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Kein Ich, nirgends?

Posted on 17. Juni 2010 by Yvonne Poerzgen
Miljenko Jergovićs Romanfiguren sind Getriebene. Sie sind auf der Suche nach ihrer Identität und nehmen den Leser mit auf diese Reise. Allerdings gelangen sie nicht immer an ein Ziel. In Jergovićs Texten fungiert die Frage nach der eigenen Identität als Ausgangspunkt und treibende Kraft.

Identitätskonstruktion im Roman Freelander von Miljenko Jergović

 

Wer ist Ich?
Im Unterschied zur Identität von Gegenständen ist menschliche Identität nichts Gegebenes, nichts Endgültiges. Identität ist eine Konstruktion, an der jeder Mensch sein Leben lang baut. Die Tatsache, dass die eigene Identität vom Menschen permanent überprüft und justiert wird, ist ein Hinweis auf die zentrale Bedeutung von Identitätssuche und -findung für die menschliche Existenz. Dabei gibt es individuell große Unterschiede. Manche Menschen ruhen bereits weitgehend in sich.
Miljenko Jergovićs Romanfiguren sind hingegen Getriebene. Sie sind auf der Suche nach ihrer Identität und nehmen den Leser mit auf diese Reise. Allerdings gelangen sie nicht immer an ein Ziel. In Jergovićs Texten fungiert die Frage nach der eigenen Identität als Ausgangspunkt und treibende Kraft. In seinem Roman Freelander (2007) lotet Jergović nicht nur die Konstruktion persönlicher, sondern auch (und vor allem) gruppenspezifischer Identität aus. Diese Analyse findet vor dem historischen Hintergrund des Zerfalls Jugoslawiens statt. Der Zerfall stellt die vormaligen Bürger des nicht mehr existenten Staates vor die Aufgabe, ihre Identität neu zu definieren.

 

Personale Identität
Der verwitwete, pensionierte Zagreber Geschichtslehrer Karlo Adum, die Hauptfigur des Romans Freelander (2007), ist ein Paradebeispiel gescheiterter Identitätskonstruktion. An ihm führt Jergović vor, wie ein Mensch sämtlicher personaler und überindividueller Identitäten verlustig geht und sich in eine Leerstelle verwandelt. Für den Verlust von Adums personaler Identität sind dabei hauptsächlich gewöhnliche Alterungsprozesse verantwortlich.
Karlo Adum identifiziert sich so sehr mit seiner beruflichen Tätigkeit als Geschichtslehrer, dass er nach 40 Berufsjahren nur unter Druck in den Ruhestand geht. Dabei war ihm weniger der Austausch und der menschliche Kontakt zu Kollegen wichtig, die ihn eher als alten Kauz betrachteten, als vielmehr das Bewusstsein, einer geregelten, sinnvollen Tätigkeit nachzugehen. Kaum ist ihm durch den Ruhestand diese Grundlage seines Selbstbildes genommen, fallen ihm auf Schritt und Tritt Phänomene auf, die ihn auf Prozesse von Identitätskonstitution und -verlust verweisen. So erlebt Adum die Unzuverlässigkeit sprachlicher Repräsentation von Individuen. An den Briefkästen in seinem Haus stehen längst veraltete Namen, der Briefträger weiß aber, wer in welche Wohnung gezogen ist. Seine Urlaubsvertretung kann die Briefe dagegen nicht zuordnen, da die Beziehung zwischen den Namen früherer Mieter auf den Briefkästen und denen der neuen Bewohner auf den Sendungen nicht erkennbar ist.
Einen Vorgriff auf Adums Schicksal als identitätsloser Witwer stellen die Begegnungen mit seiner an Alzheimer erkrankten Mutter dar. Im fortgeschrittenen Krankheitsstadium erkennt sie Adum nur, wenn er in Ivankas Begleitung zu Besuch kommt. Bleibt Ivanka zu Hause, ist Karlo für seine Mutter ein Fremder, ja mehr noch, sie bezeichnet ihn als Niemand: „ti si nitko“ (du bist niemand; Freelander, S. 110). In der Welt der kranken Mutter gibt es ihn nicht, weil sie die Erinnerung an seine Geburt durch die Vorstellung ersetzt hat, sie wäre nach Belgrad gefahren und hätte eine Abtreibung vornehmen lassen. Schließlich spricht sie auch Karlo als Fremdem die menschliche Existenz ab. Sie sagt, auch einen Computer oder ein Lehrbuch könnte man als Geschichtslehrer bezeichnen:

„Čovjek je, za razliku od knjige i kompjutora, još nešto. Što još? – Onaj tko to ne zna, taj je ništa! – radovala se na kraju kao malo dijete.” (Freelander, S. 112).
(Ein Mensch ist, anders als ein Buch oder Computer, noch etwas anderes. Was noch? Wer das nicht weiß, der ist nichts!, freute sie sich am Ende wie ein kleines Kind.)

Wenn Karlo zusammen mit seiner Ehefrau Ivanka zu Besuch kommt, erkennt seine Mutter  ihn zwar, bezeichnet ihn aber als ihr Unglück und bittet Ivanka, auf ihn zu achten: „on ništa ne bi znao bez tebe“ (ohne dich wüsste er nichts; Freelander, S. 113). Sie formuliert hier die Abhängigkeit von Adums Konstrukt einer personalen Identität von seiner Rolle und Funktion als Ivankas Ehemann. Der Verlust seiner Ehefrau kurz nach Adums Pensionierung ist für den ehemaligen Lehrer dann auch nahezu gleichbedeutend mit dem Verlust seiner übrigen personalen Identität.
Karlo Adum durchlebt einen Wandlungsprozess, der ihn nach und nach der Elemente beraubt, auf denen seine persönliche Identität beruht hatte. Nach dem Verlust seines letzten Haltes, seiner Ehefrau, ist er geradezu gesichtslos. In seine neue Rolle als Witwer und Rentner findet sich Karlo Adum nicht ein. Statt dieser Neuidentifikation begibt er sich auf die Suche nach der Vergangenheit, die aufzeigt, dass er sich sein ganzes Leben hindurch nach der Zugehörigkeit zu einer Gruppe gesehnt hat.
Als Adum per Telegramm die Mitteilung erhält, sein Onkel, den er nie gesehen hat, sei in Sarajevo gestorben, und er solle zur Testamentseröffnung kommen, ändert sich nur scheinbar etwas in seinem Leben. Ab diesem Moment kann er sich wieder an Träume erinnern, doch träumt er immer von einem Sarg, in dem er sich selbst liegen sieht (vgl. Freelander, S. 31f). Identitätsverlust und – nicht notwendigerweise physischer – Tod gehen Hand in Hand. In Bezug auf Adums Träume heißt es zu Beginn des Romans, dass er sich nicht an sie erinnere, „A ono što nije zapamtio, to se nije ni dogodilo“ (und das, woran er sich nicht erinnerte, ist auch nie passiert; Freelander, S. 15).

Den unauflösbaren Zusammenhang von menschlicher Identität und Gedächtnis hat der englische Philosoph John Locke im 17. Jahrhundert zur Ausgangsbasis seiner Analyse der Formen menschlicher Identität gemacht. Von der substantiellen Gleichheit von Gegenständen, die auf die Formel a = a gebracht werden kann,  grenzt Locke die spezifisch menschliche Identität ab, in der das Bewusstsein für das Selbst (ipse) mit Hilfe des Gedächtnisses hervorgebracht wird (vgl. Locke 1690/1997). Später erhielten diese beiden Identitätsformen die Bezeichnungen idem- bzw. ipse-Identität.
Zu der Identitätsbildung aus dem Individuum heraus treten die Zuschreibungen durch die Außenwelt. Identität ist somit ein Mehrfachkonstrukt, hervorgebracht durch individuelle Eigenkonstruktion aus dem persönlichen Erleben und der Auseinandersetzung mit Zuschreibungen und Erwartungen der Umwelt sowie durch Anerkennung bzw. Ausgrenzung in Gruppenkontexten.
Eine zentrale Unterteilung ist hierbei die in personale oder individuelle (Ich-)Identität und Gruppen-(Wir-)Identität. Für den Philosophen Elias Canetti ist die Angst vor dem anderen eine Grundeigenschaft des menschlichen Individuums. Der Einzelne ist stets auf Abgrenzung bedacht. Sobald sich das Individuum aber mit anderen zur Masse zusammenfindet, entsteht eine neue Dynamik. Die Schutzhaltung wird abgelegt, für den Einzelnen undenkbare Grenzüberschreitungen werden möglich, Energie sucht nach einer – häufig, aber nicht zwangsläufig – gewalttätigen Entladung (vgl. Canetti 1960/2006).
Der Philosoph und Psychologe George Herbert Mead sieht als konstitutiv für kulturelle Identität, also für das Zugehörigkeitsgefühl eines Individuums oder einer sozialen Gruppe zu einem kulturellen Kollektiv, die Bereitschaft an, die Haltung der eigenen Gruppe zu verinnerlichen und sich gegenüber den anderen Gruppenmitgliedern zu verpflichten (Mead 1934/2000). Dies kann allgemein für jedwede überindividuelle Identität angenommen werden.

 

Ethnisch-nationale und religiöse Identität
Nach dem Verlust seiner personalen Identität versucht Adum, sich im Kontext kollektiver Identitäten zu verorten. Zu Beginn seiner Reise von Zagreb, der Stadt, in der er seit seiner Jugend lebt, nach Sarajevo, wo er geboren wurde, sieht sich Adum als Kroate und beansprucht somit auch das Recht für sich, diese nationale Identität kritisieren zu dürfen. Er beobachtet polnische Urlauber in einem Schnellrestaurant und unterstellt ihnen, Ćevapi und Musaka als Verkörperung des Kroatentums zu sehen, während das Polentum in Mickiewicz und Chopin bestehe. Dieser Meinung schließt er sich mit der Feststellung an, die kroatische Identität sei die von Kellnern und Rezeptionisten. Die drei gängigen Wörter für Trinkgeld – tringelt, bakšiš und napojnica – verweisen seiner Ansicht nach darauf, dass sich die Kroaten häufig fremder Herrschaft ergeben hätten (vgl. Freelander, S. 56). Je weiter er sich von Zagreb entfernt, desto unsicherer wird Adum sich aber seines eigenen Kroatentums. Er bedauert die Tatsache, dass er nie aus dem Zagreber Stadtteil der Zugezogenen und Versager in den der Intellektuellen und Erfolgreichen umgezogen ist. Früher seien sie dort keine echten Jugoslawen gewesen, heute seien sie keine echten Kroaten, sondern Bastarde (vgl. Freelander, S. 70f).
Auf seiner Autofahrt von Zagreb nach Sarajevo wird Adum mit seinen Ängsten in Bezug auf Bosnien konfrontiert. Er fühlt sich als Kroate, kann aber aufgrund seiner Herkunft aus Sarajevo nicht in dieser Nationalität aufgehen und hängt so bezüglich seiner ethnischen Zugehörigkeit in der Luft. Er begreift die Anteiligkeit an zwei Ethnien nicht als Chance, sondern als Nachteil. Statt auf Vermittlung und Toleranz setzt er auf Konfrontation – verkörpert in der Pistole, ohne die er sich nicht nach Bosnien wagt. Letztlich sagt er sich im Gespräch mit einem Taxifahrer in Sarajevo resigniert von jeglicher Zugehörigkeit los:

„- Eto, vi ste, naprimjer, Hrvat, a ja sam Bošnjak, i šta nam fali.
- Nisam ja Hrvat.
- Dobro, živite tamo. Nešto uglavom jeste.
- Nešto – uzdahnuo je profesor.” (Freelander, S. 193).
(- Also, Sie sind zum Beispiel Kroate, und ich bin Bosniake, und was soll’s. – Ich bin kein Kroate. – Gut, Sie leben dort. Irgendwas sind Sie ja. – Irgendwas, seufzte der Lehrer.)

Diese undefinierte Verallgemeinerung bedeutet für Adums ethnisch-nationale Identität das Gleiche wie das vernichtende Urteil seiner an Alzheimer erkrankten Mutter für seine personale Identität. Den Rat eines Straßenverkäufers in Bosnien, sich nicht für das zu schämen, was er ist, kann er nicht befolgen (vgl. Freelander, S. 119).

Zu Gruppenidentitäten hat er Zeit seines Lebens eine gespaltene Haltung: Einerseits sehnt er sich nach Zugehörigkeit, dem Aufgehen in der Masse in Canettis Verständnis; andererseits distanziert er sich von jedweder Gruppenzugehörigkeit. Dieser Zwiespalt ist auch auf sprachlicher Ebene erkennbar.
Jergović erzählt aus der personalen Perspektive Adums und gewährt dem Leser Einblick in dessen Gefühle, Erinnerungen und Pläne. Durch die formelle, distanziert-distanzierende Bezeichnung „profesor Karlo Adum“ erschwert er zugleich eine Identifikation des Lesers mit der Hauptfigur des Romans. Häufig wird die Hauptfigur einfach als „Karlo“ oder „Adum“ bezeichnet. Der Einsatz des vollständigen Vor- und Familiennamens mit vorangestelltem Titel wirkt dann als Abweichung von der Gewohnheit geradezu ironisch. Zudem verweist die Berufsbezeichnung, die auch für die Zeit nach Adums Pensionierung beibehalten wird, auf die weggebrochene personale Identität Adums.

In Metaphern und Vergleichen vertieft Jergović das gespaltene Verhältnis Adums zu Identifikationsgruppen. Seinen Wunsch, in Kroatien nicht als fremd angesehen zu werden, kann Adum aufgrund seiner bosnischen Aussprache des Štokavischen nicht erfüllen:

„Ali od tog mu je svijeta trajno ostao neobičan naglasak, čisti i tvrdi štokavski govor, kojim se govori samo na policiji i u školjskoj lektiri, i nesposobnost da progovori onim lijepim, iskupljujućim i bezbrižnim zagrebačkim, da se utopi kao kamen u tamnom bunaru, i tako pruži životni smisao svome bijegu.“ (Freelander, S. 120).
(Aber von dieser Welt sind ihm auf Dauer die ungewöhnliche Betonung geblieben, die reine und harte štokavische Aussprache, die man nur bei der Polizei und bei der Schullektüre verwendet, und die Unfähigkeit, auf jene schöne, befreiende und sorglose Zagreber Art zu sprechen, wie ein Stein in einem dunklen Brunnen zu versinken und dadurch seiner Flucht einen Lebenssinn zu geben.)

Jergović variiert hier das häufig verwendete Bild von einer Menschenmenge als Wassermasse, wie es beispielsweise bei Victor Hugo in Der Glöckner von Notre Dame (1831) auftaucht. Adum träumt eben nicht davon, wie ein Tropfen ins Brunnenwasser zu fallen und somit voll und ganz in der kroatischen Umgebung aufzugehen, vielmehr will er wie ein Stein in ihr versinken. Der Stein wird dadurch zwar unsichtbar und fällt nicht mehr auf, unterscheidet sich aber nach wie vor deutlich von seiner Umgebung. Nicht die völlige Identifikation mit einer Gruppe ist Adums Ziel, sondern das Bewahren von Individualität in einer Masse, der man sich zugehörig fühlt.
Allerdings geht dieser Wunsch nicht ganz auf. Da Adums Auto ein Zagreber Kennzeichen hat, wird er in Bosnien immer als Auswärtiger erkannt. Dies ist Adum äußerst unangenehm. Seine Abneigung dagegen, als nicht zugehörig angesehen zu werden, erstreckt sich auch auf die Religion:

„Strašno je biti tuđinac, pomišljao je dok ih je svake nedjelje gledao pred sigetskom crkvom, strašno je ne moći prekoračiti prag koji prelaze svi drugi, strašno je, strašno je, strašno je, mantrao bi, i lupkao metalnim vrškom svoga planinarskog štapa po asfaltu, i tako bi na još sedam dana odgađao svoj prvi ulazak u crkvu.“ (Freelander, S. 98).
(Es ist schrecklich ein Fremder zu sein, dachte er, während er sie jeden Sonntag vor der Kirche in Siget sah, es ist schrecklich, nicht die Schwelle überschreiten zu können, über die alle anderen gehen, es ist schrecklich, es ist schrecklich, es ist schrecklich, wiederholte er wie ein Mantra und klopfte mit der Metallspitze seines Bergwanderstocks auf den Asphalt, und so schob er dann um weitere sieben Tage den Moment auf, da er die Kirche zum ersten Mal betreten würde.)

Adum kennt die katholischen Riten und weiß in etwa, wann die Menschen im Gottesdienst aufstehen oder sich bekreuzigen. Die allumfassende (katholisch: von griech. καθολικός, allgemein, -gültig) Kirche kommt aber für Adum nicht als Zuflucht in Frage, da er meint, wegen seiner bosnischen Herkunft nicht in der römisch-katholischen Gemeinschaft der Gläubigen aufgehen zu können.

Das „Stanford Humanities Lab (SHL) Crowds project“ stellt die von Gustave Le Bon 1895 in Psychologie des foules aufgestellte These, die „Ära der Massen“ sei angebrochen, nicht prinzipiell in Frage, relativiert sie jedoch. Der moderne Mensch sei durchaus ein Mensch der Masse, „Modern times are crowded times“ (Schnapp/Tiews 2006, S. x). In der postindustriellen Gesellschaft sei das Massenerlebnis aber in bestimmte rituelle Bereiche kanalisiert worden. In Zeiten des Krieges und gravierender sozialer Konflikte stelle sich ausnahmsweise wieder die Situation der gesammelten Aktion ein (vgl. Schnapp/Tiews 2006, S. xi). Karlo Adum ist in dieser Hinsicht ein Paradebeispiel des postindustriellen, individualisierten Menschen, der auch bei jeglicher Form ritualisierten Gruppenerlebens versagt. In Bosnien besucht er zum Beispiel zusammen mit einem Polizisten ein Fußballspiel des Dorfvereins gegen einen Club aus der Herzegowina. Trotz seines immer präsenten Wunsches, nicht als Fremdkörper wahrgenommen zu werden und in der Masse aufzugehen, gelingt es ihm nicht, sich an seine Umgebung anzupassen und das Team seiner Gastgeber anzufeuern, von denen er umringt ist (vgl. Freelander, S. 135ff). Auch dieses Angebot, zumindest für kurze Zeit seine - ohnehin geschwächte - personale Identität hinter die Gruppenidentität einer Fangemeinschaft zu stellen, kann Adum nicht annehmen.
Als Junge hatte er begriffen, dass von Zeit zu Zeit ein Rollenwechsel notwendig ist, da das Leben aus verschiedenen Einzelleben besteht (vgl. Freelander, S. 104). Seine Mutter Josepa hatte es ihm vorgemacht, ihr ‚gelang‘ nach 1945 die Umstellung von einer Nutznießerin des Ustaša-Regimes mit Kontakten zu deutschen Offizieren zu einer treuen Anhängerin des Kommunismus. Die Einsicht seiner Jugend kann Adum als Erwachsener aber nicht umsetzen. Statt die Rollen zu wechseln, spielt er schließlich gar keine Rolle mehr.

 

Jergovic_Miljenko_webWoher nehmen und nicht stehlen?Die Frage, welche Modelle für Menschen auf der Suche nach ihrer Identität in Frage kommen, beschäftigt Jergović auch über den Roman Freelander hinaus. 2007 erschien sein Essay „Tamo? gdje žive drugi ljudi“ (Dort, wo andere Menschen leben) im Sammelband Der andere nebenan. Eine Anthologie aus dem Südosten Europas zusammen mit Texten bosnischer, serbischer, kroatischer, albanischer, kosovarischer, bulgarischer und slowenischer Autoren (novinki: Wieviel Europa verträgt ein Balkan). Sie alle setzen sich mit der Frage nach Identität auseinander und plädieren für ethnische, nationale und religiöse Toleranz. Zugleich verweisen sie auf die Schwierigkeiten bei deren Umsetzung. Jergović beruft sich auf eine einstige europäische Identität, die es seinem Urgroßvater Karlo, einem Donauschwaben, der im heutigen Rumänien geboren wurde, ermöglichte, in Wien und Budapest seine Ausbildung zum Eisenbahner zu machen und schließlich in Sarajevo zu leben. Allerdings zeigt Jergović nicht auf, wie dieser im Rückblick geradezu idyllisch gesehene Zustand wieder erreicht werden könnte. Die kleinere Einheitsvision, das Ideal des ehemaligen Jugoslawien, taugt ihm jedenfalls nicht als Lösung. Die ethnisch-nationale Zugehörigkeit als spezielle Form von Gruppenidentität bleibt ein Problem, dessen Lösung Jergović weder in seinen Texten noch für sich persönlich für möglich hält. Er überlässt es den Journalisten zu entscheiden, ob er selbst auf Kroatisch oder auf Bosnisch schreibe (vgl. novinki: Mašala Jergović, mašala!). Die Suche nach Identität ist nicht nur für Karlo Adum noch nicht zu Ende.

 

Die Übersetzungen ins Deutsche stammen von Yvonne Poerzgen.

 

Literatur    
Canetti, Elias: Masse und Macht. Frankfurt am Main 2006
Swartz, Richard (Hg.): Der andere nebenan. Eine Anthologie aus dem Südosten Europas. Frankfurt am Main 2007.
Swartz, Richard (Hg.): Nepoznati susjed. Antologija s jugoistoka Europe. Zagreb 2007.
Jergović, Miljenko: Freelander. Zagreb 2007.
Jakiša, Miranda: Mašala Jergović, mašala!URL:
http://www.novinki.de/html/vorgestellt/Portrait_Jergovic.html (Zugriff: 22.12.2009).
Locke, John. An Essay Concerning Human Understanding. Ed. Roger Woolhouse. New York 1997. URL:
http://socserv2.mcmaster.ca/~econ/ugcm/3ll3/locke/Essay.htm (Zugriff: 22.12.2009).
Mead, George Herbert: Mind, Self and Society. In: Works of George Herbert Mead. Band 1. Chicago 2000.
Schnapp, Jeffrey T. / Matthew Tiews (Hg.): Crowds. Stanford, California 2006.

Kein Ich, nirgends? – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Kein Ich, nirgends?

Iden­ti­täts­kon­struk­tion im Roman Free­lander von Mil­jenko Jergović

 

Wer ist Ich?
Im Unter­schied zur Iden­tität von Gegen­ständen ist mensch­liche Iden­tität nichts Gege­benes, nichts End­gül­tiges. Iden­tität ist eine Kon­struk­tion, an der jeder Mensch sein Leben lang baut. Die Tat­sache, dass die eigene Iden­tität vom Men­schen per­ma­nent über­prüft und jus­tiert wird, ist ein Hin­weis auf die zen­trale Bedeu­tung von Iden­ti­täts­suche und ‑fin­dung für die mensch­liche Exis­tenz. Dabei gibt es indi­vi­duell große Unter­schiede. Manche Men­schen ruhen bereits weit­ge­hend in sich.
Mil­jenko Jer­go­vićs Roman­fi­guren sind hin­gegen Getrie­bene. Sie sind auf der Suche nach ihrer Iden­tität und nehmen den Leser mit auf diese Reise. Aller­dings gelangen sie nicht immer an ein Ziel. In Jer­go­vićs Texten fun­giert die Frage nach der eigenen Iden­tität als Aus­gangs­punkt und trei­bende Kraft. In seinem Roman Free­lander (2007) lotet Jer­gović nicht nur die Kon­struk­tion per­sön­li­cher, son­dern auch (und vor allem) grup­pen­spe­zi­fi­scher Iden­tität aus. Diese Ana­lyse findet vor dem his­to­ri­schen Hin­ter­grund des Zer­falls Jugo­sla­wiens statt. Der Zer­fall stellt die vor­ma­ligen Bürger des nicht mehr exis­tenten Staates vor die Auf­gabe, ihre Iden­tität neu zu definieren.

 

Per­so­nale Identität 
Der ver­wit­wete, pen­sio­nierte Zagreber Geschichts­lehrer Karlo Adum, die Haupt­figur des Romans Free­lander (2007), ist ein Para­de­bei­spiel geschei­terter Iden­ti­täts­kon­struk­tion. An ihm führt Jer­gović vor, wie ein Mensch sämt­li­cher per­so­naler und über­in­di­vi­du­eller Iden­ti­täten ver­lustig geht und sich in eine Leer­stelle ver­wan­delt. Für den Ver­lust von Adums per­so­naler Iden­tität sind dabei haupt­säch­lich gewöhn­liche Alte­rungs­pro­zesse verantwortlich.
Karlo Adum iden­ti­fi­ziert sich so sehr mit seiner beruf­li­chen Tätig­keit als Geschichts­lehrer, dass er nach 40 Berufs­jahren nur unter Druck in den Ruhe­stand geht. Dabei war ihm weniger der Aus­tausch und der mensch­liche Kon­takt zu Kol­legen wichtig, die ihn eher als alten Kauz betrach­teten, als viel­mehr das Bewusst­sein, einer gere­gelten, sinn­vollen Tätig­keit nach­zu­gehen. Kaum ist ihm durch den Ruhe­stand diese Grund­lage seines Selbst­bildes genommen, fallen ihm auf Schritt und Tritt Phä­no­mene auf, die ihn auf Pro­zesse von Iden­ti­täts­kon­sti­tu­tion und ‑ver­lust ver­weisen. So erlebt Adum die Unzu­ver­läs­sig­keit sprach­li­cher Reprä­sen­ta­tion von Indi­vi­duen. An den Brief­kästen in seinem Haus stehen längst ver­al­tete Namen, der Brief­träger weiß aber, wer in welche Woh­nung gezogen ist. Seine Urlaubs­ver­tre­tung kann die Briefe dagegen nicht zuordnen, da die Bezie­hung zwi­schen den Namen frü­herer Mieter auf den Brief­kästen und denen der neuen Bewohner auf den Sen­dungen nicht erkennbar ist.
Einen Vor­griff auf Adums Schicksal als iden­ti­täts­loser Witwer stellen die Begeg­nungen mit seiner an Alz­heimer erkrankten Mutter dar. Im fort­ge­schrit­tenen Krank­heits­sta­dium erkennt sie Adum nur, wenn er in Ivankas Beglei­tung zu Besuch kommt. Bleibt Ivanka zu Hause, ist Karlo für seine Mutter ein Fremder, ja mehr noch, sie bezeichnet ihn als Nie­mand: „ti si nitko“ (du bist nie­mand; Free­lander, S. 110). In der Welt der kranken Mutter gibt es ihn nicht, weil sie die Erin­ne­rung an seine Geburt durch die Vor­stel­lung ersetzt hat, sie wäre nach Bel­grad gefahren und hätte eine Abtrei­bung vor­nehmen lassen. Schließ­lich spricht sie auch Karlo als Fremdem die mensch­liche Exis­tenz ab. Sie sagt, auch einen Com­puter oder ein Lehr­buch könnte man als Geschichts­lehrer bezeichnen:

„Čovjek je, za razliku od knjige i komp­ju­tora, još nešto. Što još? – Onaj tko to ne zna, taj je ništa! – rado­vala se na kraju kao malo dijete.” (Free­lander, S. 112).
(Ein Mensch ist, anders als ein Buch oder Com­puter, noch etwas anderes. Was noch? Wer das nicht weiß, der ist nichts!, freute sie sich am Ende wie ein kleines Kind.)

Wenn Karlo zusammen mit seiner Ehe­frau Ivanka zu Besuch kommt, erkennt seine Mutter  ihn zwar, bezeichnet ihn aber als ihr Unglück und bittet Ivanka, auf ihn zu achten: „on ništa ne bi znao bez tebe“ (ohne dich wüsste er nichts; Free­lander, S. 113). Sie for­mu­liert hier die Abhän­gig­keit von Adums Kon­strukt einer per­so­nalen Iden­tität von seiner Rolle und Funk­tion als Ivankas Ehe­mann. Der Ver­lust seiner Ehe­frau kurz nach Adums Pen­sio­nie­rung ist für den ehe­ma­ligen Lehrer dann auch nahezu gleich­be­deu­tend mit dem Ver­lust seiner übrigen per­so­nalen Identität.
Karlo Adum durch­lebt einen Wand­lungs­pro­zess, der ihn nach und nach der Ele­mente beraubt, auf denen seine per­sön­liche Iden­tität beruht hatte. Nach dem Ver­lust seines letzten Haltes, seiner Ehe­frau, ist er gera­dezu gesichtslos. In seine neue Rolle als Witwer und Rentner findet sich Karlo Adum nicht ein. Statt dieser Neu­i­den­ti­fi­ka­tion begibt er sich auf die Suche nach der Ver­gan­gen­heit, die auf­zeigt, dass er sich sein ganzes Leben hin­durch nach der Zuge­hö­rig­keit zu einer Gruppe gesehnt hat.
Als Adum per Tele­gramm die Mit­tei­lung erhält, sein Onkel, den er nie gesehen hat, sei in Sara­jevo gestorben, und er solle zur Tes­ta­ments­er­öff­nung kommen, ändert sich nur scheinbar etwas in seinem Leben. Ab diesem Moment kann er sich wieder an Träume erin­nern, doch träumt er immer von einem Sarg, in dem er sich selbst liegen sieht (vgl. Free­lander, S. 31f). Iden­ti­täts­ver­lust und – nicht not­wen­di­ger­weise phy­si­scher – Tod gehen Hand in Hand. In Bezug auf Adums Träume heißt es zu Beginn des Romans, dass er sich nicht an sie erin­nere, „A ono što nije zapamtio, to se nije ni dogo­dilo“ (und das, woran er sich nicht erin­nerte, ist auch nie pas­siert; Free­lander, S. 15).

Den unauf­lös­baren Zusam­men­hang von mensch­li­cher Iden­tität und Gedächtnis hat der eng­li­sche Phi­lo­soph John Locke im 17. Jahr­hun­dert zur Aus­gangs­basis seiner Ana­lyse der Formen mensch­li­cher Iden­tität gemacht. Von der sub­stan­ti­ellen Gleich­heit von Gegen­ständen, die auf die Formel a = a gebracht werden kann,  grenzt Locke die spe­zi­fisch mensch­liche Iden­tität ab, in der das Bewusst­sein für das Selbst (ipse) mit Hilfe des Gedächt­nisses her­vor­ge­bracht wird (vgl. Locke 1690/1997). Später erhielten diese beiden Iden­ti­täts­formen die Bezeich­nungen idem- bzw. ipse-Identität.
Zu der Iden­ti­täts­bil­dung aus dem Indi­vi­duum heraus treten die Zuschrei­bungen durch die Außen­welt. Iden­tität ist somit ein Mehr­fach­kon­strukt, her­vor­ge­bracht durch indi­vi­du­elle Eigen­kon­struk­tion aus dem per­sön­li­chen Erleben und der Aus­ein­an­der­set­zung mit Zuschrei­bungen und Erwar­tungen der Umwelt sowie durch Aner­ken­nung bzw. Aus­gren­zung in Gruppenkontexten.
Eine zen­trale Unter­tei­lung ist hierbei die in per­so­nale oder indi­vi­du­elle (Ich-)Identität und Gruppen-(Wir-)Identität. Für den Phi­lo­so­phen Elias Canetti ist die Angst vor dem anderen eine Grund­ei­gen­schaft des mensch­li­chen Indi­vi­duums. Der Ein­zelne ist stets auf Abgren­zung bedacht. Sobald sich das Indi­vi­duum aber mit anderen zur Masse zusam­men­findet, ent­steht eine neue Dynamik. Die Schutz­hal­tung wird abge­legt, für den Ein­zelnen undenk­bare Grenz­über­schrei­tungen werden mög­lich, Energie sucht nach einer – häufig, aber nicht zwangs­läufig – gewalt­tä­tigen Ent­la­dung (vgl. Canetti 1960/2006).
Der Phi­lo­soph und Psy­cho­loge George Her­bert Mead sieht als kon­sti­tutiv für kul­tu­relle Iden­tität, also für das Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl eines Indi­vi­duums oder einer sozialen Gruppe zu einem kul­tu­rellen Kol­lektiv, die Bereit­schaft an, die Hal­tung der eigenen Gruppe zu ver­in­ner­li­chen und sich gegen­über den anderen Grup­pen­mit­glie­dern zu ver­pflichten (Mead 1934/2000). Dies kann all­ge­mein für jed­wede über­in­di­vi­du­elle Iden­tität ange­nommen werden.

 

Eth­nisch-natio­nale und reli­giöse Identität 
Nach dem Ver­lust seiner per­so­nalen Iden­tität ver­sucht Adum, sich im Kon­text kol­lek­tiver Iden­ti­täten zu ver­orten. Zu Beginn seiner Reise von Zagreb, der Stadt, in der er seit seiner Jugend lebt, nach Sara­jevo, wo er geboren wurde, sieht sich Adum als Kroate und bean­sprucht somit auch das Recht für sich, diese natio­nale Iden­tität kri­ti­sieren zu dürfen. Er beob­achtet pol­ni­sche Urlauber in einem Schnell­re­stau­rant und unter­stellt ihnen, Ćevapi und Musaka als Ver­kör­pe­rung des Kroa­ten­tums zu sehen, wäh­rend das Polentum in Mickie­wicz und Chopin bestehe. Dieser Mei­nung schließt er sich mit der Fest­stel­lung an, die kroa­ti­sche Iden­tität sei die von Kell­nern und Rezep­tio­nisten. Die drei gän­gigen Wörter für Trink­geld – trin­gelt, bakšiš und napo­j­nica – ver­weisen seiner Ansicht nach darauf, dass sich die Kroaten häufig fremder Herr­schaft ergeben hätten (vgl. Free­lander, S. 56). Je weiter er sich von Zagreb ent­fernt, desto unsi­cherer wird Adum sich aber seines eigenen Kroa­ten­tums. Er bedauert die Tat­sache, dass er nie aus dem Zagreber Stadt­teil der Zuge­zo­genen und Ver­sager in den der Intel­lek­tu­ellen und Erfolg­rei­chen umge­zogen ist. Früher seien sie dort keine echten Jugo­slawen gewesen, heute seien sie keine echten Kroaten, son­dern Bas­tarde (vgl. Free­lander, S. 70f).
Auf seiner Auto­fahrt von Zagreb nach Sara­jevo wird Adum mit seinen Ängsten in Bezug auf Bos­nien kon­fron­tiert. Er fühlt sich als Kroate, kann aber auf­grund seiner Her­kunft aus Sara­jevo nicht in dieser Natio­na­lität auf­gehen und hängt so bezüg­lich seiner eth­ni­schen Zuge­hö­rig­keit in der Luft. Er begreift die Antei­lig­keit an zwei Eth­nien nicht als Chance, son­dern als Nach­teil. Statt auf Ver­mitt­lung und Tole­ranz setzt er auf Kon­fron­ta­tion – ver­kör­pert in der Pis­tole, ohne die er sich nicht nach Bos­nien wagt. Letzt­lich sagt er sich im Gespräch mit einem Taxi­fahrer in Sara­jevo resi­gniert von jeg­li­cher Zuge­hö­rig­keit los:

„- […] Eto, vi ste, naprimjer, Hrvat, a ja sam Bošnjak, i šta nam fali.
– Nisam ja Hrvat.
– Dobro, živite tamo. Nešto uglavom jeste.
– Nešto – uzdahnuo je pro­fesor.” (Free­lander, S. 193).
(- […] Also, Sie sind zum Bei­spiel Kroate, und ich bin Bos­niake, und was soll’s. – Ich bin kein Kroate. – Gut, Sie leben dort. Irgendwas sind Sie ja. – Irgendwas, seufzte der Lehrer.)

Diese unde­fi­nierte Ver­all­ge­mei­ne­rung bedeutet für Adums eth­nisch-natio­nale Iden­tität das Gleiche wie das ver­nich­tende Urteil seiner an Alz­heimer erkrankten Mutter für seine per­so­nale Iden­tität. Den Rat eines Stra­ßen­ver­käu­fers in Bos­nien, sich nicht für das zu schämen, was er ist, kann er nicht befolgen (vgl. Free­lander, S. 119).

Zu Grup­pen­iden­ti­täten hat er Zeit seines Lebens eine gespal­tene Hal­tung: Einer­seits sehnt er sich nach Zuge­hö­rig­keit, dem Auf­gehen in der Masse in Canettis Ver­ständnis; ande­rer­seits distan­ziert er sich von jed­weder Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit. Dieser Zwie­spalt ist auch auf sprach­li­cher Ebene erkennbar.
Jer­gović erzählt aus der per­so­nalen Per­spek­tive Adums und gewährt dem Leser Ein­blick in dessen Gefühle, Erin­ne­rungen und Pläne. Durch die for­melle, distan­ziert-distan­zie­rende Bezeich­nung „pro­fesor Karlo Adum“ erschwert er zugleich eine Iden­ti­fi­ka­tion des Lesers mit der Haupt­figur des Romans. Häufig wird die Haupt­figur ein­fach als „Karlo“ oder „Adum“ bezeichnet. Der Ein­satz des voll­stän­digen Vor- und Fami­li­en­na­mens mit vor­an­ge­stelltem Titel wirkt dann als Abwei­chung von der Gewohn­heit gera­dezu iro­nisch. Zudem ver­weist die Berufs­be­zeich­nung, die auch für die Zeit nach Adums Pen­sio­nie­rung bei­be­halten wird, auf die weg­ge­bro­chene per­so­nale Iden­tität Adums.

In Meta­phern und Ver­glei­chen ver­tieft Jer­gović das gespal­tene Ver­hältnis Adums zu Iden­ti­fi­ka­ti­ons­gruppen. Seinen Wunsch, in Kroa­tien nicht als fremd ange­sehen zu werden, kann Adum auf­grund seiner bos­ni­schen Aus­sprache des Što­ka­vi­schen nicht erfüllen:

„Ali od tog mu je svi­jeta trajno ostao neo­bičan naglasak, čisti i tvrdi što­kavski govor, kojim se govori samo na poli­ciji i u škol­jskoj lek­tiri, i nes­pos­ob­nost da pro­go­vori onim lijepim, isku­plju­jućim i bez­brižnim zagreb­ačkim, da se utopi kao kamen u tamnom bunaru, i tako pruži životni smisao svome bijegu.“ (Free­lander, S. 120).
(Aber von dieser Welt sind ihm auf Dauer die unge­wöhn­liche Beto­nung geblieben, die reine und harte što­ka­vi­sche Aus­sprache, die man nur bei der Polizei und bei der Schul­lek­türe ver­wendet, und die Unfä­hig­keit, auf jene schöne, befrei­ende und sorg­lose Zagreber Art zu spre­chen, wie ein Stein in einem dunklen Brunnen zu ver­sinken und dadurch seiner Flucht einen Lebens­sinn zu geben.)

Jer­gović vari­iert hier das häufig ver­wen­dete Bild von einer Men­schen­menge als Was­ser­masse, wie es bei­spiels­weise bei Victor Hugo in Der Glöckner von Notre Dame (1831) auf­taucht. Adum träumt eben nicht davon, wie ein Tropfen ins Brun­nen­wasser zu fallen und somit voll und ganz in der kroa­ti­schen Umge­bung auf­zu­gehen, viel­mehr will er wie ein Stein in ihr ver­sinken. Der Stein wird dadurch zwar unsichtbar und fällt nicht mehr auf, unter­scheidet sich aber nach wie vor deut­lich von seiner Umge­bung. Nicht die völ­lige Iden­ti­fi­ka­tion mit einer Gruppe ist Adums Ziel, son­dern das Bewahren von Indi­vi­dua­lität in einer Masse, der man sich zuge­hörig fühlt.
Aller­dings geht dieser Wunsch nicht ganz auf. Da Adums Auto ein Zagreber Kenn­zei­chen hat, wird er in Bos­nien immer als Aus­wär­tiger erkannt. Dies ist Adum äußerst unan­ge­nehm. Seine Abnei­gung dagegen, als nicht zuge­hörig ange­sehen zu werden, erstreckt sich auch auf die Religion:

„Strašno je biti tuđinac, pomišljao je dok ih je svake ned­jelje gledao pred sigetskom crkvom, strašno je ne moći pre­ko­račiti prag koji pre­laze svi drugi, strašno je, strašno je, strašno je, man­trao bi, i lupkao metalnim vrškom svoga pla­ni­narskog štapa po asfaltu, i tako bi na još sedam dana odgađao svoj prvi ulazak u crkvu.“ (Free­lander, S. 98).
(Es ist schreck­lich ein Fremder zu sein, dachte er, wäh­rend er sie jeden Sonntag vor der Kirche in Siget sah, es ist schreck­lich, nicht die Schwelle über­schreiten zu können, über die alle anderen gehen, es ist schreck­lich, es ist schreck­lich, es ist schreck­lich, wie­der­holte er wie ein Mantra und klopfte mit der Metall­spitze seines Berg­wan­der­stocks auf den Asphalt, und so schob er dann um wei­tere sieben Tage den Moment auf, da er die Kirche zum ersten Mal betreten würde.)

Adum kennt die katho­li­schen Riten und weiß in etwa, wann die Men­schen im Got­tes­dienst auf­stehen oder sich bekreu­zigen. Die all­um­fas­sende (katho­lisch: von griech. καθολικός, all­ge­mein, ‑gültig) Kirche kommt aber für Adum nicht als Zuflucht in Frage, da er meint, wegen seiner bos­ni­schen Her­kunft nicht in der römisch-katho­li­schen Gemein­schaft der Gläu­bigen auf­gehen zu können.

Das „Stan­ford Huma­nities Lab (SHL) Crowds pro­ject“ stellt die von Gustave Le Bon 1895 in Psy­cho­logie des foules auf­ge­stellte These, die „Ära der Massen“ sei ange­bro­chen, nicht prin­zi­piell in Frage, rela­ti­viert sie jedoch. Der moderne Mensch sei durchaus ein Mensch der Masse, „Modern times are crowded times“ (Schnapp/Tiews 2006, S. x). In der post­in­dus­tri­ellen Gesell­schaft sei das Mas­sen­er­lebnis aber in bestimmte ritu­elle Bereiche kana­li­siert worden. In Zeiten des Krieges und gra­vie­render sozialer Kon­flikte stelle sich aus­nahms­weise wieder die Situa­tion der gesam­melten Aktion ein (vgl. Schnapp/Tiews 2006, S. xi). Karlo Adum ist in dieser Hin­sicht ein Para­de­bei­spiel des post­in­dus­tri­ellen, indi­vi­dua­li­sierten Men­schen, der auch bei jeg­li­cher Form ritua­li­sierten Grup­pen­er­le­bens ver­sagt. In Bos­nien besucht er zum Bei­spiel zusammen mit einem Poli­zisten ein Fuß­ball­spiel des Dorf­ver­eins gegen einen Club aus der Her­ze­go­wina. Trotz seines immer prä­senten Wun­sches, nicht als Fremd­körper wahr­ge­nommen zu werden und in der Masse auf­zu­gehen, gelingt es ihm nicht, sich an seine Umge­bung anzu­passen und das Team seiner Gast­geber anzu­feuern, von denen er umringt ist (vgl. Free­lander, S. 135ff). Auch dieses Angebot, zumin­dest für kurze Zeit seine – ohnehin geschwächte – per­so­nale Iden­tität hinter die Grup­pen­iden­tität einer Fan­ge­mein­schaft zu stellen, kann Adum nicht annehmen.
Als Junge hatte er begriffen, dass von Zeit zu Zeit ein Rol­len­wechsel not­wendig ist, da das Leben aus ver­schie­denen Ein­zel­leben besteht (vgl. Free­lander, S. 104). Seine Mutter Josepa hatte es ihm vor­ge­macht, ihr ‚gelang‘ nach 1945 die Umstel­lung von einer Nutz­nie­ßerin des Ustaša-Regimes mit Kon­takten zu deut­schen Offi­zieren zu einer treuen Anhän­gerin des Kom­mu­nismus. Die Ein­sicht seiner Jugend kann Adum als Erwach­sener aber nicht umsetzen. Statt die Rollen zu wech­seln, spielt er schließ­lich gar keine Rolle mehr.

 

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Woher nehmen und nicht stehlen?Die Frage, welche Modelle für Men­schen auf der Suche nach ihrer Iden­tität in Frage kommen, beschäf­tigt Jer­gović auch über den Roman Free­lander hinaus. 2007 erschien sein Essay „Tamo? gdje žive drugi ljudi“ (Dort, wo andere Men­schen leben) im Sam­mel­band Der andere nebenan. Eine Antho­logie aus dem Süd­osten Europas zusammen mit Texten bos­ni­scher, ser­bi­scher, kroa­ti­scher, alba­ni­scher, koso­va­ri­scher, bul­ga­ri­scher und slo­we­ni­scher Autoren (novinki: Wie­viel Europa ver­trägt ein Balkan). Sie alle setzen sich mit der Frage nach Iden­tität aus­ein­ander und plä­dieren für eth­ni­sche, natio­nale und reli­giöse Tole­ranz. Zugleich ver­weisen sie auf die Schwie­rig­keiten bei deren Umset­zung. Jer­gović beruft sich auf eine eins­tige euro­päi­sche Iden­tität, die es seinem Urgroß­vater Karlo, einem Donau­schwaben, der im heu­tigen Rumä­nien geboren wurde, ermög­lichte, in Wien und Buda­pest seine Aus­bil­dung zum Eisen­bahner zu machen und schließ­lich in Sara­jevo zu leben. Aller­dings zeigt Jer­gović nicht auf, wie dieser im Rück­blick gera­dezu idyl­lisch gese­hene Zustand wieder erreicht werden könnte. Die klei­nere Ein­heits­vi­sion, das Ideal des ehe­ma­ligen Jugo­sla­wien, taugt ihm jeden­falls nicht als Lösung. Die eth­nisch-natio­nale Zuge­hö­rig­keit als spe­zi­elle Form von Grup­pen­iden­tität bleibt ein Pro­blem, dessen Lösung Jer­gović weder in seinen Texten noch für sich per­sön­lich für mög­lich hält. Er über­lässt es den Jour­na­listen zu ent­scheiden, ob er selbst auf Kroa­tisch oder auf Bos­nisch schreibe (vgl. novinki: Mašala Jer­gović, mašala!). Die Suche nach Iden­tität ist nicht nur für Karlo Adum noch nicht zu Ende.

 

Die Über­set­zungen ins Deut­sche stammen von Yvonne Poerzgen.

 

Lite­ratur    
Canetti, Elias: Masse und Macht. Frank­furt am Main 2006
Swartz, Richard (Hg.): Der andere nebenan. Eine Antho­logie aus dem Süd­osten Europas. Frank­furt am Main 2007.
Swartz, Richard (Hg.): Nepoz­nati susjed. Anto­lo­gija s jugo­is­toka Europe. Zagreb 2007.
Jer­gović, Mil­jenko: Free­lander. Zagreb 2007.
Jakiša, Miranda: Mašala Jer­gović, mašala!URL:
http://www.novinki.de/html/vorgestellt/Portrait_Jergovic.html (Zugriff: 22.12.2009).
Locke, John. An Essay Con­cer­ning Human Under­stan­ding. Ed. Roger Wool­house. New York 1997. URL:
http://socserv2.mcmaster.ca/~econ/ugcm/3ll3/locke/Essay.htm (Zugriff: 22.12.2009).
Mead, George Her­bert: Mind, Self and Society. In: Works of George Her­bert Mead. Band 1. Chi­cago 2000.
Schnapp, Jef­frey T. / Mat­thew Tiews (Hg.): Crowds. Stan­ford, Cali­fornia 2006.