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Polański, Hłasko & Co: Henryk Grynberg erzählt über seine Generation im Exil

Posted on 20. Dezember 2019 by Katarzyna Hajduk
Henryk Grynbergs Prosaband "Flüchtlinge" (Uchodźcy, 2004) erzählt die Geschichte seiner Generation: Es ist die Geschichte von ’Schiffbrüchigen‘, der polnischen und polnisch-jüdischen Migrant_innen der 1950er und 1960er Jahre, die im Exil nach einem Zufluchtsort suchen, stets begleitet von dem Gefühl, fremd zu sein.

Henryk Grynbergs Prosaband "Flüchtlinge" (Uchodźcy, 2004) erzählt die Geschichte seiner Generation: Es ist die Geschichte von ’Schiffbrüchigen‘, der polnischen und polnisch-jüdischen Migrant_innen der 1950er und 1960er Jahre, die im Exil nach einem Zufluchtsort suchen, stets begleitet von dem Gefühl, fremd zu sein.

Was weiß man hierzulande schon über das polnische Exil, insbesondere jenes Exil des Ausnahmejahrs 1968? Während in Westdeutschland die Proteste der Studentenbewegung im Jahr 1968 im Mittelpunkt politischer Ereignisse standen, erreichte in der Volksrepublik Polen die Hetze der kommunistischen Partei sowohl gegen jüdische Polen als auch nicht-jüdische freidenkende Intellektuelle ihren Kulminationspunkt. Nach der Absetzung der Aufführung von Totenfeier, eines romantischen Dramas des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz, kam es im März 1968 zu Massenprotesten der Warschauer Studierenden und Intellektuellen. Die polnischen Jüdinnen und Juden wurden der Anstiftung zu diesen Protesten beschuldigt. Unter dem Deckmantel des nach dem Sechstagekrieg im gesamten Ostblock betriebenen ‚Antizionismus‘ begann die Säuberung der Staatsverwaltung, der Wissenschaft und des kulturellen Lebens von ‚zionistischen Elementen‘. Diese Ereignisse führten zu einer durch Schikanen erzwungenen Massenmigration. Obwohl Henryk Grynberg die Volksrepublik Polen bereits im Oktober 1967 verließ, fühlt er sich doch als Sprecher der ‚Märzflüchtlinge‘ von 1968. Sein autobiographischer Erzählband Flüchtlinge aus dem Jahr 2004 erschien 2018 in der deutschen Übersetzung von Lothar Quinkenstein.

Die Unsichtbarkeit der Jüdinnen und Juden

Das zentrale Thema der Prosa von Henryk Grynberg ist das spannungsvolle polnisch-jüdische Verhältnis. In seinen frühen Erzählungen Der jüdische Krieg (1965) und Sieg (1969) setzt er sich mit dem tragischen Schicksal seiner Familie auseinander. Grynberg beschränkt sich nicht nur auf den Zeitraum des Holocausts, sondern geht über den Zweiten Weltkrieg hinaus in die Nachkriegszeit. Die Erzählung Sieg, die von der Zeit des Wiederaufbaus des Landes als Volksrepublik in den 1950er Jahren handelt, beendet Grynberg mit dem Gedanken, dass der Unterschied zwischen Krieg und Frieden für Jüdinnen und Juden klein sei. Während das Land den Sieg feierte, verspürten sie auch nach der Befreiung durch die Sowjetarmee und in der späteren Nachkriegszeit eine schwer definierbare Angst, als wäre der Krieg immer noch da, verborgen unter der Oberfläche des Lebens. Man kann dem Eindruck kaum widerstehen, dass Grynberg diesen Gedanken in seinem Buch Flüchtlinge weiterverfolgt. Mit zynischer Bitterkeit beschreibt er die Unsichtbarkeit des Jüdischen im polnischen öffentlichen Diskurs, im Kulturbetrieb, in der Künstler_innenszene und sogar in der Filmindustrie. Dabei wurden Kinos im Nachkriegspolen überwiegend von Jüdinnen und Juden gegründet und betrieben. In der berühmten Filmhochschule in Łódź haben überwiegend Jüdinnen und Juden gelehrt. Über das Jüdische sprach man aber nicht; so studierte man auch die Werke von Franz Kafka oder Bruno Schulz ohne zu wissen, dass sie jüdisch waren.

Die Unsichtbarkeit des Jüdischen in den ersten Nachkriegsjahrzehnten begegnet Grynberg auch während seiner Aufenthalte in Italien, Argentinien und noch später im Exil in den USA. Die eigene jüdische Herkunft wird von seinen Zeitgenossen nicht selten verdrängt, verschwiegen oder sogar durch Vortäuschung einer antisemitischen Haltung überspielt. Doch offenbart sie sich in ungewollten Gesten, im flüchtigen Gespräch oder durch die zufällig entdeckte Tätowierung auf dem Arm. Grynberg schont die Zeitgenoss_innen nicht: Die Pflaster auf den Nasen auffällig vieler Frauen in Argentinien seien weder die Folge einer Gewalttat noch eines Unfalls. Es sind Jüdinnen, die ihre „jüdischen Nasen loswerden möchten“. Keiner traute sich, Jude zu sein. Selbst in Israel, im Zufluchtsort für Verfolgte, schämte man sich, Jiddisch zu sprechen, denn „Israel schämte sich für diejenigen, die sich ermorden ließen“. In der Geschichte der europäischen Städte, die Grynberg auf seinen Reisen besucht, verbirgt sich oft eine lange Geschichte der Flucht bzw. Vertreibung der Jüdinnen und Juden.

Grynberg hat sich nicht zuletzt aus Protest gegen die Eingriffe der Zensur in seine ersten Erzählungen, die Anfang der 1960er Jahre in der Volksrepublik Polen erschienen sind, für ein Leben im Exil entschieden. Seine Suche nach einem Zufluchtsort war zugleich eine Suche nach schriftstellerischer Freiheit. Wenn Freiheit für Jüdinnen und Juden der alten Zeit bedeutete, wie Grynberg in Flüchtlinge schreibt, unter dem Feigenbäumchen zu sitzen und sich vor nichts fürchten zu müssen – und ohne Angst schreiben zu können, wie der Jude der neuen Zeit hinzufügen würde –, so stellt sich für den Autor die Frage, wo man dieses Feigenbäumchen hernehme.

Grynberg als Chronist

In Flüchtlinge erzählt Grynberg nicht nur von seinem Leben, sondern schreibt die Geschichte der künstlerischen Bohème Polens der 1950er und 1960er Jahre. Zunächst ist es die Bohème, die sich um das Jüdische Theater in Łódź formierte und in der er nach einem kulturellen Asyl suchte. Später bleibt für Grynberg, der 1967 von einer Gasttournee mit dem Jüdischen Theater in New York nicht mehr in seine Heimat zurückkehrt, und andere polnische und polnisch-jüdische Künstler_innen nur noch das Exil. In seiner Chronik tauchen Namen wie Roman Polański, Sławomir Mrożek und Czesław Miłosz auf, aber auch Krzysztof Komeda, ein Jazzpianist, der unter anderem die Filmmusik für Polański komponierte, oder Marek Hłasko, ein Schriftsteller, der einen Kultstatus genoss und als polnischer James Dean bezeichnet wurde. Grynbergs Erzählung lässt uns am Menschlichen hinter den großen Namen teilhaben und an den vergeblichen Bemühungen jener Kunstschaffender, unter den staatssozialistischen Bedingungen weiterhin Künstler zu bleiben. Er nannte sie „die Generation der Heruntergekommenen“.

Flüchtlinge lässt sich nicht klar einer literarischen Gattung zuordnen. Grynbergs Erzählform verbindet die Merkmale von Autobiographie, Reportage und Essay. Obwohl es an manchen Stellen, insbesondere dort, wo Grynberg Aktivitäten der polnischen Regierung gegen Jüdinnen und Juden schildert, nicht an einer emotionalen Dramaturgie fehlt, überwiegt in seinem Buch eine anekdotische Erzählweise. Grynberg verfasst seine Chronik einerseits mit einem nüchternen Blick, andererseits mit Witz und Ironie. Auch wenn eine tiefgehende Analyse einzelner Schicksale fehlt, verbirgt sich oft zwischen den Zeilen der anekdotenhaft und leicht erzählten Geschichten der Protagonisten ein tragisches Schicksal – wie in der Geschichte des geheimnisvollen Marek W., eines Schulfreunds von Grynberg aus der Oberschule in Łódź. Ein Jahr vor dem Abitur wurde er von der Schule entlassen, da er als ‚zersetzendes Element‘ eingestuft wurde. Er wollte Journalismus studieren, um ins Ausland fahren zu können. Später erfährt Grynberg, dass Marek W. in Wirklichkeit David Kleinmann heißt und im Zweiten Weltkrieg von einer polnischen Familie gerettet wurde. Zuerst wanderte er nach Wien aus und heiratete die Tochter eines argentinischen Großgrundbesitzers. In den Briefen an seine Mutter schrieb er, dass es ihm gut ginge und er durch Pampalandschaften ritte. Zu einem späteren Zeitpunkt trifft ihn Grynberg in einem Café in Argentinien. Marek W. hatte einen zu großen Anzug an und trug bei sich einen versteckten Revolver, vorne fehlten ihm die Zähne. Auf die Frage hin, was für Nachrichten Grynberg seiner Mutter übermitteln solle, wurde sein Blick traurig. In einer solchen Weise erzählt Grynberg seine Geschichten: Vieles wird angedeutet bzw. nebenbei erwähnt.

Die deutschsprachige Ausgabe wurde vom Arco Verlag in Zusammenarbeit mit Henryk Grynberg vorbereitet und für die deutschen Leser_innen mit zusätzlichem Material versehen. Anders als die polnische Originalausgabe wurde sie mit zahlreichen Fotos ausgestattet. Das betont nicht nur den dokumentarischen Charakter, sondern verleiht auch den Protagonisten, deren Geschichten erzählt werden, ein Gesicht. Ein hinzugefügtes Interview mit dem Autor aus dem Jahr 2017 spannt den Bogen bis in die Gegenwart. Auf den Innenseiten des Buchumschlages wurde Grynbergs Gedicht Unser Pazifik aus dem Band Antynostalgia (1971) platziert, das die schmerzhafte Erfahrung des Exils – das Gefühl, nirgendwo mehr zu Hause zu sein – verarbeitet und den polnischen Exilant_innen in San Francisco gewidmet ist. Lothar Quinkenstein unterstützt zudem die deutschsprachigen Leser_innen durch die Bereitstellung eines Glossars. Die deutsche Ausgabe von Flüchtlinge soll, so der Übersetzer, einen Beitrag zur Erinnerung gegen die Unwissenheit über das polnische und polnisch-jüdische Exil um das Jahr 1968 leisten.

Literatur

Grynberg, Henryk: Uchodźcy. Warszawa 2004 (neue Ausgabe: Wołowiec 2018).

Grynberg, Henryk: Flüchtlinge. Aus dem Polnischen von Lothar Quinkenstein. Wuppertal 2018.

Grynberg, Henryk: Der Sieg. Drei Erzählungen. Aus dem Polnischen von Vera Cerny und Lothar Quinkenstein. Berlin 2016.

Weiterführende Links

Interview mit Henryk Grynberg zum Buch Flüchtlinge in polnischer Sprache.

Polański, Hłasko & Co: Henryk Grynberg erzählt über seine Generation im Exil – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Polański, Hłasko & Co: Henryk Gryn­berg erzählt über seine Genera­tion im Exil

Henryk Gryn­bergs Pro­sa­bandFlücht­linge” (Ucho­dźcy, 2004) erzählt die Geschichte seiner Genera­tion: Es ist die Geschichte von ’Schiff­brü­chigen‘, der pol­ni­schen und pol­nisch-jüdi­schen Migrant_innen der 1950er und 1960er Jahre, die im Exil nach einem Zufluchtsort suchen, stets begleitet von dem Gefühl, fremd zu sein. 

Was weiß man hier­zu­lande schon über das pol­ni­sche Exil, ins­be­son­dere jenes Exil des Aus­nah­me­jahrs 1968? Wäh­rend in West­deutsch­land die Pro­teste der Stu­den­ten­be­we­gung im Jahr 1968 im Mit­tel­punkt poli­ti­scher Ereig­nisse standen, erreichte in der Volks­re­pu­blik Polen die Hetze der kom­mu­nis­ti­schen Partei sowohl gegen jüdi­sche Polen als auch nicht-jüdi­sche frei­den­kende Intel­lek­tu­elle ihren Kul­mi­na­ti­ons­punkt. Nach der Abset­zung der Auf­füh­rung von Toten­feier, eines roman­ti­schen Dramas des pol­ni­schen Natio­nal­dich­ters Adam Mickie­wicz, kam es im März 1968 zu Mas­sen­pro­testen der War­schauer Stu­die­renden und Intel­lek­tu­ellen. Die pol­ni­schen Jüdinnen und Juden wurden der Anstif­tung zu diesen Pro­testen beschul­digt. Unter dem Deck­mantel des nach dem Sechs­ta­ge­krieg im gesamten Ost­block betrie­benen ‚Anti­zio­nismus‘ begann die Säu­be­rung der Staats­ver­wal­tung, der Wis­sen­schaft und des kul­tu­rellen Lebens von ‚zio­nis­ti­schen Ele­menten‘. Diese Ereig­nisse führten zu einer durch Schi­kanen erzwun­genen Mas­sen­mi­gra­tion. Obwohl Henryk Gryn­berg die Volks­re­pu­blik Polen bereits im Oktober 1967 ver­ließ, fühlt er sich doch als Spre­cher der ‚März­flücht­linge‘ von 1968. Sein auto­bio­gra­phi­scher Erzähl­band Flücht­linge aus dem Jahr 2004 erschien 2018 in der deut­schen Über­set­zung von Lothar Quinkenstein.

Die Unsicht­bar­keit der Jüdinnen und Juden 

Das zen­trale Thema der Prosa von Henryk Gryn­berg ist das span­nungs­volle pol­nisch-jüdi­sche Ver­hältnis. In seinen frühen Erzäh­lungen Der jüdi­sche Krieg (1965) und Sieg (1969) setzt er sich mit dem tra­gi­schen Schicksal seiner Familie aus­ein­ander. Gryn­berg beschränkt sich nicht nur auf den Zeit­raum des Holo­causts, son­dern geht über den Zweiten Welt­krieg hinaus in die Nach­kriegs­zeit. Die Erzäh­lung Sieg, die von der Zeit des Wie­der­auf­baus des Landes als Volks­re­pu­blik in den 1950er Jahren han­delt, beendet Gryn­berg mit dem Gedanken, dass der Unter­schied zwi­schen Krieg und Frieden für Jüdinnen und Juden klein sei. Wäh­rend das Land den Sieg fei­erte, ver­spürten sie auch nach der Befreiung durch die Sowjet­armee und in der spä­teren Nach­kriegs­zeit eine schwer defi­nier­bare Angst, als wäre der Krieg immer noch da, ver­borgen unter der Ober­fläche des Lebens. Man kann dem Ein­druck kaum wider­stehen, dass Gryn­berg diesen Gedanken in seinem Buch Flücht­linge wei­ter­ver­folgt. Mit zyni­scher Bit­ter­keit beschreibt er die Unsicht­bar­keit des Jüdi­schen im pol­ni­schen öffent­li­chen Dis­kurs, im Kul­tur­be­trieb, in der Künstler_innenszene und sogar in der Film­in­dus­trie. Dabei wurden Kinos im Nach­kriegs­polen über­wie­gend von Jüdinnen und Juden gegründet und betrieben. In der berühmten Film­hoch­schule in Łódź haben über­wie­gend Jüdinnen und Juden gelehrt. Über das Jüdi­sche sprach man aber nicht; so stu­dierte man auch die Werke von Franz Kafka oder Bruno Schulz ohne zu wissen, dass sie jüdisch waren.

Die Unsicht­bar­keit des Jüdi­schen in den ersten Nach­kriegs­jahr­zehnten begegnet Gryn­berg auch wäh­rend seiner Auf­ent­halte in Ita­lien, Argen­ti­nien und noch später im Exil in den USA. Die eigene jüdi­sche Her­kunft wird von seinen Zeit­ge­nossen nicht selten ver­drängt, ver­schwiegen oder sogar durch Vor­täu­schung einer anti­se­mi­ti­schen Hal­tung über­spielt. Doch offen­bart sie sich in unge­wollten Gesten, im flüch­tigen Gespräch oder durch die zufällig ent­deckte Täto­wie­rung auf dem Arm. Gryn­berg schont die Zeitgenoss_innen nicht: Die Pflaster auf den Nasen auf­fällig vieler Frauen in Argen­ti­nien seien weder die Folge einer Gewalttat noch eines Unfalls. Es sind Jüdinnen, die ihre „jüdi­schen Nasen los­werden möchten“. Keiner traute sich, Jude zu sein. Selbst in Israel, im Zufluchtsort für Ver­folgte, schämte man sich, Jid­disch zu spre­chen, denn „Israel schämte sich für die­je­nigen, die sich ermorden ließen“. In der Geschichte der euro­päi­schen Städte, die Gryn­berg auf seinen Reisen besucht, ver­birgt sich oft eine lange Geschichte der Flucht bzw. Ver­trei­bung der Jüdinnen und Juden.

Gryn­berg hat sich nicht zuletzt aus Pro­test gegen die Ein­griffe der Zensur in seine ersten Erzäh­lungen, die Anfang der 1960er Jahre in der Volks­re­pu­blik Polen erschienen sind, für ein Leben im Exil ent­schieden. Seine Suche nach einem Zufluchtsort war zugleich eine Suche nach schrift­stel­le­ri­scher Frei­heit. Wenn Frei­heit für Jüdinnen und Juden der alten Zeit bedeu­tete, wie Gryn­berg in Flücht­linge schreibt, unter dem Fei­gen­bäum­chen zu sitzen und sich vor nichts fürchten zu müssen – und ohne Angst schreiben zu können, wie der Jude der neuen Zeit hin­zu­fügen würde –, so stellt sich für den Autor die Frage, wo man dieses Fei­gen­bäum­chen hernehme.

Gryn­berg als Chronist

In Flücht­linge erzählt Gryn­berg nicht nur von seinem Leben, son­dern schreibt die Geschichte der künst­le­ri­schen Bohème Polens der 1950er und 1960er Jahre. Zunächst ist es die Bohème, die sich um das Jüdi­sche Theater in Łódź for­mierte und in der er nach einem kul­tu­rellen Asyl suchte. Später bleibt für Gryn­berg, der 1967 von einer Gast­tournee mit dem Jüdi­schen Theater in New York nicht mehr in seine Heimat zurück­kehrt, und andere pol­ni­sche und pol­nisch-jüdi­sche Künstler_innen nur noch das Exil. In seiner Chronik tau­chen Namen wie Roman Polański, Sła­womir Mrożek und Czesław Miłosz auf, aber auch Krzy­sztof Komeda, ein Jazz­pia­nist, der unter anderem die Film­musik für Polański kom­po­nierte, oder Marek Hłasko, ein Schrift­steller, der einen Kult­status genoss und als pol­ni­scher James Dean bezeichnet wurde. Gryn­bergs Erzäh­lung lässt uns am Mensch­li­chen hinter den großen Namen teil­haben und an den ver­geb­li­chen Bemü­hungen jener Kunst­schaf­fender, unter den staats­so­zia­lis­ti­schen Bedin­gungen wei­terhin Künstler zu bleiben. Er nannte sie „die Genera­tion der Heruntergekommenen“.

Flücht­linge lässt sich nicht klar einer lite­ra­ri­schen Gat­tung zuordnen. Gryn­bergs Erzähl­form ver­bindet die Merk­male von Auto­bio­gra­phie, Repor­tage und Essay. Obwohl es an man­chen Stellen, ins­be­son­dere dort, wo Gryn­berg Akti­vi­täten der pol­ni­schen Regie­rung gegen Jüdinnen und Juden schil­dert, nicht an einer emo­tio­nalen Dra­ma­turgie fehlt, über­wiegt in seinem Buch eine anek­do­ti­sche Erzähl­weise. Gryn­berg ver­fasst seine Chronik einer­seits mit einem nüch­ternen Blick, ande­rer­seits mit Witz und Ironie. Auch wenn eine tief­ge­hende Ana­lyse ein­zelner Schick­sale fehlt, ver­birgt sich oft zwi­schen den Zeilen der anek­do­ten­haft und leicht erzählten Geschichten der Prot­ago­nisten ein tra­gi­sches Schicksal – wie in der Geschichte des geheim­nis­vollen Marek W., eines Schul­freunds von Gryn­berg aus der Ober­schule in Łódź. Ein Jahr vor dem Abitur wurde er von der Schule ent­lassen, da er als ‚zer­set­zendes Ele­ment‘ ein­ge­stuft wurde. Er wollte Jour­na­lismus stu­dieren, um ins Aus­land fahren zu können. Später erfährt Gryn­berg, dass Marek W. in Wirk­lich­keit David Klein­mann heißt und im Zweiten Welt­krieg von einer pol­ni­schen Familie gerettet wurde. Zuerst wan­derte er nach Wien aus und hei­ra­tete die Tochter eines argen­ti­ni­schen Groß­grund­be­sit­zers. In den Briefen an seine Mutter schrieb er, dass es ihm gut ginge und er durch Pam­pa­land­schaften ritte. Zu einem spä­teren Zeit­punkt trifft ihn Gryn­berg in einem Café in Argen­ti­nien. Marek W. hatte einen zu großen Anzug an und trug bei sich einen ver­steckten Revolver, vorne fehlten ihm die Zähne. Auf die Frage hin, was für Nach­richten Gryn­berg seiner Mutter über­mit­teln solle, wurde sein Blick traurig. In einer sol­chen Weise erzählt Gryn­berg seine Geschichten: Vieles wird ange­deutet bzw. nebenbei erwähnt.

Die deutsch­spra­chige Aus­gabe wurde vom Arco Verlag in Zusam­men­ar­beit mit Henryk Gryn­berg vor­be­reitet und für die deut­schen Leser_innen mit zusätz­li­chem Mate­rial ver­sehen. Anders als die pol­ni­sche Ori­gi­nal­aus­gabe wurde sie mit zahl­rei­chen Fotos aus­ge­stattet. Das betont nicht nur den doku­men­ta­ri­schen Cha­rakter, son­dern ver­leiht auch den Prot­ago­nisten, deren Geschichten erzählt werden, ein Gesicht. Ein hin­zu­ge­fügtes Inter­view mit dem Autor aus dem Jahr 2017 spannt den Bogen bis in die Gegen­wart. Auf den Innen­seiten des Buch­um­schlages wurde Gryn­bergs Gedicht Unser Pazifik aus dem Band Antyn­ost­algia (1971) plat­ziert, das die schmerz­hafte Erfah­rung des Exils – das Gefühl, nir­gendwo mehr zu Hause zu sein – ver­ar­beitet und den pol­ni­schen Exilant_innen in San Fran­cisco gewidmet ist. Lothar Quin­ken­stein unter­stützt zudem die deutsch­spra­chigen Leser_innen durch die Bereit­stel­lung eines Glos­sars. Die deut­sche Aus­gabe von Flücht­linge soll, so der Über­setzer, einen Bei­trag zur Erin­ne­rung gegen die Unwis­sen­heit über das pol­ni­sche und pol­nisch-jüdi­sche Exil um das Jahr 1968 leisten.

Lite­ratur

Gryn­berg, Henryk: Ucho­dźcy. Wars­zawa 2004 (neue Aus­gabe: Woło­wiec 2018).

Gryn­berg, Henryk: Flücht­linge. Aus dem Pol­ni­schen von Lothar Quin­ken­stein. Wup­pertal 2018.

Gryn­berg, Henryk: Der Sieg. Drei Erzäh­lungen. Aus dem Pol­ni­schen von Vera Cerny und Lothar Quin­ken­stein. Berlin 2016.

Wei­ter­füh­rende Links

Inter­view mit Henryk Gryn­berg zum Buch Flücht­linge in pol­ni­scher Sprache.