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Viele Geschichten und ein Roman

Posted on 19. April 2010 by Dimitrije Prica
Die zeitgenössische Schriftstellergeneration Tschechiens ist jung und unglaublich aktiv. Wieviel sie zu sagen hat, aber auch wie schwierig es gleichzeitig ist, seinen Gedanken einen entsprechenden und ausgewogenen Ausdruck zu verleihen, zeigt uns der Prager Ondřej Macura in seinem ersten Roman "Netopýři".

Ondřej Macura (1980) gehört – zusammen mit Jana Šrámková und Natálie Kocábová – zur jüngsten tschechischen Schriftstellergeneration. Bekannt ist Macura, der nach dem Studium der tschechischen Literatur nun als Gymnasiallehrer arbeitet, in erster Linie als Lyriker. Er hat Beiträge in den wichtigsten Literaturzeitschriften des Landes, z. B. im A2, im mährisch-schlesischen Weles und im Tvar geschrieben. Ebendort konnte Macura seinen Gedichtband Indicie (Indiz, 2007) als Literaturbeilage herausbringen und wurde mit diesem Werk im Jahr 2008 für den Jiří-Orten-Preis, einer Auszeichnung für Textkünstler unter dreissig Jahren, nominiert. Unlängst gelangte ein Bändchen mit seinen ersten, in den Jahren 2000-2001 entstandenen Gedichten unter dem Titel Žaltář (Psalter, 2008) zur Publikation.

Der Roman Netopýři (Fledermäuse), Macuras Prosaerstling, ist im Frühjahr 2009 erschienen. Angesichts des ziemlich grossen Textvolumens und einer unruhigen Aufteilung in 62 Kapitel, mag es überraschen, dass die Handlung undramatisch verläuft: Die Figuren verbringen einen Grossteil ihres Alltagsdaseins im Café Montmartre in einer Gasse der Prager Altstadt, von wo aus der Erzähler die Umrisse seines Romanpersonals entwirft. Der Leser sitzt gleichsam als unsichtbarer Gast am Nebentisch und erhält Einblick in die Liebschaften, die Arbeit und Gedankenwelt, kurz: in das Leben der zeitgenössischen Prager Endzwanziger-Generation. Da sind die Lyrikerin und Dozentin Pavla, der Gymnasiallehrer Robin, der sich ebenfalls im Dichten versucht, der Intellektuelle Gabriel, die Schülerin Natálka sowie ihre Freunde und Geliebten Sofia, Jana, Iva, Petr und Martin. Alle bekommen für einen bestimmten Zeitabschnitt ihren Platz am Stammtisch im Café Montmartre und geben ihn früher oder später wieder ab.
Von diesem Fluchtpunkt aus begleiten wir die Figuren passagenweise in die Intimitäten ihrer Beziehungen, jedoch nur, um sofort wieder an den Tresen zurückzukehren und die Aufmerksamkeit einer neuen Verbindung und einer weiteren Geschichte zu schenken. Oder wir begeben uns mit Robin in dessen Unterrichtsstunden, wo wir Zeugen seiner im Dialog mit den Schülern entstehenden Interpretationen von Musik- und Literaturwerken werden: Vom Barock über Mozart, Beethoven, Puccini und Wagner gelangt man zu Texten von Baudelaire und Camus – den inhaltlich ergiebigsten Teilen des Buches. Über einen Bogen, der alleine durch die Figuren und ihre Treffen im Kaffeehaus zusammengehalten wird, erreicht der Roman mit dem Tod Natálkas sein Ende.

Dem spannungsarmen Inhalt steht formal eine wendige Erzählstrategie gegenüber. Der Roman wird durch einen Ich-Erzähler eingeleitet, der über mehrere Kapitel ausgewählten Figuren das Erzählen aus ihrer jeweiligen Innensicht überlässt. Ein auktorialer Erzähler löst diese Struktur im zweiten Drittel des Romans ab. Das Schlussdrittel charakterisiert schliesslich eine offensichtliche und starke Dezentralisierung der Erzählerinstanz. Durch zahlreiche Figurendialoge, durch eine unklare Referenzierung der Personalpronomen, durch Leserappelle und immer wieder einbrechende metafiktionale Einwürfe und Passagen entzieht sich die Erzählsituation einer eindeutig präzisierbaren Bestimmung.

Unter den Möglichkeiten, die sich aus einer solchen Anhäufung von Perspektiven ergeben, dominiert im letzten Drittel des Romans das Spiel mit der Fiktion. Der Erzähler unterbricht wiederholt und unvermittelt das Geschehen, rechtfertigt sein Tun und gibt Kommentare zu seinem Text ab. Er macht sich über seine Figuren lustig, behauptet, diese gar nicht zu kennen, nur um in einem folgenden Kapitel über deren Existenz und Beziehungen zu spotten. Gleichzeitig entschuldigt sich der Erzähler – was vor dem Hintergrund seines Verhältnisses zu den Figuren ironisch anmutet – für seine unbedeutenden Worte und das mühsame Vorankommen seines Romans. Immer wieder versucht er, sein Erzählen neu anzusetzen und Begonnenes abzuschliessen, verliert sich aber sogleich aufs Neue, kritisiert sein eigenes Schreiben und schickt daraufhin Baudelaire und Camus vor, die begangenen Fehler zu korrigieren. Je weiter der Roman voranschreitet, je stärker der Erzähler versucht, seinen Text und sein individuelles Schreiben in den Griff zu bekommen, desto offenkundiger wird sein Kontrollverlust über die Ereignisse und das Verfahren der mehrfachen Perspektivierung. Die einzelnen Elemente des Romans entwickeln so eine eigenständige Dynamik, und die einseitige Fokussierung auf metafiktionale Erzählerkommentare lässt den Verdacht aufkommen, der Erzähler sei durch das Material überfordert.

Die Geister, die er rief, wird Ondřej Macura auch ausserhalb der erzählten Welt nicht mehr los. Insbesondere durch die jüngeren Rezipienten erhält das durch den Autor angestossene Spiel mit der Fiktion eine womöglich nicht beabsichtigte zusätzliche Dimension. So stösst man bei facebook auf ein Profil von Macura, das kurz nach dem Erscheinen von Netopýři generiert wurde. Bei genauerem Hinsehen wird aber deutlich: das Profil ist ein ‚fake’. Zwar deuten Username, Bilder und Profilinformationen eindeutig auf die reale Person Ondřej Macura hin. Aber schon in den ersten Kommentaren schreibt der angebliche Macura ausschliesslich in der dritten Person von sich. Weitere Verwirrung entsteht, wenn jüngere Einträge in die erste Person wechseln oder die grammatikalische Form des Verbs sogar eine weibliche Urheberin vermuten lässt. Das Durcheinander erreicht seinen Höhepunkt mit dem Vermerk des Users ‚Ondřej Macura‘: „Pan profesor o této stránce zatím neví.“ (Der Herr Lehrer weiss bis jetzt noch nichts von dieser Seite). Darauf reagiert ein Benutzer – offensichtlich ein Schüler Macuras – und behauptet, seinem Lehrer das Profil gezeigt zu haben. Leider sucht man einen das Rätsel auflösenden Kommentar von Macura selbst vergeblich. Im virtuellen Raum wird Ondřej Macura selbst zur erfundenen Figur, mit der ein unbekannter Autor seine Scherze treibt. Macura wird zum Opfer seiner eigenen fiktionalen Experimentierfreude.

Ganz im Geist des Ausfransens bringt der Schluss des Romans dann auch keine Auflösung. Im Gegenteil: Der unmotiviert auftauchende Tod am Ende erscheint vielmehr als Rettungsversuch für die Dramatik der Handlung, funktioniert aber trotz seiner Prominenz weder als Abschluss, noch als erhofftes Bindeglied zwischen Inhalt und Erzählstrategie. Macura gelingt es nicht, die sich verselbständigenden Stränge der Romanhandlung mit der metafiktionalen Reflexion zu verknüpfen. Der Text hinterlässt in all seinen unterschiedlichen Schichten den Eindruck eines Autors, der mit der Menge an Material nicht zu Rande gekommen ist. Er kapituliert vor der Fülle an Erzählern, verliert sich in der Wechselhaftigkeit der Perspektiven und zerstückelt 200 Seiten in 62 Kapitel, was die inhaltliche Heterogenität des Stoffes noch zusätzlich verstärkt.
So bleibt es schliesslich dem Leser überlassen, aus den Bruchstücken einen Roman herzustellen. Doch ohne die Hilfe des Erzählers, der, vom Text überrumpelt, sich voreilig von diesem verabschiedet, wird das Lesen zu einem schwierigen Unterfangen und stellt den Leser vor eine Entscheidung: Entweder den Text als das zu lesen, was er vorgibt zu sein, nämlich als einen Roman und sich dem Spiel mit der Fiktion zu überlassen. Oder nicht den, sondern die Texte zu lesen, die einzelnen Kapitel als abgeschlossene Szenen, gewissermassen als Mikrogeschichten. Diese Lektüre gelingt jedoch nur um den Preis, sich als Leser nicht vom Erzähler in dessen Geheimniskrämerei um Autorschaft involvieren zu lassen.

Die Wahl muss angesichts der Überforderung durch die Menge an Themen und erzähltechnischen Versuchsanordnungen auf die Lektüre ausgewählter Kapitel als szenische, essayistische und lyrische Kurzgeschichten fallen. Was wir in Macuras Lyrik schätzen gelernt haben, nämlich die Kompaktheit der kurzen Erzählform und die gewaltige Bildsprache, kommt nur bei einer solchen Lektüre unmittelbar zum Tragen.

In jedem Fall lässt uns die junge tschechische Schriftstellergeneration mit Ondřej Macura auf weitere Experimente hoffen. Vorläufig bleibt die Freude darüber, mit Netopýři in einem Band in den Genuss gleich zweier erzählerischer Formen zu kommen: einer romanhaften, mag diese auch noch in Kinderschuhen stecken, und einer Sammlung von durchaus gelungenen literarischen Szenen.

 

Ondřej Macura: Netopýři. Kniha Zlín. Praha 2009.

Viele Geschichten und ein Roman – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Viele Geschichten und ein Roman

Ondřej Macura (1980) gehört – zusammen mit Jana Šrám­ková und Natálie Kocá­bová – zur jüngsten tsche­chi­schen Schrift­steller­ge­nera­tion. Bekannt ist Macura, der nach dem Stu­dium der tsche­chi­schen Lite­ratur nun als Gym­na­si­al­lehrer arbeitet, in erster Linie als Lyriker. Er hat Bei­träge in den wich­tigsten Lite­ra­tur­zeit­schriften des Landes, z. B. im A2, im mäh­risch-schle­si­schen Weles und im Tvar geschrieben. Eben­dort konnte Macura seinen Gedicht­band Indicie (Indiz, 2007) als Lite­ra­tur­bei­lage her­aus­bringen und wurde mit diesem Werk im Jahr 2008 für den Jiří-Orten-Preis, einer Aus­zeich­nung für Text­künstler unter dreissig Jahren, nomi­niert. Unlängst gelangte ein Bänd­chen mit seinen ersten, in den Jahren 2000–2001 ent­stan­denen Gedichten unter dem Titel Žaltář (Psalter, 2008) zur Publikation.

Der Roman Neto­pýři (Fle­der­mäuse), Macuras Pro­sa­erst­ling, ist im Früh­jahr 2009 erschienen. Ange­sichts des ziem­lich grossen Text­vo­lu­mens und einer unru­higen Auf­tei­lung in 62 Kapitel, mag es über­ra­schen, dass die Hand­lung undra­ma­tisch ver­läuft: Die Figuren ver­bringen einen Gross­teil ihres All­tags­da­seins im Café Mont­martre in einer Gasse der Prager Alt­stadt, von wo aus der Erzähler die Umrisse seines Roman­per­so­nals ent­wirft. Der Leser sitzt gleichsam als unsicht­barer Gast am Neben­tisch und erhält Ein­blick in die Lieb­schaften, die Arbeit und Gedan­ken­welt, kurz: in das Leben der zeit­ge­nös­si­schen Prager End­zwan­ziger-Genera­tion. Da sind die Lyri­kerin und Dozentin Pavla, der Gym­na­si­al­lehrer Robin, der sich eben­falls im Dichten ver­sucht, der Intel­lek­tu­elle Gabriel, die Schü­lerin Natálka sowie ihre Freunde und Geliebten Sofia, Jana, Iva, Petr und Martin. Alle bekommen für einen bestimmten Zeit­ab­schnitt ihren Platz am Stamm­tisch im Café Mont­martre und geben ihn früher oder später wieder ab.
Von diesem Flucht­punkt aus begleiten wir die Figuren pas­sa­gen­weise in die Inti­mi­täten ihrer Bezie­hungen, jedoch nur, um sofort wieder an den Tresen zurück­zu­kehren und die Auf­merk­sam­keit einer neuen Ver­bin­dung und einer wei­teren Geschichte zu schenken. Oder wir begeben uns mit Robin in dessen Unter­richts­stunden, wo wir Zeugen seiner im Dialog mit den Schü­lern ent­ste­henden Inter­pre­ta­tionen von Musik- und Lite­ra­tur­werken werden: Vom Barock über Mozart, Beet­hoven, Puc­cini und Wagner gelangt man zu Texten von Bau­de­laire und Camus – den inhalt­lich ergie­bigsten Teilen des Buches. Über einen Bogen, der alleine durch die Figuren und ihre Treffen im Kaf­fee­haus zusam­men­ge­halten wird, erreicht der Roman mit dem Tod Natálkas sein Ende.

Dem span­nungs­armen Inhalt steht formal eine wen­dige Erzähl­stra­tegie gegen­über. Der Roman wird durch einen Ich-Erzähler ein­ge­leitet, der über meh­rere Kapitel aus­ge­wählten Figuren das Erzählen aus ihrer jewei­ligen Innen­sicht über­lässt. Ein aukt­o­rialer Erzähler löst diese Struktur im zweiten Drittel des Romans ab. Das Schluss­drittel cha­rak­te­ri­siert schliess­lich eine offen­sicht­liche und starke Dezen­tra­li­sie­rung der Erzäh­ler­instanz. Durch zahl­reiche Figu­ren­dia­loge, durch eine unklare Refe­ren­zie­rung der Per­so­nal­pro­nomen, durch Lese­rap­pelle und immer wieder ein­bre­chende meta­fik­tio­nale Ein­würfe und Pas­sagen ent­zieht sich die Erzähl­si­tua­tion einer ein­deutig prä­zi­sier­baren Bestimmung.

Unter den Mög­lich­keiten, die sich aus einer sol­chen Anhäu­fung von Per­spek­tiven ergeben, domi­niert im letzten Drittel des Romans das Spiel mit der Fik­tion. Der Erzähler unter­bricht wie­der­holt und unver­mit­telt das Geschehen, recht­fer­tigt sein Tun und gibt Kom­men­tare zu seinem Text ab. Er macht sich über seine Figuren lustig, behauptet, diese gar nicht zu kennen, nur um in einem fol­genden Kapitel über deren Exis­tenz und Bezie­hungen zu spotten. Gleich­zeitig ent­schul­digt sich der Erzähler – was vor dem Hin­ter­grund seines Ver­hält­nisses zu den Figuren iro­nisch anmutet – für seine unbe­deu­tenden Worte und das müh­same Vor­an­kommen seines Romans. Immer wieder ver­sucht er, sein Erzählen neu anzu­setzen und Begon­nenes abzu­schliessen, ver­liert sich aber sogleich aufs Neue, kri­ti­siert sein eigenes Schreiben und schickt dar­aufhin Bau­de­laire und Camus vor, die began­genen Fehler zu kor­ri­gieren. Je weiter der Roman vor­an­schreitet, je stärker der Erzähler ver­sucht, seinen Text und sein indi­vi­du­elles Schreiben in den Griff zu bekommen, desto offen­kun­diger wird sein Kon­troll­ver­lust über die Ereig­nisse und das Ver­fahren der mehr­fa­chen Per­spek­ti­vie­rung. Die ein­zelnen Ele­mente des Romans ent­wi­ckeln so eine eigen­stän­dige Dynamik, und die ein­sei­tige Fokus­sie­rung auf meta­fik­tio­nale Erzäh­ler­kom­men­tare lässt den Ver­dacht auf­kommen, der Erzähler sei durch das Mate­rial überfordert.

Die Geister, die er rief, wird Ondřej Macura auch aus­ser­halb der erzählten Welt nicht mehr los. Ins­be­son­dere durch die jün­geren Rezi­pi­enten erhält das durch den Autor ange­stos­sene Spiel mit der Fik­tion eine womög­lich nicht beab­sich­tigte zusätz­liche Dimen­sion. So stösst man bei face­book auf ein Profil von Macura, das kurz nach dem Erscheinen von Neto­pýři gene­riert wurde. Bei genauerem Hin­sehen wird aber deut­lich: das Profil ist ein ‚fake’. Zwar deuten User­name, Bilder und Pro­fil­in­for­ma­tionen ein­deutig auf die reale Person Ondřej Macura hin. Aber schon in den ersten Kom­men­taren schreibt der angeb­liche Macura aus­schliess­lich in der dritten Person von sich. Wei­tere Ver­wir­rung ent­steht, wenn jün­gere Ein­träge in die erste Person wech­seln oder die gram­ma­ti­ka­li­sche Form des Verbs sogar eine weib­liche Urhe­berin ver­muten lässt. Das Durch­ein­ander erreicht seinen Höhe­punkt mit dem Ver­merk des Users ‚Ondřej Macura‘: „Pan pro­fesor o této stránce zatím neví.“ (Der Herr Lehrer weiss bis jetzt noch nichts von dieser Seite). Darauf reagiert ein Benutzer – offen­sicht­lich ein Schüler Macuras – und behauptet, seinem Lehrer das Profil gezeigt zu haben. Leider sucht man einen das Rätsel auf­lö­senden Kom­mentar von Macura selbst ver­geb­lich. Im vir­tu­ellen Raum wird Ondřej Macura selbst zur erfun­denen Figur, mit der ein unbe­kannter Autor seine Scherze treibt. Macura wird zum Opfer seiner eigenen fik­tio­nalen Experimentierfreude.

Ganz im Geist des Aus­fran­sens bringt der Schluss des Romans dann auch keine Auf­lö­sung. Im Gegen­teil: Der unmo­ti­viert auf­tau­chende Tod am Ende erscheint viel­mehr als Ret­tungs­ver­such für die Dra­matik der Hand­lung, funk­tio­niert aber trotz seiner Pro­mi­nenz weder als Abschluss, noch als erhofftes Bin­de­glied zwi­schen Inhalt und Erzähl­stra­tegie. Macura gelingt es nicht, die sich ver­selb­stän­di­genden Stränge der Roman­hand­lung mit der meta­fik­tio­nalen Refle­xion zu ver­knüpfen. Der Text hin­ter­lässt in all seinen unter­schied­li­chen Schichten den Ein­druck eines Autors, der mit der Menge an Mate­rial nicht zu Rande gekommen ist. Er kapi­tu­liert vor der Fülle an Erzäh­lern, ver­liert sich in der Wech­sel­haf­tig­keit der Per­spek­tiven und zer­stü­ckelt 200 Seiten in 62 Kapitel, was die inhalt­liche Hete­ro­ge­nität des Stoffes noch zusätz­lich verstärkt.
So bleibt es schliess­lich dem Leser über­lassen, aus den Bruch­stü­cken einen Roman her­zu­stellen. Doch ohne die Hilfe des Erzäh­lers, der, vom Text über­rum­pelt, sich vor­eilig von diesem ver­ab­schiedet, wird das Lesen zu einem schwie­rigen Unter­fangen und stellt den Leser vor eine Ent­schei­dung: Ent­weder den Text als das zu lesen, was er vor­gibt zu sein, näm­lich als einen Roman und sich dem Spiel mit der Fik­tion zu über­lassen. Oder nicht den, son­dern die Texte zu lesen, die ein­zelnen Kapitel als abge­schlos­sene Szenen, gewis­ser­massen als Mikro­ge­schichten. Diese Lek­türe gelingt jedoch nur um den Preis, sich als Leser nicht vom Erzähler in dessen Geheim­nis­krä­merei um Autor­schaft invol­vieren zu lassen.

Die Wahl muss ange­sichts der Über­for­de­rung durch die Menge an Themen und erzähl­tech­ni­schen Ver­suchs­an­ord­nungen auf die Lek­türe aus­ge­wählter Kapitel als sze­ni­sche, essay­is­ti­sche und lyri­sche Kurz­ge­schichten fallen. Was wir in Macuras Lyrik schätzen gelernt haben, näm­lich die Kom­pakt­heit der kurzen Erzähl­form und die gewal­tige Bild­sprache, kommt nur bei einer sol­chen Lek­türe unmit­telbar zum Tragen.

In jedem Fall lässt uns die junge tsche­chi­sche Schrift­steller­ge­nera­tion mit Ondřej Macura auf wei­tere Expe­ri­mente hoffen. Vor­läufig bleibt die Freude dar­über, mit Neto­pýři in einem Band in den Genuss gleich zweier erzäh­le­ri­scher Formen zu kommen: einer roman­haften, mag diese auch noch in Kin­der­schuhen ste­cken, und einer Samm­lung von durchaus gelun­genen lite­ra­ri­schen Szenen.

 

Ondřej Macura: Neto­pýři. Kniha Zlín. Praha 2009.