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Dem Beat folgen

Posted on 29. Juli 2013 by Jelica Popović
Der Rapper Edo Maajka erreicht mit seinen Texten die Menschen von Slovenien bis Makedonien seit nun mehr als zehn Jahren. Im Gespräch mit novinki schaut er auf seine musikalischen Anfänge zurück, spricht über die Zeit während des Bosnienkrieges und sein Dasein als Flüchtling in Zagreb. Er gewährt uns einen Einblick in seine Arbeitsweise, erinnert sich an Jugoslavien und spricht über die Rolle des Hiphop.

Der Rapper Edo Maajka erreicht mit seinen Texten die Menschen von Slovenien bis Makedonien seit nun mehr als zehn Jahren. Mit viel erzählerischem Geschick gelingt es ihm immer wieder, kritische und sozialpolitische Themen an eine breite Hörerschaft zu bringen. Im Gespräch mit novinki schaut er auf seine musikalischen Anfänge zurück, spricht über die Zeit während des Bosnienkrieges und sein Dasein als Flüchtling in Zagreb. Er gewährt uns einen Einblick in seine Arbeitsweise, erinnert sich an Jugoslavien und spricht über die Rolle des Hiphop.

 

Heute lebt Edo Maajka in Tel Aviv. Mit einem Blick aus der Ferne widmet er sich aber weiterhin sozialpolitischen Themen seiner Heimat, in der er regelmässig auf der Bühne steht.

 

 

 

novinki: Edo, du bist ohne Zweifel der bekannteste MC im ex-jugoslawischen Raum. Wie hat alles angefangen?

 

Edo Maajka: Ich mochte Hiphop schon vor dem Krieg, ab meinem zwölften Lebensjahr. Ich hörte De La Soul, MC Hammer, Rambo Amadeus. Eigentlich hatte Rambo Amadeus einen grossen Einfluss auf mich, mein Bruder hörte den ganzen ex-jugoslawischen Rock, eigentlich alle möglichen Arten von Musik, ausser Volksmusik. Ich hatte das Glück, dass er mich mit all dem vertraut machte. Als ich Rambo zum ersten Mal hörte, habe ich mich in diesen Rap verliebt. Als Kind hörte ich oft Monologe, verschiedene Comedy-Kassetten, Rejhan Demridžić, Momo Iluzer etc. – das hörte ich mit sechs, sieben Jahren, vielleicht beeinflusste mich auch das. Dann begann 1992 der Krieg. Ich flüchtete aus Bosnien, zuerst war ich in Privlaka bei Zadar, meine Eltern blieben in Bosnien. Dort hatte ich ältere Freunde, die sich all das reinzogen, was mein Bruder hörte.

 

n.: Wie hast du selbst mit dem Rap angefangen?

 

E.M.: Ich fing in Zagreb damit an, das war 1993. In der Mittelschule in Zagreb lernte ich Leute kennen, die Hardcore hörten, Crossover, z.B. Rage Against the Machine, aber auch Punk, Rock und Rap. Alles, was einen guten Riff und einen guten Text hatte. Dann hörte ich die Sendung Blackout auf Radio 101, damals fingen die Zagreber MCs an, sich in dieser Sendung zu treffen und live zu rappen. Sie haben in unserer Sprache vulgär gerappt. Ich hatte noch keinen Kontakt zu ihnen, verfolgte aber über das Radio, was sie machten. Ich hing mehr mit den Hardcore-Leuten herum. So kam in Kroatien die Szene auf.

 

n.: Radio 101, das schon 1984 zu jugoslawischer Zeit auf Sendung ging, spielte während der Sezessionskriege eine wichtige Rolle. 1996 hat Radio 101 starke Kritik an der politischen Führung geübt und dabei fast seine Lizenz eingebüsst. Wie wichtig war dieser Sender für den Rap?

 

E.M.: 1995 gab es Proteste für Radio 101 und dadurch hat der ganze HipHop in Kroatien seinen Durchbruch erlebt. Und das war noch vor der Veröffentlichung all der Alben von beispielsweise „Tram 11“ etc. Dann, als verschiedene Zagreber MCs einen Protestsong für die Radiosendung auf 101 machten, versammelten sich alle. Auch ich war da, bei den Sit-ins für Radio 101. Damals war diese Radioredaktion eine der wenigen, die direkte Nachrichten von der Front sendete, es gab fast keine Zensur. Tuđman verabscheute dieses Radio und beschuldigte es, verräterisch und von feindlichen Kräften kontrolliert zu sein. Für mich war dieses Radio aber ein Trost, denn nachdem ich Smiljko Šagolj (ein kriegshetzerischer kroatischer Journalist) in den Nachrichten gehört hatte, konnte ich es nicht fassen, dass jemand derart hetzen konnte. Ich war eigentlich noch ein Kind damals in Zagreb, hatte zwar diese Freunde, war aber von meinen Eltern getrennt.

 

n.: Wie hast du die Zeit während des Bosnienkrieges, getrennt von deiner Familie, in Zagreb verbracht?

 

E.M.: Wie ein richtiger Flüchtling. Ich hatte keine Rechte, bekam Sozialhilfe, für mich waren die normalsten Dinge Luxus. Z.B. wenn ich in die Wohnung eines Freundes gehen konnte, der einen Computer hatte. Kroatien war im Krieg, viele Kroaten sind damals oft an die Front gegangen, nach Bosnien und Mittelbosnien. Die Leute kamen über das Wochenende fertig und gebrochen nach Hause und dann hörst du, wie sie die Muslime verfluchen. Da schweigt man und zieht sich zurück.

Von meinen Freunden bekam ich natürlich immer Unterstützung und Liebe. Da waren keine Ressentiments zu spüren.

 

n.: Wie war die Rückkehr nach Bosnien?

 

E.M.: Ich war 18 Jahre alt, als wieder Frieden herrschte. Die Brücke Zagreb-Orašje war wieder geöffnet worden. Für mich bedeutete das, meine Eltern wieder sehen zu können. Sie hatten mir sehr gefehlt. Ich hatte ein gutes Verhältnis zu ihnen. Sie waren nicht in diesem „nationalen Film“. Als ich meinen Vater das erste Mal nach vier Jahren wiedersah, zitterte ich. Ich war erwachsen, ich kam von der Zagreber Strasse, aufgewachsen mit Zagrebs grössten Hustlers.

 

n.: Woher schöpfst du die Kraft, dich immer wieder mit politischen Themen auseinanderzusetzen?

 

E.M.: Ich spüre immer eine Notwendigkeit, sozialkritische Texte zu schreiben. Das heisst, Texte über die Gesellschaft, die mich umgibt, in der ich lebe. Die Gesellschaft, an die ich gebunden bin, die mir in diesem Moment Sorgen macht. Seit drei Jahren beschäftigt mich immer mehr das Verhältnis der Gesellschaft gegenüber Frauen. Ich habe begriffen, dass das ein riesiges Problem auf dem Balkan ist, dem sich keiner widmet. Oder das Problem mit den Roma. Alle in Bosnien wissen, dass es für die Roma schwierig ist, dass sie keinerlei Perspektiven haben. Aber keiner kümmert sich darum.

 

n.: Was bedeutet es für dich selbst, diese Themen aufzugreifen?

 

E.M.: Für mich ist das wie eine Reinigung: Damit ich normal funktionieren konnte, musste ich all diese Lieder schreiben.

 

n.: Das heisst also, für dich ist der Schreibprozess eine Art Katharsis?

 

E.M.: So ist es. Ich bin beispielsweise nicht religiös erzogen worden und so musste ich herausfinden, wie ich Probleme selbst bewältigen soll. Ich musste mich auf die Suche machen, lesen. Eine Menge an Literatur, auch viel religiöse Literatur habe ich verschlungen. Irgendwann kam ich zum Schluss: Gib dich so, wie du dich fühlst!

n.: Wie entstehen deine Texte?

 

E.M.: Es gibt unterschiedliche Phasen, die ziehen sich durch meine gesamte Karriere hindurch. Es kommt vor, dass ich mich hinsetze und schreibe, ohne jegliche Musik. Das heisst, ich schreibe einfach und während des Schreibens sehe ich, wohin das führt. Das heisst, ich weiss zu Beginn überhaupt nicht, wohin das führen wird. Und dann gibt es das andere Vorgehen, bei dem ich dem Beat folge – ich finde einen unglaublichen Beat, den ich höre und dann schreibe ich etwas, das mich aufgrund dieses Beats überkommt. Die Emotion, die dieser Beat in mir hervorruft, führt mich.

 

n.: Gibt es Texte oder Aussagen, die du bereust gemacht/geschrieben zu haben?

 

E.M.: Vielleicht gewisse Anschuldigungen. Als ich begann, war ich wütend. Ich war sehr links eingestellt, ich war gegen alles, vor allem gegen Ungerechtigkeit. Ich reagierte auf Beleidigungen gleich mit Gegenbeleidigungen. Aus heutiger Sicht erscheint mir das als ein Herabsetzen auf das gegnerische Niveau, das bereue ich. Ich glaube aber, dass jeder Mensch solche Erfahrungen im Leben macht. Was jedoch meine Haltungen anbelangt, die Aussagen über die Gesellschaft, – da bereue ich gar nichts. Wenn ich beispielsweise nach Mostar fahre, wenn Serben, Kroaten und Muslime zu meinem Konzert kommen und wenn mir die Velež-Fans sagen: „Fuck, da sind Menschen, die wir seit dem Krieg nie wieder gesehen haben“. Das freut mich so sehr, dass sie meine Musik hören und zum Konzert kommen. Wenn du vor Ort siehst, wie du Tausende von Vorurteilen zerschlägst – genau das ist es, was mich erfüllt.

 

n.: Wie erinnerst du dich an Jugoslawien? In deinen Texten nimmst du immer wieder Bezug darauf.

 

E.M.: Das war meine Kindheit. Die Erinnerungen sind gut, meine Eltern gehörten nie zu irgendeiner Elite, die sich durch diese ganze Halbtransition zu bilden anfing. Trotzdem mussten wir nichts entbehren, wir hatten sogar zwei, drei Fernseher. Wir lebten so, wie die Menschen heute in Westeuropa leben. Und am Ende war es doch anders, Benzinmangel, Kriminalität. Vieles war abgefuckt, ich bin so froh, dass ich damals nicht älter war, um das Ganze zu begreifen.

 

n.: Welche Rolle spielte Hiphop in der bosnischen / kroatischen / serbischen / slowenischen / makedonischen Öffentlichkeit der 90er Jahre?

 

E.M.: Hiphop war und ist sehr wichtig, weil diese Bewegung während der Transition aufkam, es wurde viel geredet und die Menschen waren hungrig nach Freiheit. Ab 1996 oder Ende der 90er war Hiphop in Kroatien Nummer eins. In Bosnien fing alles erst etwas später an, durch die Radio-Sendung fmjam. Das Hiphop-Ding konnte sich in Bosnien nicht so entwickeln wie in Kroatien, schlicht und einfach, weil keiner in Hiphop-Produktionen investierte. Aber man konnte die ganze Zeit hindurch die neusten Kassetten im Zentrum Tuzlas kaufen. Dennoch, ich denke, dass Hiphop viel bewirkte.

 

n.: Was?

 

E.M.: Die Rock-Szene beispielsweise, die bestand schon vor dem Krieg und dauerte nach dem Krieg als Ex-YU-Rock Szene weiter. Die Leute wussten mehr oder weniger, worum es ging, sie kannten sich. Aber dann war da auch unsere neue Generation, die sowohl der Rock- wie auch in der Hiphop-Szene angehörte. Die Radiosendung fmjam hat Marchelo beispielsweise fürs erste Konzert nach Tuzla geholt, das war etwa 2003. Zu seinem Konzert kamen sehr viele Leute, das war der absolute Wahnsinn. Wir nahmen zusammen auf, die Zusammenarbeit fing an. Ich erinnere mich, als Ajs Nigrutin und Sky Wikluh (serbische MCs, die zusammen „Bad copy“ bildeten) ihr erstes Konzert in Zagreb spielten, das war etwa 2004/05, hatten sie Angst. Man hatte damals einfach Angst. Ich erinnere mich, als ich das erste Konzert im SKC in Belgrad hatte. Das war das erste Konzert nach dem Krieg. Man muss sich das so vorstellen: Es kamen tolle Leute zum Konzert und dann kamen noch drei Affen, die schossen auf deine Lieder und alles Mögliche die schlimmsten nationalistischen Parolen. Aber ich realisierte, dass die Mehrheit das nicht unterstützte. Und nach zwei Liedern hörten sie dann wieder auf und machten sich vom Acker.

 

n.: Wie erklärst du dir deinen „grenzüberschreitenden“ Erfolg?

 

E.M.: Ich hatte immer ein breites Themen-Spektrum. Damit schaffte ich es, auch ein breiteres Publikum anzusprechen. Dazu hat wohl das Lied Prikaze (Gespenster) beigetragen, das war meine Abrechnung mit dem Aberglauben in Bosnien und Herzegowina – Dinge, vor denen auch ich mich irgendwie insgeheim fürchtete.

In No sikiriki (Keine Sorgen), meinem zweiten Album, fanden sich viele Menschen wieder. Ich bekam Briefe, durch die mir klar wurde, dass ich eine Verantwortung trage, die ich vorher nicht hatte. Da begriff ich: Mensch, dich hören Kinder, ihre Eltern und deren Eltern.

 

n.: Das Besondere an deinen Texten ist die Vielstimmigkeit, d.h. mehrere Erzählperspektiven. In einigen Liedern nimmst du auch die Gastarbeiterperspektive ein. Wie kommt das?

 

E.M.: Weil ich es immer geliebt habe, mit Menschen zu sprechen, die wie ich Flüchtlinge waren. Ich wollte wissen, wie sie leben. Als ich in Zagreb lebte, habe ich vielen geholfen. Von meiner Mutter erfuhr ich, wer kam, wer über IOM (International Organization for Migration) nach Amerika oder Australien wollte. Ich wusste, wo der Sitz des IOM war, wie man die Formulare auszufüllen hatte und wie man Beweise sammelte. Beweise dafür, dass man 1993/94 in Kroatien war, beispielsweise Konzertkarten etc. Ich sammelte die Beweise für diese Menschen und half ihnen damit weiter. Was für unglaubliche Schicksale mir da zu Ohren kamen... Ich war quasi derjenige, der sie von hier aus in ihr Fluchtland verabschiedete.

 

n.: Die Liebe hat dich vor einigen Jahren nach Tel Aviv versetzt. Seither pendelst du zwischen Zagreb und Tel Aviv. Inwiefern hat dein Umzug nach Tel Aviv resp. die Distanz deinen Blick auf den ehemals jugoslawischen Raum verändert?

 

E.M.: Es ist mir gelungen, gewisse Dinge leichter zu verstehen. Der Blickwinkel weitet sich. Man sieht, was in Bosnien geschehen wird, wenn gewisse Dinge nicht in Angriff genommen und verändert werden.

In allen ex-jugoslawischen Ländern sieht es ähnlich aus. Wenn du in Serbien bist, dann heisst es, sie seien die Opfer. Sie sind auch Opfer, denn sie fühlen sich so. Wenn du dann auf die kroatische Seite gehst, ist es genau gleich, auf der bosniakischen, d.h. auf der muslimischen Seite, dasselbe. Genau darin liegt das Problem. Dabei geht es nicht um Objektivität, sondern darum, dass jeder einzelne fest daran glaubt, dass ihm Unrecht geschehen ist. Wenn man dieses Problem nicht zu lösen beginnt, wenn man es unter den Teppich kehrt, dann wird es schwierig. Wieso ist es jetzt auf dem Balkan schwierig? Es ist schwierig, weil die Generation der heute 20-Jährigen, derjenigen also, die nach dem Krieg oder während des Krieges geboren sind, sich an die Zeit vor dem Krieg nicht erinnern kann. Diese Generation ist dazu verdammt, sich das anzuhören, was ihre Eltern ihnen erzählen. Ihre Eltern sind unzufrieden, egal auf welcher ethnischen Seite in Bosnien sie leben. Sie sind zu 100% unzufrieden. Das heisst, dass diese jungen Menschen voller Wut aufwachsen und keinen von der anderen Seite kennen. Darin liegt das Problem. Sie haben einander nie gesehen, geschweige denn miteinander geredet.

 

n.: Aber mit deiner Musik wirkst du dem doch entgegen...

 

E.M.: Ich versuche es. Die Musik ist meine Reaktion darauf.

 

n.: Wie konstruierst du deine Identität? Fühlst du dich einer Gesellschaft zugehörig?

 

E.M.: Ich bin Bosnier. In Bosnien geboren. Ich kann mein Leben lang ausserhalb Bosniens leben, aber mich werden alle als solchen ansehen und annehmen. Ich bin das, was ich bin. Aber ich betrachte mich auch als kroatischen Bürger – ich liebe Kroatien sehr. Ich habe die kroatische Staatsbürgerschaft bekommen. Ich bin in Kroatien aufgewachsen, habe dort viele Freunde, vieles verbindet mich mit Kroatien. Ich liebe Zagreb. Ich ordne mich diesen nationalistischen Kategorien nicht unter und alle, die das tun, mögen mich nicht. Aber das ist nicht mein Problem.

 

Fotos von Michael Züger
Illustration von Nastasia Louveau

Dem Beat folgen – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Dem Beat folgen

Der Rapper Edo Maajka erreicht mit seinen Texten die Men­schen von Slo­ve­nien bis Make­do­nien seit nun mehr als zehn Jahren. Mit viel erzäh­le­ri­schem Geschick gelingt es ihm immer wieder, kri­ti­sche und sozi­al­po­li­ti­sche Themen an eine breite Hörer­schaft zu bringen. Im Gespräch mit novinki schaut er auf seine musi­ka­li­schen Anfänge zurück, spricht über die Zeit wäh­rend des Bos­ni­en­krieges und sein Dasein als Flücht­ling in Zagreb. Er gewährt uns einen Ein­blick in seine Arbeits­weise, erin­nert sich an Jugo­s­la­vien und spricht über die Rolle des Hiphop.

 

Heute lebt Edo Maajka in Tel Aviv. Mit einem Blick aus der Ferne widmet er sich aber wei­terhin sozi­al­po­li­ti­schen Themen seiner Heimat, in der er regel­mässig auf der Bühne steht.

 

 

 

novinki: Edo, du bist ohne Zweifel der bekann­teste MC im ex-jugo­sla­wi­schen Raum. Wie hat alles angefangen?

 

Edo Maajka: Ich mochte Hiphop schon vor dem Krieg, ab meinem zwölften Lebens­jahr. Ich hörte De La Soul, MC Hammer, Rambo Ama­deus. Eigent­lich hatte Rambo Ama­deus einen grossen Ein­fluss auf mich, mein Bruder hörte den ganzen ex-jugo­sla­wi­schen Rock, eigent­lich alle mög­li­chen Arten von Musik, ausser Volks­musik. Ich hatte das Glück, dass er mich mit all dem ver­traut machte. Als ich Rambo zum ersten Mal hörte, habe ich mich in diesen Rap ver­liebt. Als Kind hörte ich oft Mono­loge, ver­schie­dene Comedy-Kas­setten, Rejhan Dem­ri­džić, Momo Iluzer etc. – das hörte ich mit sechs, sieben Jahren, viel­leicht beein­flusste mich auch das. Dann begann 1992 der Krieg. Ich flüch­tete aus Bos­nien, zuerst war ich in Priv­laka bei Zadar, meine Eltern blieben in Bos­nien. Dort hatte ich ältere Freunde, die sich all das rein­zogen, was mein Bruder hörte.

 

n.: Wie hast du selbst mit dem Rap angefangen?

 

E.M.: Ich fing in Zagreb damit an, das war 1993. In der Mit­tel­schule in Zagreb lernte ich Leute kennen, die Hard­core hörten, Cross­over, z.B. Rage Against the Machine, aber auch Punk, Rock und Rap. Alles, was einen guten Riff und einen guten Text hatte. Dann hörte ich die Sen­dung Blackout auf Radio 101, damals fingen die Zagreber MCs an, sich in dieser Sen­dung zu treffen und live zu rappen. Sie haben in unserer Sprache vulgär gerappt. Ich hatte noch keinen Kon­takt zu ihnen, ver­folgte aber über das Radio, was sie machten. Ich hing mehr mit den Hard­core-Leuten herum. So kam in Kroa­tien die Szene auf.

 

n.: Radio 101, das schon 1984 zu jugo­sla­wi­scher Zeit auf Sen­dung ging, spielte wäh­rend der Sezes­si­ons­kriege eine wich­tige Rolle. 1996 hat Radio 101 starke Kritik an der poli­ti­schen Füh­rung geübt und dabei fast seine Lizenz ein­ge­büsst. Wie wichtig war dieser Sender für den Rap?

 

E.M.: 1995 gab es Pro­teste für Radio 101 und dadurch hat der ganze HipHop in Kroa­tien seinen Durch­bruch erlebt. Und das war noch vor der Ver­öf­fent­li­chung all der Alben von bei­spiels­weise „Tram 11“ etc. Dann, als ver­schie­dene Zagreber MCs einen Pro­test­song für die Radio­sen­dung auf 101 machten, ver­sam­melten sich alle. Auch ich war da, bei den Sit-ins für Radio 101. Damals war diese Radio­re­dak­tion eine der wenigen, die direkte Nach­richten von der Front sen­dete, es gab fast keine Zensur. Tuđman ver­ab­scheute dieses Radio und beschul­digte es, ver­rä­te­risch und von feind­li­chen Kräften kon­trol­liert zu sein. Für mich war dieses Radio aber ein Trost, denn nachdem ich Smiljko Šagolj (ein kriegs­het­ze­ri­scher kroa­ti­scher Jour­na­list) in den Nach­richten gehört hatte, konnte ich es nicht fassen, dass jemand derart hetzen konnte. Ich war eigent­lich noch ein Kind damals in Zagreb, hatte zwar diese Freunde, war aber von meinen Eltern getrennt.

 

n.: Wie hast du die Zeit wäh­rend des Bos­ni­en­krieges, getrennt von deiner Familie, in Zagreb verbracht?

 

E.M.: Wie ein rich­tiger Flücht­ling. Ich hatte keine Rechte, bekam Sozi­al­hilfe, für mich waren die nor­malsten Dinge Luxus. Z.B. wenn ich in die Woh­nung eines Freundes gehen konnte, der einen Com­puter hatte. Kroa­tien war im Krieg, viele Kroaten sind damals oft an die Front gegangen, nach Bos­nien und Mit­tel­bos­nien. Die Leute kamen über das Wochen­ende fertig und gebro­chen nach Hause und dann hörst du, wie sie die Mus­lime ver­flu­chen. Da schweigt man und zieht sich zurück.

Von meinen Freunden bekam ich natür­lich immer Unter­stüt­zung und Liebe. Da waren keine Res­sen­ti­ments zu spüren.

 

n.: Wie war die Rück­kehr nach Bosnien?

 

E.M.: Ich war 18 Jahre alt, als wieder Frieden herrschte. Die Brücke Zagreb-Orašje war wieder geöffnet worden. Für mich bedeu­tete das, meine Eltern wieder sehen zu können. Sie hatten mir sehr gefehlt. Ich hatte ein gutes Ver­hältnis zu ihnen. Sie waren nicht in diesem „natio­nalen Film“. Als ich meinen Vater das erste Mal nach vier Jahren wie­dersah, zit­terte ich. Ich war erwachsen, ich kam von der Zagreber Strasse, auf­ge­wachsen mit Zagrebs grössten Hustlers.

 

n.: Woher schöpfst du die Kraft, dich immer wieder mit poli­ti­schen Themen auseinanderzusetzen?

 

E.M.: Ich spüre immer eine Not­wen­dig­keit, sozi­al­kri­ti­sche Texte zu schreiben. Das heisst, Texte über die Gesell­schaft, die mich umgibt, in der ich lebe. Die Gesell­schaft, an die ich gebunden bin, die mir in diesem Moment Sorgen macht. Seit drei Jahren beschäf­tigt mich immer mehr das Ver­hältnis der Gesell­schaft gegen­über Frauen. Ich habe begriffen, dass das ein rie­siges Pro­blem auf dem Balkan ist, dem sich keiner widmet. Oder das Pro­blem mit den Roma. Alle in Bos­nien wissen, dass es für die Roma schwierig ist, dass sie kei­nerlei Per­spek­tiven haben. Aber keiner küm­mert sich darum.

 

n.: Was bedeutet es für dich selbst, diese Themen aufzugreifen?

 

E.M.: Für mich ist das wie eine Rei­ni­gung: Damit ich normal funk­tio­nieren konnte, musste ich all diese Lieder schreiben.

 

n.: Das heisst also, für dich ist der Schreib­pro­zess eine Art Katharsis?

 

E.M.: So ist es. Ich bin bei­spiels­weise nicht reli­giös erzogen worden und so musste ich her­aus­finden, wie ich Pro­bleme selbst bewäl­tigen soll. Ich musste mich auf die Suche machen, lesen. Eine Menge an Lite­ratur, auch viel reli­giöse Lite­ratur habe ich ver­schlungen. Irgend­wann kam ich zum Schluss: Gib dich so, wie du dich fühlst!

n.: Wie ent­stehen deine Texte?

 

E.M.: Es gibt unter­schied­liche Phasen, die ziehen sich durch meine gesamte Kar­riere hin­durch. Es kommt vor, dass ich mich hin­setze und schreibe, ohne jeg­liche Musik. Das heisst, ich schreibe ein­fach und wäh­rend des Schrei­bens sehe ich, wohin das führt. Das heisst, ich weiss zu Beginn über­haupt nicht, wohin das führen wird. Und dann gibt es das andere Vor­gehen, bei dem ich dem Beat folge – ich finde einen unglaub­li­chen Beat, den ich höre und dann schreibe ich etwas, das mich auf­grund dieses Beats über­kommt. Die Emo­tion, die dieser Beat in mir her­vor­ruft, führt mich.

 

n.: Gibt es Texte oder Aus­sagen, die du bereust gemacht/geschrieben zu haben?

 

E.M.: Viel­leicht gewisse Anschul­di­gungen. Als ich begann, war ich wütend. Ich war sehr links ein­ge­stellt, ich war gegen alles, vor allem gegen Unge­rech­tig­keit. Ich reagierte auf Belei­di­gungen gleich mit Gegen­be­lei­di­gungen. Aus heu­tiger Sicht erscheint mir das als ein Her­ab­setzen auf das geg­ne­ri­sche Niveau, das bereue ich. Ich glaube aber, dass jeder Mensch solche Erfah­rungen im Leben macht. Was jedoch meine Hal­tungen anbe­langt, die Aus­sagen über die Gesell­schaft, – da bereue ich gar nichts. Wenn ich bei­spiels­weise nach Mostar fahre, wenn Serben, Kroaten und Mus­lime zu meinem Kon­zert kommen und wenn mir die Velež-Fans sagen: „Fuck, da sind Men­schen, die wir seit dem Krieg nie wieder gesehen haben“. Das freut mich so sehr, dass sie meine Musik hören und zum Kon­zert kommen. Wenn du vor Ort siehst, wie du Tau­sende von Vor­ur­teilen zer­schlägst – genau das ist es, was mich erfüllt.

 

n.: Wie erin­nerst du dich an Jugo­sla­wien? In deinen Texten nimmst du immer wieder Bezug darauf.

 

E.M.: Das war meine Kind­heit. Die Erin­ne­rungen sind gut, meine Eltern gehörten nie zu irgend­einer Elite, die sich durch diese ganze Halb­tran­si­tion zu bilden anfing. Trotzdem mussten wir nichts ent­behren, wir hatten sogar zwei, drei Fern­seher. Wir lebten so, wie die Men­schen heute in West­eu­ropa leben. Und am Ende war es doch anders, Ben­zin­mangel, Kri­mi­na­lität. Vieles war abge­fuckt, ich bin so froh, dass ich damals nicht älter war, um das Ganze zu begreifen.

 

n.: Welche Rolle spielte Hiphop in der bos­ni­schen / kroa­ti­schen / ser­bi­schen / slo­we­ni­schen / make­do­ni­schen Öffent­lich­keit der 90er Jahre?

 

E.M.: Hiphop war und ist sehr wichtig, weil diese Bewe­gung wäh­rend der Tran­si­tion aufkam, es wurde viel geredet und die Men­schen waren hungrig nach Frei­heit. Ab 1996 oder Ende der 90er war Hiphop in Kroa­tien Nummer eins. In Bos­nien fing alles erst etwas später an, durch die Radio-Sen­dung fmjam. Das Hiphop-Ding konnte sich in Bos­nien nicht so ent­wi­ckeln wie in Kroa­tien, schlicht und ein­fach, weil keiner in Hiphop-Pro­duk­tionen inves­tierte. Aber man konnte die ganze Zeit hin­durch die neusten Kas­setten im Zen­trum Tuzlas kaufen. Den­noch, ich denke, dass Hiphop viel bewirkte.

 

n.: Was?

 

E.M.: Die Rock-Szene bei­spiels­weise, die bestand schon vor dem Krieg und dau­erte nach dem Krieg als Ex-YU-Rock Szene weiter. Die Leute wussten mehr oder weniger, worum es ging, sie kannten sich. Aber dann war da auch unsere neue Genera­tion, die sowohl der Rock- wie auch in der Hiphop-Szene ange­hörte. Die Radio­sen­dung fmjam hat Mar­chelo bei­spiels­weise fürs erste Kon­zert nach Tuzla geholt, das war etwa 2003. Zu seinem Kon­zert kamen sehr viele Leute, das war der abso­lute Wahn­sinn. Wir nahmen zusammen auf, die Zusam­men­ar­beit fing an. Ich erin­nere mich, als Ajs Nig­rutin und Sky Wikluh (ser­bi­sche MCs, die zusammen „Bad copy“ bil­deten) ihr erstes Kon­zert in Zagreb spielten, das war etwa 2004/05, hatten sie Angst. Man hatte damals ein­fach Angst. Ich erin­nere mich, als ich das erste Kon­zert im SKC in Bel­grad hatte. Das war das erste Kon­zert nach dem Krieg. Man muss sich das so vor­stellen: Es kamen tolle Leute zum Kon­zert und dann kamen noch drei Affen, die schossen auf deine Lieder und alles Mög­liche die schlimmsten natio­na­lis­ti­schen Parolen. Aber ich rea­li­sierte, dass die Mehr­heit das nicht unter­stützte. Und nach zwei Lie­dern hörten sie dann wieder auf und machten sich vom Acker.

 

n.: Wie erklärst du dir deinen „grenz­über­schrei­tenden“ Erfolg?

 

E.M.: Ich hatte immer ein breites Themen-Spek­trum. Damit schaffte ich es, auch ein brei­teres Publikum anzu­spre­chen. Dazu hat wohl das Lied Pri­kaze (Gespenster) bei­getragen, das war meine Abrech­nung mit dem Aber­glauben in Bos­nien und Her­ze­go­wina – Dinge, vor denen auch ich mich irgendwie ins­ge­heim fürchtete.

In No sik­i­riki (Keine Sorgen), meinem zweiten Album, fanden sich viele Men­schen wieder. Ich bekam Briefe, durch die mir klar wurde, dass ich eine Ver­ant­wor­tung trage, die ich vorher nicht hatte. Da begriff ich: Mensch, dich hören Kinder, ihre Eltern und deren Eltern.

 

n.: Das Beson­dere an deinen Texten ist die Viel­stim­mig­keit, d.h. meh­rere Erzähl­per­spek­tiven. In einigen Lie­dern nimmst du auch die Gast­ar­bei­ter­per­spek­tive ein. Wie kommt das?

 

E.M.: Weil ich es immer geliebt habe, mit Men­schen zu spre­chen, die wie ich Flücht­linge waren. Ich wollte wissen, wie sie leben. Als ich in Zagreb lebte, habe ich vielen geholfen. Von meiner Mutter erfuhr ich, wer kam, wer über IOM (Inter­na­tional Orga­niz­a­tion for Migra­tion) nach Ame­rika oder Aus­tra­lien wollte. Ich wusste, wo der Sitz des IOM war, wie man die For­mu­lare aus­zu­füllen hatte und wie man Beweise sam­melte. Beweise dafür, dass man 1993/94 in Kroa­tien war, bei­spiels­weise Kon­zert­karten etc. Ich sam­melte die Beweise für diese Men­schen und half ihnen damit weiter. Was für unglaub­liche Schick­sale mir da zu Ohren kamen… Ich war quasi der­je­nige, der sie von hier aus in ihr Flucht­land verabschiedete.

 

n.: Die Liebe hat dich vor einigen Jahren nach Tel Aviv ver­setzt. Seither pen­delst du zwi­schen Zagreb und Tel Aviv. Inwie­fern hat dein Umzug nach Tel Aviv resp. die Distanz deinen Blick auf den ehe­mals jugo­sla­wi­schen Raum verändert?

 

E.M.: Es ist mir gelungen, gewisse Dinge leichter zu ver­stehen. Der Blick­winkel weitet sich. Man sieht, was in Bos­nien geschehen wird, wenn gewisse Dinge nicht in Angriff genommen und ver­än­dert werden.

In allen ex-jugo­sla­wi­schen Län­dern sieht es ähn­lich aus. Wenn du in Ser­bien bist, dann heisst es, sie seien die Opfer. Sie sind auch Opfer, denn sie fühlen sich so. Wenn du dann auf die kroa­ti­sche Seite gehst, ist es genau gleich, auf der bos­nia­ki­schen, d.h. auf der mus­li­mi­schen Seite, das­selbe. Genau darin liegt das Pro­blem. Dabei geht es nicht um Objek­ti­vität, son­dern darum, dass jeder ein­zelne fest daran glaubt, dass ihm Unrecht geschehen ist. Wenn man dieses Pro­blem nicht zu lösen beginnt, wenn man es unter den Tep­pich kehrt, dann wird es schwierig. Wieso ist es jetzt auf dem Balkan schwierig? Es ist schwierig, weil die Genera­tion der heute 20-Jäh­rigen, der­je­nigen also, die nach dem Krieg oder wäh­rend des Krieges geboren sind, sich an die Zeit vor dem Krieg nicht erin­nern kann. Diese Genera­tion ist dazu ver­dammt, sich das anzu­hören, was ihre Eltern ihnen erzählen. Ihre Eltern sind unzu­frieden, egal auf wel­cher eth­ni­schen Seite in Bos­nien sie leben. Sie sind zu 100% unzu­frieden. Das heisst, dass diese jungen Men­schen voller Wut auf­wachsen und keinen von der anderen Seite kennen. Darin liegt das Pro­blem. Sie haben ein­ander nie gesehen, geschweige denn mit­ein­ander geredet.

 

n.: Aber mit deiner Musik wirkst du dem doch entgegen…

 

E.M.: Ich ver­suche es. Die Musik ist meine Reak­tion darauf.

 

n.: Wie kon­stru­ierst du deine Iden­tität? Fühlst du dich einer Gesell­schaft zugehörig?

 

E.M.: Ich bin Bos­nier. In Bos­nien geboren. Ich kann mein Leben lang aus­ser­halb Bos­niens leben, aber mich werden alle als sol­chen ansehen und annehmen. Ich bin das, was ich bin. Aber ich betrachte mich auch als kroa­ti­schen Bürger – ich liebe Kroa­tien sehr. Ich habe die kroa­ti­sche Staats­bür­ger­schaft bekommen. Ich bin in Kroa­tien auf­ge­wachsen, habe dort viele Freunde, vieles ver­bindet mich mit Kroa­tien. Ich liebe Zagreb. Ich ordne mich diesen natio­na­lis­ti­schen Kate­go­rien nicht unter und alle, die das tun, mögen mich nicht. Aber das ist nicht mein Problem.

 

Fotos von Michael Züger
Illus­tra­tion von Nastasia Louveau