Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Sla­wistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Viele Geschichten und ein Roman

Ondřej Macura (1980) gehört – zusammen mit Jana Šrám­ková und Natálie Kocá­bová – zur jüngsten tsche­chi­schen Schrift­steller­ge­nera­tion. Bekannt ist Macura, der nach dem Stu­dium der tsche­chi­schen Lite­ratur nun als Gym­na­si­al­lehrer arbeitet, in erster Linie als Lyriker. Er hat Bei­träge in den wich­tigsten Lite­ra­tur­zeit­schriften des Landes, z. B. im A2, im mäh­risch-schle­si­schen Weles und im Tvar geschrieben. Eben­dort konnte Macura seinen Gedicht­band Indicie (Indiz, 2007) als Lite­ra­tur­bei­lage her­aus­bringen und wurde mit diesem Werk im Jahr 2008 für den Jiří-Orten-Preis, einer Aus­zeich­nung für Text­künstler unter dreissig Jahren, nomi­niert. Unlängst gelangte ein Bänd­chen mit seinen ersten, in den Jahren 2000–2001 ent­stan­denen Gedichten unter dem Titel Žaltář (Psalter, 2008) zur Publi­ka­tion.

Der Roman Neto­pýři (Fle­der­mäuse), Macuras Pro­sa­erst­ling, ist im Früh­jahr 2009 erschienen. Ange­sichts des ziem­lich grossen Text­vo­lu­mens und einer unru­higen Auf­tei­lung in 62 Kapitel, mag es über­ra­schen, dass die Hand­lung undra­ma­tisch ver­läuft: Die Figuren ver­bringen einen Gross­teil ihres All­tags­da­seins im Café Mont­martre in einer Gasse der Prager Alt­stadt, von wo aus der Erzähler die Umrisse seines Roman­per­so­nals ent­wirft. Der Leser sitzt gleichsam als unsicht­barer Gast am Neben­tisch und erhält Ein­blick in die Lieb­schaften, die Arbeit und Gedan­ken­welt, kurz: in das Leben der zeit­ge­nös­si­schen Prager End­zwan­ziger-Genera­tion. Da sind die Lyri­kerin und Dozentin Pavla, der Gym­na­si­al­lehrer Robin, der sich eben­falls im Dichten ver­sucht, der Intel­lek­tu­elle Gabriel, die Schü­lerin Natálka sowie ihre Freunde und Geliebten Sofia, Jana, Iva, Petr und Martin. Alle bekommen für einen bestimmten Zeit­ab­schnitt ihren Platz am Stamm­tisch im Café Mont­martre und geben ihn früher oder später wieder ab.
Von diesem Flucht­punkt aus begleiten wir die Figuren pas­sa­gen­weise in die Inti­mi­täten ihrer Bezie­hungen, jedoch nur, um sofort wieder an den Tresen zurück­zu­kehren und die Auf­merk­sam­keit einer neuen Ver­bin­dung und einer wei­teren Geschichte zu schenken. Oder wir begeben uns mit Robin in dessen Unter­richts­stunden, wo wir Zeugen seiner im Dialog mit den Schü­lern ent­ste­henden Inter­pre­ta­tionen von Musik- und Lite­ra­tur­werken werden: Vom Barock über Mozart, Beet­hoven, Puc­cini und Wagner gelangt man zu Texten von Bau­de­laire und Camus – den inhalt­lich ergie­bigsten Teilen des Buches. Über einen Bogen, der alleine durch die Figuren und ihre Treffen im Kaf­fee­haus zusam­men­ge­halten wird, erreicht der Roman mit dem Tod Natálkas sein Ende.

Dem span­nungs­armen Inhalt steht formal eine wen­dige Erzähl­stra­tegie gegen­über. Der Roman wird durch einen Ich-Erzähler ein­ge­leitet, der über meh­rere Kapitel aus­ge­wählten Figuren das Erzählen aus ihrer jewei­ligen Innen­sicht über­lässt. Ein aukt­o­rialer Erzähler löst diese Struktur im zweiten Drittel des Romans ab. Das Schluss­drittel cha­rak­te­ri­siert schliess­lich eine offen­sicht­liche und starke Dezen­tra­li­sie­rung der Erzäh­ler­instanz. Durch zahl­reiche Figu­ren­dia­loge, durch eine unklare Refe­ren­zie­rung der Per­so­nal­pro­nomen, durch Lese­rap­pelle und immer wieder ein­bre­chende meta­fik­tio­nale Ein­würfe und Pas­sagen ent­zieht sich die Erzähl­si­tua­tion einer ein­deutig prä­zi­sier­baren Bestim­mung.

Unter den Mög­lich­keiten, die sich aus einer sol­chen Anhäu­fung von Per­spek­tiven ergeben, domi­niert im letzten Drittel des Romans das Spiel mit der Fik­tion. Der Erzähler unter­bricht wie­der­holt und unver­mit­telt das Geschehen, recht­fer­tigt sein Tun und gibt Kom­men­tare zu seinem Text ab. Er macht sich über seine Figuren lustig, behauptet, diese gar nicht zu kennen, nur um in einem fol­genden Kapitel über deren Exis­tenz und Bezie­hungen zu spotten. Gleich­zeitig ent­schul­digt sich der Erzähler – was vor dem Hin­ter­grund seines Ver­hält­nisses zu den Figuren iro­nisch anmutet – für seine unbe­deu­tenden Worte und das müh­same Vor­an­kommen seines Romans. Immer wieder ver­sucht er, sein Erzählen neu anzu­setzen und Begon­nenes abzu­schliessen, ver­liert sich aber sogleich aufs Neue, kri­ti­siert sein eigenes Schreiben und schickt dar­aufhin Bau­de­laire und Camus vor, die began­genen Fehler zu kor­ri­gieren. Je weiter der Roman vor­an­schreitet, je stärker der Erzähler ver­sucht, seinen Text und sein indi­vi­du­elles Schreiben in den Griff zu bekommen, desto offen­kun­diger wird sein Kon­troll­ver­lust über die Ereig­nisse und das Ver­fahren der mehr­fa­chen Per­spek­ti­vie­rung. Die ein­zelnen Ele­mente des Romans ent­wi­ckeln so eine eigen­stän­dige Dynamik, und die ein­sei­tige Fokus­sie­rung auf meta­fik­tio­nale Erzäh­ler­kom­men­tare lässt den Ver­dacht auf­kommen, der Erzähler sei durch das Mate­rial über­for­dert.

Die Geister, die er rief, wird Ondřej Macura auch aus­ser­halb der erzählten Welt nicht mehr los. Ins­be­son­dere durch die jün­geren Rezi­pi­enten erhält das durch den Autor ange­stos­sene Spiel mit der Fik­tion eine womög­lich nicht beab­sich­tigte zusätz­liche Dimen­sion. So stösst man bei face­book auf ein Profil von Macura, das kurz nach dem Erscheinen von Neto­pýři gene­riert wurde. Bei genauerem Hin­sehen wird aber deut­lich: das Profil ist ein ‚fake’. Zwar deuten User­name, Bilder und Pro­fil­in­for­ma­tionen ein­deutig auf die reale Person Ondřej Macura hin. Aber schon in den ersten Kom­men­taren schreibt der angeb­liche Macura aus­schliess­lich in der dritten Person von sich. Wei­tere Ver­wir­rung ent­steht, wenn jün­gere Ein­träge in die erste Person wech­seln oder die gram­ma­ti­ka­li­sche Form des Verbs sogar eine weib­liche Urhe­berin ver­muten lässt. Das Durch­ein­ander erreicht seinen Höhe­punkt mit dem Ver­merk des Users ‚Ondřej Macura‘: „Pan pro­fesor o této stránce zatím neví.“ (Der Herr Lehrer weiss bis jetzt noch nichts von dieser Seite). Darauf reagiert ein Benutzer – offen­sicht­lich ein Schüler Macuras – und behauptet, seinem Lehrer das Profil gezeigt zu haben. Leider sucht man einen das Rätsel auf­lö­senden Kom­mentar von Macura selbst ver­geb­lich. Im vir­tu­ellen Raum wird Ondřej Macura selbst zur erfun­denen Figur, mit der ein unbe­kannter Autor seine Scherze treibt. Macura wird zum Opfer seiner eigenen fik­tio­nalen Expe­ri­men­tier­freude.

Ganz im Geist des Aus­fran­sens bringt der Schluss des Romans dann auch keine Auf­lö­sung. Im Gegen­teil: Der unmo­ti­viert auf­tau­chende Tod am Ende erscheint viel­mehr als Ret­tungs­ver­such für die Dra­matik der Hand­lung, funk­tio­niert aber trotz seiner Pro­mi­nenz weder als Abschluss, noch als erhofftes Bin­de­glied zwi­schen Inhalt und Erzähl­stra­tegie. Macura gelingt es nicht, die sich ver­selb­stän­di­genden Stränge der Roman­hand­lung mit der meta­fik­tio­nalen Refle­xion zu ver­knüpfen. Der Text hin­ter­lässt in all seinen unter­schied­li­chen Schichten den Ein­druck eines Autors, der mit der Menge an Mate­rial nicht zu Rande gekommen ist. Er kapi­tu­liert vor der Fülle an Erzäh­lern, ver­liert sich in der Wech­sel­haf­tig­keit der Per­spek­tiven und zer­stü­ckelt 200 Seiten in 62 Kapitel, was die inhalt­liche Hete­ro­ge­nität des Stoffes noch zusätz­lich ver­stärkt.
So bleibt es schliess­lich dem Leser über­lassen, aus den Bruch­stü­cken einen Roman her­zu­stellen. Doch ohne die Hilfe des Erzäh­lers, der, vom Text über­rum­pelt, sich vor­eilig von diesem ver­ab­schiedet, wird das Lesen zu einem schwie­rigen Unter­fangen und stellt den Leser vor eine Ent­schei­dung: Ent­weder den Text als das zu lesen, was er vor­gibt zu sein, näm­lich als einen Roman und sich dem Spiel mit der Fik­tion zu über­lassen. Oder nicht den, son­dern die Texte zu lesen, die ein­zelnen Kapitel als abge­schlos­sene Szenen, gewis­ser­massen als Mikro­ge­schichten. Diese Lek­türe gelingt jedoch nur um den Preis, sich als Leser nicht vom Erzähler in dessen Geheim­nis­krä­merei um Autor­schaft invol­vieren zu lassen.

Die Wahl muss ange­sichts der Über­for­de­rung durch die Menge an Themen und erzähl­tech­ni­schen Ver­suchs­an­ord­nungen auf die Lek­türe aus­ge­wählter Kapitel als sze­ni­sche, essay­is­ti­sche und lyri­sche Kurz­ge­schichten fallen. Was wir in Macuras Lyrik schätzen gelernt haben, näm­lich die Kom­pakt­heit der kurzen Erzähl­form und die gewal­tige Bild­sprache, kommt nur bei einer sol­chen Lek­türe unmit­telbar zum Tragen.

In jedem Fall lässt uns die junge tsche­chi­sche Schrift­steller­ge­nera­tion mit Ondřej Macura auf wei­tere Expe­ri­mente hoffen. Vor­läufig bleibt die Freude dar­über, mit Neto­pýři in einem Band in den Genuss gleich zweier erzäh­le­ri­scher Formen zu kommen: einer roman­haften, mag diese auch noch in Kin­der­schuhen ste­cken, und einer Samm­lung von durchaus gelun­genen lite­ra­ri­schen Szenen.

 

Ondřej Macura: Neto­pýři. Kniha Zlín. Praha 2009.

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