam­men­hang von mensch­li­cher Iden­tität und Gedächtnis hat der eng­li­sche Phi­lo­soph John Locke im 17. Jahr­hun­dert zur Aus­gangs­basis seiner Ana­lyse der Formen mensch­li­cher Iden­tität gemacht. Von der sub­stan­ti­ellen Gleich­heit von Gegen­ständen, die auf die Formel a = a gebracht werden kann,  grenzt Locke die spe­zi­fisch mensch­liche Iden­tität ab, in der das Bewusst­sein für das Selbst (ipse) mit Hilfe des Gedächt­nisses her­vor­ge­bracht wird (vgl. Locke 1690/1997). Später erhielten diese beiden Iden­ti­täts­formen die Bezeich­nungen idem- bzw. ipse-Iden­tität.
Zu der Iden­ti­täts­bil­dung aus dem Indi­vi­duum heraus treten die Zuschrei­bungen durch die Außen­welt. Iden­tität ist somit ein Mehr­fach­kon­strukt, her­vor­ge­bracht durch indi­vi­du­elle Eigen­kon­struk­tion aus dem per­sön­li­chen Erleben und der Aus­ein­an­der­set­zung mit Zuschrei­bungen und Erwar­tungen der Umwelt sowie durch Aner­ken­nung bzw. Aus­gren­zung in Grup­pen­kon­texten.
Eine zen­trale Unter­tei­lung ist hierbei die in per­so­nale oder indi­vi­du­elle (Ich-)Identität und Gruppen-(Wir-)Identität. Für den Phi­lo­so­phen Elias Canetti ist die Angst vor dem anderen eine Grund­ei­gen­schaft des mensch­li­chen Indi­vi­duums. Der Ein­zelne ist stets auf Abgren­zung bedacht. Sobald sich das Indi­vi­duum aber mit anderen zur Masse zusam­men­findet, ent­steht eine neue Dynamik. Die Schutz­hal­tung wird abge­legt, für den Ein­zelnen undenk­bare Grenz­über­schrei­tungen werden mög­lich, Energie sucht nach einer – häufig, aber nicht zwangs­läufig – gewalt­tä­tigen Ent­la­dung (vgl. Canetti 1960/2006).
Der Phi­lo­soph und Psy­cho­loge George Her­bert Mead sieht als kon­sti­tutiv für kul­tu­relle Iden­tität, also für das Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl eines Indi­vi­duums oder einer sozialen Gruppe zu einem kul­tu­rellen Kol­lektiv, die Bereit­schaft an, die Hal­tung der eigenen Gruppe zu ver­in­ner­li­chen und sich gegen­über den anderen Grup­pen­mit­glie­dern zu ver­pflichten (Mead 1934/2000). Dies kann all­ge­mein für jed­wede über­in­di­vi­du­elle Iden­tität ange­nommen werden.

 

Eth­nisch-natio­nale und reli­giöse Iden­tität
Nach dem Ver­lust seiner per­so­nalen Iden­tität ver­sucht Adum, sich im Kon­text kol­lek­tiver Iden­ti­täten zu ver­orten. Zu Beginn seiner Reise von Zagreb, der Stadt, in der er seit seiner Jugend lebt, nach Sara­jevo, wo er geboren wurde, sieht sich Adum als Kroate und bean­sprucht somit auch das Recht für sich, diese natio­nale Iden­tität kri­ti­sieren zu dürfen. Er beob­achtet pol­ni­sche Urlauber in einem Schnell­re­stau­rant und unter­stellt ihnen, Ćevapi und Musaka als Ver­kör­pe­rung des Kroa­ten­tums zu sehen, wäh­rend das Polentum in Mickie­wicz und Chopin bestehe. Dieser Mei­nung schließt er sich mit der Fest­stel­lung an, die kroa­ti­sche Iden­tität sei die von Kell­nern und Rezep­tio­nisten. Die drei gän­gigen Wörter für Trink­geld – trin­gelt, bakšiš und napo­j­nica – ver­weisen seiner Ansicht nach darauf, dass sich die Kroaten häufig fremder Herr­schaft ergeben hätten (vgl. Free­lander, S. 56). Je weiter er sich von Zagreb ent­fernt, desto unsi­cherer wird Adum sich aber seines eigenen Kroa­ten­tums. Er bedauert die Tat­sache, dass er nie aus dem Zagreber Stadt­teil der Zuge­zo­genen und Ver­sager in den der Intel­lek­tu­ellen und Erfolg­rei­chen umge­zogen ist. Früher seien sie dort keine echten Jugo­slawen gewesen, heute seien sie keine echten Kroaten, son­dern Bas­tarde (vgl. Free­lander, S. 70f).
Auf seiner Auto­fahrt von Zagreb nach Sara­jevo wird Adum mit seinen Ängsten in Bezug auf Bos­nien kon­fron­tiert. Er fühlt sich als Kroate, kann aber auf­grund seiner Her­kunft aus Sara­jevo nicht in dieser Natio­na­lität auf­gehen und hängt so bezüg­lich seiner eth­ni­schen Zuge­hö­rig­keit in der Luft. Er begreift die Antei­lig­keit an zwei Eth­nien nicht als Chance, son­dern als Nach­teil. Statt auf Ver­mitt­lung und Tole­ranz setzt er auf Kon­fron­ta­tion – ver­kör­pert in der Pis­tole, ohne die er sich nicht nach Bos­nien wagt. Letzt­lich sagt er sich im Gespräch mit einem Taxi­fahrer in Sara­jevo resi­gniert von jeg­li­cher Zuge­hö­rig­keit los:

„- […] Eto, vi ste, naprimjer, Hrvat, a ja sam Bošnjak, i šta nam fali.
– Nisam ja Hrvat.
– Dobro, živite tamo. Nešto uglavom jeste.
– Nešto – uzdahnuo je pro­fesor.” (Free­lander, S. 193).
(- […] Also, Sie sind zum Bei­spiel Kroate, und ich bin Bos­niake, und was soll’s. – Ich bin kein Kroate. – Gut, Sie leben dort. Irgendwas sind Sie ja. – Irgendwas, seufzte der Lehrer.)

Diese unde­fi­nierte Ver­all­ge­mei­ne­rung bedeutet für Adums eth­nisch-natio­nale Iden­tität das Gleiche wie das ver­nich­tende Urteil seiner an Alz­heimer erkrankten Mutter für seine per­so­nale Iden­tität. Den Rat eines Stra­ßen­ver­käu­fers in Bos­nien, sich nicht für das zu schämen, was er ist, kann er nicht befolgen (vgl. Free­lander, S. 119).

Zu Grup­pen­iden­ti­täten hat er Zeit seines Lebens eine gespal­tene Hal­tung: Einer­seits sehnt er sich nach Zuge­hö­rig­keit, dem Auf­gehen in der Masse in Canettis Ver­ständnis; ande­rer­seits distan­ziert er sich von jed­weder Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit. Dieser Zwie­spalt ist auch auf sprach­li­cher Ebene erkennbar.
Jer­gović erzählt aus der per­so­nalen Per­spek­tive Adums und gewährt dem Leser Ein­blick in dessen Gefühle, Erin­ne­rungen und Pläne. Durch die for­melle, distan­ziert-distan­zie­rende Bezeich­nung „pro­fesor Karlo Adum“ erschwert er zugleich eine Iden­ti­fi­ka­tion des Lesers mit der Haupt­figur des Romans. Häufig wird die Haupt­figur ein­fach als „Karlo“ oder „Adum“ bezeichnet. Der Ein­satz des voll­stän­digen Vor- und Fami­li­en­na­mens mit vor­an­ge­stelltem Titel wirkt dann als Abwei­chung von der Gewohn­heit gera­dezu iro­nisch. Zudem ver­weist die Berufs­be­zeich­nung, die auch für die Zeit nach Adums Pen­sio­nie­rung bei­be­halten wird, auf die weg­ge­bro­chene per­so­nale Iden­tität Adums.

In Meta­phern und Ver­glei­chen ver­tieft Jer­gović das gespal­tene Ver­hältnis Adums zu Iden­ti­fi­ka­ti­ons­gruppen. Seinen Wunsch, in Kroa­tien nicht als fremd ange­sehen zu werden, kann Adum auf­grund seiner bos­ni­schen Aus­sprache des Što­ka­vi­schen nicht erfüllen:

„Ali od tog mu je svi­jeta trajno ostao neo­bičan naglasak, čisti i tvrdi što­kavski govor, kojim se govori samo na poli­ciji i u škol­jskoj lek­tiri, i nes­pos­ob­nost da pro­go­vori onim lijepim, isku­plju­jućim i bez­brižnim zagreb­ačkim, da se utopi kao kamen u tamnom bunaru, i tako pruži životni smisao svome bijegu.“ (Free­lander, S. 120).
(Aber von dieser Welt sind ihm auf Dauer die unge­wöhn­liche Beto­nung geblieben, die reine und harte što­ka­vi­sche Aus­sprache, die man nur bei der Polizei und bei der Schul­lek­türe ver­wendet, und die Unfä­hig­keit, auf jene schöne, befrei­ende und sorg­lose Zagreber Art zu spre­chen, wie ein Stein in einem dunklen Brunnen zu ver­sinken und dadurch seiner Flucht einen Lebens­sinn zu geben.)

Jer­gović vari­iert hier das häufig ver­wen­dete Bild von einer Men­schen­menge als Was­ser­masse, wie es bei­spiels­weise bei Victor Hugo in Der Glöckner von Notre Dame (1831) auf­taucht. Adum träumt eben nicht davon, wie ein Tropfen ins Brun­nen­wasser zu fallen und somit voll und ganz in der kroa­ti­schen Umge­bung auf­zu­gehen, viel­mehr will er wie ein Stein in ihr ver­sinken. Der Stein wird dadurch zwar unsichtbar und fällt nicht mehr auf, unter­scheidet sich aber nach wie vor deut­lich von seiner Umge­bung. Nicht die völ­lige Iden­ti­fi­ka­tion mit einer Gruppe ist Adums Ziel, son­dern das Bewahren von Indi­vi­dua­lität in einer Masse, der man sich zuge­hörig fühlt.
Aller­dings geht dieser Wunsch nicht ganz auf. Da Adums Auto ein Zagreber Kenn­zei­chen hat, wird er in Bos­nien immer als Aus­wär­tiger erkannt. Dies ist Adum äußerst unan­ge­nehm. Seine Abnei­gung dagegen, als nicht zuge­hörig ange­sehen zu werden, erstreckt sich auch auf die Reli­gion:

„Strašno je biti tuđinac, pomišljao je dok ih je svake ned­jelje gledao pred sigetskom crkvom, strašno je ne moći pre­ko­račiti prag koji pre­laze svi drugi, strašno je, strašno je, strašno je, man­trao bi, i lupkao metalnim vrškom svoga pla­ni­narskog štapa po asfaltu, i tako bi na još sedam dana odgađao svoj prvi ulazak u crkvu.“ (Free­lander, S. 98).
(Es ist schreck­lich ein Fremder zu sein, dachte er, wäh­rend er sie jeden Sonntag vor der Kirche in Siget sah, es ist schreck­lich, nicht die Schwelle über­schreiten zu können, über die alle anderen gehen, es ist schreck­lich, es ist schreck­lich, es ist schreck­lich, wie­der­holte er wie ein Mantra und klopfte mit der Metall­spitze seines Berg­wan­der­stocks auf den Asphalt, und so schob er dann um wei­tere sieben Tage den Moment auf, da er die Kirche zum ersten Mal betreten würde.)

Adum kennt die katho­li­schen Riten und weiß in etwa, wann die Men­schen im Got­tes­dienst auf­stehen oder sich bekreu­zigen. Die all­um­fas­sende (katho­lisch: von griech. καθολικός, all­ge­mein, ‑gültig) Kirche kommt aber für Adum nicht als Zuflucht in Frage, da er meint, wegen seiner bos­ni­schen Her­kunft nicht in der römisch-katho­li­schen Gemein­schaft der Gläu­bigen auf­gehen zu können.

Das „Stan­ford Huma­nities Lab (SHL) Crowds pro­ject“ stellt die von Gustave Le Bon 1895 in Psy­cho­logie des foules auf­ge­stellte These, die „Ära der Massen“ sei ange­bro­chen, nicht prin­zi­piell in Frage, rela­ti­viert sie jedoch. Der moderne Mensch sei durchaus ein Mensch der Masse, „Modern times are crowded times“ (Schnapp/Tiews 2006, S. x). In der post­in­dus­tri­ellen Gesell­schaft sei das Mas­sen­er­lebnis aber in bestimmte ritu­elle Bereiche kana­li­siert worden. In Zeiten des Krieges und gra­vie­render sozialer Kon­flikte stelle sich aus­nahms­weise wieder die Situa­tion der gesam­melten Aktion ein (vgl. Schnapp/Tiews 2006, S. xi). Karlo Adum ist in dieser Hin­sicht ein Para­de­bei­spiel des post­in­dus­tri­ellen, indi­vi­dua­li­sierten Men­schen, der auch bei jeg­li­cher Form ritua­li­sierten Grup­pen­er­le­bens ver­sagt. In Bos­nien besucht er zum Bei­spiel zusammen mit einem Poli­zisten ein Fuß­ball­spiel des Dorf­ver­eins gegen einen Club aus der Her­ze­go­wina. Trotz seines immer prä­senten Wun­sches, nicht als Fremd­körper wahr­ge­nommen zu werden und in der Masse auf­zu­gehen, gelingt es ihm nicht, sich an seine Umge­bung anzu­passen und das Team seiner Gast­geber anzu­feuern, von denen er umringt ist (vgl. Free­lander, S. 135ff). Auch dieses Angebot, zumin­dest für kurze Zeit seine – ohnehin geschwächte – per­so­nale Iden­tität hinter die Grup­pen­iden­tität einer Fan­ge­mein­schaft zu stellen, kann Adum nicht annehmen.
Als Junge hatte er begriffen, dass von Zeit zu Zeit ein Rol­len­wechsel not­wendig ist, da das Leben aus ver­schie­denen Ein­zel­leben besteht (vgl. Free­lander, S. 104). Seine Mutter Josepa hatte es ihm vor­ge­macht, ihr ‚gelang‘ nach 1945 die Umstel­lung von einer Nutz­nie­ßerin des Ustaša-Regimes mit Kon­takten zu deut­schen Offi­zieren zu einer treuen Anhän­gerin des Kom­mu­nismus. Die Ein­sicht seiner Jugend kann Adum als Erwach­sener aber nicht umsetzen. Statt die Rollen zu wech­seln, spielt er schließ­lich gar keine Rolle mehr.

 

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Woher nehmen und nicht stehlen?Die Frage, welche Modelle für Men­schen auf der Suche nach ihrer Iden­tität in Frage kommen, beschäf­tigt Jer­gović auch über den Roman Free­lander hinaus. 2007 erschien sein Essay „Tamo? gdje žive drugi ljudi“ (Dort, wo andere Men­schen leben) im Sam­mel­band Der andere nebenan. Eine Antho­logie aus dem Süd­osten Europas zusammen mit Texten bos­ni­scher, ser­bi­scher, kroa­ti­scher, alba­ni­scher, koso­va­ri­scher, bul­ga­ri­scher und slo­we­ni­scher Autoren (novinki: Wie­viel Europa ver­trägt ein Balkan). Sie alle setzen sich mit der Frage nach Iden­tität aus­ein­ander und plä­dieren für eth­ni­sche, natio­nale und reli­giöse Tole­ranz. Zugleich ver­weisen sie auf die Schwie­rig­keiten bei deren Umset­zung. Jer­gović beruft sich auf eine eins­tige euro­päi­sche Iden­tität, die es seinem Urgroß­vater Karlo, einem Donau­schwaben, der im heu­tigen Rumä­nien geboren wurde, ermög­lichte, in Wien und Buda­pest seine Aus­bil­dung zum Eisen­bahner zu machen und schließ­lich in Sara­jevo zu leben. Aller­dings zeigt Jer­gović nicht auf, wie dieser im Rück­blick gera­dezu idyl­lisch gese­hene Zustand wieder erreicht werden könnte. Die klei­nere Ein­heits­vi­sion, das Ideal des ehe­ma­ligen Jugo­sla­wien, taugt ihm jeden­falls nicht als Lösung. Die eth­nisch-natio­nale Zuge­hö­rig­keit als spe­zi­elle Form von Grup­pen­iden­tität bleibt ein Pro­blem, dessen Lösung Jer­gović weder in seinen Texten noch für sich per­sön­lich für mög­lich hält. Er über­lässt es den Jour­na­listen zu ent­scheiden, ob er selbst auf Kroa­tisch oder auf Bos­nisch schreibe (vgl. novinki: Mašala Jer­gović, mašala!). Die Suche nach Iden­tität ist nicht nur für Karlo Adum noch nicht zu Ende.

 

Die Über­set­zungen ins Deut­sche stammen von Yvonne Poerzgen.

 

Lite­ratur    
Canetti, Elias: Masse und Macht. Frank­furt am Main 2006
Swartz, Richard (Hg.): Der andere nebenan. Eine Antho­logie aus dem Süd­osten Europas. Frank­furt am Main 2007.
Swartz, Richard (Hg.): Nepoz­nati susjed. Anto­lo­gija s jugo­is­toka Europe. Zagreb 2007.
Jer­gović, Mil­jenko: Free­lander. Zagreb 2007.
Jakiša, Miranda: Mašala Jer­gović, mašala!URL:
http://www.novinki.de/html/vorgestellt/Portrait_Jergovic.html (Zugriff: 22.12.2009).
Locke, John. An Essay Con­cer­ning Human Under­stan­ding. Ed. Roger Wool­house. New York 1997. URL:
http://socserv2.mcmaster.ca/~econ/ugcm/3ll3/locke/Essay.htm (Zugriff: 22.12.2009).
Mead, George Her­bert: Mind, Self and Society. In: Works of George Her­bert Mead. Band 1. Chi­cago 2000.
Schnapp, Jef­frey T. / Mat­thew Tiews (Hg.): Crowds. Stan­ford, Cali­fornia 2006.

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