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Bittersüßes – über Leben und Tod

Posted on 3. April 2017 by novinki

Was ist so komisch an einer sterbenden Mutter, einem kranken Vater und deren Töchtern, die sich dauernd streiten? Wer sich unter Kinga Dębskas Tragikomödie Moje córki krowy (Meine doofen Töchter, 2015) ein düsteres Familiendrama vorstellt, wird positiv überrascht sein.
moje_corki_krowy
Im Mittelpunkt stehen die Schwestern Marta (Agata Kulesza) und Kasia (Gabriela Muskała), die nicht unterschiedlicher sein könnten: Die ältere Marta, eine berühmte Fernsehserienschauspielerin, ist geschieden und alleinerziehende Mutter. Die jüngere Kasia ist Lehrerin mit pubertierendem Sohn und arbeitslosem Mann. Die erste ist abgehärtet und selbstständig. Die zweite braucht mehr Unterstützung und ist stärker auf andere Personen angewiesen. Marta wirkt cooler und distanzierter, Kasia wiederum kümmert sich mehr um alle und alles.

Die Intensität ihrer Beziehung reicht von Hass über Rivalität und Überlegenheit bis hin zu Solidarität, gegenseitiger Hilfe und Fürsorge, die sie mit kleinen Gesten ausdrücken. Die Schwestern streiten im Auto über Männer. Dann essen sie zu Mittag in familiärer Atmosphäre, um sich zum Schluss gegenseitig vorzuwerfen, die jeweils andere sei alkoholabhängig. Beide versuchen, den Vater unter Kontrolle zu bringen, der sogar noch im Krankenhaus nach Wodka sucht.

Mein Gott, was raucht ihr denn?!“

Eine Szene im Krankenhaus: Der Vater geht die Treppe hinunter auf dem Weg zum Krankenbett seiner Frau. Plötzlich stürzt er, bleibt bewusstlos liegen. Die ältere Tochter Marta schreit nach einem Arzt. Diagnose: Krebs! Eine andere Szene im Familiengarten: Der kranke Vater mit einer Bandage um den Kopf und die ältere Tochter sitzen nachts auf der Bank. Beide kichern und lachen. Sie teilen sich einen Joint. Die jüngere Tochter Kasia fragt entsetzt, was die beiden da rauchen. Als Antwort kommt nur ein Lachen. Die Darstellung des Umgangs mit Krankheit und Tod wirkt durch Ironie und Sarkasmus teilweise skurril. Die Unaufdringlichkeit und der Humor der Erzählweise lassen kein Mitleid zu. Bei allem Befremden über manche Reaktionen der Figuren kann man aber mit ihnen mitfühlen.

Man muss sich auf jede Sekunde des Lebens freuen“

Eine Stärke des Films liegt in seiner Realitätsnähe. Man sieht hier kein süßliches Bild einer immer glücklichen Idealfamilie. Sie kann ebenso zu einer Quelle des Leidens, der Konflikte und der Rivalität werden. Die SchauspielerInnen spielen ihre Rollen mit einer Leichtigkeit, die die ZuschauerInnen in ihren Bann zieht. Der Film überzeugt zugleich durch sein gutes Drehbuch – mit einer schwierigen Geschichte, die mit Frische und Humor erzählt wird. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Meine doofen Töchter einen Publikums-, Journalisten- sowie Kinonetzwerkpreis und zahlreiche weitere Nominierungen auf dem Festival der Polnischen Spielfilme 2015 in Gdynia erhielt.

von Olga Pokrzywniak

Dębska, Kinga: Moje córki krowy (Meine doofen Töchter). Polen, 2015, 88 Min.

druckdatei

 

Bittersüßes – über Leben und Tod – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Bittersüßes – über Leben und Tod

Was ist so komisch an einer ster­benden Mutter, einem kranken Vater und deren Töch­tern, die sich dau­ernd streiten? Wer sich unter Kinga Dębskas Tra­gi­ko­mödie Moje córki krowy (Meine doofen Töchter, 2015) ein düs­teres Fami­li­en­drama vor­stellt, wird positiv überrascht sein.
moje_corki_krowy
Im Mit­tel­punkt stehen die Schwes­tern Marta (Agata Kulesza) und Kasia (Gabriela Mus­kała), die nicht unter­schied­li­cher sein könnten: Die ältere Marta, eine berühmte Fern­seh­se­ri­en­schau­spie­lerin, ist geschieden und allein­er­zie­hende Mutter. Die jüngere Kasia ist Leh­rerin mit puber­tie­rendem Sohn und arbeits­losem Mann. Die erste ist abge­härtet und selbst­ständig. Die zweite braucht mehr Unterstützung und ist stärker auf andere Per­sonen ange­wiesen. Marta wirkt cooler und distan­zierter, Kasia wie­derum kümmert sich mehr um alle und alles.

Die Inten­sität ihrer Bezie­hung reicht von Hass über Riva­lität und Über­le­gen­heit bis hin zu Soli­da­rität, gegen­sei­tiger Hilfe und Fürsorge, die sie mit kleinen Gesten ausdrücken. Die Schwes­tern streiten im Auto über Männer. Dann essen sie zu Mittag in fami­liärer Atmo­sphäre, um sich zum Schluss gegen­seitig vor­zu­werfen, die jeweils andere sei alko­hol­ab­hängig. Beide ver­su­chen, den Vater unter Kon­trolle zu bringen, der sogar noch im Kran­ken­haus nach Wodka sucht.

Mein Gott, was raucht ihr denn?!“

Eine Szene im Kran­ken­haus: Der Vater geht die Treppe hin­unter auf dem Weg zum Kran­ken­bett seiner Frau. Plötz­lich stürzt er, bleibt bewusstlos liegen. Die ältere Tochter Marta schreit nach einem Arzt. Dia­gnose: Krebs! Eine andere Szene im Fami­li­en­garten: Der kranke Vater mit einer Ban­dage um den Kopf und die ältere Tochter sitzen nachts auf der Bank. Beide kichern und lachen. Sie teilen sich einen Joint. Die jüngere Tochter Kasia fragt ent­setzt, was die beiden da rau­chen. Als Ant­wort kommt nur ein Lachen. Die Dar­stel­lung des Umgangs mit Krank­heit und Tod wirkt durch Ironie und Sar­kasmus teil­weise skurril. Die Unauf­dring­lich­keit und der Humor der Erzähl­weise lassen kein Mit­leid zu. Bei allem Befremden über manche Reak­tionen der Figuren kann man aber mit ihnen mitfühlen.

Man muss sich auf jede Sekunde des Lebens freuen“

Eine Stärke des Films liegt in seiner Rea­li­täts­nähe. Man sieht hier kein süßliches Bild einer immer glücklichen Ide­al­fa­milie. Sie kann ebenso zu einer Quelle des Lei­dens, der Kon­flikte und der Riva­lität werden. Die Schau­spie­le­rInnen spielen ihre Rollen mit einer Leich­tig­keit, die die Zuschaue­rInnen in ihren Bann zieht. Der Film überzeugt zugleich durch sein gutes Dreh­buch – mit einer schwie­rigen Geschichte, die mit Fri­sche und Humor erzählt wird. Es ist daher nicht ver­wun­der­lich, dass Meine doofen Töchter einen Publikums‑, Jour­na­listen- sowie Kino­netz­werk­preis und zahl­reiche wei­tere Nomi­nie­rungen auf dem Fes­tival der Pol­ni­schen Spiel­filme 2015 in Gdynia erhielt.

von Olga Pokrzywniak

Dębska, Kinga: Moje córki krowy (Meine doofen Töchter). Polen, 2015, 88 Min.

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