Redak­tion „novinki“

Hum­boldt-Uni­ver­sität zu Berlin
Sprach- und lite­ra­tur­wis­sen­schaft­liche Fakultät
Institut für Slawistik
Unter den Linden 6
10099 Berlin

Yev­genia Belo­ru­sets: A Cycle of Lec­tures on the Modern Lives of Animals

Yev­genia Belo­ru­sets doku­men­tiert gerade den Krieg in ihrem Kriegs­ta­ge­buch von ihrer Hei­mat­stadt Kyjiw aus. Vor einigen Monaten erschien ihr neues Buch “Modern Animal”. Für den novinki-Blog rezen­siert Yeli­z­a­veta Lan­den­berger dieses “inter­me­diale lite­ra­ri­sche Kunstwerk”.

And still, ani­mals cannot under­stand humans, they remain enigmas.

The human is enve­loped in an imp­ene­trable shroud of mys­tery and no matter what an animal does, it cannot get under it.

No matter how cun­ning the animal may be, it cannot con­clu­si­vely decide what a human is and what dis­tin­guishes it from an animal: what humans lack ent­i­rely, what capa­ci­ties are some­what deve­loped, and which ones are even deve­loped to a phe­no­menal extent (i.e. the sense of smell). In humans, ani­mals only see reflec­tions of them­selves mere reflec­tions of their own qualities.

 

Dieser “Ein­füh­rungs­vor­le­sungs­text” stammt aus dem zweiten Buch der ukrai­ni­schen Foto­grafin und Autorin Yev­genia Belo­ru­sets Tsikl lektsij o sov­re­mennoj žizni život­nych (zu Deutsch, vor­läu­figer Titel: Vor­le­sungen über das Leben der Tiere in der heu­tigen Zeit), ihr erstes Buch Sčast­li­vyje padenija (Ščas­lyvi padinnja) aus dem Jahr 2018 erschien als Glück­liche Fälle in deut­scher Über­set­zung von Claudia Dathe 2019 bei Mat­thes und Seitz. Aktuell befindet sich Yev­genia Belo­ru­sets in Kyjiw und schreibt von dort aus ihr Kriegs­ta­ge­buch.

Modern Animal ist im ver­gan­genen Sommer fast zeit­gleich im rus­si­schen Ori­ginal unter dem Titel Tsikl lektsij o sov­re­mennoj žizni život­nych beim Char­kiwer Verlag IST Publi­shing und in eng­li­scher Über­set­zung (von Bela Shay­e­vich, redi­giert von Val Vinokur) als Modern Animal. A Cycle of Lec­tures on the Modern Lives of Ani­mals in leicht abge­än­derter, gekürzter Ver­sion in der Reihe von Minia­tur­aus­gaben des ame­ri­ka­ni­schen Klein­ver­lags iso­larii erschienen. Aktuell wird die deut­sche Über­set­zung vor­be­reitet – diese wird wieder eine neue, ver­än­derte Fas­sung des Textes werden, der nicht ein­fach von Sprache zu Sprache über­tragen wird, son­dern dabei auch eine Evo­lu­tion durch­läuft. Freuen kann sich die zukünf­tige Leser*in der deut­schen Ver­sion auf ein abwechs­lungs­rei­ches Kon­volut aus gro­tesken Erzäh­lungen, die jede in ihrer je eigenen Form eine Refle­xion zur Tier-Mensch- bzw. Mensch-Tier-Bezie­hung sowie der Mög­lich­keit der gegen­sei­tigen Ver­stän­di­gung anstellt, ein­ge­bettet in den Kon­text der vom lang­jäh­rigen Krieg im Donbas geprägten Ukraine – bevor sich dieser jüngst in einen zer­stö­re­ri­schen Angriffs­krieg auf das gesamte Land aus­wei­tete. Wie schon der oben ange­führte Aus­schnitt aus der “Ein­füh­rungs­vor­le­sung” demons­triert, wird die klas­si­sche anthro­po­zen­tri­sche Kon­zep­tion, in deren Mit­tel­punkt die hier­ar­chi­sche Bezie­hung zwi­schen Mensch und Tier mit dem Men­schen als Krone der Schöp­fung und Herr­scher über die Natur steht, durch die vielen Per­spek­tiv­wechsel des Buches in Frage gestellt. Die als ein­deutig vor­aus­ge­setzte Trenn­linie zwi­schen Mensch und Tier ver­schwimmt, wird auf­ge­hoben. Die Text­formen sind viel­seitig, expe­ri­men­tell, basieren zumeist auf Inter­views mit ver­schie­denen Ukrainer*innen mit diversen sozio­öko­no­mi­schen Hin­ter­gründen und Berufen. Darauf ver­weisen schon zum Teil die Gat­tungs­zu­sätze in den Über­schriften der Texte, die den münd­li­chen Cha­rakter des Mate­rials ver­deut­li­chen und von „On Going to the Café [third lec­ture-docu­ment: sum­mary tran­scribed from a first-year student’s notes]“ bis hin zu „The Beginning_ Ent­rance 2“, “A Priest’s Sermon to the Fish: The Fish Respond” – oder auch schlicht „Hippo-Rhi­no­ceros“ rei­chen. Im Text selbst wird die Münd­lich­keit durch einen skaz-Stil mar­kiert, wel­cher die doku­men­ta­ri­sche Dimen­sion lite­ra­risch ver­an­kert. Ihre sehr spe­zi­elle, auf jour­na­lis­ti­schen Recher­che­tech­niken basie­rende, lite­ra­risch-doku­men­ta­ris­ti­sche Arbeits­weise legte Yev­genia Belo­ru­sets bereits bei ihrem ersten Buch Glück­liche Fälle an den Tag. Das gene­relle anthro­po­lo­gi­sche Inter­esse und ein spe­zi­elles Inter­esse an den Aus­wir­kungen des Krieges im Donbas ist auch in ihren foto­gra­fi­schen Arbeiten prä­sent: Vic­to­ries of the Defeated (2015/16), eine Serie bestehend aus ins­ge­samt 150 foto­gra­fi­schen Auf­nahmen von und Texten über Kohleminen-Arbeiter*innen im Donbas. Dieses anthro­po­lo­gi­sche Inter­esse wird in Belo­ru­sets’ neuem Buch-Pro­jekt durch ein “ani­ma­li­sches” Inter­esse berei­chert; in kunst­voller Ver­schrän­kung ent­steht ein absolut dehier­ar­chi­siertes Neben­ein­ander ver­schie­dener Betrach­tungs­weisen – ani­ma­li­scher, mensch­li­cher und allen voran unein­deutig hybrider. Viel­leicht wäre es am tref­fendsten, von einem Inter­esse am Leben in seiner Viel­falt und seinem unend­li­chen Nuan­cen­reichtum zu sprechen.

Modern Animal ent­hält aller­dings nicht nur eine tex­tu­elle Ebene – Foto­gra­fien, die in Bezie­hung zu den Tier-Texten treten, eröffnen einen kalei­do­sko­pi­schen Blick auf das The­men­feld „Leben der Tiere in der heu­tigen Zeit”. Das Foto­ma­te­rial bildet teil­weise die (Spuren der) ani­ma­li­schen Protagonist*innen der Erzäh­lungen ab bzw. zeigt, um welche Tiere es sich bei den Protagonist*innen über­haupt han­deln könnte – dies ist aus den Texten selbst oft nicht ein­deutig abzu­leiten. An anderen Stellen wie­derum scheinen die Foto­gra­fien nahezu will­kür­lich an dem jewei­ligen Ort des Buches auf­zu­tau­chen; zur Mitte hin ver­dichtet sich die Bild­ebene, bis dann wieder der Text die Ober­hand gewinnt. Die Geschichten muten mal spie­le­risch-absurd an, mal sind sie durch­tränkt von (Kriegs-) Gewalt – zumeist han­delt es sich jedoch um eine Ver­mi­schung beider Aspekte.

Mit der Tier-The­matik reiht sich Yev­genia Belo­ru­sets‘ Buch in ver­schie­dene Kon­texte ein. Zum einen wäre da die alte phi­lo­so­phisch-anthro­po­lo­gi­sche Tra­di­tion rund um die erst­mals von Aris­to­teles for­mu­lierte Frage „Was ist der Mensch?“. Das Tier dient dabei als Abgren­zungs­folie, als „das Andere“. Mit ihren hybriden Mensch-Tier-Gestalten hebt die Autorin die hart­nä­ckige Anthro­po­zen­trik dieser Tra­di­tion und ihre fatale Asym­me­trie auf: In viel­fa­chen Schat­tie­rungen ermög­licht Modern Animal Per­spek­tiven vom Stand­punkt des Tieres, des Opfers der mensch­li­chen Willkür in allen ihren Formen.

Als nächstes könnte man an die rus­si­sche bzw. ukrai­ni­sche lite­ra­ri­sche Tra­di­tion denken: Schon bei Gogol‘ findet sich die Tier­the­matik im Zusam­men­hang mit „dem Wahn­sinn“ – der Wahn­sinn eines seiner Prot­ago­nisten beginnt in Erschei­nung zu treten, als er zwei Hunde bei ihrer Kon­ver­sa­tion belauscht. Später stellt sich heraus, dass die Hunde nicht nur spre­chen, son­dern auch Briefe schreiben können. Bei Yev­genia Belo­ru­sets dagegen gibt es einen doku­men­ta­ri­schen Text über eine Taube, die, mit einem kleinen Ruck­sack aus­ge­stattet, Drogen in einem Kyjiwer Gefängnis dealt; Wahn­sinn und Rea­lität verschwimmen.

Und dann wäre da noch der sowje­ti­sche Kon­text – das Tier als bloße Res­source. Maxim Gor­kijs Rede auf dem All­uni­ons­kon­gress zur sowje­ti­schen Lite­ratur 1934 beginnt mit dem Satz: „Die Rolle des Arbeits­pro­zesses, die das auf­recht gehende Tier in einen Men­schen ver­wan­delt und die Grund­prin­zi­pien der Kultur geschaffen haben, ist noch nie­mals so all­seitig und tief erforscht worden, wie sie es ver­dient hätte.“ Auch hier dient das Tier als Abgren­zungs­folie – und es kommt bei der Lek­türe von Modern Animal die Frage auf, was sich im post-sowje­ti­schen Raum, spe­zi­fisch in der unab­hän­gigen Ukraine, ver­än­dert hat. Sind alte Denk­muster nicht bei­be­halten, oder viel­mehr inten­si­viert worden? Und was hat der lang­jäh­rige Krieg im Osten der Ukraine ver­än­dert? Ganz spe­ziell um diese Frage kreist das Text- und Bild­mo­saik, wenn im Zuge der Besat­zung einer Stadt im Donbas ent­lau­fene Schweine beschrieben werden, die eigent­lich darauf gewartet haben, zu Fleisch ver­ar­beitet zu werden, denen der Krieg aber, für einen kurzen Augen­blick, eine uner­war­tete Frei­heit ver­schafft hat:

 

The city slowly filled with smoke, it got scary to walk through the streets, there were various rumors, and many of them were con­firmed. They said the inva­sion forces had landed, there was shoo­ting from the sky, they were going to flood our mine. […]

They shut off the power in our neigh­bor­hood. There was no more run­ning water. We lived next to a hog farm, but there was no feed left so they opened the gates and the pigs ran out into the city – some of them into the wild, some of them tried to get people to take them into their homes. […]

The shoo­ting con­ti­nued. Our neigh­bors orga­nized a neigh­bor­hood-wide pig hunt. And while I was weeping, while I was trying to make at least one other person on my block see reason, just in my resi­den­tial com­plex, they were gril­ling kebabs, sti­cking the pigs, an undying sque­aling filled the air, as though they were kil­ling dozens of people, all around there was shou­ting, wai­ling, bicke­ring, rage, sweat – they rolled up their sleeves and got to work.

That’s how our city was con­quered. But who con­quered it?

Mili­tary vehi­cles arrived, men jumped down from them, and I saw their embarr­assed smiles, white skin, dis­obe­dient cowlicks, I heard unfa­mi­liar accents – and I remember the tho­roughly youthful faces of the sol­diers loo­king around in astonishment.

 

Ein Text, der nun auf dem gesamten Ter­ri­to­rium der Ukraine und nicht mehr nur im Donbas aktuell ist. Modern Animal ist in der Gegen­wart der Ukraine vor dem 24. Februar 2022  situ­iert, der Krieg im Donbas und die durch ihn ent­fes­selte Gewalt sind stets prä­sent. Dies wird gerade in (ver­meint­li­chen) All­tags­szenen deut­lich. Im aktu­ellen Kriegs­ge­schehen wird in Social Media immer wieder ver­an­schau­licht, wie sehr auch Tiere unter dem rus­si­schen Angriff leiden und ebenso wie Men­schen um ihr Leben fürchten, in Luft­schutz­bunker mit­ge­nommen werden und zusammen mit ihren Herr­chen bzw. Frau­chen die Flucht ergreifen. Der Angriffs­krieg offen­bart eine Soli­da­rität zwi­schen Men­schen und (ihren) Tieren, die stärker denn je erscheint.

Neben dem Krieg im Donbas wird zeit­lich unbe­stimmtes „skur­riles” Mate­rial in den Texten ver­ar­beitet, ver­schie­dene tem­po­rale Schichten über­ein­an­der­ge­la­gert. Die Leser*in erfährt von einem Café in Kyjiw, das einen Tiger im Keller hält – ent­spre­chend ist auch die Tasse Kaffee satte zehnmal teurer als anderswo. Belo­ru­sets‘ Texte befinden sich stets in der Schwebe, sind irgendwo zwi­schen wilder Phan­tasie und Doku­men­ta­tion ange­sie­delt – wobei die Grenze alles andere als klar ist: Kat­zen­cafés gibt es bereits, wie weit ist da eigent­lich noch der Sprung hin zu Tiger­cafés? Dann liest die Leser*in ein ziem­lich rea­lis­tisch anmu­tendes Inter­view mit der namen­losen Zuschauerin eines Doku­men­tar­fils: Sie schaut den Film auf Deutsch, um ihre Sprach­fä­hig­keiten zu ver­bes­sern. Es geht um die Wölfin Migetti, die als ein­zige im Rudel eine Hun­de­pest überlebt:

Oft­en­times, we don’t feel anything, even when major tra­ge­dies strike. We see ear­th­quakes, explo­sions, wars, but we can avoid thin­king about these nar­ra­tives as though we’re wal­king down a sepa­rate road. But here, it all hap­pened dif­fer­ently. She still haunts me.

 

Tiere erwe­cken Mit­leid, darauf weist der Phi­lo­soph Emma­nuel Levinas hin. Bei Belo­ru­sets  wird über das Team der Tier­ret­tung Kyjiw, die Kyiv Animal Rescue Group, berichtet, das rund um die Uhr im Ein­satz ist, um Tieren in Not zu helfen, bevor es zu spät ist. Aber offenbar sind nicht alle Men­schen zu Mit­leid fähig. Man liest näm­lich auch von Men­schen, die Hunde ver­giften. Man liest von Kin­dern, die Kater von der Müll­halde und vor der Gewalt der anderen Kinder retten:

Cats in our city didn’t used [sic!] to have very good lives. I’m an adult now, but I’m still scared of the teens that act like little kids. It’s painful to describe the kinds of things that people do to ani­mals in our town and, what’s more, are still doing. […]

Lots of dif­fe­rent kids lived in our neighborhood.

Some of them were the type of kids who stuffed cats into three-liter jars.

We were playing in the courtyard when all of sudden a jar comes flying. We didn’t know that there was a cat inside yet, just a jar flying down from the roof.

 

Nicht zuletzt spielt Klang für Modern Animal eine wich­tige Rolle, was am deut­lichsten in der rhyth­mi­schen, mit Wie­der­ho­lungen ope­rie­renden Aus­ar­bei­tung der These „An Animal Has No Fate“ zu Tage tritt, welche, wie viele der Texte des Buchs, zudem einen ekla­tanten iro­ni­schen Unterton hat. Diese Ironie ver­mischt sich mit dem bereits erwähnten skurril-mythi­schen Mate­rial, wenn im Buch eines der zahl­rei­chen Mensch-Tier-Hybride, ein Huhn, das nicht bloß Huhn, son­dern zugleich die Reinkar­na­tion der Seele einer ver­stor­benen Frau ist, auf­tritt. Es stirbt einen dop­pelten Tod – schließ­lich hat es zwei Seelen, eine mensch­liche und eine Hühner-Seele. So hält auch der weib­liche Tod beim Ableben des Geschöpfes selbst­ver­ständ­lich zwei sepa­rate Säcke für die beiden Seelen bereit.

Bei der Lek­türe des Buches wird klar: Der Umgang des Men­schen mit den Tieren in seiner Umge­bung verrät ihn. Und Yev­genia Belo­ru­sets demons­triert, dass inter­me­diale lite­ra­ri­sche Kunst­werke, wie auch ihr Buch eines ist, Sach­ver­halte reflek­tieren können, die gewöhn­liche Sprache nicht zu erfassen imstande ist. Ent­spre­chend kann auch eine diesem Buch ange­mes­sene Rezen­sion nur mit einer Umkrei­sung des­sel­bigen und mit Text­aus­zügen arbeiten – und schließ­lich mit dem Appell an die Leser*in, das Buch selbst in die Hand zu nehmen – und zu erleben.

Bild­quelle: © Yeli­z­a­veta Lan­den­berger, 2022. Yev­genia Belo­ru­sets spricht per Video-Live­schalte auf einer Soli­da­ri­täts­ver­an­stal­tung zum Ukrai­ne­krieg am Ber­liner Bebel­platz am 6. März 2022.