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Club der polnischen Versager

Posted on 5. Oktober 2010 by Jakub Rapsch
Der Club der polnischen Versager ist ein verspielter Ort der Berliner Kulturlandschaft; ein Gesamtkunstwerk, das das Versagen und den Misserfolg zelebriert und so – paradoxerweise – recht erfolgreich seiner selbst auferlegten Mission nachgeht: dem deutsch-polnischen Kulturaustausch.

Integrationsarbeit mal anders

 

Beim Gespräch mit einem interessanten Menschen begrüßt Adam Gusowski wöchentlich seinen Kollegen Piotr Mordel und wendet sich dabei an die Zuschauer: “...und dank modernster Übertragungstechnik auch bei Ihnen zu Hause” – als wäre er erstaunt, was heute technisch möglich ist. Sieht man sich diese Gespräche an, so ist man geneigt, dem manchmal bieder, manchmal komisch wirkenden Sonderling sein Erstaunen abzunehmen. Moment mal, wie kommt es dann aber, dass diese polnischen Hinterwäldler einen eigenen Youtube-Channel haben? Hat irgendein findiger Geschäftsmann bei einer seiner Einkaufstouren nach Polen einen Riecher gehabt und will diese sonderbaren Gestalten medial in Deutschland vermarkten? Bei Paul Potts, dem übergewichtigen, etwas dümmlich wirkenden Opernsänger aus der Fernsehsendung Britain's Got Talent hat es ja auch geklappt. Ganz so schlimm ist es dann doch nicht. Piotr Mordel und Adam Gusowski sind zwei der Gründungsmitglieder des Clubs der polnischer Versager, der 2001 von in Berlin lebenden polnischen Künstlern gegründet wurde, und dessen selbsternanntes Ziel der deutsch-polnische Kulturaustausch ist.

Klub_VersagerNach inzwischen fast 10 erfolgreichen Jahren ist ein multimediales Gesamtkunstwerk aus dem Club geworden. Neben dem Berliner Lokal des Clubs in der Ackerstraße 170, in dem regelmäßig Lesungen, Konzerte, Theaterstücke, Filmvorführungen und Parties stattfinden, hat der Club auch eine eigene Radiosendung im WDR Kanal Funkhaus Europa, eine feste Sparte in der RBB-Sendung Kowalski trifft Schmidt und begeistert auch außerhalb Berlins mit Live-Veranstaltungen wie der Leutnant Show. Im Internet findet man nicht nur zahlreiche Artikel über den Club, aber auch seine eigene Webpräsenz und den erwähnten Youtube-Channel, auf dem die Mitglieder des Clubs regelmäßig neues Material veröffentlichen. Mit Frau Selke und der Hass ist erst kürzlich eine monatliche Stummfilm Soap auf Sendung gegangen. Ja, eine monatliche Stummfilm Soap. Den geneigten Freund der Versager irritieren solcherlei Wortgebilde eigentlich gar nicht mehr, ist man sie doch schon längst gewohnt. Schließlich geht der Kenner seit geraumer Zeit regelmäßig in den Club, um sich die Schizonationale, eine Satireshow des Clubs der polnischen Versager anzuschauen, und kann sich an Zeiten erinnern, als Kolano (dt. Knie), das “unkultivierte und halbliter'arische Organ des Bundes der polnischen Versager” erschien.

Neben Piotr Mordel und Adam Gusowski, die mit ihren öffentlichen Auftritten so etwas wie die visuellen Aushängeschilder der Versager sind, gehören noch neun weitere Persönlichkeiten zu den Gründungsmitgliedern des Clubs. Da wäre zum Beispiel Joanna Bednarska, die mittlerweile aus dem Club ausgestiegen ist, und mit ihrem Mann Mariusz eine Galerie für polnische Poster- und Plakatkunst namens Pigasus in Berlin betreibt. Weiterhin müssen unbedingt noch Wojciech Stamm und Leszek Oświęcimski erwähnt werden, deren Kreativität sich vor allem literarisch äußert. In erster Linie wäre hier wohl Oświęcimskis Klub Kiełboludów von 2002 zu nennen. Der Roman erschien auch auf Deutsch unter dem Pseudonym Leszek Herman als Der Klub der Polnischen Wurstmenschen. Die Wurstmenschen sind unter mysteriösen Umständen im Labor gezüchtete Lebewesen aus polnischer Wurst, die nach Deutschland geschmuggelt werden, um hierzulande in Stücke geschnitten und verzehrt zu werden. Letztendlich landen sie in Berlin und gründen einen Club, in dem sie sich mit Kunst befassen wollen, was ihnen jedoch nicht immer Klub_Buchgelingt. Der Roman ist zwischen Science-Fiction, Märchen und Spionagethriller angesiedelt, lebt jedoch in erster Linie von seiner grotesken Komik und vielen zufälligen Assoziationen. Allein die Fiktion vom Wurstmenschen – also einer Masse aus verschieden-artigen Fleischresten – macht schon deutlich, wie sich die Protagonisten fühlen. Offensichtlich wissen sie nicht genau, woraus sie gemacht sind und wohin sie gehören. So gesehen wäre ein möglicher Ansatz, die polnischen Versager besser zu verstehen, sie psychologisch-analytisch zu untersuchen. In “Englishman in New York” singt der ehemalige Frontman der Band The Police, Sting, vom Dasein als Alien in einer völlig fremden Stadt. Der eine oder andere könnte sich an typische Merkmale der Immigrantenliteratur erinnert fühlen, denn nicht selten gibt es eben solche Motive in Büchern von Einwanderern: Der Protagonist ist fremd in einer ihm unbekannten Umgebung, in einer anderen Kultur, er verliert die gewohnte Stellung innerhalb der Gesellschaft, es fehlt ihm an Selbstsicherheit und er büßt möglicher-eise an Würde ein. Dieses Dilemma lässt im Grunde genommen nur zwei Möglichkeiten zu: entweder fällt man in ein psychisches Tief oder man hilft sich eben mit Humor weiter. Auch könnte man meinen, ein Versager will deswegen Versager sein, weil er dadurch unangreifbar wird: Wer will einem Versager schon etwas vorwerfen?

In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass keiner der polnischen Versager es zu großem Reichtum oder sozialem Ansehen gebracht hat, auch die Verkaufszahlen der Publikationen sind weit entfernt von Erfolgen der „Vorzeigeimmigranten“ wie zum Beispiel des ebenfalls in Berlin Mitte beheimateten Deutschrussen Wladimir Kaminer. Einige der polnischen Versager sollen gar von Hartz IV leben. Was also ist denn nun dieser Club der polnischen Versager, und warum wehrt er sich so standhaft gegen jegliche Versuche der Einordnung und gegen den Erfolg? Will er uns die Wesenszüge westlicher kapitalistischer Ideologien vor Augen führen, deren eine ist, Dinge zwanghaft einordnen zu wollen? Oder sollen wir den Club gar bewundern, da er sich freiwillig den Stempel des Versagens anheftet? Im Manifest des Clubs der polnischen Versager heißt es:

„Unsergleichen gibt es nicht viele in der Stadt.
Ein paar nur, vielleicht einige zehn.
Der Rest, das sind Menschen des Erfolgs, kühle und kaltblütige Spezialisten – was immer sie auch tun, das tun sie bestens.
Wir sind geneigt, ihren Vorrang anzuerkennen, dennoch wollen wir Schöpfer bleiben, und zwar nach unseren Möglichkeiten, auf einem niedrigeren Niveau.“

Wer jetzt denkt, das alles sei eine große Farce, liegt jedoch nicht gänzlich richtig. Oder vielleicht doch? Sicher kann man sich beim Club der polnischen Versager eigentlich nie sein. Eines fällt jedoch auf: Die Verwirrung erscheint durchaus gewollt zu sein. Mit den kommerziell äußerst erfolgreichen Multikulti-Comedystars der deutschen Fernsehlandschaft kann man den Club der polnischen Versager nicht vergleichen. Ein Kaya Yanar macht den Akzent eines Inders nach, und ein Millionenpublikum krümmt sich vor Lachen. Dieses ist nicht der Humor der Versager, das wäre ihnen wahrscheinlich zu platt. Belehrend wollen sie allerdings auch nicht daherkommen, denn das wäre ihnen wiederum zu intellektuell. Einmal gelang es ihnen sogar ganz Deutschland zu verblüffen: Als die Versager von Alfred Biolek neben Uschi Glas und Britney Spears in seine Talkshow Boulevard Bio im deutschen Fernsehen eingeladen wurden, blieben sie ihrer Linie jedenfalls treu. Relativ eingeschüchtert von so viel Aufmerksamkeit wollten sie nichts falsch machen und antworteten auf so manche Frage des Moderators eher zurückhaltend und einsilbig, was so manche negative Reaktion in den Medien nach sich zog. Festzuhalten bleibt jedoch, dass dieser Auftritt die Popularität des Clubs steigerte und ihnen Anfragen aus ganz Deutschland einbrachte.

Bei meinem Treffen mit Adam Gusowki und Piotr Mordel kam ich oft ins Grübeln. Meinen die das jetzt ernst, oder sollte das ein Scherz sein? Wenn es jedoch ein Scherz sein sollte, warum lachen die dann jetzt nicht? Während wir in einem Moment über das Versagen als einen Angriff auf die westliche Kultur sprachen, oder die Zusammenstellung der Worte “polnisch” und “Versager” als spannungslastiges Rätsel deuteten, wurde im nächsten Moment Adam Gusowkis Wohnsituation inklusive fehlender Vorhänge thematisiert. Als Adam Gusowski dann in Badelatschen kurz den Raum verließ, berichtete mir Piotr Mordel von Adams unglaublicher Anziehungskraft auf Frauen, und dass dieser ohne weiteres im Stande wäre, sich diesbezüglich mit Tiger Woods zu messen.

Letztendlich darf nicht vergessen werden, dass Adam Gusowski und Piotr Mordel nahezu in Vollzeit arbeitstätig sind. Ersterer verdient sein Geld als Journalist, der Zweite als Grafiker und Verleger. Beide berichten davon, dass es, wenn sie es gewollt hätten, durchaus Möglichkeiten gegeben hätte, mehr Erfolg und Geld aus dem Club der polnischen Versager zu ziehen. Dieses wollen die Versager aber nicht, und erzählen von ihren Bedenken, was Erfolg dem Club antun könnte.

Wenn man an die unterschiedlichen Aktivitäten des Clubs denkt und das Ziel, das der Club der polnischen Versager bei seiner Gründung formulierte, nämlich den deutsch-polnischen Kulturaustausch, dann scheint es, als hätten die Versager diesmal also gar nicht versagt. In der Ackerstraße 170 treffen sich jedes Wochenende Menschen aus Deutschland, Polen und vielen anderen Ländern, um zu diskutieren, zu feiern und zu trinken, und es fällt schwer, sich des Eindrucks zu erwehren, dass der Club der polnischen Versager mehr Integrationsarbeit leistet als so manch eine steife staatliche Einrichtung.

 

Literatur:
Oświęcimski, Leszek Herman: Klub Kiełboludów. Berlin 2002.
Herman , Leszek: Der Klub der polnischen Wurstmenschen. Berlin 2004.

 

Weiterführende Links:
Webseite des Clubs der polnischen Versager
www.polnischeversager.de/
Youtube-Channel des Clubs der polnischen Versager
www.youtube.com/user/polnischeversager170

Club der polnischen Versager – novinki
Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Club der pol­ni­schen Versager

Inte­gra­ti­ons­ar­beit mal anders

 

Beim Gespräch mit einem inter­es­santen Men­schen begrüßt Adam Gusowski wöchent­lich seinen Kol­legen Piotr Mordel und wendet sich dabei an die Zuschauer: “…und dank modernster Über­tra­gungs­technik auch bei Ihnen zu Hause” – als wäre er erstaunt, was heute tech­nisch mög­lich ist. Sieht man sich diese Gespräche an, so ist man geneigt, dem manchmal bieder, manchmal komisch wir­kenden Son­der­ling sein Erstaunen abzu­nehmen. Moment mal, wie kommt es dann aber, dass diese pol­ni­schen Hin­ter­wäldler einen eigenen You­tube-Channel haben? Hat irgendein fin­diger Geschäfts­mann bei einer seiner Ein­kaufs­touren nach Polen einen Rie­cher gehabt und will diese son­der­baren Gestalten medial in Deutsch­land ver­markten? Bei Paul Potts, dem über­ge­wich­tigen, etwas dümm­lich wir­kenden Opern­sänger aus der Fern­seh­sen­dung Britain’s Got Talent hat es ja auch geklappt. Ganz so schlimm ist es dann doch nicht. Piotr Mordel und Adam Gusowski sind zwei der Grün­dungs­mit­glieder des Clubs der pol­ni­scher Ver­sager, der 2001 von in Berlin lebenden pol­ni­schen Künst­lern gegründet wurde, und dessen selbst­er­nanntes Ziel der deutsch-pol­ni­sche Kul­tur­aus­tausch ist.

Klub_Versager

Nach inzwi­schen fast 10 erfolg­rei­chen Jahren ist ein mul­ti­me­diales Gesamt­kunst­werk aus dem Club geworden. Neben dem Ber­liner Lokal des Clubs in der Acker­straße 170, in dem regel­mäßig Lesungen, Kon­zerte, Thea­ter­stücke, Film­vor­füh­rungen und Par­ties statt­finden, hat der Club auch eine eigene Radio­sen­dung im WDR Kanal Funk­haus Europa, eine feste Sparte in der RBB-Sen­dung Kow­alski trifft Schmidt und begeis­tert auch außer­halb Ber­lins mit Live-Ver­an­stal­tungen wie der Leut­nant Show. Im Internet findet man nicht nur zahl­reiche Artikel über den Club, aber auch seine eigene Web­prä­senz und den erwähnten You­tube-Channel, auf dem die Mit­glieder des Clubs regel­mäßig neues Mate­rial ver­öf­fent­li­chen. Mit Frau Selke und der Hass ist erst kürz­lich eine monat­liche Stumm­film Soap auf Sen­dung gegangen. Ja, eine monat­liche Stumm­film Soap. Den geneigten Freund der Ver­sager irri­tieren sol­cherlei Wort­ge­bilde eigent­lich gar nicht mehr, ist man sie doch schon längst gewohnt. Schließ­lich geht der Kenner seit geraumer Zeit regel­mäßig in den Club, um sich die Schi­zo­na­tio­nale, eine Sati­re­show des Clubs der pol­ni­schen Ver­sager anzu­schauen, und kann sich an Zeiten erin­nern, als Kolano (dt. Knie), das “unkul­ti­vierte und halb­li­ter’a­ri­sche Organ des Bundes der pol­ni­schen Ver­sager” erschien.

Neben Piotr Mordel und Adam Gusowski, die mit ihren öffent­li­chen Auf­tritten so etwas wie die visu­ellen Aus­hän­ge­schilder der Ver­sager sind, gehören noch neun wei­tere Per­sön­lich­keiten zu den Grün­dungs­mit­glie­dern des Clubs. Da wäre zum Bei­spiel Joanna Bed­narska, die mitt­ler­weile aus dem Club aus­ge­stiegen ist, und mit ihrem Mann Mariusz eine Galerie für pol­ni­sche Poster- und Pla­kat­kunst namens Pigasus in Berlin betreibt. Wei­terhin müssen unbe­dingt noch Wojciech Stamm und Leszek Oświęcimski erwähnt werden, deren Krea­ti­vität sich vor allem lite­ra­risch äußert. In erster Linie wäre hier wohl Oświęcimskis Klub Kieł­bo­ludów von 2002 zu nennen. Der Roman erschien auch auf Deutsch unter dem Pseud­onym Leszek Herman als Der Klub der Pol­ni­schen Wurst­men­schen. Die Wurst­men­schen sind unter mys­te­riösen Umständen im Labor gezüch­tete Lebe­wesen aus pol­ni­scher Wurst, die nach Deutsch­land geschmug­gelt werden, um hier­zu­lande in Stücke geschnitten und ver­zehrt zu werden. Letzt­end­lich landen sie in Berlin und gründen einen Club, in dem sie sich mit Kunst befassen wollen, was ihnen jedoch nicht immer Klub_Buchgelingt. Der Roman ist zwi­schen Sci­ence-Fic­tion, Mär­chen und Spio­na­ge­thriller ange­sie­delt, lebt jedoch in erster Linie von seiner gro­tesken Komik und vielen zufäl­ligen Asso­zia­tionen. Allein die Fik­tion vom Wurst­men­schen – also einer Masse aus ver­schieden-artigen Fleisch­resten – macht schon deut­lich, wie sich die Prot­ago­nisten fühlen. Offen­sicht­lich wissen sie nicht genau, woraus sie gemacht sind und wohin sie gehören. So gesehen wäre ein mög­li­cher Ansatz, die pol­ni­schen Ver­sager besser zu ver­stehen, sie psy­cho­lo­gisch-ana­ly­tisch zu unter­su­chen. In “Eng­lishman in New York” singt der ehe­ma­lige Frontman der Band The Police, Sting, vom Dasein als Alien in einer völlig fremden Stadt. Der eine oder andere könnte sich an typi­sche Merk­male der Immi­gran­ten­li­te­ratur erin­nert fühlen, denn nicht selten gibt es eben solche Motive in Büchern von Ein­wan­de­rern: Der Prot­ago­nist ist fremd in einer ihm unbe­kannten Umge­bung, in einer anderen Kultur, er ver­liert die gewohnte Stel­lung inner­halb der Gesell­schaft, es fehlt ihm an Selbst­si­cher­heit und er büßt mög­li­cher-eise an Würde ein. Dieses Dilemma lässt im Grunde genommen nur zwei Mög­lich­keiten zu: ent­weder fällt man in ein psy­chi­sches Tief oder man hilft sich eben mit Humor weiter. Auch könnte man meinen, ein Ver­sager will des­wegen Ver­sager sein, weil er dadurch unan­greifbar wird: Wer will einem Ver­sager schon etwas vorwerfen?

In diesem Zusam­men­hang sei erwähnt, dass keiner der pol­ni­schen Ver­sager es zu großem Reichtum oder sozialem Ansehen gebracht hat, auch die Ver­kaufs­zahlen der Publi­ka­tionen sind weit ent­fernt von Erfolgen der „Vor­zei­geim­mi­granten“ wie zum Bei­spiel des eben­falls in Berlin Mitte behei­ma­teten Deutsch­russen Wla­dimir Kaminer. Einige der pol­ni­schen Ver­sager sollen gar von Hartz IV leben. Was also ist denn nun dieser Club der pol­ni­schen Ver­sager, und warum wehrt er sich so stand­haft gegen jeg­liche Ver­suche der Ein­ord­nung und gegen den Erfolg? Will er uns die Wesens­züge west­li­cher kapi­ta­lis­ti­scher Ideo­lo­gien vor Augen führen, deren eine ist, Dinge zwang­haft ein­ordnen zu wollen? Oder sollen wir den Club gar bewun­dern, da er sich frei­willig den Stempel des Ver­sa­gens anheftet? Im Mani­fest des Clubs der pol­ni­schen Ver­sager heißt es:

„Unser­glei­chen gibt es nicht viele in der Stadt.
Ein paar nur, viel­leicht einige zehn.
Der Rest, das sind Men­schen des Erfolgs, kühle und kalt­blü­tige Spe­zia­listen – was immer sie auch tun, das tun sie bestens.
Wir sind geneigt, ihren Vor­rang anzu­er­kennen, den­noch wollen wir Schöpfer bleiben, und zwar nach unseren Mög­lich­keiten, auf einem nied­ri­geren Niveau.“ 

Wer jetzt denkt, das alles sei eine große Farce, liegt jedoch nicht gänz­lich richtig. Oder viel­leicht doch? Sicher kann man sich beim Club der pol­ni­schen Ver­sager eigent­lich nie sein. Eines fällt jedoch auf: Die Ver­wir­rung erscheint durchaus gewollt zu sein. Mit den kom­mer­ziell äußerst erfolg­rei­chen Mul­ti­kulti-Come­dy­stars der deut­schen Fern­seh­land­schaft kann man den Club der pol­ni­schen Ver­sager nicht ver­glei­chen. Ein Kaya Yanar macht den Akzent eines Inders nach, und ein Mil­lio­nen­pu­blikum krümmt sich vor Lachen. Dieses ist nicht der Humor der Ver­sager, das wäre ihnen wahr­schein­lich zu platt. Beleh­rend wollen sie aller­dings auch nicht daher­kommen, denn das wäre ihnen wie­derum zu intel­lek­tuell. Einmal gelang es ihnen sogar ganz Deutsch­land zu ver­blüffen: Als die Ver­sager von Alfred Biolek neben Uschi Glas und Britney Spears in seine Talk­show Bou­le­vard Bio im deut­schen Fern­sehen ein­ge­laden wurden, blieben sie ihrer Linie jeden­falls treu. Relativ ein­ge­schüch­tert von so viel Auf­merk­sam­keit wollten sie nichts falsch machen und ant­wor­teten auf so manche Frage des Mode­ra­tors eher zurück­hal­tend und ein­silbig, was so manche nega­tive Reak­tion in den Medien nach sich zog. Fest­zu­halten bleibt jedoch, dass dieser Auf­tritt die Popu­la­rität des Clubs stei­gerte und ihnen Anfragen aus ganz Deutsch­land einbrachte.

Bei meinem Treffen mit Adam Gusowki und Piotr Mordel kam ich oft ins Grü­beln. Meinen die das jetzt ernst, oder sollte das ein Scherz sein? Wenn es jedoch ein Scherz sein sollte, warum lachen die dann jetzt nicht? Wäh­rend wir in einem Moment über das Ver­sagen als einen Angriff auf die west­liche Kultur spra­chen, oder die Zusam­men­stel­lung der Worte “pol­nisch” und “Ver­sager” als span­nungs­las­tiges Rätsel deu­teten, wurde im nächsten Moment Adam Gusowkis Wohn­si­tua­tion inklu­sive feh­lender Vor­hänge the­ma­ti­siert. Als Adam Gusowski dann in Bade­lat­schen kurz den Raum ver­ließ, berich­tete mir Piotr Mordel von Adams unglaub­li­cher Anzie­hungs­kraft auf Frauen, und dass dieser ohne wei­teres im Stande wäre, sich dies­be­züg­lich mit Tiger Woods zu messen.

Letzt­end­lich darf nicht ver­gessen werden, dass Adam Gusowski und Piotr Mordel nahezu in Voll­zeit arbeits­tätig sind. Ers­terer ver­dient sein Geld als Jour­na­list, der Zweite als Gra­fiker und Ver­leger. Beide berichten davon, dass es, wenn sie es gewollt hätten, durchaus Mög­lich­keiten gegeben hätte, mehr Erfolg und Geld aus dem Club der pol­ni­schen Ver­sager zu ziehen. Dieses wollen die Ver­sager aber nicht, und erzählen von ihren Bedenken, was Erfolg dem Club antun könnte.

Wenn man an die unter­schied­li­chen Akti­vi­täten des Clubs denkt und das Ziel, das der Club der pol­ni­schen Ver­sager bei seiner Grün­dung for­mu­lierte, näm­lich den deutsch-pol­ni­schen Kul­tur­aus­tausch, dann scheint es, als hätten die Ver­sager diesmal also gar nicht ver­sagt. In der Acker­straße 170 treffen sich jedes Wochen­ende Men­schen aus Deutsch­land, Polen und vielen anderen Län­dern, um zu dis­ku­tieren, zu feiern und zu trinken, und es fällt schwer, sich des Ein­drucks zu erwehren, dass der Club der pol­ni­schen Ver­sager mehr Inte­gra­ti­ons­ar­beit leistet als so manch eine steife staat­liche Einrichtung.

 

Lite­ratur:
Oświęcimski, Leszek Herman: Klub Kieł­bo­ludów. Berlin 2002.
Herman [Oświęcimski], Leszek: Der Klub der pol­ni­schen Wurst­men­schen. Berlin 2004.

 

Wei­ter­füh­rende Links:
Web­seite des Clubs der pol­ni­schen Versager
www.polnischeversager.de/
You­tube-Channel des Clubs der pol­ni­schen Versager
www.youtube.com/user/polnischeversager170