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VOENNYE RASSKAZY – KRIEGSGESCHICHTEN

Posted on 1. Juli 2009 by Willi Reinecke
Geschlechterkrieg, Krieg der Sprachen, Krieg im Kopf als ewiger Widerstreit: Mit dreißig hochexplosiven Variationen auf das Thema Krieg zeigt sich der russische Autor und Künstler Pavel Pepperštejn einmal mehr als vielseitiges Talent. Seine Kurzgeschichten sind in dem Sammelband "Kriegsgeschichten" bei "Ad Marginem" erschienen.

Pavel Pepperšteins Variationen zum Thema Krieg

Ein weltweit gejagter Terrorist wird gefunden. Es ist der irische Autor Benjamin O’Ladden. Seine Manuskripte mit dem Titel War Stories versprechen Einblicke in die terroristischen Motive und inneren Zusammenhänge des Krieges.

Der russische Künstler, Schriftsteller und Kunsttheoretiker Pavel Pepperštejn entwirft dieses Szenario in seinem Prosatext Kriegsgeschichten, der aus dem gleichnamigen, 2006 im Moskauer Ad Marginem Verlag erschienenen Sammelband mit insgesamt dreißig Kurzgeschichten stammt. Pepperštejn hat keine Skrupel, einen terroristischen Autor zu erfinden, der am gleichen Projekt – den Kriegsgeschichten – arbeitet. Soll dies ein Hinweis sein auf die Sprengkraft des Wortes?
Pepperštejn scheut in seinen grotesken Erzählungen dabei keine heiklen Themen. Warum gibt O’Ladden vor, sich mit Gulag-Literatur auszukennen? Er lebt im Gebiet Kolyma, dem ehemaligen Straflager Stalins. Mancher Leser wird zu diesem Thema einen anderen Zugang gewohnt sein, etwa durch die Texte Varlam Šalamovs, der auf dieser Insel inhaftiert war. O’Ladden scheint auf eben diesen Šalamov anzuspielen.

Pepperštejns Kriegsgeschichten ähneln einem Kaleidoskop: In diesem dreht sich ein wildes Gemisch von Zeichen aus Popkultur, Politik, Geschichte und künstlerischer Avantgarde. Michael Jackson und Madonna, Britney Spears und David Bowie treffen als eine Art apokalyptische Reiter zu einem „Gefecht in der Steppe“ zusammen. Es geht hier nicht um die Popstars selbst, sondern um den Zusammenprall ihrer Namen. Diese sind inzwischen so abgenutzt, dass sie nichts mehr bedeuten. Die glatte Oberfläche der Namen bekommt nun Kratzer, es entstehen ganz neue Wort-Gemische und Bedeutungen. Wenn der Staub des Gefechts verflogen ist, hat sich Pepperštejns Kaleidoskop wieder ein Stück gedreht.
In dem Kurzroman Binokel und Monokel, den Pepperštejn 1999 gemeinsam mit Sergej Anufriev veröffentlicht hat und der Teil ihres Romanzyklus’ Die mythogene Liebe der Kasten ist, hatten die Autoren ganz buchstäblich mit optischen Verfahren experimentiert. In Binokel und Monokel bestimmen in den Text eingebaute optische Röhren sowohl den Inhalt als auch das textuelle Verfahren. Die Erzählebenen sind wie diese Röhren miteinander verschränkt.

Die Aneignung von theoretischen Konzepten, die inzwischen zum Kanon gehören und als poststrukturalistisch gelten, ist ein wesentliches Merkmal des künstlerischen Oeuvres von Pepperštejn. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe Inspektion Medizinische Hermeneutik, die zehn Jahre lang, zwischen 1987 und 1997, Schizoanalyse, Gegenwartsphilosophie und Daoismus mit den künstlerischen Praktiken des Moskauer Konzeptualismus verflochten haben. (Pepperštejns Vater ist der Konzeptualist Viktor Pivovarov.) In ihren Aktionen, Installationen und Texten  knüpften sie an therapeutische Verfahren an, jedoch nicht ohne ironischen Abstand. In ihren „Text-Inspektionen“ entwickelten sie einen „psychedelischen Realismus“, der halluzinogen verfasst ist und zu Wortneuschöpfungen wie „Chronochauvinismus“ gelangt.

Inwiefern das Werk Pepperštejns in Abgrenzung von den Vaterfiguren zu verstehen ist, deutet der Künstler in der Performance „Ausstellung eines Gesprächs“an. Die Ausstellung mit gleichnamigem Titel fand 2001 in der Schweiz statt, das Gespräch mit Boris Groys, Ilya Kabakov und Pavel Pepperštejn wurde 2008 in der Zeitschrift Kultur & Gespenster wiederveröffentlicht. Pepperštejn bezeichnet sich da als jemand, der „gewöhnlich friedliche Positionen bezieht“ und so einer Logik der Konfrontation und einer bestimmten Art von Auseinandersetzung absagt, die keine Ambivalenzen zulässt. Von Groys muss er sich den Vorwurf gefallen lassen, ein undynamisches Modell zu entwerfen, das es nicht erlaube, „die eigene Epoche zu kritisieren“.

Der Band mit den Kriegsgeschichten ist nur insofern ambivalent, als in ihnen Krieg alles Mögliche heißen kann: Geschlechterkrieg, Krieg im Kopf als Widerstreit verschiedener Stimmen, der Krieg der Sprachen oder der alten literarischen Fiktion gegen neue Kinofiktion; schließlich der ganz „gewöhnliche Krieg“ von Armeen. Das übergeordnete Motiv ist daher die Auseinandersetzung an sich, der Konflikt mit allen seinen psychologischen Facetten. Mag also der Autor sich als friedliebend sehen, seine Geschichten sind von großer Dynamik, die durchgehend eine Dynamik der Zeichen ist.
In der nur eine Seite langen Geschichte Misslungene Beichte kniet ein Major der SS vor einem russisch-orthodoxen Geistlichen. Dabei steckt er den Kopf unter das Gewand des Priesters, dieser vergibt die Sünden – und erschießt den Deutschen. Möglicherweise scheitert die Beichte gerade deswegen, weil die Gewaltspirale fortgeführt werden muss. Der Erzähler der Geschichte beginnt mit einem harmlosen „Es war einmal ein Major...“ und endet mit der ironisch beiläufigen Bemerkung: „Nun, das nennt man eine misslungene Beichte.“

Jede literarische Beichte verstrickt den Leser in die Beichtsituation. In diesem Fall jagt die Kugel des Priesters fast wie diejenige auf dem Cover des Pepperštejnschen Prosabandes hindurch bis zum Leser und Betrachter. Denn unbetroffen bleibt hier niemand mehr, auch der Leser befindet sich im „Kriegszustand“ mit einem Text, der keine Möglichkeit zur Enthaltung bietet.

Gemeinsam mit dem ebenfalls in Moskau lebenden Künstler Ivan Razumov hat Pepperštejn zahlreiche Illustrationen angefertigt, die oft an die Verfahren der Pop-Art erinnern. Sowohl Comic-Stories wie Sin City als auch sowjetische Kinderbuchillustrationen haben Pate gestanden. Den Verweis auf das Pop Genre stellen auch die Spruchblasen her, die oft englisch sind oder das Russische in englischer Transliteration wiedergeben. Die Illustrationen machen die ungewöhnliche Mehrfachbegabung Pavel Pepperštejns deutlich. Wie produktiv und vielfältig sein inzwischen weltweit ausgestelltes und publiziertes Werk ist, zeigt gegenwärtig eine Ausstellung in der Moskauer Galerie Regina. Ölgemälde im post-suprematistischen Stil lassen Barack Obama, Malevič und utopische Stadtszenarien aufeinandertreffen. Pepperšteins literarische und künstlerische Stimme gibt Hoffnung in einer ansonsten recht trostlosen russischen Kunstwelt der Gegenwart. Diese wird inzwischen von rechtsgerichteten Ideologen wie dem Künstler Aleksej Beljaev-Gintovt bestimmt. Diesem Vertreter „Neuer Ernsthaftigkeit“ wurde für ganz andere „Kriegsgeschichten“ im Herbst 2008 mit den Jurystimmen der Deutschen Bank der bedeutende Kandinsky-Preis verliehen.

 

Pepperštein, Pavel: Voennye Rasskazy. Moskva 2006.

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VOENNYE RASSKAZY – KRIEGSGESCHICHTEN – novinki
Redak­tion „novinki“

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Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
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VOENNYE RASSKAZY – KRIEGSGESCHICHTEN

Pavel Pep­peršteins Varia­tionen zum Thema Krieg

Ein welt­weit gejagter Ter­ro­rist wird gefunden. Es ist der iri­sche Autor Ben­jamin O’Ladden. Seine Manu­skripte mit dem Titel War Sto­ries ver­spre­chen Ein­blicke in die ter­ro­ris­ti­schen Motive und inneren Zusam­men­hänge des Krieges.

Der rus­si­sche Künstler, Schrift­steller und Kunst­theo­re­tiker Pavel Pep­perš­tejn ent­wirft dieses Sze­nario in seinem Pro­sa­text Kriegs­ge­schichten, der aus dem gleich­na­migen, 2006 im Mos­kauer Ad Mar­ginem Verlag erschie­nenen Sam­mel­band mit ins­ge­samt dreißig Kurz­ge­schichten stammt. Pep­perš­tejn hat keine Skrupel, einen ter­ro­ris­ti­schen Autor zu erfinden, der am glei­chen Pro­jekt – den Kriegs­ge­schichten – arbeitet. Soll dies ein Hin­weis sein auf die Spreng­kraft des Wortes?
Pep­perš­tejn scheut in seinen gro­tesken Erzäh­lungen dabei keine heiklen Themen. Warum gibt O’Ladden vor, sich mit Gulag-Lite­ratur aus­zu­kennen? Er lebt im Gebiet Kolyma, dem ehe­ma­ligen Straf­lager Sta­lins. Man­cher Leser wird zu diesem Thema einen anderen Zugang gewohnt sein, etwa durch die Texte Varlam Šal­a­movs, der auf dieser Insel inhaf­tiert war. O’Ladden scheint auf eben diesen Šal­amov anzuspielen.

Pep­perš­tejns Kriegs­ge­schichten ähneln einem Kalei­do­skop: In diesem dreht sich ein wildes Gemisch von Zei­chen aus Pop­kultur, Politik, Geschichte und künst­le­ri­scher Avant­garde. Michael Jackson und Madonna, Britney Spears und David Bowie treffen als eine Art apo­ka­lyp­ti­sche Reiter zu einem „Gefecht in der Steppe“ zusammen. Es geht hier nicht um die Pop­stars selbst, son­dern um den Zusam­men­prall ihrer Namen. Diese sind inzwi­schen so abge­nutzt, dass sie nichts mehr bedeuten. Die glatte Ober­fläche der Namen bekommt nun Kratzer, es ent­stehen ganz neue Wort-Gemi­sche und Bedeu­tungen. Wenn der Staub des Gefechts ver­flogen ist, hat sich Pep­perš­tejns Kalei­do­skop wieder ein Stück gedreht.
In dem Kurz­roman Bin­okel und Mon­okel, den Pep­perš­tejn 1999 gemeinsam mit Sergej Anufriev ver­öf­fent­licht hat und der Teil ihres Roman­zy­klus’ Die mytho­gene Liebe der Kasten ist, hatten die Autoren ganz buch­stäb­lich mit opti­schen Ver­fahren expe­ri­men­tiert. In Bin­okel und Mon­okel bestimmen in den Text ein­ge­baute opti­sche Röhren sowohl den Inhalt als auch das tex­tu­elle Ver­fahren. Die Erzähl­ebenen sind wie diese Röhren mit­ein­ander verschränkt.

Die Aneig­nung von theo­re­ti­schen Kon­zepten, die inzwi­schen zum Kanon gehören und als post­struk­tu­ra­lis­tisch gelten, ist ein wesent­li­ches Merkmal des künst­le­ri­schen Oeu­vres von Pep­perš­tejn. Er gehörte zu den Grün­dungs­mit­glie­dern der Gruppe Inspek­tion Medi­zi­ni­sche Her­me­neutik, die zehn Jahre lang, zwi­schen 1987 und 1997, Schi­zo­ana­lyse, Gegen­warts­phi­lo­so­phie und Dao­ismus mit den künst­le­ri­schen Prak­tiken des Mos­kauer Kon­zep­tua­lismus ver­flochten haben. (Pep­perš­tejns Vater ist der Kon­zep­tua­list Viktor Pivo­varov.) In ihren Aktionen, Instal­la­tionen und Texten  knüpften sie an the­ra­peu­ti­sche Ver­fahren an, jedoch nicht ohne iro­ni­schen Abstand. In ihren „Text-Inspek­tionen“ ent­wi­ckelten sie einen „psy­che­de­li­schen Rea­lismus“, der hal­lu­zi­nogen ver­fasst ist und zu Wort­neu­schöp­fungen wie „Chro­no­chau­vi­nismus“ gelangt.

Inwie­fern das Werk Pep­perš­tejns in Abgren­zung von den Vater­fi­guren zu ver­stehen ist, deutet der Künstler in der Per­for­mance „Aus­stel­lung eines Gesprächs“an. Die Aus­stel­lung mit gleich­na­migem Titel fand 2001 in der Schweiz statt, das Gespräch mit Boris Groys, Ilya Kabakov und Pavel Pep­perš­tejn wurde 2008 in der Zeit­schrift Kultur & Gespenster wie­der­ver­öf­fent­licht. Pep­perš­tejn bezeichnet sich da als jemand, der „gewöhn­lich fried­liche Posi­tionen bezieht“ und so einer Logik der Kon­fron­ta­tion und einer bestimmten Art von Aus­ein­an­der­set­zung absagt, die keine Ambi­va­lenzen zulässt. Von Groys muss er sich den Vor­wurf gefallen lassen, ein undy­na­mi­sches Modell zu ent­werfen, das es nicht erlaube, „die eigene Epoche zu kritisieren“.

Der Band mit den Kriegs­ge­schichten ist nur inso­fern ambi­va­lent, als in ihnen Krieg alles Mög­liche heißen kann: Geschlech­ter­krieg, Krieg im Kopf als Wider­streit ver­schie­dener Stimmen, der Krieg der Spra­chen oder der alten lite­ra­ri­schen Fik­tion gegen neue Kino­fik­tion; schließ­lich der ganz „gewöhn­liche Krieg“ von Armeen. Das über­ge­ord­nete Motiv ist daher die Aus­ein­an­der­set­zung an sich, der Kon­flikt mit allen seinen psy­cho­lo­gi­schen Facetten. Mag also der Autor sich als fried­lie­bend sehen, seine Geschichten sind von großer Dynamik, die durch­ge­hend eine Dynamik der Zei­chen ist.
In der nur eine Seite langen Geschichte Miss­lun­gene Beichte kniet ein Major der SS vor einem rus­sisch-ortho­doxen Geist­li­chen. Dabei steckt er den Kopf unter das Gewand des Pries­ters, dieser ver­gibt die Sünden – und erschießt den Deut­schen. Mög­li­cher­weise schei­tert die Beichte gerade des­wegen, weil die Gewalt­spi­rale fort­ge­führt werden muss. Der Erzähler der Geschichte beginnt mit einem harm­losen „Es war einmal ein Major…“ und endet mit der iro­nisch bei­läu­figen Bemer­kung: „Nun, das nennt man eine miss­lun­gene Beichte.“

Jede lite­ra­ri­sche Beichte ver­strickt den Leser in die Beicht­si­tua­tion. In diesem Fall jagt die Kugel des Pries­ters fast wie die­je­nige auf dem Cover des Pep­perš­te­jn­schen Pro­sa­bandes hin­durch bis zum Leser und Betrachter. Denn unbe­troffen bleibt hier nie­mand mehr, auch der Leser befindet sich im „Kriegs­zu­stand“ mit einem Text, der keine Mög­lich­keit zur Ent­hal­tung bietet.

Gemeinsam mit dem eben­falls in Moskau lebenden Künstler Ivan Razumov hat Pep­perš­tejn zahl­reiche Illus­tra­tionen ange­fer­tigt, die oft an die Ver­fahren der Pop-Art erin­nern. Sowohl Comic-Sto­ries wie Sin City als auch sowje­ti­sche Kin­der­buch­il­lus­tra­tionen haben Pate gestanden. Den Ver­weis auf das Pop Genre stellen auch die Spruch­blasen her, die oft eng­lisch sind oder das Rus­si­sche in eng­li­scher Trans­li­te­ra­tion wie­der­geben. Die Illus­tra­tionen machen die unge­wöhn­liche Mehr­fach­be­ga­bung Pavel Pep­perš­tejns deut­lich. Wie pro­duktiv und viel­fältig sein inzwi­schen welt­weit aus­ge­stelltes und publi­ziertes Werk ist, zeigt gegen­wärtig eine Aus­stel­lung in der Mos­kauer Galerie Regina. Ölge­mälde im post-supre­ma­tis­ti­schen Stil lassen Barack Obama, Malevič und uto­pi­sche Stadt­sze­na­rien auf­ein­an­der­treffen. Pep­peršteins lite­ra­ri­sche und künst­le­ri­sche Stimme gibt Hoff­nung in einer ansonsten recht trost­losen rus­si­schen Kunst­welt der Gegen­wart. Diese wird inzwi­schen von rechts­ge­rich­teten Ideo­logen wie dem Künstler Aleksej Bel­jaev-Gin­tovt bestimmt. Diesem Ver­treter „Neuer Ernst­haf­tig­keit“ wurde für ganz andere „Kriegs­ge­schichten“ im Herbst 2008 mit den Jury­sti­mmen der Deut­schen Bank der bedeu­tende Kan­dinsky-Preis verliehen.

 

Pep­perštein, Pavel: Voennye Rass­kazy. Moskva 2006.

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